Wednesday, December 29, 2021

Der Weihnachtsmann als Robin Hood

  Ein Weihnachtsmann als Bankräuber, verschwundene Spenden und eine stoische Bankangestellte, die auch ganz anders kann - in Dora Heldts "Geld oder Lebkuchen" wird Sylt einmal ganz anders als in den anderen Romanen gezeigt. Schon der Titel verrät - es weihnachtet hier sehr, für den Rentner Ernst Mannsen fast schon zu sehr, denn auf der Insel ist nichts los, Ehefrau Gudrun höchst beschäftigt im Festkomittee des Weihnachtsmarkts und Kinder-Clubs, und Ernst langweilt sich. Nicht, dass er sich von Engagement für Kinder aus sozial schwachen Familien gedrückt hätte - aber er wurde gar nicht erst gefragt, vermutlich als zu alt befunden. Statt dessen ist es Bankdirektor Dietrich, der den Weihnachtsmann spielt und als einziger Mann im Festkomittee vertreten ist. Man ahnt schnell - Ernst kann Dietrich nicht sonderlich gut leiden.

Plötzlich aber ist Ernst gefragt, denn Dietrich ist verschwunden. Telefonisch nicht erreichbar, bei der Bank nach Angaben seiner Angestellten Martina seit Wochen nicht gesichtet und obendrei beurlaubt. Hat Dietrich Dreck am Stecken? Und was bedeutet das für die Weihnachtsfeier und Geschenke der Kinder des Kinder-Clubs? Dietrich war es, der die Spenden verwaltete - Gelder, die nun dringender denn je gefragt sind, hat der Bürgermeister doch den Etat für das kostenlose Mittagessen im Club für diejenigen, deren Mütter arbeiten, gestrichen.

Gudrun und ihre Mitstreiterinnen Minna, eine ehemalige Lehrerin und Hella, einstige Schauspielerin, sind entsetzt. Keine Weihnachtsgeschenke für die Kinder, die gerade mit Feuereifer im Chor Weihnachtslieder üben? Nicht alle auf Sylt sind reich, der kleine Anton und seine alleinerziehende, aus der Ukraine stammende Mutter sind das beste Beispiel. Die Versuche, auf den letzten Drücker Spenden zu sammeln,  scheitern kläglich. Neu-Weihnachtsmann Ernst will nicht aufgeben, und die exzentrische Hella erst recht nicht. Sie überredet den eher behäbigen Ernst, die Dorfbank zu überfallen - als Weihnachtsmann verkleidet. Dank Hellas Schauspielunntericht wirkt der Robin Hood im roten Weihnachtsmannkostüm zwar überzeugend, trotzdem geht alles schief.

Wer die Romane von Dora Heldt kennt, weiß: Am Ende wartet doch ein Happy End, und gerade zur Weihnachtszeit darf und will sie nicht enttäuschen. Es ist daher kaum ein Spoiler zu verraten, dass bei allen Pannen dann doch noch alles gut wird, ja eigentlich noch besser als erwatet. Bis dahin aber dürfen die rüstigen Damen und Herren genüsslich ihre Schrullen ausleben, gibt es Verwicklungen und Überraschungen, ein bißchen Romantik, neue Freundschaften und späten Ruhm für Ernst.

Fast ein Krimi, heißt es zu "Geld oder Lebkuchen" und ein wenig erinnert der Roman an die 50-er Jahre Kiminalkomödien - manchmal ein bißchen Slapstick, dann wieder was fürs Herz und das ganze gewürzt mit einer Prise liebenswerter Exzentrik.

Katja Danowski als Sprecherin findet dafür als Sprecherin genau den passenden Ton, allerdings hochdeutsch und nicht wie an der Waterkant gesnakkt. Egal, so ist "Geld oder Lebkuchen" auch für Hörer aus dem Alpenraum oder dem Schwabenland nicht mit Dialekt-Tücken versehen. Ich habe "Geld oder Lebkuchen" jedenfalls sehr genossen. Lebkuchenkonsum inklusive.


Saturday, December 11, 2021

Frauenschicksale im Berlin der 1920-er Jahre

 Bereit zum vierten Mal lässt Anne Stern ihre Leserinnen (beziehungweise in diesem Fall: Hörerinnen) an der Geschichte der Berline Hebamme Hulda Gold im Berlin der 1920-er Jahre teilhaben. War Hulda in den Vorgängerbänden vor allem auch kriminalistisch unterwegs, konzentriert sich  "Die Stunde der Frauen" vor allem auf die Lebenswelten von Frauen der damaligen Zeit zwischen Aufbruch und Beschränkungen. 

Hulda lernt schon durch ihren Beruf die ganz unterschiedlichen Lebenswelten der Frauen kennen, wenn sie in den Mietskasernen der Arbeiterstadtteile ebenso wie in gutbürgerlichen Vierteln gebärende Frauen betreut. Mittlerweile ist sie aber nicht mehr, wie in den Vorgängerbänden, freiberuflich tätig, sondern als leitende Hebamme  in der Frauenklinik Berlin-Mitte tätig. Doch auch hier gilt: Die Ärzte halten sich meist für etwas Besseres, und auch die Art und Weise, wie Wöchnerinnen bevormundet werden und neue Methoden einer sanfteren Geburt verächtlich abgewunken werden, ärgert die resolute Hulda, die sich mit kleinen Schritten hartnäckig für eine Verbesserung einsetzt.

Nicht allen kann Hulda in der Klinik helfen - das gilt ganz besonders für ungewollt schwangere Frauen, die angesichts der strengen gesetzlichen Vorschriften zum Schwangerschaftsabbruch alleingelassen werden und sich wohl oder übel einer "Engelsmacherin" anvertrauen müssen, oft mit Gefahr für das eigene Leben.

Mit mittlerweile 30 Jahren gilt Hulda zu ihrer Zeit als "spätes Mädchen" und sie spürt ihre biologische Uhr ticken. Ein Kinderwunsch ist durchaus da, mit dem jungen Arzt Johann Wenckow gibt es auch einen Mann in ihrem Leben, der sie nur zu gerne heiraten möchte - doch noch zögert Hulda. Zum einen fühlt sie sich von Johanns wohlhabender Familie nicht akzeptiert, zum anderen hängt ihr Herz immer noch an dem Ex-Polizisten Karl, der nun als Privatdetektiv arbeitet. 

Und dann ist da noch die Frage ihrer beruflichen Zukunft: Ein Lebens nur als Hausfrau und Mutter kann und will sich Hulda nicht vorstellen. Als verheiratete Frau bräuchte sie die Erlaubnis ihres Ehemanns, einen Beruf ausüben zu dürfen. Doch selbst wenn Johann sich ihren Wünschen nicht entgegenstellt - würde die Klinik sie als verheiratete Frau in ihrer Position belassen?

Auch wenn Hulda auch in diesem Band ein wenig ermittelt, stehen doch ihre privaten Hoffnungen und Nöte, aber auch die Situation und Rollenbilder der Frauen ihrer Zeit im Mittelpunkt. Wer einen historichen Krimi erwartet hat, ist womöglich ein wenig enttäuscht.

Aber wie kann man von einem Hörbuch enttäuscht sein, wenn die großartige Anna Thalbach die Sprecherin ist? Sie zieht wieder einmal alle stimmlichen Register, mal berlinernd, mal hochdeutsch, gibt Aristokraten, Bohemiens und Berliner Gören gleichermaßen ihre Stimme und setzt ähnlich erfolgreich wie in den vorangegangenen Bänden Kopfkino in Gang. Eigentlich sind Frauenschmöker nicht mein Lieblingsgenre, aber die Hulda-Gold-Hörbücher sind für mich schon wegen der wunderbaren Sprecherin ein "Muß".


Anne Stern, Fräulein Gold. Die Stunde der Frauen

Gesprochen von Anna Thalbach

Argon Verlag, 2021

6 Stunden, 55 Minuten, 19,95 Euro

9783839819098

Tuesday, November 30, 2021

Von wegen ewige Freundschaft - der neue Taunuskrimi von Nele Neuhaus

 Von wegen ewige Freundschaft! Eine seit Schulzeiten bestehende Freundesclique teilt in Nle Neuhaus zehntem Taunuskrimi so manches Geheimnis und neigt zu Intrigen, die auch vor den Freunden nicht haltmachen.  Liegt es daran, dass die Schöngeister und Intellektuellen von einst in der Verlagsbranche gelandet sind und es nicht allein um Literatur, sondern auch harten kommerziellen Druck geht?

Taunus-Ermittlerin Pia Sander will eigentlich nur ihrem Ex-Mann einen nicht ganz uneigennützigen Freundschaftsdienst erweisen. Der ist nämlich unter die Kriminalschriftsteller gegangen und hat nun schon das zweite Buch über einen Fall geschrieben, mit dem er als Leiter der Frankfurter Rechtsmedizin befasst war und in dem Eingeweihte sehr leicht Parallelen zu Pia und ihren Kollegen erkennen. 

Das allein könnte ja noch der Eitelkeit schmeicheln, doch dass der Pathologe sein zweites Buch ausgerechnet "in Liebe" Pia widmete, hat deren jetzigen Ehemann nicht gerade begeistert.  Henning Kirchhoff soll den Verlag die Widmung schleunigst ändern lassen - nur deshalb hat sich Pia Sander bereiterklärt, mit der Agentin ihres Ex-Mannes zum Haus einer Freundin der Literaturexpertin zu fahren, die nicht zu einer Verabredung erschienen ist.

Doch schnell ist Pia davon überzeugt, dass die Frau, die lange das Programm eines renommierten Verlags herausgegeben hatte und kürzlich im Streit um die künftige Ausrichtung des Verlags entlassen wurde, nicht freiwillig verschwunden ist. Die schlimmsten Befürchtungen werden bestätigt, als in einer Schlucht eine Frauenleiche gefunden wird. Nur: wer war´s? Schnell präsentieren sich gleich eine ganze Reihe von Verdächtigen und Motiven.

Eifersucht und Konkurrenz, Neid und enttäuschte Liebe, ein Plagiatsvorwurf und ein Schriftsteller mit Schreibblockade, Familienfehden und Geheimnisse eines 30 Jahre zurückliegenden Sommers. Die alte Freundesclique und gleich mehrere Generationen der Verlegerfamilie geben sich im neuen Neuhaus-Krimi ein Stelldichein und parallel zu den Ermittlern stellt auch eine up and coming Juniorlektorin eigene Ermittlungen an.

Sie habe in ihren Büchern immer ein großes Personenangebot, schreibt Nele Neuhaus in ihrem Nachwort, und das ist im Fall von "In ewiger Freundschaft" schon fast zuviel des Guten. Denn mindestens ebenso viel Raum wie die eigentlichen Ermittlungen nehmen gleich mehrere Stränge von Beziehungsproblemen ein. Wer die vorangegangenen Taunuskrimis kennt, wundert sich nicht, dass auch Pias adeliger Kollege von Bodenstein mal wieder eine Ehekrise erleben muss und von privaten Problemen schwer gebeutelt wird.  Mitunter, so scheint es, geht es mehr um erweiterte Patchworkfamilien und ihre Herausforderungen als um Mord und Totschlag.

Das ist allerdings wohl genau die Mischung, die Nele Neuhaus seit Jahren eine treue Fangemeinde beschert. Für meinen persönlichen Geschmack wäre hier weniger mehr gewesen. Die Lösung des eigentlichen Falls kam für mich dann nicht sonderlich überraschend. Deshalb hätte ich es besser gefunden, wenn die Autorin mehr in den eigentlichen Plot investiert hätte als in das ganze Drumherum inklusive einer für den Fall völlig überflüssigen Liebesgeschichte. Hier hat Neuhaus die Handlung leider unnötig zerfasert. Spannende Unterhaltung mit einigen amüsanten Elementen bietet "In ewiger Freundschaft" allemal .

Nele Neuhaus, In ewiger Freundschaft

Ullstein-Verlag, 2021

528 Seiten, 24,99 Euro

 978-3-550-08104-0

Monday, November 29, 2021

Ihre Majestät, die Hobbydetektivin

 Wozu royale Termine manchmal gut sind - Queen Elizabeth II, stutzt, als ihr Blick bei einem Navy-Termin  auf ein paar dekorativ aufgehängte Bilder fällt. Hing das Bild der königlichen Yacht "Britannia" nicht jahrelang vor ihrem Schlafzimmer? Und wann verschwand "das schreckliche kleine Ding", wie das nicht sonderlich überragende Werk von Prinzgemahl Philipp despektierlich genannt wird? Ihre Majestät will es genau wissen - und da eine Königin fortgeschrittenen Alters kaum unauffällig detektivische Laufarbeit machen kann, verlässt sie sich in S.J. Bennetts Cozy-Krimi "Die unhöfliche Tote" einmal mehr auf ihre tatkräftige stellvertretende Privatsekretärin Rozie Oshodie.

Das Rätsel um das künstlerisch nicht sonderlich wertvolle Bild, das für die Queen gleichwohl hohen emotionalen Wert hat, lässt sich noch ohne größeres Aufsehen angehen. Doch wie schon im Fall eines toten Russen im Kleiderschrank rückt auch im zweiten Band um die Queen als Hobby-Detektivin die Polizei im Buckingham Palace an. Eine Hausdame wurde tot im Hallenbad der Royals gefunden. Offenbar schnitt sie sich an der Scherbe eines zerbrochenen Weinglases so unglücklich die Ferse auf, dass eine Arterie zerschnitten wurde und die Frau verblutete.

Oder war es ganz anders? Je mehr Rozie über die Tote herausfindet, desto mehr Hinweise findet sie, dass dieser Todesfall besser genauer angeschaut wird - aber bitte ganz diskret, gilt es doch einen öffentlichen Skandal zu vermeiden. Die Tote, so stellt sich heraus, war in Kollegenkreisen ausgesprochen unbeliebt und Mobbing ausgesetzt. Ihre berufliche Entwicklung ist ebenfalls überraschend, galt sie in ihrer Jugend doch als vielversprechende Kunsthistorikerin in den Gemäldesammlungen ihrer Majestät.

Je mehr Rozie recherchiert, umso mehr stößt sie auf Ungereimtheiten. Ist in der Vergangenheit der Toten etwa auch der Schlüssel zum verschwundenen Britannia-Bild zu finden? Die Detektivarbeit scheint zumindest ungewünschte Aufmerksamkeit auf Rozie zu richten - sie erhält anonyme Schreiben, in denen sie rassistisch beleidigt wird.

Da die Autorin gleich mehrere Stränge zu einem nicht unkomplizierten Fall verbindet, liest sich "Die unhöfliche Tote" nicht ganz so flüssig wie der erste Band. Amüsant und mit einem ironischen Augenzwinkern führt sie ihre Leser einmal mehr durch Represäntationsräume, Geheimgänge und Dienstbotenquartiere des Palasts.  Lässiges Understatement und detaillierte Einblicke gibt es dabei gleichermaßen.

Am schönsten sind  die trockenen Dialoge zwischen Queen und Prinzgemahl und die Überlegungen der Königin zu den aktuellen Entwicklungen - so steht in den USA gerade die Präsidentenwahl an, aber dieser merkwürdige Mr Trump hat doch sicherlich keine Chance?

Prinz Philipp ist mit seinen sarkastischen Bemerkungen und seinem sehr britischen Humor der heimliche Star des Buches. Bleibt die Frage, wie die Autorin in künftigen Büchern (die hoffentlich Folgen), die Lücke füllt, die der Tod des Herzog von Edinburgh nicht nur im Leben der Queen hinterlassen hat. Auch die Frühstückdialoge bei S.J. Bennett drohen da ihren Glanz zu verlieren. How very sad!


S.J. Bennett, Die unhöfliche Tote

Knaur 2021

365 Seiten, 18 Euro

978-3-426-22741-1

Wednesday, November 17, 2021

Tödliche Liebschaften in Zeiten von Reality TV

 Eine schwedische Autorin mit Schreibblockade hofft in Spanien, wo sie in ihrer Jugend ein Jahr lebte und studierte, auf neue Begegnungen und Inspirationen. Gleich zu Beginn ihres Aufenthalts bekommt sie davon mehr, als ihr vielleicht lieb ist: Der Spanier Mercurio, der sie in einer Tapas-Bar anspricht, wird nicht nur Interviewpartner, sondern auch Mitbewohner und mehr in dem Roman "Das neue Herz" von Lina Wolff.

Mercurio mag nicht mehr taufrisch und attraktiv sein, doch seine Geschichte hat es in sich: Er hat seine Frau betrogen, wollte in einer reality show Abbitte leisten und seine Frau zurückgewinnen, die er trotz aller Eskapaden liebt.  Die Nonne, die gewissermaßen die graue Eminenz der Show ist, wird doch sicherlich einen Weg finden?

Dieser Weg könnte allerdings tödlich sein - für Mercurio, hinter dem plötzlich chinesische Organhändler her sind, hat er doch live in der online-Sendung beteuert, er würde alles tun für seine Frau, die zufälligerweise ein Spenderherz benötigt....

Hat sich Wolff von Almodovar inspirieren lassen? Schräg mit einem Hauch ins Bizarre geht es in diesem Roman zu und auch die Lebensgeschichte der Nonne, die sich nach und nach entfaltet, hält einige Überraschungen bereit. Auch die Ich-Erzählerin soll nach den Plänen der Nonne eine neue Bestimmung, gewissermaßen eine Berufung finden, mit der sie nun wirklich nicht gerechnet hat.

Dieses Spanien strotzt vor absurden Begegnungen und Dialogen, die nichtsdestotrotz zum Nachdenken über Geschlechterverhältnissen, Liebe, Schuld und Vergebung anregen. Ob das nun feministische Literatur ist, wie der "Guardian" rühmt? Schräge Unterhaltung bietet "Das neue Herz" allemal.


Lina Wolff, Das neue Herz

Hoffmann  & Kampe 2021

9783455010497

Monday, September 20, 2021

Rentnergeschichte mit bissigem Witz - Barbara stirbt nicht

  Das Leben des Rentners Walter Schmidt läuft seit Jahrzehnten in eingespielten Bahnen. Die Rollenverteilung zwischen ihm und Ehefrau Barbara war stets klar - Er ging arbeiten, sie versorgte Haushalt und Kinder. Seit er in Rente ist, mäht er vielleicht den Rasen, macht kleinere Reparaturen und geht mit dem Hund - ist es ein Wunder, dass es sich um einen deutschen Schäferhund handelt? - Gassi, während Barbara putzt, kocht und für den Haushalt zuständig ist. Bis zu jenem Morgen, als er Barbara im Bad vorfindet,  mit einer blutenden Wunde und merkwürdig schlaffen Gesichtszügen.

Normal wäre es vermutlich, nun einen Schlaganfall zu vermuten und den Notarzt zu rufen. Nicht so in Alina Bronskys tragikomischen Roman "Barbara stirbt nicht". Walter verdrängt die Krise - später wird sich herausstellen, dass er noch ganz andere Dinge verdrängt hat, , fühlt sich nur als Opfer, weil kein Kaffee gekocht ist. Er weiß nämlich nicht, wie das geht. Und wenn er mal ein Brötchen schmieren muss, lässt das Ergebnis auch zu wünschen übrig. Barbara legt sich ins Bett, und Walter tut erst einmal so, als sei dies nur eine kleine Störung der täglichen Routine.

Doch während Walter über die Preise von Kaffee in der Bäckerei wütet und versucht, den Alltag fortzusetzen, bessert sich Barbaras Zustand nicht. Walter tut vor den Nachbarn, als sei alles okay, seine erwachsenen Kinder finden eher zufällig heraus, dass die Mutter krank ist, schwer krank, und zum Pflegefall wird. 

Im Arbeitszimmer findet Walter den Computer, den er stets gemieden hat, auf dem Barbara aber noch auf ihrer Facebook-Seite eingeloggt ist. Dort ist sie unter anderem in der Fan-Gruppe eines Fernsehkochs, auf den Haushaltsignorant Walter mittlerweile auch aufmerksam geworden ist. Obwohl er von sozialen Medien keine Ahnung hat, wird er mit seinen hilflosen Fragen nach Rezepten, Zubereitungsarten und den Tücken des Alltags als unfreiwilliger Hausmann zu einer kleinen Internet-Berühmtheit, ohne dass ihm dies überhaupt bewusst wird.

Es ist ein Lernprozess für einen alten weißen Mann, der ebenso verärgern wie Mitleid erregen kann. Denn die Ansichten Walters sind schon starker Tobak. Wenn er andere verletzt, den eigenen Sohn eingeschlossen, merkt er es meist entweder gar nicht oder viel zu spät. Walter platzt in so ziemlich jedes Fettnäpfchen der Gender-, Identitäts- und Rassismusdebatten, und er findet auch nicht, dass er sich für irgendetwas entschuldigen muss.

Und doch - während es Barbara immer schlechter geht und Walter vehement ablehnt, sie in ein Pflegeheim zu geben, während er nach und nach lernt, Barbaras Arbeit zu schätzen und über seinen Schatten zu springen, verändert die Krise auch Walter und das Verhältnis zu seinen Kindern. 

Alina Bronsky lässt ihr Buch zum Glück nicht auf ein zuckersüßes Friede-Freude-Eierkuchen Finale zusteuern. Walter bleibt ein herber Typ. Doch auf seine Weise versucht er, Fehler der Vergangenheit wieder gut zu machen. Walter ist nicht der Knuddel-Opa aus der Fernsehwerbung, aber auf seine Weise ein aufrichtiger Charakter, dessen Kanten nicht immer gefallen mögen und dessen Sprache alles andere als politisch korrekt ist. Aber er steht auch für den Glauben daran, dass jeder sich ändern kann, zumindest ein bißchen, und eine Chance verdient. Bronsky lässt den Roman ergebnisoffen, aber mit einer versöhnlichen Note ausklingen. Eine Krise kann auch ein neue Anfang sein.

Alina Bronsky, Barbara stirbt nicht

Kiepenheuer & Witsch, 2021

256 Seiten, 20 Euro

978-3-462-00072-6


Saturday, August 7, 2021

Liebe, Exil, Eifersucht in Deutschland, Syrien und dazwischen

  "Mein Sternzeichen ist der Regenbogen" - schon der Titel des neuesten Buchs von Rafik Schami hat eine eher heiter-bunte Note. Mit dieser Mischung aus Alltagsszenen, märchenhaften Geschichten, Skizzen und Kurzporträts von Menschen und Erlebnissen zwischen Deutschland und Syrien geht es zwar auch manchmal besinnlich, tragikomisch und ein bißchen traurig zu, doch es ist eine Rückkehr zu den warmherzig erzählten Geschichten, mit denen Schami von Anfang an immer wieder seine Leser in Deutschland erreichte.


Ein ziemlicher Kontrast zu dem letzten Buch, das ich von dem Autor gelesen habe (und das mir übrigens sehr gut gefallen hat) - "Die geheime Mission des Kardinals" war ein Kriminalthriller gewesen, der Einblicke in die schwierige Arbeit eine altgedienten syrischen Polizisten gab, der kurz vor dem Ruhestand weder seine künftige Existenz aufs Spiel setzen noch seine Integrität verlieren wollte. Das war schon deutlich dunkler und düsterer als der vorliegende Band.


Es geht um Erinnerungen aus Jugendtagen und das alte Damaskus, um die Erfahrung des Exils, die Besonderheiten der Deutschen wie der Syrer, um Liebe und Eifersucht, um Freundschaft und Neid. Dass Rafik Schami ein großartiger Geschichtenerzähler und Fabulierer ist, der die Erzähltradition seiner Heimat mit deutscher Kurzgeschichte wunderbar verbinden kann, ist ja nichts Neues. In diesem Band wird er seinem Ruf einmal mehr gerecht. 


Da es sich um eine Reihe eher kurzer Geschichten handelt, ist dieses Buch vor allem gut für Menschen geeignet, die wenig Zeit haben, sich "am Stück" hinzusetzen und zu lesen oder zu hören.


So bunt und so vielfältig wie der Regenbogen ist auch diese Mischung von Geschichten, bei den man schmunzeln, aber auch nachdenklich werden kann.

Saturday, July 31, 2021

Als die Queen eine Prinzessin war.... Um Mitternacht ab Buckingham Palace

 Auch die Queen war mal jung - und ehe sie zur britischen Langzeitmonarchin wurde, war sie ein Mädchen, dessen frühe Jugend in die Zeit des Zweiten Weltkriegs fiel. In JB Lawless´ Roman "Um Mitternacht ab Buckingham Palace geht es genau um diese Zeit: London ist den deutschen Luftangriffen  ausgesetzt, und während für den König klar ist, dass sein Platz in der attackierten Hauptstadt ist, sollen die Prinzessinnen Elizabeth und Margareth in Sicherheit gebracht werden - auf einen Adelssitz im neutralen Irland.

Nun ist das Nachbarland zwar im Krieg neutral, aber angesichts der Geschichte jahrhundertelanger englischer Herrschaft und des blutigen Bürgerkriegs nach dem Osteraufstand erfreuen sich Engländer im Nachbarland nicht unbedingt großer Beliebtheit. Diskretion wird also groß geschrieben - eine MI5-Agentin begleitet die Mädchen als angebliche Gouvernante, Militär des Freistaats soll rund um das ausgedehnte Grundstück für Schutz sorgen, während der anglorische Polizist Strafford auf dem Landsitz die Stellung hält. Und aus Elizabeth und Margareth werden kurzerhand Ellen und Mary.  

Doch mit dem Incognito bleiben ist das so eine Sache - und auch die zehn und 14 Jahre alten Mädchen sind fern der Heimat ziemlich gelangweilt und unzufrieden mit der Situation, die plötzlich doch noch dramatisch wird.

Wer nach den in jüngster Zeit erschienenen Krimis um eine Queen als Hobbydetektivin dachte, hier zeige sich die junge Elizabeth als Nachwuchsschnüfflerin, wird enttäuscht. Überhaupt gerät die Prinzessin eher blass, während ihre Schwester viel mehr Konturen bekommt - als aufgewecktes Mädchen, das aber auch ein ziemliches Biest sein kann.

Zudem liegt ein starker Akzent auf Strafford und Celia Nash, die für die Sicherheit der Prinzessinnen sorgen müssen und die beide ihr eigenes Päckchen Verunsicherung tragen.

Mitunter verzettelt sich die Erzählung in zu vielen Nebenhandlungen, so dass "Um Mitternacht ab Buckingham Palace" zwar ganz nett ist, aber  mich nicht wirklich begeisterte.  Die Idee und das historische Setting haben durchaus ihren Reiz, dennoch kann das Buch leider nicht mit anderen historischen Krimis mithalten, die ich in jüngster Zeit gelesen habe.


JB Lawless, Um Mitternacht ab Buckingham Palace

Kiepenheuer & Witsch, 2021

368 Seiten, 11 Euro

978-3-462-00090-0


 

Saturday, June 12, 2021

Blick zurück auf Jugendfreundschaft und erste Liebe

 Eine norddeutsche Kleinstadt in den 1970-er Jahren, wo der Höhepunkt der Rebellion ist, im autonomen Jugendzentrum abzuhängen und zu kiffen. Für die (fast) 16 jährigen Freundinnen Kat und Easy ist das schon die kleine Revolte, die so manches Mal mit Hausarrest endet. Denn im Jugendzentrum gibt es nicht nur den netten aber nervigen Lothar, der immer freigiebig mit seinem Gras ist, da ist auch Fripp, der mit seinen 20 Jahren eigentlich schon ein alter Mann ist, aber den alle cool finden. Kat jedenfalls ist schwer verliebt und fällt aus allen Wolken, als ausgerechnet Fripp und Easy ein Paar werden. Unerwiderte Liebe tut immer weh, aber wenn ausgerechnet die beste Freundin die Auserwählte des Mannes ist, den ein Mädchen will, ist das natürlich noch mal so schlimm.

Die Jungmädchenträume in der Kleinstadt, das Träumen von Aufbruch und neuen Erfahrungen hat Susann Pasztor in "Die Geschichte von Kat und Easy" glaubwürdig und sensibel eingefangen. Beim Lesen läuft quasi ein Soundtrack der 70-er Jahre Oldies, mit Räucherstäbchen, Patchouli und Outfit aus dem Indienladen. 

Auf einer weiteren Erzählebene führt der Roman in die Gegenwart. Auch Rebellen bekommen graue Haare und, im Fall von Kat, Arthritis in den Knien. Trotz ihren unter den digitalen Machern fortgeschrittenen Alters ist sie erfolgreich mit einem Lebenshilfe-Blog, gewissermaßen Sorgen- und Briefkastentante. Dann kommt ein Brief, der macht ihr klar: Hier kennt jemand die Kat hinter dem Pseudonym Mockingbird.  Es geht nicht um die Sorgen und Nöte von Fremden, sondern es ist etwas Persönliches. Und das ausgerechnet zu einer Zeit, als Kat nach vielen Jahren wieder Easy trifft, in deren Ferienhaus auf Kreta.

Sie haben sich einander entfremdet, obwohl sie sich einmal so nah waren. Zwischen ihnen steht immer noch Unausgesprochenes und die gemeinsame Urlaubwoche muss zeigen, ob Nähe und Vertrautheit wieder hergestellt werden können. Denn die Briefe and"Mockingbird" gehen weiter und verlangen nach Antworten - nicht nur im Blog, sondern auch auf Kreta.

Mit leichter Hand und eher entspannt erzählt, geht es um die Versöhnung mit der eigenen Vergangenheit, mit der Frage, was eigentlich mal die Freundschaft ausgemacht hat und ob man sich immer noch was zu sagen hat. Ob manche Dinge vielleicht endlich mal ausgesprochen werden.  Um Schuld und Vergebung. Auch wenn es um große Fragen geht, ist die Geschichte von Kat und Easy nicht allzu tiefschürfend, eher heiter mit einem Hauch von Melancholie. Auch wenn ich mir teilweise mehr erwartet habe, ein Buch wie eine Spätsommerbrise, in der schon der Herbst zu spüren ist.  


Susann Pasztor, Die Geschichte von Kat und Easy

Kiepenheuer & Witsch, 2021

272 Seiten, 20 Euro

978-3-462-05281-7

Sunday, May 16, 2021

Roadtrip a la Harold und Maude

Ein wenig erinnert Zoe Brisbys Roman "Reise mit zwei Unbekannten" an den Kultfilm "Harold und Maude" über eine generationsübergreifende Freundschaft. Auch in diesem Roadtriproman fürs Herz lebt die Handlung vom Gegensatz der Hauptfiguren: Alex ist ein unter Depressionen leidender Student mit Liebeskummer und null Selbstbewusstsein, Maxine eine 96-jährige Seniorin voller Charme, Selbstbewusstsein und Vitalität. Die beiden lernen sich dank einer Mitfahrvermittlung im Internet kennen: Alex will für seine Fahrt nach Brüssel einen Mitfahrer, Maxine ist schon seit Jahrzehnten nicht mehr Auto gefahren und hofft auf eine angenehme Reisebegleitung.

Nach einigen Missverständnissen und Irritationen rauft sich das ungleiche Paar zusammen. Maxine versucht, Alex zu mehr Selbstbewusstsein zu verhelfen und ihn dazu zu bringen, einfach mal spontan das Leben zu genießen. Der wiederum erkennt, dass die scheinbar so lebenslustige Maxine ein Geheimnis hat und der Grund für ihre Reise nach Brüssel sehr ernst ist.

Als hätte die Dynamik zwischen Alex und Maxine nicht schon genügend Stoff für eine Berg- und Talfahrt, stellt sich heraus, dass Maxine aus dem Altenheim ausgerissen ist, wo man nun an eine Entführung glaubt. Dank der Videokameras is Alex als mutmaßlicher Entführer identifiziert. Er wird nun mit Hilfe einer reißerischen Medienberichterstattung gesucht als vermutlich instabiler und psychisch angeschlagener Täter.

Spätestens hier gerät der Roadtrip häufig ins Slapstickartige und völlig Überzogene. Alex, der Aufregungen aller Art stets vermieden hat, schliddert von einer Extremsituation in die nächste und Maxine sieht es als ihre vielleicht letzte Lebensaufgabe, diesem jungen Mann etwas von ihrem Optimismus zu vermitteln. 

"Reise mit zwei Unbekannten" ist ein Wohlfühlroman voller rasanter und überdrehter Episoden, bei dem man weder über literarischen Anspruch noch über allzu viel Logik und Plausibilität nachdenken sollte. Die Komik wird manchmal arg auf die Spitze getrieben, doch es gibt bei allem Humor durchaus ernste Töne. Da ist die Einsamkeit und Lieblosigkeit, von der sich Alex umgeben fühlt, die Bevormundung und Isolation, der sich Maxine ausgesetzt sieht. Hinzu kommt das Problem vieler hochbetagter Menschen: Die meisten Freunde und Weggefährten sind schon lange tot und es bleiben nur die Erinnerungen. Unterhaltsam und kurzweilig ist diese Reise allemal.


Zoe Brisby, Reise mit zwei Unbekannten

Eichborn, 2021

415 Seiten, 18 Euro

 978-3-8479-0056-6


Thursday, May 13, 2021

Senioren auf Mörderjagd

 Die Haare mögen schütter geworden sein, die Gelenke knarren und das Gehör hat auch schon mal besser funktioniert. Kein Grund, Senioren zu unterschätzen, und keinesfalls das betagte aber putzmuntere Quartett in Richard Osmans "Donnerstagmordklub" Die vier Bewohner einer exklusiven Seniorenwohnanlage im  ländlichen Kent haben sich zusammengefunden, um unaufgeklärte Mordfälle zu lösen. Fälle, die einst Gründungsmitglied Penny, ehemalige Detective Inspector, mit in den Ruhestand nahm. 

Mittlerweile liegt Penny nach mehreren Schlaganfällen auf der Pflegestation. Ihre Freundin Elizabeth, die auf eine mysteriöse Geheimdienstvergangenheit zurückblicken kann, hat daher die ehemalige Krankenschwester Joyce zum Club dazugeholt - mit ihren medizinischen Fachkenntnissen und ihrer scheinbaren Arglosigkeit eine ideale Ergänzung. Dem Club gehören außerdem noch der einstige Psychiater Ibrahim an, der sich mit Schwimmen und Pilates fit hält und auch technisch auf dem neuesten Stand ist sowie Ron, der als "roter Ron" auf sämtlichen Barrikaden, Streiks und Arbeitskämpfen seit der Thatcher-Ära die Ärmel hochkrempelte und auch heute keinem Streit für eine gute Sache aus dem Weg geht.

Die eher theoretische Aufklärung von "cold cases" aus Pennys Akten wird plötzlich zum heißen Fall,  als ein Bauunternehmer tot aufgefunden wird. Zumal es sich nicht um irgendeinen Unternehmer handelt, sondern um den Mann, der mit dem Immobiliendeveloper Ian vor den Augen der Senioren einen Streit hatte. Und Ian will die Seniorenanlage auf dem Gelände eines ehemaligen Klosters erweitern. Für Kontroversen sorgt dabei, dass auch der "Garten der Ewigkeit", prosaischer der Friedhof des Klosters, plattgemacht werden soll. ...

Skurril, exzentrisch und very british sind die  Figuren dieses unterhaltsamen Kriminalromans, der bei allem Humor auch ernste Töne anschlagen kann, ohne jemals ins Kitschige oder Sentimentale abzugleiten. Da ist die Einsamkeit nach dem Tod des Partners und vieler Freunde, die Angst vor einer Demenz, der Kampf um Würde und Autonomie. Altsein ist nichts für Weichlinge, so viel ist klar.

Ob Elizabeth als Meisterin der Manipulation die örtliche Polizeimacht für ihre Zwecke einspannt, Joyce Annäherung an einen einsamen Witwer sucht oder Ron sich um seinen Sohn, einen ehemaligen Profiboxer mit schillernder Vergangenheit sorgen muss - es ist schwer, die Senioren auf Mörderjagd nicht ins Leserherz zu schließen.

Richard Osman hält die Handlung nicht nur mit seinem unerschrockenen Quartett und eingeschobenen Tagebuchabschnitten von Joyce am Laufen. Ob ein leitender Ermittler mit Gewichtsproblemen, gleich mehrere falsche Identitäten und alte Kriminalfälle warten auf Aufklärung. Wenn nach zahlreichen Verwicklungen das letzte Kapitel dem Ende zugeht, packt mich großes Bedauern. Die Mitglieder des Donnerstagsmordclub und ihr Umfeld sind verdammt liebenswert - da kann doch nicht schon Schluss sein? Ein Trost bleibt: Laut Verlagsseite handelt es sich um den 1. Band einer Serie. Das ist doch ein gutes Versprechen!


Richard Osman, der Donnerstagsmordclub

List 2021

 460 Seiten,  15,99 Euro

9783471360149

Wednesday, May 12, 2021

Der Bienenflüsterer

 Ein bißchen Magie steckt in vielen Werken lateinamerikanischer Autoren, und Sofia Segovias "Das Flüstern der Bienen" macht da keine Ausnahme. Episch und farbenfroh ist die Geschichte einer mexikanischen Großbesitzerfamilie aus der Zeit der Revolution und ihres Findelkindes Simonopio. Die Amme des Haziendero, die schon dessen Vater aufgezogen hatte und mit den Jahren immer mehr an eine in sich ruhende, steinerne Figur erinnert, hat sich zum ersten Mal seit langem aus ihrem Schaukelstuhl erhoben und unter einer Brücke ein offenbar ausgesetztes Neugeborenes gefunden, das ganz von einem Schwarm Bienen bedeckt wurde. Der Anblick des Jungen, dessen Mund durch einen gespaltenen Oberkiefer entstellt ist, entsetzt abergläubische Landarbeiter - der Patron Francisco aber zieht Simonopio als sein Patenkind auf.  Für den kleinen Francisco, den Jahre später geborenen Sohn des Landbesitzers, wird er ein enger Freund und großer Bruder werden.

Simonopio kann aufgrund der Kiefer-Fehlbildung nicht sprechen - jedenfalls nicht so wie andere. Doch er hat Fähigkeiten, die übersinnlich erscheinen - nicht nur in der Kommunikation mit den Bienen, er scheint auch zu spüren, wenn den Menschen, die er liebt, Gefahr droht.

Segovia beschreibt ein Mexiko des Wandels. Im Norden, in Texas, werden schon Traktoren auf den Feldern eingesetzt und auch der Haziendero liebäugelt mit moderner Technik. Zugleich herrscht Bürgerkrieg, die Sorge um Frauen und Töchter vor einer Soldateska prägen das Leben von Besitzenden wie Besitzlosen. Und es gärt in der Gesellschaft, landlose Landarbeiter wollen sich das Land nehmen. Es ist ein Konflikt, der am Ende auch Franciscos Ländereien erreichen wird.

Mit der Schilderung der Spanischen Grippe und ihrer Auswirkungen ist der Autorin ein besonders eindringlicher Abschnitt in ihrem Buch gelungen, der angesichts der Coronapandemie besonders beklemmend ist. Denn in einer Zeit, als sowohl Gesundheitswesen als auch Infektionsschutz schwach entwickelt waren, war das große Sterben dramatisch. Die Hazienda entgeht dem Schicksal vieler Nachbarn, dank Simonopias geheimnisvoller Ahnungen. Doch die Welt nach der Epidemie ist für alle eine andere.

"Das Flüstern der Bienen" ist ein Buch, bei dem man beim Lesen Honig schmeckt, Orangen riecht und das Summen der Bienen zu hören glaubt - voll menschlicher Wärme, Opulenz und einer generationsüberspannenden Familiengeschichte voller Liebe, Tragik und Umbrüche.

Sofia Segovia, Das Flüstern der Bienen

List, 2021

480 Seiten, 22 Euro

9783471360354

Saturday, May 8, 2021

Eine unerwartete Familie vor dem Hintergrund des Nahostkonflikts

  Es liegt sicher auch am Thema, dass Daniel Specks Familienroman "Jaffa Road" nahezu 700 Seiten lang geworden ist (das Lesen hat denn auch ein Weilchen gedauert, habe schließlich noch einen Fulltime-Job): Nicht nur eine generationsübergreifende Familiengeschichte, sondern auch ein an persönlichen Schicksalen erzählter Abriss des Nahostkonflikts und seiner historischen Verflechtungen. Da die Hauptfiguren deutsch, israelisch und palästinensisch sind, ist schon vorprogrammiert, dass sie sich auf zerbrechlichen Boden bewegen - umso mehr, als hier auch noch eine fremde und entfremdete Familie zusammenfinden muss. Da kommt schon mal ein epischer Roman zusammen - allerdings lesbar und auch für den fachfremden Lesern einfach zugänglich.

Teilweise knüpft "Jaffa Road" an Daniel Specks Roman "Piccola Sicilia" an, den ich allerdings nicht gelesen habe. Möglicherweise wissen die Leser des ersten Buchs mehr über die Figuren und ihre Geschichte, es ist aber kein Problem, als "Neuling" in die Handlung hineinzufinden.

Sie haben einen völlig unterschiedlichen Hintergrund, und dennoch werden sie durch einen Todesfall zusammengeführt: Nina, die deutsche Archäologin, Joelle, die französisch-israelische Sängerin und Elias, der palästinensische Arzt. Nina und Joelle wurden von einem Anwalt nach Palermo gebeten: Maurice, ein alter Mann in Palermo, hat sich in seiner Villa das Leben genommen. Für Nina war er nur unter dem Namen Moritz ein Begriff, gesehen hat sie ihn nie. Er war der stets abwesende Großvater, der Vater, nach dem sich ihre Mutter immer gesehnt hatte und der als Wehrmachtsfotograf in den 1940-er Jahren aus dem Leben seiner - wie er da noch nicht wissen konnte - schwangereren Verlobten verschwand.

Für Joelle hingegen war er der geliebte Vater Maurice Sarfati, der den Familiennamen ihrer Mutter angenommen hatte, als er zum Judentum konvertierte, der bei ihren Großeltern in Tunesien Aufnahme fand, als er vor  Kriegsende desertierte. Mit der neuen Identität und Joelles Mutter Yasmina sucht er einen neuen Anfang in Palästina, wo Holocaust-Überlebende und Zionisten gleichermaßen die Gründung eines jüdischen Staates anstrebten.

Elias, so stellt sich heraus, war nicht nur der Arzt des Toten, sondern auch dessen Ziehsohn. Und er hat einen komplett anderen Hintergrund als Joelle, seine Stiefschwester: Denn als sich für die Sarfatis und tausende jüdischer Einwanderer eine große Hoffnung erfüllte, schlug für die Palästinenser die Stunde der Katastrophe. Elias´s Mutter, kaum älter als Joelle, hatte sich als junge Frau der Sache der PLO entschieden. Elias, der in den Flüchtlingslagern des Südlibanon aufwuchs, reagiert zutiefst verbittert und ablehnend auf alles, was mit Israel zu tun hat.

Für alle drei ist es bei allen Unterschieden ein Schock, dass Maurice drei derart unterschiedliche Leben führte, dass er drei Familien hatte und ihre Existenzen unberührt voneinander ließ. Wer war er wirklich? Es ist Nina, die Archäologin, die nicht nur eine Generation weiter von Maurice aufgewachsen ist und schon mangels persönlichen Kontakts viel distanzierter mit dieser Familiengeschichte umgehen kann. Die Vergangenheit aufdecken, das hat auch mit ihrem beruflichen Ethos zu tun: "Dinge verschwinden nicht, weil niemand sie sehen will. Im Gegenteil, sie mutieren und folgen uns wie Schatten." Die Neugier treibt sie auch im Beruf an: "Schicht um Schicht in der Zeit zurückgehen. Tausende Scherben sortieren. So lange über einem Rätsel sitzen, bis die Toten zu flüstern beginnen."

Als wäre es nicht schon schwer genug, eine Verbindung oder gar Vertrauen gerade zwischen Joelle und Elias zu finden, steht plötzlich ein Verdacht im Raum: Hat Elias Maurice getötet, weil er hinter dessen Geheimnis gekommen ist? Die Familiengeschichte und der Konflikt um das Land, das von zwei Völkern beansprucht wurde, ziehen sich wie ein roter Faden durch das Buch. Wenn nicht einmal zwei Geschwister es schaffen, miteinander zu sprechen - welche Chance besteht dann für ihre Völker? Nina findet ihre Rolle - sie muss diese Sprachlosigkeit durchbrechen: "In jeder Familie gibt es ein Tabu und jemanden, der den Finger in die Wunde legt."

"Jaffa Road" wechselt Orte und Zeiten - das Palermo der Gegenwart und die Vergangenheit von Maurice/Moritz, seiner Frauen und Kinder in Berlin, Tunis, Haifa, Tel Aviv und anderen Orten. Das große, historische Umfeld wird im kleinen und in den persönlichen Geschichten behandelt. Erst langsam tritt Maurice´s Geheimnis zutage. "Jaffa Road" ist keine historisch-politische Analyse, aber es ist auch mehr als ein reiner Familienroman, selbst wenn manche Einsichten und Reflektionen stark vereinfachend klingen können, wie etwa das Nachdenken darüber, was Identität eigentlich ausmacht: "Die Opfer unserer Großeltern, die Sünden unserer Eltern und das Schweigen darüber am Tisch, um den alle Versammelt waren, die Anwesenden und die Abwesenden ... und irgendwann ist es Zeit, erwachsen zu werden. Herkunft kann man sich nicht aussuchen, Zugehörigkeit schon."

 Dabei schafft es der Autor, die verschiedenen Sichtweisen nachvollziehbar und ohne Parteilichkeit zu schildern. Denn das ist ja die Tragik des seit Jahrzehnten dauernden Konflikts - jede Seite hat ihre Logik und ihre nachvollziehbaren Argumente.  Doch solange sie nicht die Bereitschaft haben, einander offen zuzuhören und zu begegnen, scheint eine Lösung, die allen gerecht wird, in weiter Ferne. In "Jaffa Road" immerhin schaffen Joelle und Elias, die ersten Schritte aufeinander zu zu gehen.


Daniel Speck, Jaffa Road

Fischer 2021

665 Seiten, 16,99

ISBN 978-3-596-70384-5

Monday, May 3, 2021

Olga und ihre Männer - Laudatio auf eine kaukasische Kuh

  Olga hat ein klares Ziel: Medizinstudium abschließen, den aus einer alteingesessenen Arztfamilie stammenden Studienkollegen Felix van Saan heiraten und somit auf den Höhen der gesellschaftlichen Akzeptanz angekommen, den Bruch mit ihrer Migrationsbiographie vollziehen. Dass Felix für seinen Promotionsabschluss ausgerechnet nach München geht, wo ihre Familie lebt, ist dabei allerdings ein wenig ärgerlich. Denn Olga hat vornehm verschwiegen, dass ihre soziale Herkunft sich vom großbürgerlichen Milieus der van Saans denn doch ein wenig unterscheidet. 

Nicht nur, dass ihr Vater, der in der georgischen Heimat als Bergbauingenieur arbeitete, nun mangels Anerkennung seiner Abschlüsse nur als Hilfsarbeiter arbeiten kann, der Umgang ihrer Eltern mit der deutschen Sprache ist eher kreativ als korrekt. Olga ist das peinlich. Sie selbst ist nicht nur integriert, sie ist superintegriert, hat den bayrischen Vorlesewettbewerb gewonnen, sieht sich als "deutscher als ein Bamberger Hörnchen".

In den ersten Kapiteln von Angelika Jodls"Laudatio auf eine kaukasische Kuh" kann Olga noch nicht ahnen, dass ihre Pläne nicht etwa durch den Realitätssschock einer Begegnung zwischen Felix und ihrer Familie durchkreuzt werden, sondern durch Jack, der als Hansdampf sämtlicher akademischer Gassen als Ghostwriter Examensarbeiten schreibt und sich bei einer zufälligen Begegnung am Bahnhof Hals über Kopf in Olga verliebt.

Obwohl Jack Methoden anwendet, die sich nur als Stalking bezeichnen lassen, reagiert Olga gegen ihren Willen zunehmend mit Schmetterlingen im Bauch auf den hartnäckigen Verehrer, der ihr selbst bis in den Kaukasus nachreist. 

Ihre weiblichen Verwandten, allen voran die Mutter und die Großmutter, sind weitaus weniger beeindruckt von Olgas Chancen auf den sozialen Aufstieg. Schließlich geht sie auf die 30 zu und ist noch immer unverheiratet - aus kaukasischer Sicht ein spätes Mädchen mit zunehmend schrumpfenden Aussichten auf einen Ehemann, der am besten einer der ihren sein sollte - ein Mitglied der griechischen Minderheit Georgiens.

Jodl geht auf unterhaltsam-humoristische Weise auf den Zwiespalt von Migranten der zweiten Generation ein, die zwischen den Kulturen gefangen sein können, dem Druck der Herkunfts- wie der neuen Gesellschaft gleichermaßen ausgesetzt sind. Diese Leichtigkeit ist angesichts der mitunter verbissen-dogmatischen Betrachtungen des Themas in eher als Kampfmittel betrachteter Literatur eine nette Abwechslung. Andererseits übernimmt Jodl zahlreiche Klischees der heißblütigen, irgendwie ziemlich archaischen Kaukasusbewohner, die im heutigen Russland noch immer aus sowjetischen Zeiten florieren. Der Gefühlswirrwarr Olgas zwischen Felix und Jack ist nicht immer nachvollziehbar, die Entwicklung aber dennoch vorhersehbar.

Trotz einiger Längen und Stereotypen eine unterhaltsame, augenzwinkernde Lektüre - und besonders hervorzuheben ist die kreative Cover-Gestaltung. Wie es zum Buchtitel kam, wird dann während des Besuchs im Kaukasus übrigens auch noch geklärt.

Angelika Jodl, Laudatio auf eine kaukasische Kuh

Eichborn, 2021

336 Seiten, 18 Euro

 978-3-8479-0068-9


Saturday, April 17, 2021

Wohlstandspaar in der Midlife-Krise

 Mit "Sylt auf unserer Haut" hat Claudia Thesenfitz eine unterhaltsame, wenn auch vorhersehbare Strandkorb- und Sommerlektüre geschaffen - auch dann, falls der Sylt-Urlaub in diesem Sommer ausfallen muss. Oder auf welcher Insel auch immer an der Nord- oder Ostsee. In dem Sylt-Roman begleitet der Leser (eher: die Leserin, ist halt doch eine typische Frauen-Liebesstory) das arrivierte Hamburger Wohlstandspaar Robert und Maja in den alljährlichen Sommerurlaub auf die Insel. Er ist ein erfolgreicher Architekt, sie hat die Kinder großgezogen, die Beziehung ist in gepflegter Langeweile erstarrt.

Doch etwas ist anders, denn ein neuer Kollege mit seiner jungen Freundin haben die angrenzende Doppelhaushälfte des Ferienhauses gemietet. Robert ist konsterniert - ausgerechnet der Kollege, der ihn schon im Büro nervt! Und auch Maja kann mit dem kleinen, dicklichen und ewig enthusiastischen Bernd zunächst wenig anfangen. Und dann noch das laute Liebesgestöhn und die heftigen Streitigkeiten, die durch die dünnen Wände aus der Nachbarwohnung klingen! Wirklich nicht die feine hanseatische Art...

Als "Glücksroman" wird dieses Buch beworben, und wer nur halbwegs mit dem Genre vertraut ist, ahnt schon sehr bald, wie sich die Geschichte zwischen rotweinlastigen Terassengesprächen und Schnupperkurs Wellenreiten entwickeln wird: Auch mit Mitte 50 ist Frau noch nicht vom Bauchnabel abwärts tot und hat Sehnsüchte, die nicht immer in einer nun schon sehr langen Ehe gestillt werden. Und naürlich sind Cellulite und Hüftgold nicht das Ende des Begehrens. 

Ausgerechnet Bernd bringt in Maja wieder etwas zum Schwingen. Ist es Sex, ist es Liebe, ist es nur eine Sommerromanze? Klar, dass es nicht ohne Komplikationen gehen kann und so mancher Gefühls- und Gewissenszwiespalt gelöst werden muss. Wie gesagt: Es ist alles recht vorhersehbar, aber das schadet einer solchen Urlaubslektüre nicht. Schließlich weiß frau schon beim Kauf, was sie letztlich kriegen wird.  Und es kann durchaus öfter betont werden, dass mit 50 plus "hot" nicht immer nur Hitzewallung bedeuten muss. Außerdem: Sylt-Atmosphäre ist immer schön.

 Claudia Thesenfitz, Sylt auf unserer Haut.

Ullstein 2021

288 Seiten, 9,99

 9783548064284

Monday, April 12, 2021

Laubenpieper zwischen Spießertum und Öko

 Online-Oma Renate Bergmann ist zurück und in einem Berlin, in dem von Corona keine Rede ist, geht sie unter die Kleingärtner. Zwar ist die 82-Jährige gut damit beschäftigt, ihre vier Ehemänner oder vielmehr ihre Gräber zu gießen - aber was tut man nicht alles für gute Freundinnen, in diesem Fall Gertrud. Deren Lebensgefährte muss sich nämlich einer Bandscheibenoperation unterziehen. Doch wer kümmert sich in der Zwischenzeit um die Kleingartenparzelle?

Klar, dass Renate Bergmann da nicht untätig bleiben kann und in gewohnt launigem Ton in "Fertig ist die Laube" die Welt der Kleingärtner kommentiert. Dass ihr Einsatz nötig ist, stellen die beiden Frauen schnell fest, denn in einer Laubenpieperkolonie herrschen strenge Regeln und so manchem ist die mit jeder Menge Metallschrott überlagerte Parzelle des Bandscheibenpatienten schon länger ein Dorn im Auge. Ganz besonders dem Verwalter der Kleingärtnergemeinschaft, den Renate noch als Platzwart von ihrem Campingabenteuer kennt....

Die beiden rüstigen Damen aquirieren Helfer, zücken den Korn-Flachmann und krempeln die Ärmel hoch. Gewissermaßen nach dem Motto: Einmal Trümmerfrau, immer Trümmerfrau. Das Aufräumen der Parzelle kriegen sie jedenfalls hin, dann ist der gärtnerische Ehrgeiz geweckt. Zwischen dem Spießertum strenger Kleingartenregeln, in denen selbst die Höhe der Hecke normiert ist, und ökologischen Freigeistern, die am bei Neumond Unkraut jäten (oder war es Vollmond?) lernt auch die erfahrene Gräberpflegerin Renate einiges dazu. Nur was mit all den vielen Zucchini zu machen ist, die von Kleingärtner zu Kleingärtner "verschenkt" werden, bleibt nicht nur ihr ein Rätsel.

 Launig geschrieben in gewohnter Manier ist auch dieser  Monolog der "Online-Oma" unterhaltsam zu lesen. Für ein paar Schmökerstunden in der Laube oder auf dem Balkon auch  für Nicht-Gärtner geeignet.

Renate Bergmann,Fertigist die Laube

Ullstein, 2021

240 Seiten, 11,99

9783548062983

Tuesday, April 6, 2021

Ihre Majestät ermittelt - Mord und intrige im Buckingham Palace

 Irgendwie landen in letzter Zeit immer wieder unterhaltsame Krimis auf meinem Bücherstapel, in denen prominente Frauen ermitteln - Angela Merkel in der Uckermark etwa und nun gleich doppelt die Queen: Nach dem "Windsor Komplott" ist bei Bastei-Lübbe nun "Tod im Buckingham Palast" von C.C. Benison erschienen, dessen Original allerdings bereits vor einigen Jahren veröffentlicht wurde. Was nicht nur daran bemerkbarist, dass die Handlung kurz nach dem "anno horribilis" der Scheidungen der Königkinder spielt, sondern auch etwa von Walkman und anderen technischischen Geräten die Rede ist, die der jüngeren Vergangenenheit angehören.

C.C. Benison ist ein Pseudonym des kanadischen Autors Doug Whiteway. So ist es wohl nicht verwunderlich, dass die zweite Protagonistin des Buches, das Hausmädchen Jane Bee, Kanadierin ist. Und auch sonst stößt der Leser auf verschiedene "Canucks", die dank britischer Abstammung nicht nur im Palast Dienst tun, sondern auch erstaunliche Wurzeln in der britischen Gesellschaft haben.

Dass Jane im Auftrag ihrer Majestät unter die Hobby-Schnüffler geht, ist denn auch dem plötzlichen Tod eines anderen Kanadiers zu verdanken. Der Lakai Robin wird nämlich ausgerechnet vor den Privatgemächern der Queen gefunden. One is not amused, obviously. Immerhin haben die unartigen Corgies den Toten nicht angeknabbert. 

Robin war ein Freund Janes und obwohl die Palast-Gerüchte von Selbstmord sprechen, will sie nicht an diese Version glauben. Gewiss, Robin neigte zu Depressionen, doch die Queen vermutet, dass er dem Geheimnis eines verschwundenen Tagebuchs auf der Spur war. Im Laufe ihrer Nachforschungen findet Jane, die in diesem Fall die Laufarbeit übernimmt und anschließend in einem Geheimzimmer mit der Queen die Hinweise analysiert, auf manche Frage: Warum hat sich der schwule Robin mit einem anderen Hausmädchen verlobt, das obendrein vom Pressesekretär schwanger ist? Ist er tatsächlich Anwärter auf einen Adelstitel - und wer sonst hätte Interesse, den Titel und die dazugehörige Apanage zu erben? Was weiß der unsympatische Klatschreporter einer Boulevardzeitung, der Jane immer wieder über den Weg läuft? Und welche Rolle spielt Robins Ex-Freund Karim, der dringend Geld braucht, um seine Schwester vor einer Zwangsheirat zu schützen?

Benison spielt mit den transatlantischen Gegensätzen und natürlich auch gleich mit den - für Kanadier unerwünschten - Verallgemeinerungen. Sie sind keine Amerikaner (das sind die Nachbarn südlich der Grenze), eh! Skurril-sympatische und auch einige nicht so sympatische bevölkern den durchaus launig geschriebenen Cozy-Krimi, der mehr unterhaltend als nervenzerrend ist. 


C.C. Benison, Tod im Buckingham-Palast

Bastei Lübbe 2021

333 Seiten, 10 Euro

978-3-404-18406-4


Saturday, March 27, 2021

Angela Merkel ermittelt in der Uckermark

 Dass das Kanzleramt Angela Merkel zur Zeit wenig Spaß machen kann, hat sich wohl jeder schon gedacht - was aber passiert, wenn eine Langzeit-Regierungschefin in Rente geht? In "Miss Merkel" geht David Safier genau dieser Frage nach. Herausgekommen ist ein Cozy-Krimi, in dem die Ex-Kanzlerin zur Hobby-Detektivin wird und ganz neue Seiten an sich entdeckt.

Sie hatte sich alles so schön vorgestellt: ein idyllisches Kleinstädtchen in der Uckermark, in das sie sich mit Ehemann Joachim Sauer zurückziehen kann - der den Abstand aus der aktiven Politik, verhassten Programmpunkten im Damenprogramm der G7-Gipfel und anderen Störungen seines Wissenschaftlerlebens gar nicht erwarten konnte. In ein paar Monaten, so hofft die Ex-Kanzlerin, wird man sie im Ort gar nicht mehr als die ehemalige Regierungschefin wahrnehmen, sondern nur noch als Neu-Nachbarin. Vielleicht findet sie sogar Freundinnen? Das war etwas, was in der Berliner Zeit abging.

Lediglich Personenschützer Mike im Gartenhaus des Paares Merkel-Sauer erinnert daran, dass sie mal die mächtigste Politikerin Deutschlands war und noch immer besonderes Schutzbedürfnis gilt.  Doch der Merkel-Alltag ohne Krisengipfel, Untersuchungsausschüsse und Kabinettssitzung besteht vor allem aus Kuchenbacken und Kuscheleinheiten mit Putin. Nicht dem russischen Langzeitpräsidenten natürlich, sondern mit dem Mops, mit dem Merkel ihre Hundephobie überwinden will. 

Wird die Ruhe in der idyllischen Uckermark der Neu-Ruheständlerin irgendwann zu viel? Der Tod des örtlichen Schlossherrn lässt die Ex-Kanzlerin die Kuchenschüssel beiseite stellen. Sie glaubt nicht an den angeblichen Selbstmord, auch wenn der in seine Ritterrüstung gewandete Tote in einem von innen abgeschlossenen Raum gefunden wurde. Miss Merkel und ihr Gatte beginnen zu ermitteln - stets mit dem davon gar nicht begeisterten Mike an ihrer Seite. 

Dass ausgerechnet einige der Frauen, in denen Merkel Freundinnen-Potential zu sehen glaubt, unter den Verdächtigen sind, macht es für die Hobby-Detektivin nicht leichter. Doch mit derselben Hartnäckigkeit und Ausdauer, mit der sie einst Nachtsitzungen im Kanzleramt durchgestanden hat, lässt Miss Merkel nicht locker und scheut auch keine Gefahren.

Mit "Miss Merkel" hat David Safier einen locker-unterhaltsamen Cozy-Krimi geschrieben, der nicht mit Seitenhieben auf die Welt der Politik spart, aus der sich seine Neu-Ruheständlerin verabschiedet hat. Einblicke in das imaginierte Eheleben des Paares Merkel / Sauer (sie nennen sich Puschel und Puscheline....) und menschliche Enttäuschungen (die so freundlich wirkende Bäuerin entpuppt sich als AfD-Ortvorsitzende mit tief verwurzeltem Rassismus) begleiten den Leser durch die Merkel-Abenteuer.  Manchmal überdreht, auf jedenfall witzig und unterhaltsam, steht "Miss Merkel" für einen entspannten Leseabend.


David Safier, Miss Merkel

Rowohlt 2021

320 Seiten, 16 Euro

 978-3-463-40665-7

Monday, March 22, 2021

So long, Marianne..... Sommer der Träumer

 Eine der großen Liebesgeschichten der Popkultur, Flair der 60-erJahre und griechisches Inselleben in einer Künstlerkolonie - "Sommer der Träumer" bringt ein wenig Sonne und Wärme in den Corona-Winter. Fiktionalisierte Biografien sind ja seit einigen Jahren recht beliebt als Belletristik-Genre, ob es sich nun um Hemingways Ehefrauen, das Liebesleben von Eleanor Roosevelt oder in diesem Fall die 1960 auf der griechischen Insel Hydra lebenden Künstler handeln, allen voran der junge und noch unbekannte Leonard Cohen.

In diese Künstlerkolonie lässte Polly Samson die 18-jährige Erica und ihren Bruder Bobby nach dem Tod der Muter und der Flucht vor dem schwierigen Vater stranden. Das Erbe der Mutter ermöglicht den beiden, unter griechischer Sonne zu leben, ohne sich ein Jahr lang um  Ausbildung, Beruf und Geldverdienen kümmern zu müssen. Auf Hydra lebt bereits Charmain Clift, eine alte Freundin ihrer Mutter mit ihrem Mann - beide sind Schriftsteller - und drei Kindern, gewissermaßen die Queen der Künstlerkolonie aus Briten, Amerikanern, Schweden, Norwegern und anderen, die hier malen, dichten, Romane schreiben und vor allem reichlich feiern und übereinander herziehen.  

Eifersüchterleien und Affären, viel Klatsch und Alkohol und ein freizügiges Leben parallel zu der gleichsam als malerische Staffage dienenden konservativ-traditionellen Dorfgesellschaf prägen das Leben auf Hydra, in das auch Erica voll eintaucht. Hinter Unverbindlichkeit und scheinbarer Leichtigkeit lauert allerdings auch viel Unglück. Teil der Inselgesellschaft sind auch die Norwegerin Marianne, die von ihrem Mann verlassen wird und Muse des jungen Schriftstellers Leonard wird, während Ericas eigene Liebesträume zerplatzen, als sich ihr Freund Jimmy nicht als so monogam erweist, wie sie es sich gewünscht hätte.

Trotz des vielversprechenden Settings bleiben die Personen des Romans, einschließlich Ich-Erzählerin Erica, eher oberflächlich. Was Erica letzlich aus ihren Erfahrungen mitnimmt, wie sie sich als Mensch entwickelt - das alles ist eher vage. Auch die unglücklich-getriebenen sind letztlich nur daueralkoholisiert und aggressiv, welche Dämonen sie auch bekämpfen mögen - das muss der Leser erraten. 

Angesichts der Tatsache, dass Erica später, als alte Frau, wieder auf Hydra lebt, wäre es interessant gewesen zu erfahren, wie sie nun auf das Leben von damals zurückblickt, ob sie das Auftreten der Ausländer in den 60-ern heute als respektlos gegenüber der einheimischen Bevölkerung bewertet oder eine kritische Einstellung zu der letzlich ziemlich ignoranten Künstlergesellschaft entwickelt hat. 

Sommer der Träumer ist leicht und locker zu lesen, mehr Tiefe hätte dem Buch aber gut getan.


Polly Samson, Sommer der Träumer

Ullstein 2021

384  seiten, 20 euro

9783550201424

Saturday, March 20, 2021

Odyssee eines Antihelden - Die Erfindung der Sprache

 Es wimmelt nur so von Sprachbildern, literarischen Anspielungen und Exzentrik in Anja Baumheiers Roman "Die Erfindung der Sprache", geschrieben mit einem großen Herz für Exzentriker (und Katzen) mit viel grüner Hoffnungsfarbe. Eine Familiengeschichte der anderen Art mit einem sympathischen Antihelden und zahlreichen skurril-sympathischen Figuren. Das fängt schon an mit der Familie von Adam Riese, des hochintelligenten, aber ein wenig weltfremden Sprachforschers, der mit der ganz normalen zwischenmenschlichen Kommunikation so seine Probleme hat.

Denn Großvater Ubbo ist ein bergsteigerbegeisterter Ostfriese, der in der Heimat naturgemäß wenige Höhen vorfindet. Bei einer Reise ins böhmische Altvatergebirge lernt der gelernte Bäcker die backbegeisterte Leska kennen und lieben. Auf der fiktiven ostfriesischen Insel Platteoog, die einer ausgestreckte Katze ähnelt. Mit wenigen Einwohner, die alle ihre liebenswerten Macken haben, erinnert Platteoog ein wenig an Lummerland, wenn es statt zwei Bergen auch einen Leuchtturm gibt, der stark restaurierungsbedürftig ist - was wiederum Hubert Riese auf die Insel kommt. der sich ähnlich aprupt in Ubbos und Leskas Tochter Oda verliebt wie einst die beiden ineinander.

Adam, lange Zeit einziges Kind der Insel, kommt zwar als Frühchen auf die Welt und weigert sich lange zu sprechen, sonst aber ist alles lange Zeit Friede, Freude, Eierkuchen auf Platteoog. Bis Hubert eines Tages beschließt, auf dem Jakobsweg zu pilgern, aber nie zurückkehrt. Die Inselpolizistin forscht bei der Guardia Civil nach, der Inseldoktor bei spanischen Krankenhäusern, die Gebete des Inselpfarrers bleiben unerhört - und Oda verstummt irgendwann vor lauter Trauer. Was besonders problematisch ist, da sie auf dem Festland ausgerechnet die Ratgebersendung "Sprich dich frei" moderiert.

18 Jahre später ist Oda immer noch stumm und Adam promovierter Linguist in Berlin, ein Mann, der nur Grau trägt und Routine braucht, so sehr seine temperamentvolle, tschechisch-deutsch radebrechende Großmutter auch versucht, ihn zu Speed-Dating zu überreden. Dann kommt ein alarmierender Anruf: Seit einem Besuch in einer Buchhandlung ist "Lage dramatisches Drama" - Oda weigert sich nun nicht nur zu sprechen, sondern auch zu essen.  

Einziger Anhaltspunkt: Das Buch einer gewissen Zola Hübner scheint Oda so traumatisiert zu haben. Adam recherchiert und findet eine Göttinger Logopädin, aus deren Leben sein Vater zwischenzeitlich ebenfalls entschwunden ist. Mit Zola, die einer Lisbeth Salander mit mehr Sozialkompetenz ähnelt, bricht er in deren altersschwachem Bully auf nach Bad Kissingen. Aus dem fränkischen Kurstädtchen war Hubert einst nach Ostfriesland gekommen. Wird es hier Hinweise zu seiner Vergangenheit geben, die Aufschlüsse über seinen Verbleib geben?

Auf einer Irrfahrt durch Europa muss Adam über sich selbst und seine Ängste herauswachsen, buchstäblich bis ans Ende der Welt - nämlich Finisterre in der Bretagne. Dass auch die Plateooger Inselgemeinschaft ihn dabei nicht hängen lässt, versteht sich von selbst. 

Abenteuerlich, skurril und warmherzig begleitet Baumheier ihren Helden auf seiner Odyssee und als Leser bangt und hofft man mit. Ein liebenswert erzählter Roman mit Wohlfühlgarantie und allerlei Katastrophen und viel Optimismus.

Anja Baumheier, Die Erfindung der Sprache

Kindler Verlag, 2021

496 Seiten, 20 Euro

978-3-463-00023-7

Wednesday, March 17, 2021

Drei Frauenschicksale - Der Silberne Elefant

 Es ist jetzt schon ein paar Tage her, seit ich "Der silberne Elefant" von Jemma Wayne zugeklappt habe, um das Buch erst mal sacken zu lassen, ehe ich darüber schreibe. Heute habe ich noch immer zwiespältige Gefühle angesichts dieses Romans um drei sehr unterschiedliche Frauen, die sich aber alle mit ihrer Vergangenheit, mit traumatischen Erlebnissen, mit Tod und sterben auseinandersetzen müssen.

Da ist etwa Lynn, früh verwitwet, unheilbar an Krebs erkrankt  und gerade mal in ihren 50-ern. Sie weiß, dass ihr nicht mehr viel Zeit bleibt - doch die will sie selbstbestimmt verleben und sich ganz gewiss nicht von ihrer Bald-Schwiegertochter Vera, einer PR-Beraterin, betreuen lassen. Widerwillig stimmt sie  zu, dass tageweise eine Pflegerin ins Haus kommt - Emily, eigentlich Emilienne, eine junge Afrikanerin, und, wie sich herausstelle, Überlebende des Völkermords aus Ruanda. Wayne beschreibt sowohl die Auseinandersetzung der Frauen mit ihrer Vergangenheit als auch ihre Verflechtungen untereinander.

Dass Lynn Vera nicht leiden kann, hängt insbesondere damit zusammen, dass Vera all das verkörpert, was Lynn im eigenen Leben aufgegeben hat - einen eigenen Beruf, eine eigene Karriere, nicht nur Ehefrau und Mutter sein. Vera allerdings ist von ihrer wilden Vergangenheit gequält: Sex, Drogen, eine ungewollte Schwangerschaft. In letzter Minute entschied sie sich gegen die Abtreibung, setzte das Kind auf den Treppen eines Waisenhauses aus und ist seitdem gepeinigt von einem alten Zeitungsausschnitt, in dem von einem tot aufgefundenen Findelkind die Rede ist. Vielleicht ist es der Umgang mit dem Schuldgefühl, der sie an die Seite ihres bigott-frommen Verlobten geführt hat, der Sex vor der Ehe ablehnt und sich vollkommen von ihren früheren Freunden unterscheidet.

Emily wiederum, die ihre gesamte Familie verloren hat, ist schwer traumatisiert und ohne Zukunftspläne. Mit Lynn kommt sie überraschend gut aus, doch als diese sie drängt, über die Vergangenheit zu sprechen, leidet sie unter Flashbacks und Panikattacken. Für jede der Frauen geht es darum, sich mit der eigenen Vergangenheit trotz allem auszusöhnen.

Das könnte fürchterlich kitschig und gefühlsduselig geraten, und im großen und ganzen schafft es die Autorin, diese Klippen zu umschiffen. Dazu trägt sicherlich der eher herbe Charakter Lynns als wütende sterbende Frau bei, die sich selbst schonungslos den Spiegel vorhält und das auch von anderen fordert. Angesichts der dramatischen Vergangenheit Emiliennes bleibt Vera dritte der Protagonisten eher blass. Was sie ausgerechnet an ihrem frömmelnden und nicht sonderlich humorvollen Verlobten so großartig findet, blieb zumindest mir bis zum Schluss ein Rätsel.

Und was Emilienne angeht.... Es  ist sicherlich schon mal an sich eine gute Sache, dass Wayne den Genozid und das Trauma der Überlebende so in den Mittelpunkt stellt. Sie gibt im Nachwort auch an, zu dem Thema recherchiert zu haben. In der praktischen Umsetzung erinnert es mich dann aber an Bücher die "Der Junge im gestreiften Pyjama" und anderen Holocaust Kitsch, wo um der Dramatik für den eher uninformierten Leser willen Dialoge und Szenen eingebaut werden, die, milde ausgedrückt, mit den Fakten sehr großzügig umgehen. 

Da reden die Mörder von Emiliennes Familie noch ausführlich mit den Opfern, da wird "die Krankheit!" den Opfern einer Vergewaltigung weitergeleitet (gleich doppelt falsch, da der in zahlreichen afrikanischen Ländern verbreitete Irrglaube eher besagt, Sex mit einer Jungfrau heilt Aids, außerdem sollten Tutsi gar nicht lange genug überleben, dass es noch einem Aids-Ausbruch kommen könnte). Ein Gespräch mit dem Opfer nimmt das Opfer als Mensch wahr - und genau das was 1994 in Ruanda nicht der Fall. Die Interahamwe haben in 100 Tagen mindestens 800 000 Menschen ermordet. Für die Täter war es "Arbeit". Gerade das macht die Augenzeugenberichte des Genozids so grauenhaft.  


Jemma Wayne, Der silberne Elefant

Eisele Verlag, 2021

432 Seiten 24 Euro

9783961611058

Wednesday, March 10, 2021

Hexen, Tod und städtische Garde - ein best of Scheibenwelt

 Vor sechs Jahren starb Terry Pratchett, der englische Autor der Fantasyromane über die Scheibenwelt, die mit Humor, literarischen und anderen Anspielungen über die Jahre eine große Fangemeinde anlockten.  Das nun bei Piper erschienene Buch "Scheibenwelt All Stars" ist leider kein neues und posthum veröffentlichtes Werk, das bei irgendwelchen Aufräumarbeiten entdeckt wurde, sondern gewissermaßen ein "best of"-  Der Dreifachband soll sowohl neue, nachgewachsene Leser ansprechen, die die Scheibenwelt bisher nicht kannten, wie auch  Fans eine Wiederbegegnung mit den besonders beliebten und in verschiedenen Romanen wiederkehrenden Figuren ermöglichen.

Vermutlich hat jeder Pratchett eine Lieblingsfigur - persönlich hatte ich immer eine Schwäche für TOD - jedenfalls als Figur der Scheibenwelt. Das mitunter philosophisch veranlagte Skelett mit der Sense, das seine Dialoge in Großbuchstaben führt und eine Schwäche für Katzen hat, steht auch im Mittelpunkt des ersten Buchs, "Gevatter Tod", in dem sich Tod einen Lehrling sucht, der für viele Komplikationen und eine Bedrohung der Realität des Fantasy-Universums sorgt. 

Shakespearehafte Elemente  enthält "MacBest", in dem gleich zu Beginn die "when shall we three meet again?" Zeile aus Macbeth nicht fehlen darf, wenn Oma Wetterwachs und ihre Kolleginnen zu einem merkwürdig betulichen Hexensabbat zusammenkommen. Wobei natürlich klar ist, dass es schon bald aufregender wird. In "Wachen!Wachen!" wiederum hat Karotte Eisengießersohn seinen ersten Auftritt bei der Nachtwache von Ankh-Morpok, diesmal noch als naiver Rekrut. Hexen, Tod oder Nachtwache - hier ist gewiss für jeden etwas dabei. Da werden Erinerungen an vergangene Lese-Erlebnisse wach - und Bedauern darüber, dass es keine wirklich neuen Scheibenweltromane mehr geben kann. Doch immerhin: mit einem Gesamtumfang von mehr als 1100 Seiten gibt es viel Lesestoff.


 Terry Pratchett, Scheibenwelt All Stars,

Piper 2021

1104 Seiten, 18 Euro

978-3-492-28229-1

Sunday, January 17, 2021

Ihre Majestät als Hobby-Detektivin

 Rozie Oshodi entspricht möglicherweise nicht ganz dem Image eines Höflings: Die stellvertretende Privatsekretärin der Queen, die nach mehreren Jahren beim Militär und in einer Bank in den Dienst ihrer Majestät gewechselt ist, hat nigerianische Wurzeln, stammt aus "kleinen Verhältnissen" und ihr Stil hat mit Twinsets und Perlenketten eher wenig gemein. 

Wie sich in S.J. Bennetts Cozy-Krimi "Das Windsor Komplott" herausstellt, braucht sie allerdings auch noch ein paar Qualitäten, die in der Jobbeschreibung nicht angegeben wurden: die Queen betätigt sich nämlich gerne mal als Amateurdetektivin - ein Geheimnis, das von Rozies Vorgängerinnen geteilt und gehütet wird. Und auch Rozie  lernt diese unbekannte Seite ihrer royalen Chefin  erst kennen, als ein junger Russe nach einer Abendgesellschaft auf Schloss Windsor tot aufgefunden wird - offenbar bei autoerotischen Spielchen am Kleiderschrank versehentlich erhängt. How embarrassing.

Beim näheren Hinsehen stellt sich allerdings heraus, dass ein Knoten eigentlich viel zu schwach war, um die Schlinge dermaßen zuzuziehen (im Original heißt das Buch passenderweise The Windsor Knot).  Hat der russische Geheimdienst die Finger im Spiel, wie schon einst im Fall Litvinenko und anderen? Ist womöglich ein "Schläfer" im Palast geparkt worden? Der neue MI 5-Chef  lässt alle Dienstboten überprüfen. Die Queen ist not amused, und Prinz Philipp flippt aus, als sein Kammerdiener zum Verhör bestellt wird. Verdammt impertinent, die Abläufe im Palast so durcheinander zu bringen und das loyale Personal mit Verdächtigungen zu überschütten!

Da muss halt die Queen ran, der der MI5-Direktor gehörig auf die königlichen Nerven geht, behandelt er sie doch wie eine alte Dame, die mit den modernen Zeiten nicht mehr mithalten kann und der man deshalb alles ganz langsam und ausführlich erklären muss. Ihre Majestät ist natürlich zu höflich, um etwas zu sagen, aber  leider darf der Geheimdienstchef nie erfahren, wie scharfsinnig die fast 90-jährige tatsächlich ist. 

Denn wenn die Queen ermittelt, dann ist das ganz diskret - etwa bei einer scheinbar gemütlichen Teestunde bei einer alten Freundin, zu der ein weiterer Gast kommt, der zufällig Experte für das russische Spionagewesen ist. Um diese konspirativen Treffen zu ermöglichen und zu organisieren, kommt Rozie ins Spiel. Sie erledigt gewissermaßen die Beinarbeit. Das Überbringen der Post und der Termine dient nun auch dem Austausch von Theorien und Informationen - wobei Rozie darauf achten muss, dass ihr unmittelbarer Chef nichts von ihren Extra-Einsätzen mitbekommt.

S.J. Bennett ist royal fan, so viel steht nach der Lektüre fest. Die Queen und ihr Hofstaat werden liebevoll gezeichnet, ein bißchen Augenzwinkern und Ironie gehört dazu, wenn der temperamentvolle Prinzgemahl etwa mal wieder herzhaft flucht oder wenn Corgies und Ponies wichtiger sind als fast alles andere. Wie die Queen es schafft, Hinweise zu sammeln und ganz diskret dafür zu sorgen, dass die offiziellen Ermittler doch noch auf diese Informationen stoßen, ist durchaus zum Schmunzeln. One is amused.


SJ Bennett, Das Windsor Komplott. Die Queen ermittelt

Knaur Droemer 2021

315 Seiten,  18 Euro

ISBN 978-3-426-22740-4