Friday, October 17, 2025

Party, Erpressung, Leichen

 Rosemary MacLaine, 76 Jahre alt, hat einen eher herben Charme. Gefühle ausdrücken, das ist nicht so ihr Ding, dazu ist sie zu sehr eine alte Yankee-Dame. Dafür kann sie mit einem Schneemobil umgehen - praktisch, wenn man auf einer Insel in den Großen Seen lebt, wo eisige Winter garantiert sind. Das eher zurückgezogene Rentnerdasein wird jäh gestört, als eine Nachbarin zur Party ins feudale Herrenhaus einlädt - mit dem Hinweis, dass Rosie besser kommt. Andernfalls werde ihr gut gehütetes Geheimnis ans Licht kommen.

Soweit die Ausgangslage von "Die Einladung. Mord nur für geladene Gäste" von Kelly Mullen. Rosemary weiß - vor dieser Einladung kann sie sich nicht drücken. Sie kommt allerdings mit Rückendeckung in Form ihrer Enkelin Addie, als Spieleerfinderin rätselerprobt. Eine wichtige Eigenschaft, wie sich schon bald zeigen wird. Denn die etwas dahindümpelnde Party geht auf die Mitternachtsdrinks zu, als es dramatisch wird: Eine Leiche wurde gefunden - und dabei handelt es sich um die Gastgeberin. Opfer eines anderen, eher gewaltbereiten Erpressungsopfers? Oder Opfer einer tödlichen Intrige?

Rosie und Addie machen es sich zur Aufgabe, den Täter oder die Täterin zu finden. Nicht jeder ist davon begeistert, denn im Rahmen ihrer Ermittlungen stoßen sie bei den teils illustren, teils exzentrischen, immer aber potentiell verdächtigen Gästen auf manche bisher erfolgreich verborgene Peinlichkeit und potenzielle Motive.  Die Zahl der Verdächtigen schrumpft, denn es bleibt nicht bei einem Mord. Dann fällt auch noch der Strom aus, die Partygäste sind im Haus eingeschlossen, einem Haus, das selbst so manches Geheimnis besitzt.

Mullens Cozy-Krimi mit ihren mitunter naiv-unbedarften Ermittlerinnen im winterlichen Locked Room-Setting ist ein unterhaltsamer Rätselspaß. Das erinnert ein bißchen an Miss Marple und Agatha Cristie, auch in der manchmal etwas betulichen Erzählweise. Sicher kein Buch für Leser*innen, die knallharte Spannung oder einen Plot im Noir-Stil bevorzugen. Wer einen klassischen Whudunit ohne viel Blutvergießen mag, wird zufrieden sein.


Kelly Mullen, Die Einladung - Mord nur für geladene Gäste

Rororo 2025

400 Seiten, 14 Euro

9783499016400

Monday, October 13, 2025

Der Donnerstagsmordclub hat keine Zeit für Ruhestand

 Andere Senioren mögen Kreuzworträtsel lösen und Gedächtnistraining machen - das Quartett des Donnerstagsmordclub betätigt sich statt dessen als Codeknacker in Richard Osman´s "Der Donnerstagsmordclub und der unlösbare Code." Von Ruhestand kann bei den mittlerweile immerhin über 80-Jährigen trotz scheinbar beschaulicher Seniorenresidenz wirklich keine Rede sein. Dabei hatte ich schon befürchtet, der vierte Band könnte so eine Art Schwanengesang sein.

Doch weit gefehlt - auch wenn das Alter und seine Einschränkungen durchaus zu Einschränkungen führen und der Gedanke an die eigene Endlichkeit nie ganz weg - Joyce, Elisabeth, Ibrahim und Ron stellen sich auch weiter den Herausforderungen. 

Im Fall von Joyce: Die Hochzeit ihrer Tochter. Endlich! Und sogar mit einem ausnehmend sympathischen Schwiegersohn! Im Fall von Ron: Seinen Schwiegersohn hat er ja noch nie sonderlich gemocht. Aber dass die Ehe seiner Tochter mit einem koksenden Kriminellen von Gewalt geprägt ist, das hat er nicht geahnt. Auch steife Gelenke und schmerzende Knie werden ihn nicht davon abhalten, für Gerechtigkeit zu sorgen!

Was Ibrahim angeht, der führt mit Drogenhändlerin Connie sein ganz persönliches Resozialisierungsprojekt durch, während Elisabeth nach wie vor um ihren toten Ehemann trauert. Kein Mord also? Weit gefehlt, als der Trauzeuge von Joyce´s Schwiegersohn spurlos verschwindet, ein Auto explodiert und ziemlich viele Menschen hinter einem Zettel für Kryptowährung her sind. Der befindet sich in einem Schließfach, das durch einen Code geschützt ist - und schnell ahnen die vier Hobby-Ermittler, dass der Code womöglich auch mit dem verschwundenen Trauzeugen zusammenhängt. 

Doch wo in diesem Fall die Guten und wo die Bösen sind, ist den Clubmitgliedern diesmal lange nicht ganz klar. Hilfe gibt es von zwei gewitzten Teenagern. Damit funktioniert der Cozy Crime mit bewährtem britischen Humor auch generationsübergreifend. Und wichtiger als alles andere ist, dass das Seniorenquartett sich gegenseitig (unter-)stützt und hilft - bei den Ermittlungen ebenso wie in Alltagskrisen. Obwohl oder vielleicht auch gerade wegen ihrer so unterschiedlichen Temperamente und Persönlichkeiten. Mögen sie einander - und den Lesern Osmans - noch lange erhalten bleiben!


Richard Osman, Der Donnerstagsmordclub und der unlösbare Code

List 2025

448 Seiten, 17,99 Euro

9783471360651

Sunday, October 12, 2025

Der tote Weihnachtsmann in der Uckermark

 Noch verfärben sich die Blätter, doch bei Altkanzlerin Miss Merkel in der Uckermark weihnachtet es sehr. Und natürlich gibt es, wenn David Safier die Ex-Kanzlerin samt Entourage ermitteln lässt, schon bald die erste Leiche: Ein toter Weihnachtsmann steckt im Kamin der Merkels fest. Was diese erst im neuen Jahr bemerkt hätten, wenn sie ihren Weihnachtsurlaub bei den Obamas auf Hawaii nicht vorzeitig abgebrochen hätten.  Dass die beiden weder im Whirlpool noch in der Strandvilla so gar nicht die Hände voneinander lassen können, hat die Gäste ebenso genervt wie makrobiotische Gemüseshakes. Bodyguard Mike wiederum litt unter der Häme der Secret Service Beamten, die über seinen Bauchansatz lästerten. Nein, dann doch lieber die Gemütlichkeit der Uckermark mit Weihnachtsplätzchen ohne Schuldgefühlen!

Auch in besinnlicher Weihnachtsatmosphäre lässt sich Hobby-Ermittlerin Merkel nicht vom wesentlichen Ablenken, nämlich der Frage: Wer hat einen mörderischen Hass auf Weihnachtsmänner entwickelt? Oder ist es Konkurrenzdenken? Denn es gibt, wie sich schnell zeigt, vier konkurrierenden Weihnachtsmänner und -frauen, deren Zahl aber noch weiter hinuntergeht.

Safier hat seinen ersten Weihnachtskrimi "Mord unterm Weihnachtsbaum" in einer Länge von knapp 200 Seiten beziehungsweise knapp viereinhalb Stunden Hördauer geschrieben - mit gewohnt lockerer Hand, auch wenn manche Scherze allmählich etwas alt werden. Dabei fallen  auch ein paar Seitenhiebe auf die Welt der großen Politik eher harmlos denn bissig aus. Und natürlich herrscht trotz aller Leichen am Ende die erhoffte weihnachtliche Harmonie, das ist den Leser*innen der Serie klar. Fans von Miss Merkel werden sich dennoch über die Bescherung  freuen. 

David Safier, Mord unterm Weihnachtsbaum

Rowohlt 2025

192 Seiten, 16 Euro

9783463406886

Monday, August 11, 2025

Die Staatsanwältin und die grüne Leiche

 Evi Pflaum hat sich einen Herzenswunsch erfüllt. Nach Jahren in München ist die junge Staatsanwältin zurück in die fränkische Heimat gekehrt und verstärkt jetzt die Anklagebehörde in Bamberg, der Stadt mit den vielen Brauereien. Schaden genommen hat dabei allerdings ihre Beziehung - ihr Lebensgefährte, Anwalt in einer Wirtschaftskanzlei, der sich im Studium unsterblich in Evi verliebt hatte, findet die Liebe nun doch nicht wert, als Fernbeziehung am Leben gehalten zu werden. Jetzt ist Evi wieder ins alte Kinderzimmer auf dem Hof ihrer Eltern eingezogen und hofft, dass ihre hamsternde Mutter doch noch mal die Einliegerwohnnung frei räumt.

Auch Evis neuer Job bietet keinen sanften Einstieg in Carina Heers Cozy-Krimi "Das Bierkomplott": Ihr Vorgesetzter ist krank, deshalb bekommt es Evi gleich in ihrer ersten Arbeitswoche mit einem Mordfall zu tun. Die im Separee eines Puffs gefundene Leiche einer Prostituierten ist bizarrerweise mit grünem Flaum überzogen und riecht nach Malz. Also nicht gerade ein unkomplizierter Einstieg für die junge Staatsanwältin. Es gibt aber auch erfreuliches: Den grünäugigen Gerichtsmediziner nämlich, den sie beim ersten Zusammentreffen glatt für einen Kriminellen gehalten hat. Nachdem dieser Irrtum geklärt ist, muss Evi ihre romantischen Gedanken nicht mehr bremsen.

Wenn "Das Bierkomplott" leicht versaut ist, liegt das allerdings nicht an heißen Sexszenen, sondern an Rosi, der Sau, die gleich auf den ersten Buchseiten geschlachtet wird. Anders als ihre vegane (und mit dem örtlichen Schlachter verheiratete) Schwester liebt Evi nämlich Schlachterplatte, Leberwurst, Pressack und all die anderen fleischlichen Schweinereien, in die Rosi und ihre Artgenossen verarbeitet werden können. Ihre Ermittlungen hingegen werden durch regelmäßiger Alkoholabstürze mit ihrer besten Freundin erschwert. Kerw hier, Junggesellinnenabend da. Vergesst das P1, das dörfliche Nachtleben kann heftig sein. Und Aktenstudium mit Kater - oder Flirts mit einem gewissen Gerichtsmediziner mit Asbachfahne - sind auch nicht gerade einfach.

Auch wenn mir beim Lesen das "frrrrengisch" rollende R im Kopf rumschwebte - dieses Buch würde ich gerne als Hörbuch und entsprechender Dialektfärbung genießen. Aber auch so konnte ich mir Evis Abenteuer zwischen Dorf und Bamberger Behörde lebhaft vorstellen. Besonders blutig ist es genrekonform nicht und das Buch hat mehr mit einer romantic comedy als mit einem Krimi gemeinsam. Wie es auszugehen hat, ist deshalb frühzeitig klar. Am Lesespaß ändert das aber nichts. Dieser gute Laune-Cozy hat die Erwartungen erfüllt.

Carina Heer, Das Bierkomplott

Gutkond Verlag 2025

336 Seiten, 16 Euro

9783989411081

Unverhofft Brautjungfer

 Phoebe, als Literaturprofessorin mäßig erfolgreich, wegen dem Scheitern ihrer Ehe und ihrer unfreiwilligen Kinderlosigkeit depressiv, hatte eigentlich feste Pläne, als sie sich in einem stilvollen Luxushotel an der Küste Neuenglands für eine Nacht einbucht: Hier will sie ihrem Leben ein Ende setzen. Doch es kommt ganz anders in Alison Espachs "Wedding people", einer RomCom mit mehr Tiefgang, als sie das Genre üblicherweise bietet.

Denn Phoebe platzt in eine siebentägige Hochzeit - als einziger Gast des Resorts, der nichts mit der Hochzeit zu tun hat. Was zunächst niemandem auffällt. Doch Braut Lilly, hübsch, reich und eher oberflächlich, reagiert bei einem zufälligen Zusammentreffen, auf dem Phoebe genervt mit ihren Suizid-Plänen herausplatzt, pikiert: Was Phoebe denn einfalle, ihre Traumhochzeit zu ruinieren!

Tatsächlich setzt Phoebe ihren Plan erst mal nicht um - und avanciert zur eigenen Überraschung zur Brautjungfer. Dann stellt sie fest, dass der Mann, mit dem sie am Abend des geplanten Selbstmords geflirtet und sich über Depressionen ausgetauscht hat, ausgerechnet der Bräutigam ist. Je mehr Zeit sie mit der Hochzeitsgesellschaft verbringt, desto mehr zeigt sich, dass viele in der Gruppe selbst Tod und Trauer mit sich herumschleppen: Der Bräutigam, ein Witwer und nun alleinerziehender Vater, behandelte Lillys krebskranken Vater, der dann allerdings doch nach kurzer Zeit starb. War es die jeweilige Verlusterfahrung, die das Paar zusammenschmiedete? Denn Persönlichkeit und Interessen der beiden sind sehr unterschiedlich.

Je mehr Phoebe in die Hochzeitsvorbereitungen involviert wird, um so mehr stellt sie fest, dass sie in ihrem Leben immer noch Weichen stellen kann, dass die Reichen auch so ihre Probleme haben und dass ihre Schreibblockade nicht allein auf ihre Dissertation beschränkt ist, sondern sich auch auf ihre Rede auf die Braut auswirkt.

Klar, dass es Verwirrungen und Irrungen gibt auf dieser Hochzeit und ein Happy-End genremäßig unausweichlich ist. Auch wenn Leser*innen früh klar ist, in welche Richrung sich die Handlung entwickelt, ist "Wedding people" nett und angenehm zu lesen und bietet Charaktere, die nicht allzu klischeehaft daherkommen.

Alison Espach, Wedding people

Lübbe 2025

480 Seiten, 24 Euro

9783757701291

Wednesday, July 30, 2025

Ein Netz von Lügen und Manipulationen

  Mehr als ein Lügengebäude wird in dem Thriller "Eine falsche Lüge" von Sophie Stava errichtet, und so ziemlich jeder ihrer Protagonisten hat verborgene Motive und einige fragwürdige Charaktereigenschaften. Zum Beispiel die Lügerei, die Sloane längst zur Gewohnheit geworden ist. Schon als Kind, wenn ihre alleinerziehende Mutter und sie wegen Schulden mal wieder ganz schnell den Wohnort wechseln mussten, erfand sie vor ihren neuen Mitschülerinnen ein sehr viel glamouröseres Leben als Grund für den Umzug. 

Ihre Orientierung an wohlhabenderen Vorbildern hat sie nicht nur den letzten Job gekostet, sondern sie auch in echte Schwierigkeiten gebracht. Dann lernt sie scheinbar zufällig den gutaussehenden und wohlhabenden Jay Lockhart und seine kleine Tochter in einem Park kennen. Sloane erfindet eine ganz neue Identität und schafft es tatsächlich, als Kindermädchen der Familie eingestellt zu werden.

Jays Frau Violet ist es gar nicht unrecht, dass Sloane ihren Stil nachahmt, ihre Frisur, gar die Haarfarbe ändert. Denn auch sie erzählt dem Kindermädchen, zu dem bald ein freundschaftliches Verhältnis besteht, nicht die Wahrheit und hat eigene Pläne, die im Sommerurlaub in den Hamptons eskalieren. Lügen, so ahnen die Leser*innen bald, haben nicht nur kurze Beine. Sie haben auch das Potential, tödlich zu sein. Fragt sich nur: Für wen? Und wer manipuliert hier wen am besten?

Die Autorin schafft es, mit genau dieser Frage die  Spannung immer weiter anzuheizen und für unerwartete Wendungen zu sorgen. Denn schnell wird klar, dass die drei Erwachsenen einander umkreisen und jeder besondere Absichten hat. Der Schein des perfekten, schönen Ehepaars trügt ebenso wie die Legende, die Sloane sich für ihre neuen Arbeitgeber zurechtgelegt hat. Dabei sorgt die Autorin mit gezielt eingesetzten Informationshäppchen dafür, dass die Leser*innen einen kleinen Informationsvorsprung erhalten, dabei aber das Warten auf  die Auflösung des Plots die Spannung anheizt. Dieser Thriller ist nicht blutig, sondern lebt vom Element der Täuschung und des falschen Scheins. 

Die Charaktere sind keineswegs völlig sympathisch oder laden zur Identifizierung ein. Doch gerade wegen ihrer Schwächen wirken sie menschlich. Ein überzeugender Plot und eine flüssige Schreibweise  sorgen hier für spannendes Lesevergnügen.


Sophie Stava, Eine Lüge zuviel

S. Fischer 2025

416 Seiten, 17 Euro

9783596711697



Monday, July 14, 2025

Mutter-Tochter-Konflikt auf der entlegensten Insel der Welt

 Um eine seit Jahren komplizierte Mutter-Tochter-Beziehung aufzuarbeiten, ist eine kleine Insel womöglich nicht der ideale Ort. Schon gar nicht, wenn es sich um die entlegenste Insel der Welt handelt, wie in "Entscheidungen auf Tuga" von Francesca Segal. Im vergangenen Jahr habe ich mich erstmals von der Autorin auf die Insel Tuga entführen lassen, um der introvertierten Forscherin Charlotte Walker zu folgen bei ihren Irrungen und Wirrungen beruflicher wie emotionaler Art. 

Inzwischen ist Charlotte seit mehr als einem Jahr auf Tuga und erforscht nicht nur die seltenen Goldmünzenschildkröten, die es nur auf Tuga gibt, als provisorische Insel-Tierärztin ist sie auch für Kühe, Schweine und Esel zuständig.Und auch ihre Beziehung zu Levi Mendoza, erst Vermieter, jetzt Liebhaber, läuft gut. Bis mitten in der Sturmsaison, in der keine Schiffe auf Tuga anlegen, der Notruf einer Yacht aufläuft und das örtliche Rettungsteam ausrückt. Und zurückkommt mit einer resoluten und so gar nicht kranken Frau, die sich zu Charlottes Entsetzen als ihre Mutter entpuppt.

Lucinda Compton-Neville ist so gar nicht introvertiert, sondern eine resolute und selbstbewusste Kronanwältin, entschlossen, ihre einzige Tochter dem aus ihrer Sicht primitiven Inselleben zu entreißen. Damit bringt sie nicht nur Charlottes Leben durcheinander, sondern sorgt auch auf der Insel für manche Verwerfung. Werden die beiden ungleichen Frauen doch noch zueinander finden oder sich entgültig entzweien? Wird sich Charlotte gegenüber ihrer Mutter durchsetzen - und was will sie überhaupt? Während Levi plötzlich andere amoureuse Interessen entwickelt, fragt sich Charlotte, welchen Sinn ein Verbleib auf Tuga hat - vor allem, da ihr Forschungsstipendium ausläuft. Heißt ihre Zukunft doch London?

Daneben gibt es in "Entscheidungen auf Tuga" ein Wiedersehen mit vielen der liebenswerten und teils exzentrischen Insulaner und ihres ganz besonderen, gewissermaßen basisdemokratischen Gemeinwesens. Segal schildert Tuga und seine Bewohner auf eine liebenswerte und warmherzige Art. Es macht Spaß, sich auf diese fiktive Insel entführen zu lassen, auch wenn sich am Ende ernstere Töne abzeichnen. Bleibt die Frage: Ist damit bereits alles gesagt zu Charlotte und ihrem Inselleben?


Francesca Segal, Entscheidungen auf Tuga

Kein und Aber 2025

416 Seiten, 25 Euro

9783036950778

Saturday, July 5, 2025

Auftragsmord statt Ehetherapie

 Geld oder Liebe, das ist gewissermaßen das Motto in Sue Hincenbergs Cozy-Krimi "Very bad widows", wobei: sehr weit her ist es ja nicht mehr mit der Liebe in den Ehen von Pam, Nancy und Shalisa. Die vierte Freundin im Bunde, Marlene, ist frisch verwitwet und seitdem unternehmungslustiger denn je. Zudem kann sie sich mit dem Geld aus der Lebensversicherung ihres Mannes einen Lebensabend im sonnigen Florida gönnen. 

Beneidenswert, vor allem, da sich die Frauen seit einigen Jahren schwer einschränken müssen. Denn Pams Ehemann hatte sich bei einer Investition gründlich verspekuliert, und dabei auch die anderen drei befreundeten Paare, die seinem Finanzratschlag gefolgt waren, in die Geldknappheit gestoßen. Die Freundschaft hatte den finanziellen Niedergang überstanden, in den Ehen herrschte seitdem allerdings deutliche Abkühlung.

Marlenes neues Leben führt das Ehefrauen-Trio auf unschöne Gedanken: Haben nicht auch die eigenen Gatten eine hohe Lebensversicherung abgeschlossen? Und könnte man nicht, mit ein bißchen Nachhilfe, in den Status der wohlhabenden Witwe aufrücken? Selbst Hand anlegen wollen die Frauen nicht, doch der salvadorianische Herrenfriseur Hector, so wird gemunkelt, ist in Sachen Auftragsmord nicht unerfahren...

Was Pam, Nancy und Shalisa nicht wissen können: Ihre Ehemänner sind selbst bereits Kunden bei Hector. Sie gehen nämlich davon aus, dass das Garagentor, das auf dem Kopf ihres kürzlich verstorbenen Freundes niedergegangen ist, nicht zufällig dort gelandet war. Denn zusammen mit Marlenes verstorbenen Gatten hatten die Männer geplant, durch jahrelange Manipulation der Automaten in dem Casino, in dem zwei von ihnen arbeiteten, wieder zu Geld zu kommen. Das Projekt stand schon kurz vor dem Abschluss, mit neun Millionen Dollar auf Offshorekonten. Geld, das vielleicht auch wieder zu mehr Leben in den jeweiligen Ehen führen könnte. Doch kürzlich wurde das Casino von einer indischen Holding mit Verbindungen ins organisierte Verbrechen übernommen. Die Männer sind sicher: Man ist ihnen bereits auf der Spur. Also soll Hector ihre mutmaßlichen Killer außer Gefecht setzen.

Dieses Szenario ist lediglich der Ausgangspunkt - es wird noch wesentlich turbulenter zwischen verletzter Liebe, Reue und Wut. Eine Ehetherapie wäre womöglich nützlicher gewesen, auch wenn sie die Geldprobleme nicht gelöst hätte. Dann aber wäre Hincenbergs Buch bei weitem nicht so kurzweilig. Auch wenn die Ehedramen öfter ein wenig überzeichnet sind,  ist "Very bad widows" ausgesprochen unterhaltsam. 


Sue Hincenbergs, Very bad widows

Piper 2025

384 Seiten, 17 Euro

9783492065474



Wednesday, May 28, 2025

Der Niedergang des Hauses Coker

 Es ist das Jahr 1926, die Erinnerung an den Ersten Weltkrieg und das Sterben in den Schützengräben Flanderns ist noch frisch. Doch in den Clubs von Soho wird gekokst, getanzt und amüsiert, als gäbe es kein Morgen. Halbwelt mischt sich mit Geldadel und Aristokratie, Pelz mit Pailletten. Hier ist Nellie Coker, frisch aus dem Gefängnis entlassen, die Königin der Clubs. Sechs Nachtklubs gehören zu ihrem Soho-Imperium, doch in der Abwesenheit der Matriarchin haben sich Konkurrenten bereits in Aufstellung gebracht. Eine feindliche Übernahme droht, und vielleicht der Untergang des Hauses Coker - denn Nelies sechs Kinder mischen zwar bereits im Geschäft mit, können aber größtenteils nicht mit dem Geschäftssinn und den eisernen Ellbogen ihrer Mutter mithalten.

Das ist die Szenerie in Kate Atkinsons historischem Roman "Nacht über Soho", der die glitzernden 1920-er Jahre zum Leben erweckt. Wäre es ein Berlin-Roman der gleichen Zeit, würde vielleicht noir-Stimmung dominieren, doch Atkinson erzählt auch Ernstes mit leichter Hand, einem gewissen Understatement und einer Prise Ironie. Britannia Cool statt deutscher Schwere gewissermaßen.

Kontrahenten hat Nellie Choker nicht nur in der Halb- und Unterwelt. Scotland Yard Detective Frobisher will ihr das Handwerk legen, gleichzeitig aber auch den Korruptionssumpf des örtlichen Polizeireviers trocken legen. Unerwartete Hilfe erhält er von einer Bibliothekarin aus York, die in die Großstadt gekommen ist, um zwei 14-jährige Ausreißerinnen zu finden, die von Bühnenruhm träumen und nur allzu schnell die Schattenseiten der Glitzermetropole kennenlernen. Dass die unscheinbare Bibliothekarin aus der Provinz nicht zu unterschätzen ist, stellt auch Cokers ältester Sohn schnell fest. Die junge Frau, die als Krankenschwester das Sterben im Ersten Weltkrieg miterlebte, hat eiserne Nerven und kann Krisensituationen bestens meistern. 

Auch wenn es um verschiedene Verbrechen geht, ist "Nacht über Soho" eher Gesellschaftsroman und Porträt einer Ära als ein Kriminalroman. Die Clubs von Soho sind ein Ort von Selbstdarstellung und Lebenslust, aber auch eine Scheinwelt verlorener Illusionen und brutaler Gier. Spannende Unterhaltung ist hier mit überzeugendem Zeitkolorit kombiniert.


Kate Atkinson, Nacht über Soho

Dumont 2025

528 Seiten, 25 Euro

9783755800156

Thursday, May 15, 2025

Das Schicksal steht in den Sternen - oder doch nicht?

 Von Hegel, Kant oder Schopenhauer hat sich Carla Mittmann seit ihrem Philosophiestudium weit entfernt. Statt akademischer Weihen und Kritik der reinen Vernunft bestimmt die Abwicklung von Möbelbestellungen für Behörden ihr Dasein. Akademisches Prekariat eben, Leser*innen mit einem geisteswissenschaftlichem Abschluss werden bei der Lektüre von Katja Kullmanns Roman "Stars" wissend nicken, jedenfalls wenn ihr Studium ebenfalls in eine Zeit viel, in der auf dem Arbeitsmarkt nicht verzweifelt nach jungen Menschen gesucht wurde.

Die Horoskop-Webseite, die Carla betreibt, ist ein Überbleibsel eines Studienprojekts, eine on-off-Sache und kleiner Nebenverdienst. Sie hat sich eingerichtet in einem Alltag, der ausgesprochen unspektakulär ist. Für ihren Job ist sie überqualifiziert, aber immerhin, die Kolleginnen sind nett. Und den rechten Schwung für Veränderungen hat sie eh nicht, bis es zu einem nächtlichen Zwischenfall vor ihrer Zweizimmerwohnung in bescheidener Nachbarschaft kommt: Ein Stein fliegt durch ihr Schlafzimmerfenster, auf den Bürgersteig wurde die Botschaft "Freiheit für Carla Mittmann" gesprüht und vor ihrer Wohnungstür ist ein Karton mit 10.000 Dollar.

Carla weiß nicht, was sie davon halten soll, doch sie beschließt, etwas an ihrem Leben zu ändern. Sie sorgt für ein neues Branding ihrer Horoskopseite, präsentiert sich als Astrophilosophin mit internationaler Erfahrung, kündigt den Job im Möbelhaus. Und siehe da: Mit einer gut vernetzten High Society-Klientin nimmt ihr Astro-Service Fahrt auf. Clara erzielt Einnahmen, von denen sie nicht zu träumen gewagt hätte. Per aspera ad astra, gewissermaßen. Fernsehsendungen, Zeitschriftenartikel und ein wachsender Kundenkreis - und mittendrin Clara zwischen Selbstzweifeln und neuen Überzeugungen. Ist sie eigentlich ein Art Hochstaplerin, oder haben die Sterne ihr tatsächlich etwas zu sagen? Ist ihr das Schicksal samt vergleichsweise spätem Erfolg  durch die Sterne vorbestimmt gewesen?

Kullmann erzählt locker und folgt dem Aufstieg ihrer Protagonistin, die als Ich-Erzählerin durch das Geschehen führt, mit Humor und einem Schuss Ironie. Die Pointe am Schluss sorgt dann noch einmal für einen gelungenen Abschlusspunkt.

Für Leser*innen, die Katja Kullmanns Sachbücher kennen, ist "Stars" sicherlich überraschend und ganz anders als ihre Bücher über Feminismus, Frauenrollen und Gesellschaft. Die Unterhaltung ist aber auch hier mit klugen Beobachtungen gewürzt.


Katja Kullmann, Stars

Hanser 2025

256 Seiten, 24 Euro

9783446282469

Wednesday, May 14, 2025

Diplomatengattin auf Irrwegen

 "Teddy" von Emily Dunlay ist eine Zeitreise in die Gesellschaft der frühen 60-er Jahre, als die Lebenswirklichkeit von Frauen noch eine ganz andere war. Teddy, 34 Jahre alt und Tochter einer reichen texanischen Familie mit Verbindungen in die Politik, kommt als frischgebackene Diplomatengattin nach Rom, in der Hoffnung auf Glamour und reiches gesellschaftliches Leben, gleichzeitig aber auch voller Ängste und Unsicherheiten.

Der Verlag verspricht im Klappentext eine "unvergessliche Heldin mit hohem Identifikationspotential" - da muss ich passen. Zwar kann ich durchaus ein gewisses Mitleid mit dem "poor rich girl" empfinden, das mit Mitte 30 noch immer keine Rolle für sich gefunden hat und ziemlich orientierungslos durchs Leben taumelt. 

Andererseits: mit so viel Privileg geboren und aufgewachsen und nichts daraus gemacht? Identifikationspotential sehe ich hier überhaupt nicht, im Gegenteil: Teddy ist eine Frau voller Oberflächlichkeiten und Konsumzwänge, gibt das Geld mit vollen Händen aus, ohne jemals eine Ahnung bekommen zu haben, wie schwer es zu verdienen ist und wirft Psychopillen ein wie eine Weltmeisterin. Nein, mit Teddy kann ich einfach nicht warm werden.

Das ändert aber nichts daran, dass Dunlay die römische Diplomatengesellschaft mit leichter Hand und gut lesbarem Stil skizziert, während sie gleichzeitig einen Spannungsbogen aufrechterhält. Schon früh lässt sich ahnen: Teddy hat sich in Schwierigkeiten gebracht, mal wieder. Falsche Freunde, falsches Verhalten ohne großes Nachdenken. Sie weiß sich einfach nicht zu helfen. 

Gegen Ende des Buches sorgt Dunlay allerdings für einen Aha- und Überraschungseffekt, der noch einmal für einen ganz neuen Dreh sorgt. Hier gewinnt der Roman, der vorher an Teddys Seite häufig zu seicht vor sich hinplätscherte. Als Gesellschaftsroman einer Zeit, in der Frauen vor allem schöne Dekoration zu sein hatten, lässt sich "Teddy" jedenfalls als Urlaubslektüre empfehlen.

Emily Dunlay, Teddy

Rowohlt 2025

384 Seiten, 24 Euro

9783463000596

Sunday, May 4, 2025

Hamlet im Altersheim

  Es gibt mehr Dinge im Altersheim, als auf den Tod zu warten - jedenfalls für Yogalehrerin Katja, den Impresario Friedhelm und die übrigen Mitglieder einer leicht exzentrischen Seniorengruppe, die sich zusammengeschlossen hat, um "Hamlet" auf die Bühne ihres Seniorenheims zu bringen. Es ist eine recht unterschiedlich zusammengewürfelte Truppe, die in Ida Tannerts Cozy-Krimi "Crime im Heim" zusammenkommt: Die verwitwete Gräfin, die Hunde lieber mag als Menschen und nicht nur eine eindrucksvolle Waffensammlung mit ins Heim genommen hat, sondern auch weiß, wie man Schlösser knackt. Der Zahnarzt, der im Innern immer noch ein Rebell a la James Dean ist und eine Vorliebe für Heavy Metal hat. Der reimende Lehrer, der Vogelfreund mit empfindlichem Darm und Rollator, der sensible Ex-Bauer Hans, der spanische Lyrik liebt und der Anarchist, trotz Arthritis und Diabetes immer noch im  Herzen Revolutionär und als Neuzugang im Heim Auslöser einiger Ereignisse, die erst im Laufe der Handlung aufgeklärt werden.

Am Anfang jedoch steht ein Mord am Mops einer Heimbewohnerin. Zwar konnte kaum jemand außer der Besitzerin das bissige kleine Vieh leiden - aber Schüsse im Park der Senioren, das geht nun wirklich nicht.  Als dann auch noch eine menschliche Leiche auftaucht, fühlen sich die Senioren zwar leicht überfordert, nehmen aber die Herausforderung an, auch diesem Geheimnis auf die Spur zu kommen. Gar nicht so einfach, wenn die bevormundende Heimleiterin versucht, die Aktivitäten ihrer Schützlinge zu kontrollieren. 

Während die einen mit Feuereifer als Hobby-Detektive loslegen, ist nur Friedhelm verzweifelt: Wird sein Hamlet je zur Aufführung kommen? Oder lassen sich die unorthodoxen Ermittlungen gewissermaßen als method acting verwerten? Der humorvoll geschriebene Cozy erinnert ein wenig als Richard Osmans Donnerstag-Mordclub, der trotz altersbedingter Einschränkungen gar nicht daran denkt, im seniorengerechten Relaxsessel dahinzudämmern. Dass nicht alle so rüstig und aktiv sind wie die Schauspielgruppe, wird ebenfalls nicht verschwiegen. Altwerden ist kein reines Vergnügen. Dieses Buch allerdings schon.


Ida Tannert, Crime im Heim

Dumont 2025

230 Seiten, 17 Euro

9783832167226

Thursday, April 24, 2025

Köstlich-Schräge Ermittlerinnen in Südstaaten-Kleinstadt

 Nachdem ich im vergangenen Jahr eher zufällig auf den ersten Band der "Miss Fortune"-Reihe von Jana de Leon gestoßen bin, war mir klar, dass "Vollgas und Verbrechen" als einer der Folgebände ein Lese-Muss ist. Man muss die Vorgeschichte der schrägen Reihe aus einer Kleinstadt in Louisiana nicht kennen, um in die Handlung reinzukommen. CIA-Agentin Fortune musste abtauchen, solange ein von ihr enttarnter Waffenhändler weiter auf freiem Fuß ist und mit Auftragskillern nach ihr suchen lässt. Dass sie dazu die Rolle einer Ex-Schönheitskönigin und Bibliothekarin in einer Kleinstadt annehmen muss, in der die Zeit in den 1950-er Jahren stehen geblieben ist - damit haderte die toughe Agentin im ersten Band gewaltig.

"Vollgas und Verbrechen" ist bereits Abenteuer Nummer zehn von Fortune und ihren Freundinnen Ida Belle und Gertie, die einerseits dem Klischee alter Südstaaten-Ladies entsprechen, andererseits aber eine abenteuerliche Vergangenheit und mancherlei geheime Talente haben. Der neue Fall des schrägen Trios ist persönlich, denn jemand hat versucht, Hot Rod umzubringen. Der Name klingt zwar nach Porno-Darsteller mit entsprechender Ausstattung, es handelt sich jedoch um einen Autohändler und -mechaniker mit gewissermaßen magischen Händen, der auch Ida Belles schwarzen SUV so getunt hat, dass sie im Geschwindigkeitsrausch durch den Bayou rasen kann.

Auf schwarze SUVs scheinen es auch der oder die Täter abgesehen zu haben. Ist Ida Belle in Gefahr? Und warum sind nur schwarze SUVs im Visier der Täter? Mit Hilfe eines befreundeten Mobsters gehen die drei Hobby-Ermittlerinnen Hinweisen nach und stoßen auf eine Spur, die sie mit gewohnt unorthodoxen Mitteln verfolgen.

"Vollgas und Verbrechen" ist ein ebenso rasanter wie amüsanter Cozy-Krimi, der vor allem durch die Exzentrik der Protagonistinnen besticht. Herrlich überzogen und daher gar nicht erst den Anspruch erhebend, irgendwelche Realitäten abbilden zu wollen, ist "Vollgas und Verbrechen" unterhaltend und dabei durchaus auch spannend.

Jana de Leon, Vollgas und Verbrechen

Second Chances Verlag 2025

288 Seiten, 14 Euro

9783989060685


  

Monday, April 14, 2025

Genossen im Cannabis-Business

  Vielleicht sollte man in der Zeit des Kalten Krieges aufgewachsen sein oder den real existierenden Sozialismus a la DDR selbst erlebt haben, um Jakob Heins Roman "Wie Grischa mit einer verwegenen Idee beinahe den Weltfrieden auslöste" richtig würdigen und genießen zu können. Aber auch nachgeborene Generationen dürften an der witzigen und unterhaltsamen alternativen Geschichtsschreibung deutsch-deutscher Verhältnisse in den 80-er Jahren Spaß haben.

Hein führt die Leser*innen zurück in die frühen 80-er Jahre. Helmut Kohl ist Bundeskanzler und setzt auf die geistig-moralische Wende, die Handlung spielt allerdings ganz überwiegend in der DDR. Grischa, linientreuer Kadersprössling, SED-Mitglied und für den Sozialismus brennend, ist aus der thüringischen Provinz nach Berlin gezogen, um seine erste Stelle anzutreten. Bei der Plako, der staatlichen Planungskommission! Der ehrgeizige junge Mann kann es gar nicht erwarten, so richtig loszulegen. Und erleidet erst einmal einen Realitätsschock: Der Jungaktivist der Abteilung für Afghanistan - wo zu diesem Zeitpunkt die sowjetische Invasion andauert - hat außer seinem Chef keine weiteren Kollegen, und die Arbeitsleistung der Abteilung ist sehr übersichtlich. Viel Zeit wird in der Kantine verbracht.

Doch Grischa will Völkerfreundschaft und Handelsaustausch dienen und hat nach ausgiebiger Recherche eine zündende Idee, von der er seine Vorgesetzten erst einmal überzeugen muss: Technik aus der DDR im Austausch gegen Medizinalhanf, das zusammen mit Schlafmohn zu den landwirtschaftlichen Erzeugnissen Afghanistans gehört. Und anders als in der BRD sei Cannabis in der DDR nicht gesetzlich verboten, schon allein, weil es dort keinen vorhandenen Markt gebe. Doch Grischa will ohnehin nicht die DDR-Jugend zum Kiffen verführen, sondern den Kapitalismus unterwandern: Mit Verkauf an die Westberliner Jugend gleich hinter dem Grenzkontrollpunkt, in einem deutsch-afghanischen Freundschaftsladen, lässt sich dem Klassenfeind eine Nase drehen und obendrein kriminelle Strukturen von Dealern unterwandern.

Nach einer Exkursion zum afghanischen Brudervolk - unter Aufsicht einer strengen Offizierin des MfS, versteht sich - und Produktprobe werden Grischas Pläne tatsächlich Realität - und spülen nach anfänglichen Anlaufproblemen schon bald reichlich Devisen in die Kassen der DDR.  Es dauert ein bißchen, bis die Westberliner und bundesdeutschen Behörden auf das Phänomen aufmerksam werden, das nicht nur rechtlichen, sondern auch politischen Sprengstoff verspricht. Denn bundesdeutsche Kontrollmaßnahmen liefen womöglich auf eine de facto-Anerkennung der Grenze hinaus, die es nicht geben darf.

Derweil hat eine junge, ehrgeizige und in einem  Bonner Ministerium gelangweilte Rechtsreferendarin eine Idee, wie mit dem Rauschgifthandel am Grenzkontrollpunkt umgegangen werden sollte. Ein fast schon konspiratives deutsch-deutsches Treffen in Bayern wird zur Verhandlung über das Afghanistan-Projekt, bei der sich beide Seiten gegenseitig belauern und natürlich bespitzeln. Dennoch kommt es zu einer unerwarteten deutsch-deutschen Annäherung und einem Ausgang, der Grischa Lob von höchster Stelle und die Auszeichnung als "Held der Arbeit" einbringt. Auch wenn er sich sein völkerverbindendes Agrarprojekt so nun wirklich nicht vorgestellt hat. Doch mit einem geradezu märchenhaften Ausgang schafft es Hein, für die Protagonisten des Plako-Teams ein buchstäbliches happy end zu finden.  

Ähnlich wie in "Good bye Lenin" sorgt dieses Buch für viele heitere Momente, gerade weil die aberwitzige Handlung mit DDR-Sprech und Beamten-Slang begleitet wird. Schon allein das konspirative Bayern-Treffen mit Geheimdienstlern beider Seiten ist ein kleines Juwel.  Ich habe mich beim Lesen großartig unterhalten.


Jakob Hein, Wie Grischa mit einer verwegenen Idee beinahe den Weltfrieden auslöste

Kiepenheuer & Witsch 2025

256 Seiten, 23 Euro

9783869713168

Wednesday, March 26, 2025

Birder als Hobby-Detektive

 Vogelbeobachter - auf neudeutsch birder - stehen ja wegen ihres Hobbys im Ruf, womöglich ein bißchen kauzig zu sein. In Anna Täubers Cozy-Krimi "Schräge Vögel" trifft das weitgehend zu. Altphilologin Katja ist zwar durchorganisiert und hat jederzeit ein passendes lateinisches Zitat parat, aber Sozialkompetenz gehört nicht zu ihren Stärken. Ist es da ein Wunder, dass ihre beste Freundin ein Huhn ist? Der grummelige Rentner Harald, einst Forensiker, hadert ganz generell mit der modernen Zeit und ist ein ziemlicher Messie.Sabine dagegen überfordert die  übrigen Birder in bayrischen Traunstein mitunter mit ihrer mütterlichen Art, obwohl sie mit einer pflegebedürftigen Mutter und einem pubertierenden Sohn schon ziemlich ausgelastet ist. Thilo, der jüngste im Bunde, ist unter die Birder gegangen, weil er hofft, so das Interesse einer klimabewegten jungen Frau zu gewinnen, in die er sich aus der Ferne verknallt hat. 

Und dann ist da noch Frank, über den weder die anderen Birder noch die Leser*innen erst einmal viel wissen. Frank ist nämlich tot, die Hobby-Ornithologen finden seine Leiche unweit eines Braunkehlchen-Nestes. Unfall, schlussfolgert der Polizist, der den Fall aufnimmt. Der Mann ist offenbar von einem Baum gefallen und hat sich unglücklich den Schädel verletzt.

Für die übrigen Hobby-Ornithologen hingegen ist dieses Szenario undenkbar. Im Baum war ein Nest, niemals hätte Frank das Brutpaar gestört, indem er auf den Baum klettern würde. Und auch den seltenen Braunkehlchen wäre er als gewissenhafter Birder nie so dicht an die Federn gerückt. Nein, mit diesem Todesfall stimmt etwas nicht. Der Verdacht erhärtet sich, als die vier erfahren, dass Frank Staatsanwalt war und gerade einen großen Fall um Hehlerei, Einbruchdiebstahl und Mord bearbeitete. Doch auch in seinem Privatleben gibt es mögliche Tatmotive. So unterschiedlich die vier verbliebenen Birder auch sind: Nun müssen sie sich als Hobbydetektive zusammenraufen und angesichts der vor ihnen stehenden Aufgaben öfter über den eigenen Schatten springen.

Täuber setzt in "Schräge Vögel" mehr auf Humor als auf Spannug, mehr auf skurrile Protagonisten als auf durchgehende Logik. Das Buch lebt von den sehr unterschiedlichen Charakteren, die an neuen Aufgaben wachsen und sich auch menschlich weiterentwickeln. Trotz mancher Übertreibung vergnüglich zu lesen. Dass jedes Kapitel mit einem Vogelsprichwort beginnt, ist da nur logisch.

Anna Täuber, schräge Vögel

Fischer Scherz 2025

448 Seiten, 17 Euro

9783651001374


Monday, March 24, 2025

Bloggerin in Ängsten

  Bodo Völxen von der Kriminalpolizei Hannover hatte schon bessere Tage gesehen in Susanne Mischkes Hannover-Krimi "Alle sehen dich": Er muss auf seine beiden Lieblingskolleginnen verzichten - die eine wechselte nach ihrer Heimat mit einem Revierkollegen zum LKA, die andere zieht der Liebe wegen nach Südfrankreich. Statt dessen hat er Ärger mit seinem Kollegen Raukel, der aus missverstandener Ritterlichkeit eine Kneipenschlägerei anzettelte und erst mal suspendiert ist. Und dann ist da noch Charlotte Engelhorst, Garten- und livestylebloggerin, die sich verfolgt fühlt und die für Völxen mehr und mehr eine persönliche Heimsuchung ist. Dumm nur, dass seine Ehefrau ein Fan des Videoblogs ist.

Die bunte und so gar nicht dröge Maschsee-Truppe hat dann allerdings mit zwei Todesfällen zu tun, die Engelhorst als Indiz ansieht, dass es jemand auf ihr Leben abgesehen hat: Der Tod ihres Ex-Mannes, der auf gerader Strecke frontal gegen einen Baum geprallt ist, und eine Ex-Schulfreundin, die offenbar beim Fensterputzen aus dem Fenster gefallen ist. Oder war doch alles ganz anders? 

Einige Ungereimtheiten bringen das Team ins Nachdenken - hat die nervige Bloggerin womöglich Recht, und jemand will ihr ans Leben? Je genauer sie hinschauen, desto mehr Risse zeigen sich in der scheinbar heilen Welt. Das Verhältnis Engelhorsts zu ihren drei Kindern scheint schwierig, hinzu kommt das ungeklärte Schicksal eines Pflegekindes, das nach einem Überfall auf Charlottes Ex-Mann von einem Tag auf dem anderen verschwunden ist. Kommissarsanwärter Tadden, ein Neuzugang im Team, macht sich mit friesisch-herben Charme an eine Mitarbeiterin des Jugendamts heran, um mehr über die verschwundene junge Frau zu erfahren. Hatte sie womöglich noch eine Rechnung mit der Familie offen?

Mischke sorgt in ihrem Buch für immer neue Wendungen. Besonders reizvoll ist allerdings die Dynamik innerhalb des Teams mit seinen doch recht ausgeprägten Charakteren, gewürzt mit einer Prise Humor. Und wer Hannover kennt, wird viel Lokalkolorit zwischen Linden und Südstadt finden. Eine Reihe, die ich spät entdeckt habe, die mir aber gut gefällt. Völxen und seine Ermittler sind keine Superhelden, sondern ein bodenständiges Team mit ein paar kleinen Macken  und internen Eifersüchteleien, das aber funktioniert, wenn es muss und keine Langeweile aufkommen lässt.

 

Susanne Mischke, Alle sehen dich

Piper 2025

352 Seiten, 12 Euro

9783492321327

Sunday, March 16, 2025

Träume im Plattenbau

 Sperrmüll im Flur, Pissegestank im Fahrstuhl und rundum eher keine heile Welt: Die Schauspielerin und alleinerziehende Mutter Wanda lebt mit ihrer kleinen Tochter in einem Berliner Plattenbau und träumt von der Welt der Schönen, Reichen und Berühmten. Das prekäre Leben ist ihr von Kolleg*innen peinlich, wenn sie einen Casting-Termin oder gar ein Engagement hat, und zwischen Vorsprechen, Frust und Hoffnung auf den großen Erfolg verliert Wanda manchmal wesentliches aus dem Blickfeld - etwa dass ihre Tochter schwerer krank ist als es mit einem eiternden Ohr zunächst den Eindruck hat.

In "Achtzehnter Stock" lässt Sara Gmuer Ich-Erzählerin Wanda zwischen Schnoddrigkeit und Poesie, großen Erwartungen und Ernüchterung, Leidenschaft und Verzweiflung erzählen. Auch bei chronischem Geldmangel steht für Wanda immer fest - in den Plattenbau gehört sie nicht, die Umstände müssen sich ändern und sie wird ihrer kleinen Karlie (die für eine Fünfjährige eher unglaubwürdig weil ungemein erwachsen klingt) schon irgendwann etwas Besseres bieten. 

Dass Wanda sich für etwas Besseres als ihre Nachbarn hält, wird schon davon deutlich, dass sie sich nicht mal die Mühe macht, den Namen der hilfsbereiten türkischen Nachbarin zu lernen, die sich immer wieder um Karlie kümmert - die heißt durchgehend bloß Aylins Mama.

Die Autorin schreibt in einem angenehmen, gut lesbarem Stil, schafft es aber nicht, Stereotypen und Klischees zu vermeiden: sei es die raue aber herzliche Platten-Nachbarschaft, in der die Hartz 4-Nachbarn recht uniform prollig dargestellt sind, sei es die Welt der der Filmproduzenten und -Sets mit Schampus und ChiChi und schönem Schein. Insofern ist "Achtzehnter Stock" zwar gut lesbar und hat durchaus seine Momente, bietet aber auch viel Oberflächlichkeit und eine Protagonistin, mit der ich angesichts ihrer Ichbezogenheit nicht wirklich warm werden konnte.

Sara Gmuer, Achtzehnter Stock

Hanser 2025

224 Seiten, 22 Euro

9783446282780

Familiengeschichte voll Liebe und Zerrissenheit

 Wenn man als Kind in ein neues Land mit einer neuen Sprache kommt, dann droht buchstäblich das Entgleiten der Muttersprache. Denn selbst wenn die zu Hause gesprochen wird - Kinder können sprachliche Mimikrys sein. Und anders als für die Erwachsenen in der Familie "reift" ihre muttersprachliche Sozialisation nicht mit dem Erwachsenwerden häufig nicht mit, sondern behält eine gewisse Kindlichkeit, die später Befremdlichkeit auslöst, erneut ganz buchstäblich: Sie haben zwar eine Muttersprache, sind aber irgendwie fremd in hier. In "Russische Spezialitäten" von Dmitrij Kapitelman geht es stark um Sprache als Heimat und den Heimatverlust, der auch Sprachverlust sein kann. Ganz besonders wenn politische Entwicklungen die Identität erschüttern und innerhalb der Familie zerreißen: 

Der Erzähler, in Kiew geboren und im Grundschulalter nach Deutschland gekommen, und seine Familie waren russischsprachige Ukrainer. Der Krieg spaltet die Familie. So sehr die Mutter sich voller Zuneigung an Kiew erinnert, so gläubig lauscht sie nun den russischen Propagandasendungen, die sich auch an die russischsprachige Diaspora in Deutschland wenden. Ich-Erzähler Dmitrij (es bleibt offen, inwieweit die familiäre Zerrissenheit autobiografisch ist, wenn auch Erzähler Dmitrij und Autor Dmitrij vieles gemeinsam haben) fühlt sich solidarisch mit den Menschen in der Ukraine, die gegen die russische Aggression kämpfen. Und hadert plötzlich mit der Sprache, die er so liebt und die plötzlich die Sprache des Feindes ist:

"Ich trage eine Sprache wie ein Verbrechen in mir und liebe sie doch, bei aller Schuld. Neben aus der Ukraine geflohenen Menschen stehe ich stumm wie ein Baumstumpf. Zumindest bis ich einige von ihnen ebenfalls Russisch sprechen höre."

Die Zerrissenheit ist umso größer, da sich das ganze Leben der Familie auch beruflich in einem postsowjetischen Mikrokosmos in Leipzig bewegt, dem "Magazin", jenem Geschäft für russische/ukrainische/georgische usw Spezialitäten, das auch kulinarisches Heimweh bedient. In den Corona-Jahren ist Dmitrij  hierhin zurückgekehrt als Manager, die alternden Eltern sollen so geschützt werden. Von den Pandemiejahren hat sich der Laden nie erholt, und auch das gesellschaftliche Klima tut ihm nicht gut, während eine gegen Migranten hetzende Partei immer mehr Zuspruch erhält.

Kapitelman beschreibt, wie der Krieg Familien spaltet und Freundschaften zerstört, wie Dmitrij schließlich noch einmal in seine Geburtsstadt fährt, seinen Sandkastenfreund Rostik besucht, immer mit der Angst im Hinterkopf, er könnte trotz deutscher Staatsbürgerschaft an der Ausreise gehindert und in die Armee eingezogen werden. Die Schilderungen dieser Erfahrungen zwischen Raketenalarm und Zusammengehörigkeitsgefühl, Nostalgie  und Trauer über die Zerstörungen sind besonders eindrucksvoll in diesem Buch, dass trotz schwerer Themen eine gewisse Leichtigkeit bewahrt. Das Verhältnis des Autors zu seinen Eltern - liebevoll, wütend, besorgt wird mit einer Prise Humor und viel Wärme gezeichnet. Ein Buch, das den Krieg und das, was er mit den Menschen macht, auch denjenigen näherbringen kann, die Nachrichtensendungen ignorieren.


Dmitrij Kapitelman, Russische Spezialitäten

Hanser Verlag 2025

192 Seiten, 23 Euro

9783446282476

Wednesday, March 5, 2025

Tödliches Autorenfestival

  Mit den Regeln des Kriminalromans kennt sich Ernest Cunningham aus - als Romanautor hat er aber gegen eine ziemliche Schreibblockade anzukämpfen. Dabei rückt nicht nur die Deadline für sein Buch immer näher, er ist auch zu einem rollen Krimiautorenfestival an Bord eines Zuges quer durch das australische Outback eingeladen. In "Die mörderischen Cunninghams" musste Ernest eines Serienmörder während eines Familientreffens in einer eingeschneiten Berglodge entlarven. Und auch auf der Zugfahrt geht es wieder tödlich zu: "Jeder im Zug ist verdächtig" lautet der Titel des Folgebands von Benjamin Stevenson.

Es geht einmal mehr turbulent zu - und Ernest ist nicht immer der Ermittler mit der schärfsten Spürnase. Leicht überfordert ist er auch, als es darum geht, seiner Freundin und Reisebegleiterin bei einem Stopp im Outback einen Heiratsantrag zu machen. Vermutlich war es nicht gerade geschickt, ihr vor der entscheidenden Frage damit zu konfrontieren, dass auch sie durchaus unter seinen Mordverdächtigen ist. So was ist denn doch ein echter Romantik-Killer.

Ein Killer geht aber auch im Zug rum und auf dem Autoren-Podium des Festivals werden unfreiwillig Plätze frei. Diesmal muss sich Ernest zwar nicht unter seiner mörderischen Familie bewegen, aber auch die Literaturwelt hat offensichtlich tödliche Nebenwirkungen - mal ganz abgesehen von einigen verlorenen Illusionen, wenn Star-Autoren aus nächster Nähe beobachtet werden.  Der mitunter etwas tolpatschige Ernest gerät einmal mehr in ziemlich haarsträubende Situationen - doch vor dem Ende der Reise wird er dann doch den Durchblick haben.

Der Folgeband zu den mörderischen Cunninghams ist durchaus gelungen, allerdings ist es doch bedauerlich, dass Ernests exzentrische Verwandtschaft diesmal außen vor bleibt, die im ersten Band für eine ganz besondere Dynamik sorgte. Ernests Ermittlungen sind unterhaltsam und mit manchem kleinen Seitenhieb auf die Literaturwelt versehen - und die goldenen Regeln des Kriminalromans werden natürlich ebenfalls in Erinnerung gerufen.

Benjamin Stevenson, Jeder im Zug ist verdächtig

List 2025

352 Seiten, 16,99

9783471360583

Tuesday, March 4, 2025

Mord beim Filmdreh

 Das hätte sich Filmhistoriker Richard Ainsworth nicht träumen können, seit er seine akademische Karriere gegen den Betrieb einer kleinen Frühstückspension in Frankreich eingetauscht hat: Ein  Filmteam ist angerückt, um einen historischen Film in der Region zu drehen. Cineast Richard ist begeistert, doch auch zusammen mit seiner Detektiv-Partnerin Valérie hat er mit den Filmleuten zu tun. Am Set gab es nämlich einige merkwürdige Vorfälle, eine junge Schauspielerin, die zudem eine Art Patentochter Valéries ist, wird bedroht. Das ungleiche Team soll sich um den Schutz auf dem Filmset kümmern. Als Security-Chef hat Richard schon bald viel Arbeit. Erst stirbt ein Komparse, dann kommt ein Schauspieler ums Leben. An eine natürliche Todesursache will Richard nicht glauben, so sehr der Produzent um eines reibungslosen Filmdrehs willen auf reinen Zufall pocht.

Zwischen exzentrischen Darstellern, die sich teilweise als echte Ekelpakete herausstellen, einer plötzlichen Funktion als Pressesprecher und angesichts neuer Drohungen und Intrigen sehnt sich Richard schon bald nach ein bißchen Qualtiy Time mit seinen geliebten Legehennen. Doch der Hühnerstall muss ein Sehnsuchtsort bleiben, solange im historischen Chateau vermutlich ein Mörder herumschleicht.

Ian Moores "Mord im Chateau" lebt wie schon die Vorgängerbände von dem Gegensatz zwischen dem eher weltfremden Cineasten Richard und der mondän-mysteriösen Valérie. Das ungleiche aber erfolgreiche Gespann wird einmal mehr ergänzt durch mittlerweile vertraute Nebenfiguren wie die resolute Putzfrau, die Betreiber einer Swingerclub-Pension und Richards Noch-Ehefrau. Und auch die britisch-französischen Kontraste in Temperament wie Lebensphilosophie geben dem rasanten Cozy-Krimi einmal mehr eine besondere Würze. Das augenzwinkernde Spiel mit Klischees macht einfach Spaß. Da hoffe ich doch mal auf ein Encore.


Ian Moore, Mord im Chateau

rororo 2025

336 Seiten, 14 Euro

 9783499016202

 

Thursday, February 6, 2025

Krimiautorin muss wieder ermitteln

 "Das Mörderarchiv" von Kristen Perrin war ein charmanter Cozy-Krimi, in dem die bislang erfolglose Krimischriftstellerin Annie sich als Hobby-Detektivin  betätigen musste, um an das Erbe ihrer Großtante zu kommen und deren Mord aufzuklären. Nun gibt es einen Folgeband - "Der Tod, der am Dienstag kommt".

Annie ist mittlerweile Bewohnerin des stattlichen Herrenhauses ihrer Großtante, aber ihr Kriminalroman ist immer noch nicht vorangekommen. Liegt es am allgemeinen Verdruss Annies, die sich in der malerischen Kleinstadt Castle Knoll eher ungeliebt und außen vor vorkommt? Nicht ganz unschuldig dürfte das Mörderarchiv der Tante sein, in dem es nicht nur um Mord ging, sondern die Geheimnisse der Einwohner akribisch aufgeführt wurden. So was sorgt natürlich nicht unbedingt für entspannte Beziehungen.

Als die Wahrsagerin, die einst der Großtante ihre Ermordung voraussagte und damit überhaupt erst den Anstoß zum Mörderarchiv gab, tot in Annies Gewächshaus gefunden wird, ist sie natürlich eine "person of interest" - und fängt erneut an zu ermitteln, unterstützt von ihrer besten Freundin. Dabei gilt es einmal mehr, in die Vergangenheit der Tante und die Geheimnisse der Kleinstadt einzutauchen. Dabei macht Annie einige überraschende Entdeckungen und kommt vergangenem Unrecht auf die Spur.

Auch hier hat Perrin wieder einen Wohlfühl-Cozy geschrieben, der allerdings nicht an den ersten Band heranreicht. Außerdem gibt es logische Brüche, hatte doch Annie im ersten Band verlorene Familienbande in Castle Knoll ausfindig gemacht, die ihre isolierte Stellung im zweiten Band rätselhaft erscheinen lassen. Auch einige Familienintrigen, die im ersten Band für zusätzliche Würze gesorgt haben, fehlen diesmal. Einige ungelöste Rätsel lassen allerdings einen dritten Band vermuten - zu wünschen wäre, dass Perrin dabei dann wieder zur Form des ersten Buches über Annie und das Mörderarchiv aufläuft.

Kristen Perrin, Das Mörderarchiv. Der Tod, der am Dienstag kommt

Rowohlt 2025

352 Seiten, 18 Euro

 9783499012679