Saturday, July 6, 2019

Woodstock, Baukredit und Familienzoff - von wegen Dolce Vita!

Das Berlusconni seine Ferien auf Sardinien zu genießen weiß, ist durch die Klatschpresse ja zur Genüge überliefert. Dass es auch noch das Sardinien der Aussteiger gibt, zeigt "Von wegen Dolce Vita" von Tessa Hennig, ein Urlaubsroman zum Schmunzeln von der sonnigen Leichtigkeit und Harmlosigkeit einer sanften Brise am Meer. Angie jedenfalls, mit über 70 zwar schon im Rentenalter, aber immer noch als freiberufliche Journalistin tätig, kann sich jedenfalls noch gut an die Zeit der Blumenkinder erinnern. Oh süße Jugendzeit! Make love not war, der Soundtrack von Woodstock, Sonnenuntergänge am Strand und ein bißchen Dope durfte natürlich auch nicht fehlen.

Mittlerweile sind zwar Hüftgold, Falten und graue Haare dazugekommen, aber Angie hat sich ihr inneres Blumenkind bewahrt. Als eine alte Freundin aus Sardinien die alte Clique zum 50 Jahre Woodstock-Wiedersehenstreffen zusammentrommeln will, zögert Angie nicht lange - auf geht´s in den Süden!

Unversehens bekommt sie allerdings Reisegesellschaft von der 16-Jährigen Leonie, die von zu Hause ausgerissen ist. Auf Wohnmobilurlaub mit ihrer Mutter und deren neuen Freund in Schweden hat sie null Bock. Voll spießig, hat die junge Frau im Goth-Look entschieden. Die Bekanntschaft mit Angie ist äußerst flüchtig - die hat sie erst kurz zuvor bei einer Kontrolle gegen Schwarzfahrer "gerettet". Was Leonie nicht ahnt: Das Treffen im Bus war kein Zufall. Seit Angie erfahren hat, dass ihre Tochter Janis aus Stuttgart zurück nach Berlin gezogen ist, hat sie sich auf ihre Spuren geheftet. Denn sie leidet darunter, dass sie ihre Enkelin Leonie nicht sehen durfte, seit es vor rund 15 Jahren zum Bruch zwichen Mutter und Tochter kam.

Janis, eine toughe Bankerin, deren Lebensinhalt finanzielle Sicherheit und ein schmuckes Eigenheim sind, ist höchst beunruhigt, als ihr klar wird, dass ihre Tochter von der Oma "entführt" wurde - typisch für ihre leichtsinnige und verantwortungslose Mutter, wie sie meint. Also macht sie sich im Camper auf den Weg nach Sardinien, bereit zum Mutter-Tochter-Showdown.

Natürlich wäre dies kein Sommerroman, wenn am Ende nicht doch alles ganz anders kommen würde und statt des großen Showdowns jede Menge neue Einsichten, (Selbst-)Erkenntnisse stehen würden. Liebe, Lust und Leichtigkeit inbegriffen. Nicht alles ist Dolce Vita, aber ein happy end darf natürlich nicht fehlen und aus dem Familienzoff erwächst nach einigen Komplikationen und Wirrungen sogar eine ganz neue Familienrunde. Insgesamt kurzweilig, nett geschrieben, wenn auch nicht ganz ohne Klischees, egal ob es um die späten Hippies oder die Bauspar-Spießerfraktion geht.

Allzu überraschend ist das alles nicht, schließlich sind die Kombinationsmöglichkeiten des Genres nicht unmöglich. Als leichte Sommerlektüre zwischen Strand und Pool aber jederzeit geeignet.

Tessa Hennig, Von wegen Dolce Vita
Ullstein, 2019
384 Seiten, 9,99 Euro
ISBN: 9783548291819

Friday, June 28, 2019

Mütterkrisen in der Vorstadt-Idylle

Wer Bridget Jones mochte, wird Gill Simms  Heldin Ellen als deren Wesensverwandte ins Herz 
schließen. Im Gegensatz zu Bridget Jones hat sie ihren Traummann gefunden und geheiratet. 
Die Tatsache, dass sie nun mit ihm, den beiden Kindern und Hund in der angeblichen 
Vorstadtidylle lebt, macht ihr Leben aber nicht weniger chaotisch. 

Die lieben Kleinen sind nun mal keine Musterkinder, die Konkurrenz der perfekten latte 
macchiato-Mütter mit den  noch perfekteren Kindern stresst, der Job in einer IT-Firma ist 
irgendwie auch nicht die große Erfüllung - kein Wunder also, wenn Ellen reichlich Wein und 
Cocktails zur Bewältigung ihres Alltags braucht. 
 
Dabei ist ein Kater das letzte, was sie braucht, wenn sie den Kindern vor Schulbeginn das 
Frühstück zubereiten muss.

"Mami braucht nen Drink" ist aber nicht nur das Motto von Ellens Alltagsgestaltung, sondern 
auch der Name einer App. mit der sie auf Extra-Einkünfte für den überschuldeten 
Familienhaushalt hofft. Schließlich gibt es sooo viele unpraktische Schuhe, die gekauft 
werden wollen!

Das Tagebuch einer verzweifelnden Vorstadtmutti macht Leserinnen den eigenen Familienalltag
 gleich viel erträglicher. Wetten, dass die meisten nicht so anstrengende Verwandte wie Ellen
 haben und auch die anderen Schulmütter ein bißchen erträglicher sind? 
 
Die Erlebnisse der Vorstadttmami werden locker-flockig geschildert, mit mancher 
Überzeichnung, aber sehr unterhaltsam. Das Familienleben der anderen lässt das eigene 
schließlich gleich deutlich entspannender wirken. Ideal auch als Geschenk zum Muttertag 
für gestresste Mütter - am besten mit einer Flasche Wein.
 
 
Gill Sims, Mami braucht nen Drink
Harper Collins 2018
ca 352 Seiten, 15 Euro
ISBN 978-3-96161-008-2 

Ab zur Brennpunktschule

Annika wäre so gerne Pianistin geworden. Statt dessen unterrichtet sie Musik und Geografie an einer der besseren Schulen Hamburgs. Bis zur Versetzung an eine Problemschule im Brennpunktviertel. Annika will nur noch weg aus dem "Geddo" und von ihren neuen Schützlingen. Aber dann kommt natürlich alles ganz anders.

Motivierte und brave Schüler, ein nicht sonderlich anstrengender Beruf und nette Kollegen - Musiklehrerin Annika hat es sich gut eingerichtet an ihrer Traumschule in einem Hamburger Elbvorort. Ausgerechnet am Tag vor den Sommerferien erfährt sie, dass sie vom neuen Schuljahr an einer anderen Schule unterrichten wird. Ausgerechnet im Problembezirk.

Annikas schlimmste Erwartungen werden bestätigt - ihre neuen Schüler sind unmotiviert, stehen mit den einfachsten Regeln deutscher Grammatik auf Kriegsfuß und haben null Interesse an Unterricht und Hausaufgaben. Das bringe ja eh nichts, weil die kids vom Problemkiez nach der Schule eh auf der Straße landen, bekommt sie immer wieder zu hören.  Für Annika steht fest: hier bleibt sie nicht, Eine Musical-AG, mit der sie einen Schulpreis zu gewinnen hofft, soll zur Rückfahrkarte an die alte Schule werden. Aber davon haben ihre Kollegen und Schüler selbstverständlich keine Ahnung.

Petra Hülsmanns Buch "Wenn´s einfach wär, würd´s jeder machen" ist nicht etwa geballte Sozialkritik, sondern vor allem ein leichter Unterhaltungsroman über die Liebes- und Lebenswirrungen ihrer 27-Jährigen Hauptfigur, die in Krisenzeiten gerne bäckt und auf ihre beste Freundin und Mitbewohnerin Nele sowie die Nachbarn Sebastian und Kai setzen kann.

Schnell merkt sie, dass ihr ihre ach so unmöglichen Schüler eigentlich doch eine Menge bedeuten - der großspurige Möchtergern Gangsta Rapper Mesut, die schnoddrig-verletzliche Heaven-Tabitha, die von einer Gesangskarriere träumt, die schüchterne Maryam mit der großartigen Stimme und Meikel, der verschlossene Außenseiter. 

Annika muss ihren Schülern Selbstvertrauen vermitteln und gerät auf eine emotionale Achterbahn - nicht nur als Lehrerin, sondern auch privat. Und auch den Dämonen ihrer eigenen Vergangenheit muss sich die einst als Nerd gemobbte junge Frau stellen. Wie es sich für das Genre gehört, klappt es am Ende nicht nur mit den Schülern, sondern auch in Herzensangelegenheiten - und nicht die Schüler haben schließlich eine Menge gelernt.

Leicht geschrieben, unterhaltsam und eine nette Ferien- und Urlaubslektüre. Die Charaktere bleiben ein bißchen oberflächlich, aber lesbar ist der Roman trotz aller Vorhersehbarkeiten allemal.


Petra Hülsmann, Wenn´s einfach wäre, würd´s jeder machen
Bastei Lübbe, Köln 2018
ca 570 Seiten,   11 Euro
ISBN 978-3-40417690-8