Sunday, November 26, 2023

Viele Shots und manches Klischee

 Im Jahr 2023 sind Frauen in Nachrichtenredaktionen, als politische Korrespondentinnen und als Berichterstatterinnen an Brennpunkten mittlerweile selbstverständlich. In "Die Stunde der Reporterin" zeigt die Autorin Renee Rosen, dass das nicht immer so war. Denn ihre Ich-Erzählerin und Protagonistin Jordan Walsh war zwar auf der Journalistenschule erfolgreich, sieht sich beim Einstieg in der "Chicago Tribune" in den 1950-er Jahren aber erst mal am Katzentisch, sprich, bei den "Frauenthemen". Statt über harte Nachrichten zu schreiben, muss sie von Hochzeitsempfängen der Prominenz berichten, über Rezepte und Mode schreiben. Das ist nun gar nicht das, was der aus einer Zeitungsfamilie stammenden Jordan vorschwebt.

Hinzu kommt: Seit dem Unfalltod ihres älteren Bruders, der bei der gleichen Zeitung arbeitete (und es natürlich gleich in die Nachrichtenredaktion schaffte), hat sie das Gefühl, in seine Fußstapfen zu treten, auch um ihre Eltern wieder ins Leben zurück zu holen. Denn die versinken in Trauer und Alkohol, der Vater reagiert gleichgültig bis ablehnend auf Jordans Ambitionen. Mit Ehrgeiz und Engagement, aber auch mit Hilfe eines Informanten, der sie aus einem lange unbekannten Grund ausgewählt hat, kämpft sich Jordan durch - inmitten einer Stadt voller Skandale und Korruption.

In "Die Stunde der Reporterin" wird so manches Klischee der ewig pichelnden Journalisten ausgewälzt, es wird gequalmt und getrunken, was das Zeug hält. Jordan ist schon aufgrund ihrer Herkunft und Bekanntschaften sehr privilegiert, sich dessen aber nicht so recht bewusst, wenn sie ihre Kolleginnen eher leicht verächtlich beschreibt. Klar, das old boys network arbeitet gegen Jordan - aber dass sie glaubt, die älteren Kollegen würden Tipps und Kontakte mit ihr teilen, ist denn doch ein bißchen naiv - sie käme umgekehrt schließlich auch nicht auf den Gedanken, exclusive Quellen offen zu legen.

Dazu kommt, dass Jordan bei allem verständlichen Ehrgeiz Methoden anwendet, die dem journalistischen Ethik-Codex klar widersprechen und die rechtlich sehr problematisch sind. Gelegentlich neigt sie dazu, nur sich zu sehen und zu dramatisieren, dabei aber anderen Egoismus vorzuhalten. Insofern ist sie eine Protagonistin, die bei mir eher  zwiespältige Reaktionen auslöst.  Mitunter ist mir das Buch ein wenig zu gefühlig, aber als historisch-emanzipatorischer Frauenroman, der auch unterhalten soll, durchaus gelungen.


Renee Rosen, Die Stunde der Reporterin,

Rowohlt 2023

544 Seiten, 18 Euro

  978-3-499-01364-5

Saturday, November 4, 2023

Eine mörderisch zerstrittene Familie im Schneesturm

 "Die mörderischen Cunninghams" von Benjamin Stevenson mag in Australien spielen, aber dieser Familienkrimi trieft vor britischem Humor und angelsächsischem Understatement. Mit seinen leicht exzentrischen Protagonisten erinnert es mich an die detektivische Altenheim Gang von Richard Osmans Donnerstags-Mordklub. Allerdings stehen die Cunninghams, so verrät Ich-Erzähler Ernest Cunningham gleich im ersten Kapitel, mehr auf dem Grundsatz: Irgendwen haben wir doch alle auf dem Gewissen. Inwieweit das zutrifft, wird dann mit Augenzwinkern und nicht ganz ohne Dramatik auf einem mordsmäßigen Familientreffen in einem eingeschneiten Skihotel ausgeführt.

Ernest, mäßig erfolgreicher Autor eines Lehrbuchs zum Verfassen von Detektivromanen, ist so etwas wie das schwarze Schaf der Cunninghams, jahrelang zeigte ihm die Familie die kalte Schulter. Schließlich hat Ernest getan, was keinem Cunningham einfallen sollte: Er hat seinen großen Bruder bei der Polizei verraten und dafür gesorgt, dass dieser jahrelang im Gefängnis saß wegen des Tod eines Mannes, den er erst überfuhr und dann obendrein erwürgte, nachdem er Ernest überredet hatte, die angebliche Leiche zu entsorgen. Wie gut, dass Stiefpapa Carlos, ein mit allen Wassern gewaschener Anwalt, die Mordanklage gerade noch abschmettern konnte!

Dennoch, die Familie hat Ernie nicht verziehen. Zur Homecoming Party seines Bruders darf er dann aber doch erscheinen. Zur Stunde der Abrechnung? Doch noch ehe der sich dem Familientreffen anschließt, wird eine Leiche im Schnee gefunden. Ernest fragt sich: Hat jemand aus der Sippschaft damit zu tun? und wird nicht jeder Ermittler, der sich durch den Schnee kämpft, genau dies annehmen, weil die Cunninghams eben die Cunninghams sind?

Es wird nicht die einzige Leiche bleiben und Ernest muss immer wieder die goldenen Regeln des klassischen britischen Kriminalromans zitieren, während er als allwissender Erzähler die Ereignisse sowohl beschreibt wie kommentiert. Komplizierte Beziehungen innerhalb des Familienverbands, Eifersüchteleien, jede Menge Geheimnisse - Stevenson hat offensichtlich Spaß daran, seinen Lesern so manchen "red herring" vorzuwerfen und Hinweise zu streuen, die wichtig sein können oder eben einmal mehr in die Irre führen.

Klassische Zutaten wie bei Hitchcock oder Agatha Christie - das isolierte Hotel, das plötzlich von der Außenwelt abgeschnitten ist - werden hier mit Humor und einem Hauch Exzentrik gewürzt. Insgesamt ein sehr unterhaltsamer Kriminalroman mit einer mörderisch komplizierten Familie.

Benjamin Stevenson, Die mörderischen Cunninghams. Irgendwen haben wir doch alle auf dem Gewissen

List, 2023

384 Seiten, 16,99

 9783471360576