Friday, November 22, 2024

Mord beim Krippenspiel

 Es weihnachtet sehr auf Sylt, doch während der Duft von Lebkuchen und Tannengrün in der Luft liegt, herrscht nicht nur Besinnlichkeit und Liebe zu allen Menschen. Statt dessen müssen in "Der Weihnachtsmordclub" von Ben Kryst Tomasson vier alte Damen einen Mord im Gemeindezerntrum der Pfarrei Archsum auf Sylt klären: Ausgerechnet bei den Proben für das Krippenspiel wurde die Leiterin der Jugendgruppe vom herabstürzenden Stern von Bethlehem erschlagen. Und auch sonst passiert so einiges, was mit Besinnlichkeit nichts zu tun hat.

Der Buchtitel erinnert an den Donnerstagsmordclub, und auch hier sind die Ermittlerinnen schon über 80, sehr unterschiedliche Charaktere und kabbeln sich schon mal über ihre persönlichen Lebenseinstellungen: Landarztwitwe Witta, die so gerne auf Diva a la Marlene Dietrich macht, und die burschikose Klempnerwitwe Grethe sind einfach zu unterschiedlich. Da müssen dann die harmoniebedürftige Bäckerwitwe Alma und die pragmatische Kapitänswitwe Marijke schlichten.

Doch trotz aller Unterschiede zieht das rüstige Quartett an einem Strang, wenn es gilt, einen mysteriösen Todesfall aufzuklären. In der Vergangenheit haben sie wohl schon der örtlichen Polizei unter die Arme gegriffen, diesmal sitzen sie mit den übrigen Teilnehmern des Krippenspiels sowie eines Back- und Strickwettbewerbs während eines Schneesturms im Gemeindezentrum fest. Klar entwickeln sie schnell den Ehrgeiz, den Fall selbst zu lösen, bis die Polizei auf den verschneiten Straßen überhaupt eintreffen kann.

"Der Weihnachtsmordclub" ist mehr ein Wohlfühl-Cozy-Krimi mit winterlicher Atmosphäre zwischen Reetdächern, den vier aufgeweckten alten Damen und einem attraktiven Pastor, um den gleich eine ganze Reihe weiblicher Groupies buhlt. Hier kommt es weniger auf Plot und Plausibilität an, und auch allzu viel Tiefe sollte man nicht erwarten. Als Lesebegleitung zu Schietwettertee und ein paar Lebkuchen aber durchaus nett und liebenswert.

Ben Kryst Tomasson, Der Weihnachtsmordclub

Aufbau 2024

240 Seiten, 10,99 Euro

9783841236227

Saturday, November 16, 2024

Ein neuer Fall für Miss Merkel in der Uckermark

Es geht wieder tödlich zu in Klein Freudenstadt in der Uckermark, dem fiktiven Ruhesitz von Angela Merkel, oder, wie sie in David Safiers Cozy-Krimis besser bekannt ist: Miss Merkel. Im nunmehr vierten Band der Reihe hadert die Ex-Kanzlerin allerdings gewaltig mit dem Ruhestand - dabei kann sie vom Ampel-Aus zu diesem Zeitpunkt noch gar nichts ahnen. Das Schreiben an ihrer Autobiographie hatte allerdings eine ernüchternde Wirkung: Fehler wurden gemacht, manches ist liegengeblieben, so manche Einschätzung erwies sich im Nachhinein als falsch, ja schädlich. Da hilft auch die bevorstehende Hochzeit der besten Freundin Marie mit Bodyguard Mike nichts gegen den Altkanzlerin-Blues.

Die Lieblingsmenschen kriegen das Stimmungstief natürlich auch mit - und wissen eine Lösung: Psychologische Hilfe ist gefragt in "Mord in der Therapie".  Über die erste Sitzung Gruppentherapie kommt die Ex-Kanzlerin allerdings nicht hinaus. Das liegt nicht nur an negativen Schwingungen innerhalb der Gruppe, der unter anderem ein Wutbürger und eine Klimakleberin angehören, also nicht gerade Merkel-Fans. Die Explosion eines Bootes mit dem Psychologen an Bord bedeutet vielmehr: Ermittlungen statt Therapie. Aber das Detektiv-Spielen hat Merkel ja bereits in den vorangegangenen drei Bänden gegen Renten-Frust geholfen.

 Dass die Ex-Kanzlerin bei ihrer Therapiegruppe selbst als Verdächtige gilt, ist allerdings eine neue Erfahrung. Wobei auch sie schnell vermutet: Der Täter oder die Täterin muss sich in der Gruppe befinden. Kein Wunder, dass Bodyguard Mike seine Chefin einmal mehr nicht bremsen kann bei Sologängen, die er doch eigentlich verhindern will. Doch zwischen Hochzeitsvorbereitungen und Stress mit den angereisten Spät-Hippie-Eltern kann der Security-Experte schnell mal den Überblick verlieren. Außerdem wissen wir ja - Männer tun sich mit Multitasking eher schwer.

Safier folgt einmal mehr dem bewährten wie erfolgreichen Muster, die Ex-Kanzlerin mit exzentrischen Mitbürgern und turbulenten Situationen zu umgeben. Mitunter für meinen Geschmack zu klamaukig, aber unterhaltsam. Am besten ist die Roman-Merkel immer dann, wenn sie sich süffisant mit Politiker-Kollegen und Krisen auseinandersetzt, die offensichtlich eine Schule fürs Leben waren. Das nützt dann auch in der Uckermark.


David Safier, Miss Merkel. Mord in der Therapie

Rowohlt 2024

288 Seiten, 18 Euro

9783463000459


Wednesday, November 13, 2024

Zimmermädchen Molly Gray zeigt die Stärke der Schwachen

 Mit "Ein mysteriöser Gast" von Nita Prose gibt es ein Wiedersehen  mit Zimmermädchen Molly Gray und dem fünf Sterne Boutique-Hotel Grand Regency. Die liebenswerte, aber eben auch etwas besonderen Molly, muss einmal mehr ermitteln, um mehr als nur Schmutz aus dem Hotel zu beseitigen. Und einmal mehr zeigt sich, dass die junge Frau wegen ihrer Eigenarten nur allzu leicht unterschätzt wird.

Seit ihrem ersten Fall hat Molly Karriere gemacht - sie ist jetzt Chefzimmermädchen und nimmt diese Aufgabe wie alles überaus ernst, ist ihr der Zustand allerhöchster Perfektion und Sauberkeit von Kindheit an ans Herz gelegt worden. Ihr zweiter Fall führt sie auch zurück in die eigene Vergangenheit, denn ein gefeierter Kriminalautor stirbt in dem von Molly liebevoll hergerichteten Teesalon des Grand Regency. Diesmal ist es nicht Molly, sondern ihr schüchternes Lehrmädchen, das unter Verdacht gerät, denn der Autor wurde offensichtlich vergiftet.

Es versteht sich, dass die nicht nur nach Sauberkeit, sondern auch nach Gerechtigkeit strebende Molly, deren kriminalistisches Wissen aus dem Konsum von Inspector Columbo-Folgen stammt, nicht untätig bleiben kann. Doch während sie in der Gegenwart ermittelt, führen Rückblenden in die Vergangenheit von Molly zurück: Da ihre Großmutter empört auf den Vorschlag der Schule reagiert, Molly wegen ihrer Probleme in der sozialen Interaktion mit anderen Kindern auf eine Sonderschule zu schicken, nimmt sie das Mädchen kurzerhand mit zu ihrer Arbeit in einem Herrenhaus, in dem Molly mit Hingabe das Silber putzt und der später ermordete Autor mit seiner cholerischen und ungerechten Gattin lebt.

Diese Szenen aus der Vergangenheit geben weiteren Einblick in Mollys Persönlichkeit, die Herausforderungen, die sie schon in jungen Jahren meistern musste und natürlich ein vertieftes Bild der innigen Beziehung zu ihrer Großmutter.

Molly mag als etwa merkwürdig im Umgang mit ihren Mitmenschen wirken, weil sie sich weder verstellen kann noch das Konzept von Ironie versteht, sondern alles wortwörtlich nimmt. Doch selbst die ermittelnde Polizistin beginnt im Laufe der Handlung Mollys besondere Eigenschaften zu würdigen und am Ende stellt sich gar die Frage: Könnte es sein, dass Molly eines Tages den Putzlappen weghängt und eine ganz neue Karriere startet? Überhaupt wartet am Ende eine große Überraschung auf das Zimmermädchen.

"Ein mysteriöser Gast" ist eine würdige Fortsetzung des ersten Bandes um das ermittelnde Zimmermädchen - warmherzig, humorvoll und zugleich respektvoll vor Menschen, die wie Molly mit besonderen Herausforderungen zu kämpfen haben, um durchs Leben zu kommen. Mit ihre Bescheidenheit, Beharrlichkeit und einzigartigen Art steht die Frau, die von den Gästen nur zu oft übesehen wird, zugleich für die Stärke der Schwachen.

Nita Prose, Ein mysteriöser Gast

Droemer 2024

320 Seiten, 21 Euro

9783426283851

Sunday, November 10, 2024

Personenschützerin als Sündenbock?

 Wer die betagten Ermittler aus Richard Osmans "Donnerstagsmordklub" ins Leser-Herz geschlossen hat, wird auch die neue Reihe des britischen Autors mögen. Auch der Auftaktroman "Wir finden Mörder" ist ein warmherziger Cozy-Krimi, der unterhaltsam ist und eine ordentliche Prise britischen Humors enthält. In der neuen Reihe geht es um die toughe Personenschützerin Amy und ihren Schwiegervater, eigentlich zwei völlig unterschiedliche Charaktere, die sich aber herzlich zugetan sind.

Amy braucht das Adrenalin ihres Jobs, sesshaft werden möchte sie noch lange nicht und das klassische Familienleben ist auch nicht ihr Ding. Da ihr Ehemann als Geschäftsmann um den Globus jettet, sehen die beiden sich zwar selten, die long distance-Beziehung funktioniert dennoch gut. 

Schwiegervater Steve dagegen, ehemaliger Polizist, verwitwet und nun als Privatdetektiv auf einem englischen Dorf zuständig für das Finden verlorener Haustiere oder Ermittlungen kleiner Betrügereien, will noch nicht einmal in das 50 Kilometer entfernte Southampton fahren. Das Dorf, der Pub und seine Freunde vom Pub-Quiz reichen ihm vollkommen. Die Routine ist tröstlich, und im Dorf fühlt sich der einsame Mann, der schlecht über seine Gefühle sprechen kann - das wäre ja auch äußerst unbritisch! - seiner verstorbenen Frau nahe, mit der er täglich Zwiegespräche führt.

Als es in der Nähe von Amys Einsatzorten jedoch zu drei Mordfällen kommt und Amy als Sündenbock präsentiert werden zu scheint, wird allerdings auch Steve aus seiner Routine aufgerüttelt. Amy und ihre derzeitige Klientin, die lebenslustige Bestsellerautorin Rosie d´Antonio, müssen untertauchen - und Steve sich den beiden auf einer Odyssee anschließen, die von einer Privatinsel vor der Küste South Carolinas über die Karibik nach Irland und schließlich nach Dubai führt. 

Klar ist schnell: ein internationaler Geldschmuggler, der sauer auf Amys Chef Jeff ist, versucht nicht nur, Amy als Verantwortliche für die Morde zu präsentieren, sondern hetzt ihr auch Auftragskiller hinterher. Wie gut, dass Amy gut auf sich aufpassen kann, nicht nur auf ihre Klienten. Eine turbulente Jagd, bei der Steve die Annehmlichkeiten privater Jets zu schätzen lernt, die unverwüstliche Rosie mit ihrem weitgespannten Bekanntennetz, ein Cockney-Killer und die Frage, wer denn nun der große Unbekannte ist, der mittels KI auch sprachlich und in der email-Kommunikation seine Spuren verwischt, lassen bei Osmans neuem Roman keine Langeweile aufkommen. Liebenswerte Protagonisten, aber auch ernste Themen wie Einsamkeit und Trauer, kommen hier zusammen. Auch manche Nebenfigur ist so unterhaltsam, dass ich auf ein Wiedersehen in späteren Bänden hoffe. Der Auftakt der neuen Reihe ist jedenfalls vielversprechend.

Richard Osman, Wir finden Mörder

List, 2024

432 Seiten, 22,99 Euro

9783471360675

Saturday, November 9, 2024

Mord und Achtsamkeit

 Die Verbindung von Achtbarkeitsritualen und teils eher unbeabsichtigten, teils durchaus kalkulierten Leichen hat schon in der "Achtsam morden"-Reihe funktioniert und mit schwarzem Humor für gute Unterhaltung gesorgt. Als ich den Klappentext von "Mordscoach" von Lilly Pabst sah, war ich also sofort neugierig. Hier ist es Psychoanalytikerin und Achtsamkeits-Coach Sophie Stach selbst, die für eine zunehmende Zahl zu entsorgender Leichen in ihrem Leben sorgt.

Es kann ja schon mal passieren, dass man in einer psychischen Ausnahmesituation überreagiert. So wie Sophie, als die zunächst nette junge Frau, die sie in ihrer Praxis aufsucht, mit der Nachricht herausrückt, dass sie die Geliebte von Sophies Ehemann ist. Da ist sie hin, die Illusion der funktionierenden Ehe in gegenseitigem Respekt und achtsamer Zuneigung. Das kann Sophie nicht so einfach wegatmen, denn die Rivalin ist plötzlich tot.  

Mit der Entsorgung der Leiche ergibt sich schnell ein neues Problem, da ein Patient, der ein ungesund obsessives Interesse an seiner Therapeutin entwickelt hat, Dinge mitkriegt, die er nicht hätte sehen sollen. Und auch sonst gibt es weitere Komplikationen, die Sophie zu Handlungen bewegen, die im Handbuch der Psychologie und Psychoanalyse eher nicht vorgesehen sein dürften. Ein gutaussehender Polizist, dem Sophie zwangsläufig gehäuft über den Weg läuft angesichts einer wachsenden Zahl unnatürlicher Todesfälle, die Frage Scheidung oder ein noch finaleres Ehe-Aus gehören zu den weiteren Problemen, die Sophie sich in ihrer Coach-Ausbildung sicher nicht zu träumen gewagt hätte.

Dass Sophie in der Lage ist, ihr mörderisches tun durchaus reflektiert in bester Achtsamkeitsmanier zu betrachten, sorgt für humorvolle Lesemomente, auch wenn die Analytikerin für ihren Beruf ziemlich rabiat vorgehen kann. Wer für den sich häufenden Leichenberg verantwortlich ist, ist hier nicht die Frage, wohl aber: wird Sophie überführt? Einige Längen gibt es in dem unterhaltsamen Cozy Crime, insgesamt hat mir das Buch aber gefallen, auch wenn die Protagonistin nur bedingt sympathisch ist.

Lilly Pabst, Mordscoach

Ullstein 2024

320 Seiten, 13,99

  9783548069098

Internat für Nachwuchsmörder

  Das McMasters Konservatorium für Angewandte Künste ist eine Hochschule der etwas anderen Art. Es geht nicht etwa um Kompositionstheorie, Klaviertechnik oder den perfekten Ton, wie der Name der Akademie vermuten ließe - nein, wer, hier studiert, erhält buchstäblich tödliches Wissen, könnte aber auch selbst in Gefahr laufen, noch vor Studienabschluss das eigene Leben zu verlieren. Der Buchtitel von Rupert Holmes Roman sagt eigentlich schon alles: How to murder your boss - McMasters Handbuch zum Morden.

Bei McMasters handelt es sich um den Hochschulgründer, der nach seinem (natürlichen) Ableben weiterhin der akademische Übervater und moralische Kompass der Schule ist, die im Klappentext als "Hogwarts für Mörder" bezeichnet wird. Genau diese Beschreibung hatte mich getriggert, das Buch zu lesen. Hier wurde ich allerdings enttäuscht: Abgesehen von einem malerischen Setting und der Tatsache, dass nur Eingeweihte die Schule kennen, gibt es wenig Gemeinsamkeiten zwischen Hogwarts und McMasters und auch Schreibstil und Plot haben nichts miteinander zu tun.

Die Handlung spielt in den 1950-er Jahren, aber die Ausdrucksweise des Autors klingt so altertümlich, als sei das Buch noch deutlich früher geschrieben worden. Der etwas betuliche Stil war irgendwie nicht so mein Ding. Vor allem am Anfang  habe ich deshalb mit dem Buch gefremdelt und musste mich zum Weiterlesen überwinden. Später nimmt es dann doch an Fahrt auf, vor allem, wenn drei Absolventen ihre Pläne nach vollendetem Studium in die Tat umsetzen sollen: Der Flugzeugingenieur Cliff Iverson, ein Stipendiat, der mit einem Tagebuch seinen unbekannten Gönner über seine akademischen Fortschritte auf dem Laufenden halten soll, Gemma Lindley, die von ihrer Vorgesetzten in einem britischen Krankenhaus ausgenutzt und erpresst wird, und Hollywood-Darstellerin Doria Maye, deren Karriere von einem fiesen Studioboss torpediert wird.

Der Mord am Chef, als letztes Mittel und unter bestimmten an der Akademie gelehrten Voraussetzungen ethisch vertretbar, ist zugleich die Abschlussarbeit. Doch sollten die Jungakademiker scheitern, droht ihnen selbst die Eliminierung. Mit diesen finalen Ungewissheiten spielt der Autor. Zwar ist der eigentliche Protagonist Cliff Iverson, dessen früherer Chef mit der kostensparenden Änderung von Cliffs Konstruktionsplänen eine Flugzeugkatastrophe herbeiführen könnte, doch am unterhaltsamsten ist die vielseitige Diva Doria, die das Spiel der mehrfachen Täuschung perfekt beherrscht. Sie bei ihrer Abschlussarbeit zu begleiten hat mich mit dem eher lahmen Auftakt des Buches und einiger verzichtbarer Längen versöhnt.

Rupert Holmes, How to murder your boss

Harper Collins 2024

608 Seiten, 13 Euro

9783365007686

Wednesday, November 6, 2024

WG wird zur Wahlfamilie

 Als Zahnärztin Constanze nach der Trennung von ihrem Freund schnell eine neue Unterkunft braucht, zieht sie in die WG des reiselustigen Rentners Jörg, der Schauspielerin Anke und des lebenslustigen und stets optimistischen Murat. Nur vorübergehend, ist sie überzeugt. Sie ist schließlich schon eine Weile aus dem Studentinnenalter raus, die WG ist zweckmäßig und kostensparend, gerade im teuren Hamburg, wo günstige Wohnungen eher Mangelware sind. Doch der Titel von Isabel Bogdans Roman "Wohnverwandtschaften" macht schon klar: es kommt anders.

Aus Fremden werden Freunde, aus Freunden eine Wahlfamilie. Auch wenn sich manches erst einmal einspielen muss. Anke freut sich einerseits, nicht mehr die einzige Frau zu sein, fühlt aber auch Eifersucht, als sie vermutet, dass Constanze und Murat eine gemeinsame Nacht verbracht haben. Gerade, weil sie in ihrem Beruf mit 50 plus plötzlich nicht mehr gefragt ist mit Rollen. Die finanziellen Probleme sind da nur ein Aspekt, auch Ankes Selbstwertgefühl bricht zusammen.

Zur Wahlfamilie werden die Jüngeren auch für Jörg, den verwitweten Wohnungsbesitzer. Sein Sohn und dessen Familie leben in Südfrankreich, da sieht man sich nicht so oft. Und bekommt auch nicht mit, was vor allem Constanze und Anke zunehmend auffällt: Jörg wiederholt sich oft, wird vergesslich. Ist er einfach nur zerstreut, oder steckt mehr dahinter? Murat, der sorglose Sonnenschein der WG, spielt die Sorgen der beiden herunter, bis die Auffälligkeiten offensichtlich werden. Und auch Jörg, anfangs genervt von den Vorschlägen der Mitbewohnerinnen, sich doch mal untersuchen zu lassen, merkt, dass etwas nicht mehr stimmt.

Leicht geschrieben, aber mit ernsten Tönen, geht es in Bogdans Buch um Beziehungsprobleme, Altersdiskriminierung und Demenz, aber auch um Freundschaft, Fürsorge, Solidarität und gegenseitige Unterstützung. Die Balance zwischen Humor und Ernst wird gut gehalten. Dabei werden die kurzen Kapitel aus der Perspektive jeweils eines der WG-Bewohner, manchmal auch  als Beschreibung der Gedanken und Gefühle aller geschildert. Unsentimental und warmherzig macht Bogdan ihre Leser*innen zu Mitbewohnern der WG, die ich gerne durch das Buch begleitet habe.

Isabel Bogdan, Wohnverwandtschaften

Kiepenheuer & Witsch 2024

272 Seiten, 24 Euro

9783462004199

Monday, October 7, 2024

Tee mit Betty

Die Queen ist tot, ihre Untertanen müssen sich noch an Langzeit-Thronfolger Charles III. als ihren neuen Monarchen gewöhnen und Schottin Kate wird von ihrer Freundin zu einem Besuch von Windsor Castle nach Südengland verschleppt. Der royale Prunk liegt der jungen Frau so gar nicht, von der Aristokratie hält sie wenig und überhaupt hat sie ganz andere Probleme: Wo ist in all diesen Raumfluchten eigentlich eine Besuchertoilette?

Immerhin hat Kate beim bisherigen Verlauf der Schlussführung gut aufgepasst und sich den Standort einer Tapetentür gemerkt. In den für Besucher - und Royals - unsichtbaren Gängen der Dienstboten wird es ja wohl irgendwo eine Toilette geben! Das dringend benötigte Örtchen findet Kate zwar nicht, wohl aber eine Teeküche mit einer freundlichen alten Dame namens Betty, die sie prompt zum Tee einlädt. So das Eingangsszenario von Claire Parkers "Tee auf Windsor Castle", einer Wohlfühl-Novelle für alle Queen-Fans, mit gerade mal 160 Seiten auch recht überschaubar.

Zwischen Kate und Betty liegen nicht nur Generationen, sondern auch Welten. Schon Bettys Vater hat auf Windsor Castle gearbeitet, und offenbar hat sie ein recht behütetes Leben geführt, so war sie etwa noch nie in einem Pub - auch wenn sie sich als ausgesprochen trinkfest erweist. Kate dagegen steckt ewig in Finanznöten und ist auch schon mal mit dem Gesetz zusammengerasselt. Die Liebenswürdigkeit und Lebensweisheit ihrer ungleichen Freundin zieht sie dennoch in den Bann und in langen Gesprächen kommen sich die Frauen näher.

Was Bettys Geheimnis ist, dem Kate erst spät auf die Spur kommt - Leser*innen ahnen es schon früh, es bietet sich ja geradezu an. Insofern ist "Tee auf Windsor Castle" ein bißchen wie Fan-Lit für Bewunderer der Queen. Die Monarchie-Kritik, mit der Kate zunächst nach Windsor gefahren ist, wird im Laufe des Buches jedenfalls sehr viel leiser. Ein bißchen märchenhaft und sehr sehr cozy.

Claire Parker, Tee auf Windsor Castler
Atlantik 2024
160 Seiten, 20 Euro
978-3-455-01827-1

Saturday, September 21, 2024

Tiefe Wurzeln und Sehnsucht nach Neuem

  Man könnte Ewald Arenz wohl als Chronist der ländlichen Provinz und seiner Menschen zwischen Aufbruch und Tradition nennen, denn seine Bücher spielen vor allem auf dem Dorf. Ging es etwa in "Alte Sorten" um eine Außenseitergeschichte, beginnt sein neues Buch "Zwei Leben" mit einer Rückkehr: Roberta, einzige Tochter einer Bauernfamilie, kehrt nach dreijähriger Schneiderlehre in einer Textilfabrik ins Dorf zurück. Einen Beruf hat sie lernen sollen und wollen, doch ihr Platz wird auf dem Hof gesehen, den sie mal übernehmen soll. Außerdem steht gerade die Rübenernte an.

Es sind die frühen 70-er Jahre, auf dem Dorf ist davon noch nichts zu merken. Doch der Ort, an dem alles so gemacht wird, liegt Roberta gewissermaßen im Blut. Wenn da nur nicht die Träume wären, Kleider zu entwerfen, solche, wie sie sie in einer wie ein Schatz gehüteten Vogue-Ausgabe aus den 1920-er Jahren gesehen hat. Roberta fühlt sich auf dem Dorf tief verwurzelt, aber ihr Sehnsuchtsort ist Paris, auch wenn sie sich in die Realitäten einfügt.

Gertrud, die Frau des Dorfpfarrers, herkunftsmäßig höhere Tochter aus Hamburg, ist dem Dorf hingegen seit ihrer Ankunft vor mehr als 20 Jahren fremd geblieben. In dem Ort, in dem alle per Du sind, ist sie die Frau Pfarrer - Respektperson, aber ohne Nähe oder persönliche Kontakte. Liegt es auch an ihrer Haltung? Sind die Dorfbewohner eben doch nur "stinkende Bauern" für sie? Als ihr Bruder ihr vorschlägt, sie auf einer zweimonatigen Vortragsreise zu begleiten, ist es wie eine Flucht - nur aus dem Dorf, oder auch weg von ihrem stillen Ehemann? Sohn Willhelm, der gerade seinen Zivildienst macht, wird bald sein Studium beginnen. Was hält sie dann noch?

William ist auch ein Kindheitsfreund von Roberta. Einst waren sie und Wolfgang, der Sohn eines gewalttätigen Kleinbauern, unzertrennlich. Nachdem sie sich drei Jahre lang nicht gesehen haben, entsteht eine andere Art von Nähe. Doch wird Wilhelm nicht weggehen und das Dorfleben hinter sich lassen, und damit auch Roberta? Nur der Opa, mit gerade mal 69 Jahren als greiser Mann geltend, weiß von der heimlichen Beziehung und Robertas Aufbruchsträumen. Auf einem Hof, auf dem nie viele Worte gewechselt wurden, entsteht zwischen Großvater und Enkelin eine Nähe, denn auch der Großvater hatte einst Träume, von denen Roberta erstmals erfährt....

Arenz hat es wieder einmal geschafft, das "kleine Leben" seiner Protagonisten so zu beschreiben, dass es weder überheblich noch kitschig wirkt. Wenn er das Dorf mit seinen Geräuschen und Gerüchen, mit seinem Rhythmus voller Arbeit und wortkarger Menschen  beschreibt, fühle ich mich in das unterfränkische Dorf von Verwandten in meiner Kindheit gezogen, den Geruch in der Stallkammer und auf dem Heuboden und einen Ort, an dem die Zeit langsamer voranzuschreiten scheint. "Zwei Leben" ist heiter und traurig zugleich, nah dran an den Menschen.

Ewald Arenz, Zwei Leben

Dumont 2024

300 Seiten, 25 Euro

9783832182052


Wednesday, September 18, 2024

Von Freundschaft und Zahlen

 In ihrem Buch "Pi mal Daumen" schildert Alina Bronsky eine ungewöhnliche Freundschaft von zwei Menschen, die unterschiedlich nicht sein könnten. Oskar ist 16, hochbegabt, aber wenn es um zwischenmenschliche Beziehungen geht ohne jegliche Antennen. Der Junge mit Adelstitel und privilegiertem Elternhaus scheint an einer Form von Autismus zu leiden, hält selbst der eigenen Familie gegenüber eine merkwürdige emotionale Distanz. Räumlich hat sich das Näheproblem schon gelöst - er wurde in einer Altstadtvilla in unmittelbarer Nähe zur Uni einquartiert. WG-Suche ist eher nicht eines seiner Probleme.

Und dann setzt sich in der ersten Vorlesung ausgerechnet Moni neben ihn - 53 Jahre alt, drei Jobs gleichzeitig balancierend, während sie außerdem diverse Familienkrisen und Enkelbetreuung meistert. Mit ihrer Vorliebe für Raubtierprint, high heels und viel Make Up hält Oskar sie zunächst für prollig-peinlich, beschließt aber, ihr unter die Arme zu greifen bei den Übungszetteln, da Monika mit ihren formalen Bildungslücken schließlich nur scheitern kann.

Doch Oskar ist nicht nur zunehmend fasziniert von Moni und ihrer mütterlich-zupackenden Art, er stellt auch fest, dass sie bei allen Unterschieden aus gleichem Holz geschnitzt sind, geeint durch die Liebe zur Mathematik. Die Schönheit mathematischer Formeln bringt Oskar zum Träumen, überhaupt lebt er in einer Traumwelt, die vermutlich nur Mathe-Genies zugänglich ist. Gleichzeitig versucht er, Monis Geheimnissen auf die Spur zu kommen - warum verschweigt sie ihrer Familie, dass sie die Uni besucht? Woher kennt sie den Star-Professor, bei dem er unbedingt seine Abschlussarbeit schreiben will?

Bronsky schildert ähnlich wie in ihren vorangegangenen Büchern Charaktere mit Herz und Chuzpe, die Widrigkeiten trotzen und an ihren Träumen festhalten. Ein bißchen ist dieser Roman ein mathematisches Märchen, liebenswert und mit Humor, ohne seine Protagonisten blosszustellen.  Als Nicht-Mathematikerin sind die Besonderheiten algebraischer Gleichungen für mich zwar Perlen vor die Säue, aber diese leicht erzählte Geschichte mit ernsten Untertönen, zugleich ein Appell für Toleranz für Menschen, die ganz anders sind, hat mich in ihren Bann gezogen.

Alina Brosky, Pi mal Daumen

Kiepenheuer & Witsch 2024

288 Seiten, 24 Euro

 9783462004250

Saturday, September 14, 2024

Von Drachenflüsterern und entschlossenen Prinzessinnen

 Es ist schon eine seltsame, nicht unliebenswerte Welt, in die Peter S. Beagle mit seinem Roman "Ich fürchte, Ihr habt Drachen" lockt. Denn im Königreich Bellemontagne gelten Drachen als Ungeziefer wie anderswo Ratten oder Kakerlaken. Statt eines Kammerjägers rückt dann der Drachenfänger an, in diesem Fall der junge Robert, der den in der feudalen Gesellschaft nicht sonderlich angesehenen Beruf von seinem Vater geerbt hat und viel lieber Leibdiener eines Aristokraten, am liebsten gar am königlichen Hof wäre. Mal abgesehen davon, dass Robert Drachen mag und es furchtbar findet, sie zu töten. Ein paar Drachlinge - Babydrachen - tummeln sich wie Haustiere im Haus seiner Mutter, vor allem von den jüngeren Schwestern heiß geliebt.

Doch im königlichen Schloss von König Antoine und Königin Helene muss Robert zum Groß-Drachenputz anrücken. Der Schloss muss gefälligst repräsentativ wirken, denn Prinzessin Cerise, bisher schwer angenervt von den Prinzen, die ihr ihre Aufwartung machten, hat sich tatsächlich in einen Prinzen verguckt. Reginald, Erbe eines großen Königreiches, ist ihr zufällig begegnet, als Cerise sich heimlich fortgeschlichen hat, um sich mühselig Lesen und Schreiben beizubringen. In Beagles Fantasywelt sind die Adeligen nämlich Analphabeten, Bildung ist etwas fürs gemeine Volk, wobei die Jungen schon früh die Schule verlassen müssen, um zu arbeiten - Robert beneidet seine Schwestern, die lernen dürfen.

Reginald ist aber auch mit den allgemeinen Bildungslücken seiner Klasse noch einmal besonders tumb geraten. Die aufgeweckte Cerise übersieht das allerdings, denn Reginald sieht aus wie der Inbegriff eines Helden - der soll es sein und kein anderer! Dass Reginald eigentlich ein ruhiges Leben ganz ohne Abenteuer ersehnt und verzweifelt versucht, sich seinem eher hartherzigen Vater zu beweisen,  ist der entschlossenen Prinzessin nicht klar. Die Spaziergänge mit Reginald sind so nett und keimfrei, dass mir beim Lesen der Verdacht aufkam, dass der schöne Reginald vielleicht grundsätzlich nichts mit Prinzessinnen oder auch Frauen aus dem Volk anfangen kann.

Sei´s drum - Reginald muss ein Held sein, einen Drachen bezwingen , auch wenn es so ziemlich das Letzte ist, worauf er Wert legt. Auf dem Zug ins Abenteuer soll ihn Drachenexperte Robert begleiten - und auch Cerise lässt es sich nicht nehmen, ihren schönen Prinzen in Aktion zu sehen. Wie diese Quest dann noch ein bißchen mehr ist, als die drei samt ihres Trosses erwartet haben, das erzählt Beagle humorvoll, märchenhaft, mit sowohl düsteren als auch romantischen Szenen. Die bildhafte Sprache, die Protagonisten und nicht zuletzt die Drachenwelt machen diesen gelungenen Fantasyroman zu einem Lesevergnügen.

Peter S. Beagle, Ich fürchte, ihr habt Drachen

Klett-Cotta 2024

304 Seiten, 24 Euro

 9783608988284

Wednesday, August 14, 2024

Ariane muss dicke Bretter im Harz bohren

  Hamburgerin Ariane bricht zu neuen beruflichen Feldern auf, nach ihrem Volontariat die erste Festanstellung für die Mittvierzigerin. Dafür kehrt sie Ehefrau Katja, Hund Woodie und der Großstadt den Rücken, um im Harz bei der örtlichen Tourismusorganisation als Sensitivity-Managerin zu arbeiten. Allerdings in der Außenstelle in Düsterode, wo sie schnell merkt, dass sie dicke Bretter bohren muss - ihre neuen Kollegen verfrachten sie am ersten Arbeitstag als Hexe vom Dienst in eine fensterlose Kammer. Sieht also nicht so aus, als ob ihr Bemühen um mehr Diversity und politische Korrektheit auf fruchtbaren Boden fällt.

Doch Ariane, die mit ihren Sneakern auf die Berge des Harz ähnlich gut vorbereitet ist wie ihre neuen KollegInnen auf das angestrebte Sensitivity-Programm, gibt nicht auf in "Harz aber herzlich" von Peter Godazgar und Alexandra Kui, Unverdrossen, Fußblasen und wundgescheuerten Fersen trotzend, erklimmt sie ihren ersten Harz-Gipfel um ein sexistisch umgestaltetes Wanderschild ausfindig zu machen. Immerhin ist es gemeldet worden, so viel Sensitivity ist also immerhin vorhanden in Düsterode.

Ariane findet nicht nur das Schild, sondern auch eine Leiche. So hat sie sich den Jobeinstieg wirklich nicht vorgestellt. Leicht hysterisch und mit blutigen Füßen ruft sie bei der Polizei an - und landet bei Andreas Anton, dem einzigen Polizist des Ortes, Typ gemütliches Schwergewicht mit Harmoniebedürfnis. Ariane findet: Er nimmt sie irgendwie nicht ernst genug. Immerhin hat der Provinzbulle eine sympathische Hündin, Frau Krause. Und obwohl Berg- oder Waldluft doch so gesund sind, bleibt es nicht bei einer Leiche. Trotz aller Gegensätzlichkeiten und beiderseitigen Misstrauens: Da müssen Ariane und Andreas ran. Irgendwie gemeinsam. Auch wenn die Gegensätze unüberwindbar zu sein scheinen.

"Harz aber herzlich" ist ein augenzwinkernder Cozy-Krimi mit satirischen Untertönen. Im Jahr 2024 wirkt die Ossi-Wessi-Schiene, die immer wieder bemüht wird, zwar etwas aus der Zeit gefallen, aber abgesehen davon war das Autorenteam offensichtlich mit viel Lust und Spaß bei der Sache. Schräge Harzbewohner, ein cholerischer Vorgesetzter namens "Super Mario", amouröse Verstrickungen und eine zarte Hundeliebe - man sollte diesen Cozy nicht zu ernst nehmen und sich einfach daran freuen. Hat Spaß gemacht.

Peter Godazgar, Alexandra Kui, Harz aber herzlich

Rororo 2024

400 Seiten, 14 Euro

978349901290

Monday, August 5, 2024

Hinter den Kulissen der Traumfabrik

 Das besondere Biotop von Menschen im Hotel hat Amor Towles bereits in seinem Roman "Ein Gentleman in Moskau" beschrieben. Mit seinem neuen Roman "Eve" ist diesmal ein Hotel in Beverley Hills in den goldenen Jahren Hollywoods einer der Schauplätze. Hierhin verschlägt es auch die geheimnisvolle Eve, die sich auf einer Zugfahrt von New York nach Chicago spontan entschließt, nach Los Angeles weiter zu fahren. Los Angeles, vor allem aber Hollywood ist die Stadt der Träume für viele, die hier auf eine Rolle im Film treffen. Blond und schön, wäre auch Eve durchaus eine Kandidatin - wenn da nicht eine Narbe wäre, die ihr Gesicht verunstaltet und über die uns der Autor bis zum Schluss grübeln lässt.

Doch während Hollywood all die Möchtegern-Starlets anlockt wie das Licht einen Mottenschwarm, ist Eve irgendwie selber eine Lichtquelle, die andere in ihren Bann zieht, dabei aber im Gegensatz zu den Sternchen niemals Objekt ist, sondern Herrin ihres Handelns. Wer und was sie ist, weiß sie geschickt zu verbergen und regt daher um so mehr die Phantasie der Menschen an, denen sie begegnet und deren Handeln sie prägt.

Das fängt schon auf der Zugfahrt an - Der einsame, frisch verwitwete Ex-Polizist Charlie fasst angesichts Eves spontaner Reiseänderung den Entschluss: Er wird nicht sein Haus in Kalifornien verkaufen, um an die Ostküste zu Sohn und Schwiegertochter zu ziehen, wo er mehr geduldet als erwünscht sein wird. Prentice, ein alternder und nicht mehr angesagter, da verfetteter Schauspieler, der sein Hotel in Beverley Hills seit Jahren nicht verlassen hat, fasst durch die Begegnung mit Eve den Entschluss, sich nicht länger der Passivität hinzugeben. Und Hollywood Darling Olivia de Havilland, bisher nur das brave Mädchen, lernt von ihrer Freundin Eve Spontaneität und für sich selbstz einzustehen.

Umtriebe und Intrigen Hollywoods, das Machtgefälle und die Allmacht der Studios über Schauspieler, ganz besonders aber über Schauspielerinnen, bekommen hier locker ihr Fett weg. Towles wirft einen ironischen Blick auf die Welt hinter dem Glamour, in der nicht immer sauber gespielt wird. Als deHavilland erpresst wird, ist es Eve, die einen kühlen Kopf bewahrt und mit Hilfe ihrer neuen Freunde einen Plan erstellt, der die Karriere ihrer Freundin, ihren guten Ruf und ihre Rolle in "Vom Winde verweht" retten soll.

Nicht nur das Setting, auch die Dialoge erinnern an die große Filmära der 30-er und 40-er Jahre mit ihren Screwball Comedies mit Witz und Intelligenz, daneben gibt es Bezüge auf Hollywood Noir. Nicht nur für Kino-Fans  ist diese Gesellschaftssatire mit Flair und elegantem Witz, die geradezu nach Verfilmung schreit, empfehlenswert.


Amor Towles, Eve

Hanser 2024

224 Seiten,  24 Euro

9783446281257


Wednesday, July 24, 2024

Eskapaden eines Partygirls

  Von Ursula Parrott, der Autorin von "Ex-Wife" und ihrem fast 100 Jahre altem Roman hatte ich noch nie gehört. Die Wiederauflage ist insofern eine Entdeckung und ein gut beobachtendes, ironisch kommentierendes Porträt einer jungen Frau im New York der 20-er Jahre zwischen Prohibition, Jazz und Lebenslust.

Die Ich-Erzählerin Patricia ist jung, hübsch, intelligent und privilegiert, hat sich mit 20 in eine ziemlich überstürzte Ehe gestürzt und findet sich mit gerade mal 24 in der Position der Ex-Frau - auch wenn sie lange versucht, die Scheidung zu verhindern.

Um über den Trennungsschmerz hinwegzukommen, stürzt sich Patricia, die als Werbetexterin arbeitet und somit zu den "modernen Frauen" gehört, in das Nachtleben und in die Arme ziemlich vieler Männer. Dabei bleiben diese One Night Stands unverbindlich und irgendwie distanziert - die Männer, die von ihrem Äußeren, ihrem Charme und ihren gewitzt-intelligenten Kommentaren fasziniert sind, nennen sie kalt und unnahbar. Dabei sucht Patricia gewissermaßen nur die Leere in sich zu überbrücken. Mit der Freiheit, die sie sowohl als nicht mehr verheiratete wie auch als berufstätige Frau hat, hadert sie immer wieder.

Bei der Erstveröffentlichung wurde das Buch anonym herausgegeben, der "unanständigen" Geschichte wegen. Hundert Jahre später ist der Skandal von damals schwer zu verstehen.

Die Autorin hat eine scharfe Beobachtungsgabe und einen lässig-ironischen Schreibstil. Trotzdem blieb mir Patricia recht fremd, da sie auch jenseits ihrer Affären oberflächlich und weitgehend an Äußerlichkeiten interessiert bleibt. Sie hat offensichtlich eine gute Bildung genossen, von zu Hause aus Geld, ist auch beruflich erfolgreich, wenn auch nicht sonderlich ehrgeizig. 

Dass die Zeit für viele Menschen und vor allem für Frauen alles andere als golden war, bleibt unerwähnt, die Handlung spielt zwischen Fifth Avenue und Park Avenue, Upper West Side  natürlich. Nur zum Tanzen geht es nach Harlem. Das Leben ist leicht schwerelos und im Dauerrausch zu genießen, wenn es keine Härten hat. Der Roman lässt sich ausgesprochen gut lesen,  allerdings bieten mir Patricia und ihre Welt keinerlei Identifikationsfläche. Als Porträt einer Ära dagegen wirklich überzeugend.

Ursula Parrott, Ex-Wife

S. Fischer 2024

320 Seiten, 24 Euro

9783949465284

Tuesday, July 23, 2024

Die Comedyautorin und der Popstar

 Comedyautorin Sally hat ihren Traumjob bei einer populären Late Night Show in New York, Für die Frau aus dem Mittelwesten, die immer von Comedy geträumt hat, insgeheim allerdings auch von einer Zukunft als Drehbuchautorin für femnistische Romantic Comedy träumt, besteht das Leben denn auch vor allem aus Arbeit, ihr Freundeskreis setzt sich aus Kolleg*innen zusammen. Da passt es doch, dass der Titel des Romans von Curtis Sittenfeld "Romantic Comedy" lautet.

Ein Phänomen, das Sally nicht nur am Sender auffällt, nervt sie allerdings gewaltig: Eher durchschnittliche Männer, die mit großartig aussehenden (und meist erheblich jüngeren) Frauen zusammen sind. Wieso passiert das eigentlich nie andersrum, fragt sich Sally, die sich selbst auch unter eher durchschnittlich verorten würde. Als auch ein Autorenkollege mit einer Model-schöne Schauspielerin zusammenkommt, schreibt sie einen Sketch darüber. 

Der soll ausgerechnet in der Woche produziert werden, als Popstar Noah als Gastmoderator/musikalischer Gast in die Sendung kommt. Noah mit seinem Surfercharme ist in Sallys Augen zunächst der typische weichgespülte Schönling, doch als die beiden gemeinsam an einem Sketch arbeiten, stößt sie das in eine Achterbahn der Gefühle. Interessiert er sich etwa für sie, die Durchschnittsfrau? Oder projiziert sie nur geheime Wünsche auf ihn? Awkward moments und Schmetterlinge im Bauch prägen die Zusammenarbeit, doch bei der Afterparty herrscht dann plötzlich abgekühlte Stimmung.

Zwei Jahre später, es ist Corona-Lockdown, erhält Sally eine Email von Noah. Beginn einer wunderbaren Brieffreundschaft? Oder besteht die Chance auf mehr?

"Romantic Comedy" ist in der Tat eine romantische Komödie und der ganze Teil von "er liebt mich, er liebt mich nicht" samt dazugehöriger Komplikationen ist ziemlich vorhersehbar. Am besten gefiel mir das Buch dort, wo es um die Produktion der Late Night Show geht, um Machtgefälle im Fernsehen, die unterschiedlichen Sichtweisen auf Männer und Frauen, wo Sally witzig, sarkastisch und intelligent sein konnte und mit ihren bissigen Bemerkungen das Geschehen kommentierte. Davon hätte ich, auch in der absehbaren Romanze, gern mehr gesehen. Insgesamt leicht und humorvoll geschrieben und eine nette Sommerlektüre.

Curtis Sittenfeld, Romantic Comedy

Dumont 2024

384  Seiten, 23 Euro

9783832168452

Sunday, July 14, 2024

Auf der entlegensten Insel der Welt

 Charlotte Walker, introvertierte upper class-Veterinärin aus London, versteht viel von Schildkröten, aber der Umgang mit anderen Menschen war für die zurückhaltende Frau, die auch als Studentin und Nachwuchswissenschaftlerin nicht das Haus ihrer Mutter verlassen hat, schon immer eine Herausforderung. Und trotzdem bricht sie gewissermaßen aus ihrem Schneckenhaus aus, trotzt Seekrankheit und Schüchternheit, um für ein Jahr nach Tuga zu reisen, die entlegenste Insel der Welt. Ein Jahr lang will sie eine seltene Schildkrötenart und ihre Bedeutung für das Ökosystem erforschen.

Doch Charlotte hat noch einen zweiten Punkt auf ihrer Agenda. Sie ist ziemlich fest davon überzeugt, dass ihr Vater, den sie nie kennengelernt hat, von Tuga stammen könnte, diesem britischen Überseegebiet, das zwar mittlerweile unabhängig ist, in vielem aber an das Großbritannien der 1950-er Jahre erinnert. 

"Willkommen auf Tuga" von Francesca Segal beschreibt Charlottes Inseljahr, die Faszination der farbenfrohen tropischen Pracht, die ganz eigene Inselgesellschaft, in der man nie so wirklich allein sein kann, Freundschaften und Konflikte. Mit ihrer Faszination für Schildkröten ist Charlotte so ziemlich alleine, dagegen sind viele Insulaner an Charlottes Fähigkeiten als ausgebildete Tierärztin interessiert. Also Kaiserschnitt beim Mutterschaf statt Forschungsexkursion, Behandlung von Euterentzündungen statt Brüten über Daten und Statistiken.

Auch Charlottes Gefühlsleben wird auf Tuga ziemlich aufgewühlt. Denn schon auf der Überfahrt fühlte sie sich von dem neuen Inselarzt Dan Zerki durchaus angezogen. Bei der Landung auf Tuga stellt sich dann heraus, dass er ihr seine Verlobte verschwiegen hat, die in einem halben Jahr mit dem nächsten Schiff nach Tuga kommen will. Ziemlich irritierend ist auch ihr Vermieter, der gutaussehende Levi mit seinen Macho-Sprüchen.

Kurz, Charlottes Zeit auf der Insel verläuft ein bißchen anders, als sie sich das vorgestellt hat, während die Suche nach ihrem Erzeuger zu Hinweisen führt, die Charlotte zutiefst erschüttern werden.

"Willkommen auf Tuga" ist mit leichter Hand geschrieben und entführt die Leser*innen in ein tropisches Inselparadies mit so manchen exzentrischen Bewohnern, einem liebenswerten Charme und einem ganz eigenen Lebenstempo. Ein humorvoller, warmherziger Wohlfühlroman, der Fernweh weckt und auch nachdenkliche Momente hat.

Francesca Segal, Willkommen auf Tuga

Kein & Aber 2024

514 Seiten, 25 Euro

9783036950440

Monday, July 8, 2024

Die "Stranger Times" und die Zombie-Armee

 Wenn C. K. McDonnell die Redaktion der "Stranger Times" in Manchester auf einen neuen Fall loslässt, steht eines von vornherein fest: Die bunte und trotz aller Gegensätze aufeinander eingespielte Gruppe hat es mit übernatürlichen Gegnern zu tun. Nach Vampiren müssen sie sich in "Relight my Fire" einer Armee von Zombies stellen, nachdem eine durchgeknallte Wissenschaftlerin das Geheimnis der Unsterblichkeit lüften will. Und es ist einmal mehr eine echte Herausforderung für das Redaktionsteams, ihr jüngstes Mitglied (wobei das niemand so recht weiß) Stella vor der Neugier der auf jeden Fall unsterblichen Begründer und anderer finsterer Gestalten zu schützen. Zumal Stella als Studentin den sicheren Zufluchtsort der Redaktion verlässt - das Küken wird flügge.

Clubbing, studentische Trinkrituale und wokes Bewusstsein sind für Stella, die an das schräge Team der Redaktionskolleg*innen gewohnt ist, noch einmal eine ganz neue Herausforderung. Immerhin - während sich im Nachtleben von Manchester übernatürliche Phänomene häufen, ist sie vielleicht nicht mehr ganz so außergewöhnlich?

Doch die Stranger Times Crew treibt sich diesmal weniger in Nachtklubs als auf Friedhöfen um, während der gewohnt cholerische Chefredakteur Vince Banecraft alles tun will, um nicht binnen weniger Tage in einer ziemlich unangenehmen Hölle zu landen. Seine Stellvertreterin Hannah wiederum trifft auf einen Schwarm ihrer Jugend und gerät dabei vorübergehend aus dem Gleichgewicht. Krisenmanagement schafft sie natürlich trotzdem.

McDonnell präsentiert einmal mehr ein Sammelsurium exzentrischer und schräger Gestalten, von denen nur ein Teil übernatürlich ist. Turbulent, gewalttätig, und gewohnt unberechenbar geht es auch in diesem Band um die Abenteuer der Stranger Times Crew zu, sehr britisch und überdreht-witzig.


C.K. McDonnell, Relight my Fire

Eichborn 2024

560 Seiten, 22 Euro

9783847901761

Junggesellinnenabschied mit viel Drama

 Schon das Cover von Lucy Clarke´s "One of the girls" macht neugierig: Eine von uns lügt. Eine von uns betrügt. Doch würde eine von uns töten? Und eine Leiche wird es geben, so viel verrät schon der Klappentext. Da scheint die hen night, der Juniggesellingenaben (oder viel mehr langes Wochenende) von sechs Britinnen auf einer griechischen Insel, gründlich aus dem Gefüge zu geraten....

Die Dynamik innerhalb der kleinen Gruppe ist von Anfang an von Konflikten überschattet. Da ist Bella, Trauzeugin, selbsternannte beste Freundin der Braut Lexi, die ständig die besondere Vertrautheit mit Lexi herausstreicht. Doch gleichzeitig hält sie an der Lexi vor zehn Jahren fest, einer lebenslustigen, wilden Frau, Partynächte auf Iniza, das Leben als Dauerrausch. Es ist die Art Leben, das Bella noch immer pflegt, auch um die Angst vor dem Scheitern der Beziehung zu ihrer Freundin Fen hat, die ein Fitnessstudio leitet und mit der Insel, auf der sie dank Fens Tante eine Villa nutzen können, ein paar schlimme Erinnerungen verbindet.

Doch mittlerweile unterrichtet Lexi Yoga, hat sich verlobt ud ist an einem sehr viel ruhigeren Leben interessiert - auch wenn Bella das nicht dulden kann. Dazu passt, dass sie nun besonders eng mit Ana befreundet ist, einer alleinerziehenden Mutter mit halbwüchsigen Sohn, die sie erst in London i ihrem Yogastudio kennengelernt hat.. Alleinerziehend ist auch Robyn, die zu Schulzeiten ein unzertrennliches Trio mit Lexi und Bella gebildet hat, Doch seitdem hat sich Entfremdung zwischen Robyn und Bella entwickelt.

Als Fremde in der Gruppe fühlt sich auch Elanor, Lexis künftige Schwägerin. Für sie ist das Partywochenende besonders schwierig - nicht nur weil sie niemanden kennt und eher introvertiert ist. Ihr eigener Verlobter ist kurz vor der geplanten Hochzeit gestorben. Unter dem Verlust leidet sie noch immer, Feierstimmung will sich bei ihr nicht breit machen.

Die Autorin legt allerlei Fußangeln, unterbricht immer wieder buchstäblich in cliffhanger-Situationen, um zu einem anderen Erzählstrang, einer anderen Perspektive zu wechseln. Denn die Villa der hen night liegt auf einem Felsen, hinter einem niedrigen Mäuerchen geht es lebensgefährlich tief hinab. Wanderungen auf steilen Klippen machen klar, wie schnell ein falscher Schritt tödlich enden kann. Hinzu kommt, dass jede Frau ein Geheimnis hat.

Die ganz unterschiedlichen Persönlichkeiten der sechs Frauen sorgen für Konflikte, Spannungen und viel zwischenmenschliches Drama. Geheimnisse werden gelüftet, Bündnisse geschlossen und nicht nur die griechische Sommerluft brennt zwischen den Frauen. Beim Lesen bleibt immer wieder die Frage nach der noch ausstehenden Leiche. Wird es ein Unfall sein, ein eskalierender Streit, ein geplanter Mord? Wer ist Täterin, wer Opfer? Manche Situation, die schon direkt zu einer Toten zu führen scheint, endet dann doch ganz anders. Dass es dann noch einmal ganz anders kommt, ist schlüssig und bringt das Beziehungsgefüge in der griechischen Villa noch einmal durcheinander. 

Das Mädelswochenende dürfte allen Beteiligten in Erinnerung bleiben - und auch seine Folgen bleiben nicht unerwähnt. "One of the girls" bietet spannende Unterhaltung, die vor allem psychologischer Art ist. Die Tatsache, dass die Handlung überwiegend in einer isolierten Villa spielt, trägt zudem zu einem "locked room drama" beo. Chick-Lit der dramatischern Art.

Lucy Clarke, One of the girls

dtv 2023

432 Seiten, 9,99

  978-3-423-44223-7

Tuesday, July 2, 2024

Turbulenter Südstaaten-Cozy

 Mit schrägen Charakteren und überdrehtem Plot erinnert "Weg vom Schuss" von Jana deLeon ein bißchen an die Romane von Carl Hiaasen. Es gibt darin zwar weniger Kritik an Umweltzerstörung und sie spielen nicht in den Everglades von Florida, sondern in den Bayous von Luisiana, aber Alligatoren und Waschbären gibt es auch dort. 

Dabei hätte sich Fortune, CIA-Agentin und erfahren in allen möglichen Techniken des Tötens, nie vorstellen können, dass es sie einmal in ein verschlafenes Südstaatenstädtchen namens Sinful verschlagen könnte, und dann auch noch als angebliche Nichte ihres Chefs. Da ein Waffenhändler aus dem Nahen Osten jedoch einen Hit auf sie angeordnet hat und es peinlicherweise bei der CIA einen Maulwurf zu geben scheint, muss Fortune vorgeben, eine Ex-Schönheitskönigin und Bibliothekarin zu sein, dabei kann sie weder mit Büchern noch mit Mode viel anfangen. 

Als Sandra-Sue soll sie angeblich das Haus ihrer verstorbenen Tante inventarisieren, vor allem aber weit weg sein von allen Gegenden, in denen Auftragsmörder nach ihr suchen könnten. Und das dürfte in Sinful nicht der Fall sein, denn trotz des sündigen Namens ist das Städtchen fromm: Sonntags Kirchgang, die Frauen stricken und backen Kuchen, in die Kneipen außerhalb des Ortes gehen nur die Männer. Aufregung gibt es höchstens nach dem Kirchgang zwischen Baptisten und Katholiken bei Wettlauf um die begrenzen Bananenpuddingvorräte in Francine´s Diner. 

Kurzum, Fortune ist sicher, dass sie vielleicht nicht ermordet wird, sich aber zu Tode langweilen dürfte. Dass es dann ganz anders kommt, liegt zum einen an zwei alten Damen, die einige bemerkenswerte Talente haben und eine eigene Agenda zu verfolgen scheinen. Und zum anderen an dem Knochen, den der altersschwache Hund Bones, der ebenfalls zum Erbe von Sandra-Sues Tante gehört, ausgebuddelt hat. Ein Menschenknochen, wie Fortune auf Anhieb erkennt, auch in leicht angekautem Zustand. 

Damit wird Fortune in die Ermittlungen der alten Damen hineingezogen, denn die Knochen dürften einem vor fünf Jahren verschwundenen Ekelpaket namens Harvey gehören. Hauptverdächtig ist natürlich die Ehefrau - und die ist eine Freundin der alten Ladies und plötzlich verschwunden. Klar, dass die die Ermittlungen nicht dem örtlichen Deputy überlassen wollen!

Dank der Seniorinnen gerät Fortune in allerhand haarsträubende Situationen, macht unfreiwillig Bekanntschaft mit Sumpfwasser, Dobermännern und Harveys unsympathischen Cousin Melvin. Von wegen also, weit weg vom Schuss!  Nicht nur scheint in der überalterten Südstaatenkleinstadt jeder eine Waffe zu haben, trotz sonntäglichem Kirchgang gibt es ein ziemliches Gewaltpotenzial. Blutig geht es in diesem Cozy dennoch nicht zu, vielmehr stellt die Autorin genüsslich Agentenroman-Klischees auf den Kopf. Das Buch ist eher ein Angriff auf die Lachmuskeln und sollte nicht zu ernst genommen werden. Spaß hatte ich beim Lesen jedenfalls reichlich.


Jana deLeon,  Weg vom Schuss

Second Chances Verlag, 2024

284 Seiten, 14 Euro

9783948457143

Saturday, June 29, 2024

Queere Romance ohne Überraschungen

 Eine queere Liebesgeschichte für den Pride Month - das habe ich mir von "Experienced" von Kate Young erwartet, allerdings auch ein bißchen mehr Tiefe für Protagonistin Bette, die mit 30 Jahren ihre erste lesbische Beziehung hat. Ihr Glück wird getrübt, als ihr ihre Freundin Mei eine Beziehungspause vorschlägt, damit Bette Erfahrungen sammeln kann und nicht irgendwann später im Leben bereut, bei der ersten Frau hängengeblieben zu sein, ohne irgendwelche Vergleichsmöglichkeiten zu haben, außer mit den unbefriedigenden Beziehungen mit Männern, die sie zuvor hatte.

So heult sich Bette erst mal bei der einzigen lesbischen Arbeitskollegin aus und versucht ihr Glück bei Online-Dating. Ihr Problem: sie ist einfach keine Frau für one night stands, bei ihr müssen Gefühle ins Spiel kommen, und die hat sie ja nur für Mei. Immerhin wird aus einem ihrer missglückten Dates die Freundschaft mit Rachel, die fortan zum Sounding board ihrer Liebesprobleme wird.

"Experienced" ist im Stil einer romantic comedy geschrieben und ähnlich vorhersehbar wie die heteronormative Variante. Wer die üblichen Strickmuster kennt, weiß schon früh, wie sich die Story entwickeln wird, insofern also keine Überraschungen beim Lesen. Als leichte Sommerlektüre ist das durchaus geeignet. Das Buck ist locker und gefällig geschrieben und die Figuren sind sympathisch.

Schön wäre es allerdings gewesen, wenn Bette auf ihrem Weg durch den Beziehungsdschungel mehr Profil bekommen hätte. Als queere Protagonistin ihres Alters in dieser Zeit kommt sie mir jedenfalls nicht besonders glaubwürdig vor. Dass sie ihr Coming Out mit 30 hatte und da zum ersten Mal eine Frau kennengelernt hatte, bei der es gefunkt hat - das ist das eine. Aber dass sie so lange benötigt hat, um zu erkennen, warum es bei ihr mit Männern einfach nicht klappt? Dass sie Frauen begehrt? Das ist einfach unrealistisch. Es mag ja sein, dass frau über Jahre dem erwarteten Rollenverhalten entspricht, erst recht, wenn gesellschaftliche und familiäre Zwänge eine Rolle spielen. Aber das eigene Empfinden setzt ja schon deutlich früher ein und im 21. Jahrhundert ist es unwahrscheinlich, dass eine Frau mit 30 Jahren völlig überraschend zu der Erkenntnis kommt, dass sie eigentlich Frauen liebt.

Kate Young, Experienced

Harper Collins 2024

384 Seiten, 16 Euro

 9783365005538

Roadtrip in Familienangelegenheiten

 "Der Hund des Nordens" von Elizabeth McKenzie klingt erst einmal vage nach Weite und Sternenhimmel. Bei dem Hund des Nordens handelt es sich allerdings nicht um ein Sternbild, sondern um den Van des Steuerberaters von Penny Rushs exzentrischer Großmutter. Penny, die gerade ihren Job gekündigt hat, nahezu pleite und deren Ehe vor dem Aus steht, hat eigentlich genug mit sich selbst zu tun.  

Statt dessen ist sie Reisende in Sachen lieber Verwandtschaft: Die Großmutter, noch nie ganz einfach, muss befriedet werden, nachdem sie mit einer Waffe gedroht haben soll. Der Großvater, ein ausgesprochen netter Mann, hat eine zweite Ehefrau, die ihn ins Altersheim abschieben will. Und dann hat Penny auch noch Angst, ihr biologischer Vater könne sie mit einer seiner gefürchteten Kurzbesuche überraschen.

Dass Penny dann auch noch als Florence Nightingale in einer medizinischen Krise des Steuerberaters einspringen muss, war jedenfalls nicht vorgesehen. So kommt sie an den Van, dank dessen sie sich Übernachtungskosten sparen kann, Und schließt die Bekanntschaft mit Dale, dem wesentlich jüngeren Bruder des Steuerberaters, der als Strafverteidiger in San Francisco arbeitet. Eigentlich praktisch, denn als auf dem Grundstück der Großmutter menschliche Knochen gefunden werden, ist juristischer Beistand nötig.

McKenzie nimmt die Leser*innen mit auf einen Roadtrip zu Pennys exzentrischer Verwandtschaft und auf eine Reise nach Australien, wo Mutter und Stiefvater vor Jahren spurlos verschwanden. Eigentlich hat das Buch Potential, doch beim Lesen fehlte mir etwas. Es schien, als sei sich die Autorin nicht klar darüber, ob das nun ein unterhaltsam-verrückter Roadtrip werden sollte oder das Psychogram einer Mittdreißigerin, die aufgrund ihrer steten Verunsicherung, was Beziehungen zu anderen Menschen angeht und mit schwach ausgeprägtem Selbstbewusstsein irgendwie 20 Jahre jünger wirkt.Mehrfach enden Erzählstränge aprupt, was dem Roman etwas Unvollendetes gibt. "Der Hund des Nordens" hat charmante Momente, konnte mich aber nicht wirklich überzeugen.

Elizabeth McKenzie, Der Hund des Nordens

Dumont 2024

352 Seiten, 24 Euro

9783832168049

Friday, June 28, 2024

Auf high heels durch die finnischen Wälder

  "Weißglut" von Tobias Quast spielt zwar im hohen Norden, genauer gesagt in Finnland, ist aber dennoch eher cozy als Scandinavia Noir. Hängt vielleicht auch damit zusammen, dass der Autor Deutscher ist, wenn auch mit Finnland als zweiter Heimat. Ein deutsches Element liefert auch die Protagonistin, die Münchner Society Lady Sarah, die mit einer Auszeit in einem "Mökki", einem Ferienhaus an einem finnischen See, allem entkommen will: Dem schlagzeilenträchtigen Ehe-Aus, dem bevorstehenden Scheidungskrieg, den Geldforderungen ihrer Tochter und der Schickeria, die dank Illustrierten-Story weiß, dass sie von ihrem noch-Ehemann zugunsten einen 27-jährigen Schlagersternchens abserviert wurde. Danke, auf die öffentliche Demütigung kann sie verzichten.

In Finnland kennt zwar niemand Sarah, aber Probleme begleiten sie auch in die Idylle am See. Nicht nur, dass sie erst mal im falschen und nicht sonderlich heimeligen Mökki absteigt, sie findet am Morgen auch eine Leiche. Und ist für die Dorfgemeinschaft nicht nur die wahrscheinliche Mörderin, sondern wird auch gleich als heimliche Geliebte des Mannes gelabelt. Andere dagegen halten sie für eine Unterwelt-Russin. Und der ermittelnde Kommissar, der wie ein Klon des früheren Rennfahrers Mika Häkkinen aussieht und ständig Lakritze kaut? Sarah ist überzeugt, dass er nur darauf lauert, ihr Handschellen anzulegen. 

Also muss sie selbst rauskriegen, wer den Nachbarn ermordet hat, mit tatkräftiger Hilfe der volltätowierten Anhalterin Ilvi, die trotz hippen Aussehens mit Sprichwörtern der finnischen Tradition um sich wirft. Auf high heels stöckelt Sarah durch finnische Wälder und auf Mittsommerfeste, versucht Tatverdächtige zu ermitteln und kommt hinter so manches Geheimnis der teilweise exzentrischen Dorfgemeinschaft. 

"Weißglut" ist durchaus unterhaltsam, stellenweise in Richtung Klamauk, die Spannung hält sich allerdings in Grenzen. Im Grunde lebt das Buch von dem Kontrast der Luxusfrau in der eher kernigen naturnahen Umgebung und den Vorstellungen, die die Dorfbewohner von der Fremden haben. In einem zweiten Strang geht es um einen eher weltfremden und sozial isolierten Nachwuchswissenschaftler und seine Jagd nach einem Gegenstand, der die finnische Mythologie umschreiben könnte. Bis Sarah dahinter kommt, was das mit ihrer Mördersuche zu tun hat, hat der Roman ein paar Längen. Dennoch ein nettes Leseerlebnis mit ordentlich Skandinavien-Flair.


Tobias Quast, Weißglut

Harper Collins 2024

432 Seiten, 14 Euro

 9783365005606 

Wednesday, June 12, 2024

Wenn Liebe Besitzstreben wird

 Sarahs Leben ist seit einer Fehlgeburt aus den Fugen geraten: Anders als ihr Ehemann Gideon konnte sie die Trauer nicht überwinden, entwickelte psychische Probleme, die Ehe scheiterte - auch weil Sarah auf Scheidung drängte. Das Sorgerecht für die kleine Tochter Emily teilen sie sich, der Umgang ist weiterhin freundlich, auch als Gideon nach recht kurzer Zeit Charlotte heiratet - "die andere Ehefrau" eben, wie der Psychothriller von Nicole Trope heißt.

Wie man es von der Autorin kennt, wechselt sie Zeitebenen und Perspektiven und konzentriert sich dabei auf Sarah und Charlotte, die beiden Frauen, die irgendwie auch Konkurrentinnen sind. Denn Charlotte, die ohnehin einen starken Kinderwunsch hat, ist begeistert von ihrer Stieftochter und will sie gewissermaßen für sich allein. Dass Sarah paranoide Halluzinationen zu haben scheint und nach einem Zwischenfall während Emilys Wochenendbesuch sich sogar in eine psychiatrische Klinik einweisen lassen muss, scheint es für Charlotte leichter zu machen - schließlich scheint Sarah nicht in der Lage zu sein, ihr eigenes Leben in den Griff zu kriegen. Ist Emily bei ihr überhaupt sicher?

Gideon verweigert sich allerdings dem Gedanken an ein alleiniges Sorgerecht für Emily, beharrt darauf, dass Sarah schließlich die Mutter der Kleinen ist. Liebe wird in diesem auf Gewalt größtenteils verzichtenden Psychothriller auch zu einer Art Besitzstreben. Dabei scheint Gideon den subtilen Konflikt der beiden Frauen gar nicht richtig mitzukriegen und weiß nicht, welcher Darstellung er glauben soll. Sarah hingegen kämpft zunehmend um ihre Glaubwürdigkeit und fürchtet, sie könnte Emily verlieren. 

Vielleicht liegt es daran, dass ich bereits einige Bücher der Autorin gelesen habe, die Lösung des Plots hat mich jedenfalls nicht sonderlich überrascht. Spannend ist der flüssig geschriebene Psychothriller allemal, vor allem in einer dramatischen Zuspitzung im letzten Teil.


Nicole Trope, Die andere Ehefrau

bookouture 2024

306 Seiten, 4,99

 9781835252079

Wednesday, June 5, 2024

Unglaubwürdiger Kanaren-Krimi

  Ich habe mich für "Dunkle Verwicklungen auf La Palma" interessiert, weil ich mir eine Sommerlektüre mit ein bißchen Spannungen und Kanarenflair erwartet hatte, bin nach Beendigung des Buches des Autorenduos Flores & Santana aber nicht wirklich auf meine Kosten gegeben. Kulinarisches und Landschaftliches ist nett eingestreut, die Gerüche der Insel treten auch den Lesenden vor die Nase, insoferrn ist der sommerliche Urlaubsanspruch durchaus erfüllt, aber auch ein Cozy-Krimi sollte doch ein gewisses Grundmaß an Spannung bieten. 

Der Mord an einem Bauunternehmer, die Aktivitäten einer Umweltgruppe - das würde doch dazu einladen, Spekulantentum, Overtourism, das Spannungsfeld von Ökologie und Ökonomie zu thematisieren. Ich konnte aber mit den überausführlichen Schwenkern zum Privatleben der ziemlich altbackenen Protagonisten nicht warm werden, die ohnehin mehr Zeit mit essen und trinken als mit ihrer eigentlichen Arbeit zu verbringen schienen. Die Ermittlungen sind dann vollends hanebüchen. Journalist Ben muss seinem alten Kumpel, dem leicht überforderten Polizisten, unter die Arme greifen und ist nicht nur bei dessen Nachforschungen dabei, sondern darf im Nebenraum dem Verhör eines Verdächtigen folgen.

Das ist dann so unendlich weit vorbei an jeglicher Lebenswirklichkeit, dass auch "Ist schließlich nur ein Cozy" keine Entschuldigung für Unglaubwürdigkeit ist. Wäre es wenigstens so überzogen gewesen wie in eher satirisch angelegten Humor-Krimis, wäre es ja noch angegangen, aber so musste ich mich zwingen, das Buch zu Ende zu lesen. Sprachlich hat mich das Buch auch nicht überzeugt. Kanaren-Fans verzeihen möglicherweise diesen totalen Realitätsverlust, aber für mich ist klar, dass ich den bereits angekündigten Folgeband nicht lesen werde.

Flores  & Santana, Dunkle Verwicklungen auf La Palma

Ullstein 2024

304 Seiten, 15,99

9783548068916


Tuesday, May 28, 2024

Revival einer Liebe?

 Als einzige Irin in einer italoamerikanischen Familie fühlt sich Eilis, vor 20 Jahren aus Irland in die USA eingewandert, manchmal fehl am Platze, ja von la Famiglia eingekesselt. Schließlich wohnt Ehemann Tony nicht nur Haus an Haus mit seinen Eltern, auch seine beiden Brüder mit ihren Familien sind unmittelbare Nachbarn in dem ruhigen Viertel in Long Island.

So richtig gerät Eilis´s Welt allerdings aus den Fugen, als ein aufgebrachter Mann vor ihrer Tür steht und ihr sagt, Tony habe seine Frau geschwängert. Das Kind würde er ihr "vor die Tür legen" , da er auf gar keinen Fall das Kind eines anderen aufziehen werde. Auch für Eilis steht fest: Mit diesem Kind will sie nichts zu tun haben, der Vertrauensbruch ihres Mannes ist schlimm genug. 

Monatelang wartet sie darauf, dass Tony das Problem anspricht - Fehlanzeige. Dann erfährt sie über Umwege, dass Tony ihr gegenüber beharrlich geschwiegen hat, im Familienkreis aber schon längst alles geregelt ist - seine Mutter Francesca wird das Kind aufziehen. Für Eilis ebenso undenkbar wie das Kind im eigenen Haushalt zu haben.

Eilis beschließt eine Vermeidungsstrategie - zum mutmaßlichen Geburtstermin wird sie nicht zu Hause sein. Ihre Mutter in Irland wird 80, Grund genug, nach 20 Jahren mal wieder einen längeren Aufenthalt in der alten Heimat zu planen. Und auch Rosella und Larry, ihre beiden Kinder, wollen in den Sommerferien nachkommen, um endlich ihre irische Granny kennenzulernen.

In Irland warten allerdings neue Komplikationen. Das Zusammenleben mit der Mutter, der klatschfreudige kleine Ort - das geht Eilis ziemlich schnell auf die Nerven. Und dann ist da noch Pubbetreiber Jim, für den sie vor 20 Jahren - damals bereits heimlich mit Tony verheiratet - Gefühle entwickelte und den sie tief verletzte, als sie seinerzeit ohne Abschied in die USA zurückkehrte. Was sie nicht weiß - ihre ehemals beste Freundin hat schon länger eine heimliche Beziehung mit Jim und plant eine Hochzeit. Doch tiefe Gefühle können auch nach 20 Jahren wachgerufen werden - und sowohl Eilis als auch Jim stehen vor der Frage, was sie eigentlich wollen.

Colm Toibin schildert in "Long Island" eine Liebe in reiferem Alter -  Gefühle werden nicht mehr alleine von Hormonen gesteuert, als Mutter von zwei Kindern und in einer Ehekrise, in der über Probleme nicht geredet wird, muss Eilis entscheiden, was sie eigentlich will. Jim wiederum muss sich fragen, ob er die Gewissheit eines Lebens mit Nancy möchte oder das Vielleicht  mit Eilis. Toibin beschreibt die zauderliche Liebesbeziehung, aber auch die irische Kleinstadt der 70-er Jahre, in der alle viel zu gut über einander Bescheid wissen und ein langes Gedächtnis haben. Die ruhige, langsame Erzählweise passt zu den Figuren des Romans, die weniger durch lodernde Leidenschaft geprägt sind als über das Nachdenken über verlorene Möglichkeiten und verbleibende Chancen.


Colm Toibin, Long Island

Hanser 2024

320 Seiten, 26 Euro

 9783446279476

Saturday, May 25, 2024

Rasende Reporterin auf der Jagd nach Einbrecherbande

  Lust auf Ostsee, Strand und Mord? Frauke Scheunemanns Cozy-Krimi "Mord am Haff" bietet all das mit einem Hauch von romantic comedy. Wer auf der Suche nach einem Thriller für harte Nerven ist, wäre hier nicht gut bedient, wer dagegen eine Prise Humor und einen gute Laune Krimi nicht nur für Strandkorb-Urlaub sucht, dürfte Gefallen an Radiojournalistin Franziska Mai finden. Zusammen mit ihrem Volo Janis ermittelt sie gewissermaßen in Konkurrenz zur Polizei und besonders dem gutaussehenden Kommissar Kay Lorenz. Es geht schließlich nicht nur um Einschaltquoten, sondern auch um das Überleben des Usedomer Privatrundfunks.

Eine Einbruchsserie beunruhigt vor allem die wohlhabenden Usedomer, denn die Täter sind im hochpreisigen Segment unterwegs. Ist man denn nicht mehr sicher unterm Reetdach? Bei ihren Umfragen und in der Hörerpost bemerkt auch Franziska, dass die berühmte Volksseele kocht und auf der Suche nach Verdächtigen reflexartig über die nahe polnische Grenze schielt. 

Ein polnischer Journalist, der Franziska grenzüberschreitende Recherche vorschlägt, glaubt auf eine heiße Spur gestoßen zu sein. Doch dann endet ein Einbruch mit einer Toten. Und während es scheint, als werde über Facebook zur Gründung einer Bürgerwehr getrommelt, ermitteln Franziska und Kay unter Hochdruck mal gemeinsam, mal in Konkurrenz zueinander. Nur mit dem mehrfach geplanten Spaziergang unterm Sternenhimmel will es einfach nicht klappen.

"Mord am Haff" ist ein typischer Urlaubskrimi und verbreitet auch in anderen Lese-Regionen Strandfeeling. Die Autorin hat eine lockere-humorvolle Schreibweise, ohne ins Alberne abzugleiten. Die Protagonisten sind sympathisch und ich habe sie gerne bei ihren Ermittlungen begleitet. Die Lösung des Falls ist eine Überraschung, mit der ich so nicht gerechnet hätte.


Frauke Scheunemann, Mord am Haff

Fischer Scherz, 2024

350 Seiten, 14,99

9783651001022

Saturday, May 18, 2024

Charmant-überdrehtes Ermittlerpaar mit Baby

 Zwei Schriftsteller und ein Baby ermitteln in dem überdrehten und humorvollen Cozy-Krimi "Ein Toter lag im Treppenhaus" in dem Autor Andreas Neuenkirchen augenzwinkernd auch Influencertum, die Probleme des Genderns, Paarprobleme und Schreibblockaden aufs Korn nimmt. Die titelgebende Leiche gibt es natürlich auch. 

Das Buch lebt von der Gegensätzlichkeit der Protagonisten: Amadeus Wolf galt einst als literarisches Wunderkind, aber in den letzten Jahren litt er unter Schreibblockade. Momentan vielleicht kein Wunder, denn seine Frau ist nun schon seit drei Monaten auf Dienstreise in Luxemburg und Wolf ist somit alleinerziehender Vater von Baby Maxine, der sich immer festhält an dem Wunschgedanken, er sei nicht verlassen worden, auch wenn weder Anruf noch WhatsApp-Nachricht ein Lebenszeichen der Gattin brachten. Muss eine sehr intensive Dienstreise sein. Amadeus mag ein kritischer Intellektueller sein, aber am praktischen Sinn fürs Leben hapert es doch ein bißchen.

Holly McRose, so jedenfalls ihr Pseudonym, ist dagegen äußerst erfolgreiche Autorin von Schnulzenromanen um einen Highlander, die sie gewissermaßen im Akkord verfasst. Die quirlige und ein bißchen chaotische, neugierige und redebedürftige Frau ist die Nachbarin von Wolf. Lange gab es außer dem freundlich-distanzierten Grüßen im Treppenhaus keinen Kontakt, Doch das ändert sich, als der Nachbar aus dem Dachgeschoss bei einem Treppensturz zu Tode kommt. Holly will nicht an einen Unfall glauben. Und mit ihrer unerschöpflichen Energie schafft sie es, den zögerlichen Wolf tatsächlich zu überreden, gemeinsam den Tod des Nachbarn aufzuklären. Baby Maxie ist immer dabei,

Dass ich dieses Buch mögen werde wurde mir schon beim ersten Satz klar: Er liebte den Geruch frischer Farbe am Morgen. Es bleibt nicht das einzige Filmzitat. Neuenkirchen hat nicht nur zwei liebenswerte Hobbydetektive geschaffen, er spielt auch mit Stereotypen und Projektionen, sei es die Influencerin Veronica, die in einer rosaroten Mode-Makeup-Welt mit nichtbinärer Assitenzx zu leben scheint, aber ihren Followern schlauerweise verheimlicht, dass sie zwei Studienabschlüsse hat. Oder Polizist Can, der vom Münchner Hasenbergl stammt, auf Gangsta-Rap steht und dem die schriftstellernden Ermittler nicht ganz sauber vorkommen. Viel soll an dieser Stelle gar nicht verraten werden - aber dieser Cozy-Krimi ist ausgesprochen turbulent und unterhaltsam. Man merkt, dass dem Autor das Spiel mit Sprache und Popkultur Spaß macht. Ich hoffe, das ist nicht das Letzte, was ich von Amadeus Wolf und Holly McRose gelesen habe.

Andreas Neuenkirchen, Ein Toter lag im Treppenhaus

Grafit 2024

272 Seiten, 14 Euro

 9783986590215

Frauenfreundschaft in der Lebensmitte

 Sie sind nicht mehr ganz jung, sie sind nicht sonderlich erfolgreich oder ehrgeizig und sie hadern gelegentlich mit den Umständen um sie herum: Charly, Kessie und Grit sind drei Freundinnen Mitte 40 in Berlin, selbst in einer Beziehung mehr auf Distanz bedacht und lassen echte Nähe vielleicht nur zu ihren Hunden und untereinander zu, egal ob sie sich persönlich sehen oder im Gruppenchat ihren Gefühlen und Gedanken freien Lauf lassen: Autorin Grit, die aber schon lange nichts mehr veröffentlicht hat und Recycling- und Lebensmittelretten-Anhängerin ist, Charly, deren Schauspielkarriere schon länger stockt und Kessie, die als Spanischlehrerin an einer Sprachenschule die einzige mit einem regelmäßigen Job ist.

Die drei Frauen sind die Protagonistinnen in Stefanie de Velascos Roman "Das Gras auf unserer Seite" und kämpfen mit größeren und kleineren Problemen - Grit mit der bevorstehenden Hochzeit ihrer jüngeren Schwester, der sie nicht recht verzeihen kann, dass sie das aus ihrer Sicht spießige Familienmodell gewählt hat, Kessie mit den Sorgen um die plötzlich pflegebedürftige Mutter, die sich im weit entfernten Heim im Rheinland einleben muss und Charly mit der Erkenntnis, dass sie schwanger ist, gerade als endlich eine Hauptrolle winkt.

Es gibt durchaus humorvolle Szenen in diesem Buch, auch gesellschaftskritische Anklänge, die dann leider nicht ausgebaut werden, etwa die Probleme von Kessie aus Spanien stammender Mutter mit der deutschen Küche im Pflegeheim und die Frage, wie weit Heime eigentlich auf die Bedürfnisse pflegebedürftiger Migranten eingestellt sind. Doch meist plätschert die Handlung vor sich hin, die Frauen sind wenig entscheidungsfreudig, selbst die Überlegungen Kessies, ob sie sich für oder gegen das Kind entscheiden soll, sind oberflächlich und ihre Denglisch-Aufgeregtheiten im Gruppenchat irgendwie spätpubertär. Fast wirkt es, als seien die Drei, die ja schon in der Lebensmitte stehen, immer noch nicht im Leben angekommen und probieren planlos rum. Dass dann ausgerechnet ein vernachlässigter Schrebergarten für neuen Aufbruch und Aktivität steht, hat mich dann doch gewundert. Sollte der den Frauen nicht als Symbol grün gewordener Spießigkeit gelten?

Insgesamt hat mich dieser Roman nicht so recht überzeugt. Die Figuren blieben oberflächlich und die Handlung kam nicht recht in Gang. Punkte wie Erwartungen speziell an Frauen und ihre Lebensentwürfe wurden zwar angerissen, blieben aber letztlich recht beliebig. 

Stefanie de Velasco, Das Gras auf unserer Seite

Kiepenheuer & Witsch 2024

256 Seiten, 23 Euro

9783462005738

Friday, May 10, 2024

Mutter-Tochter-Gespann ermittelt nach im Schatten der Alhambra

 So hatten sich Clara und Anneliese nicht ihre Mutter-Tochter-Auszeit in Südspanien vorgestellt: Erst wissen sie wegen Doppelbelegung nicht, wo sie in Granada bleiben sollen, dann finden sie einen sympathischen Vermieter, von dem vor allem die frisch verrentete Kinderärztin Anneliese sehr angetan ist (und umgekehrt). Das Glück währt aber nur kurz, denn der sympathische  Restaurateur auf der Alhambra liegt plötzlich tot in seiner Wohnung. Mehr und mehr sind die beiden Frauen überzeugt: Das war kein natürlicher Tod.

Hinzu kommt, Clara hat als digitale Nomadin schon lange nicht mehr so eng mit ihrer Mutter zusammengelebt. Sie wollte ihr mit der gemeinsamen Zeit in Granada den Übergang in den Ruhestand erleichtern, muss aber feststellen: bei aller Liebe, es braucht auch klare Abgrenzungen. Etwa wenn Anneliese mal wieder ohne Klopfen und Respekt vor der Privatsphäre in Claras Zimmer steht, während die gerade mit Fernbeziehung Thorben in Kanada skypt.

Neben der Frage, wo sie jetzt für den Rest ihrer Zeit in Granada bleiben sollen und was hinter Manuels Tod steckt, geht es auch um berufliche Durststrecken und Zukunftspläne für Clara und Thorben, bei denen sich plötzlich über die große Entfernung hinweg eine Krise abzeichnet.

Mit "Schatten über der Alhambra" hat Autorin Susanne Beck zwar ein sympathisches Mutter-Tochter-Gespann geschaffen, als Ermittlerinnen stellen sich die beiden allerdings ziemlich hanebüchen an, verdächtigen einerseits so gut wie jeden und haben andererseits ganz offensichtlich kein Bewusstsein für Gefahrenmomente, so übereilt und emotional, wie sie handeln. Bei allem Wohlwollen: Das ist schon extrem dilettantisch. Wem Logik weniger wichtig ist als südliche Urlaubsatmosphäre, wird dennoch Vergnügen an diesem Cozy-Krimi finden. Ein origineller Einfall sind die Monologe der Alhambra, die als stumme Beobachterin durch die Jahrhunderte hinweg zu Beginn eines jeden Kapitels ihre Betrachtungen von sich gibt.


Susanne Beck, Schatten über der Alhambra

Ullstein 2023

  360 Seiten, 4,99

9783843729994

Tuesday, May 7, 2024

Urlaub mit den Eltern

 Urlaub mit den Eltern - als erwachsenes Kind - hat seine Herausforderungen. Das stellt auch Comedian Andre Hermann fest, als er dem leisen Druck seiner Eltern nachgibt und mit ihnen nach Israel und Jordanien reist - ein großer Traum der beiden Mitt- bis Endsechziger, aber alleine hätten sie sich das nicht getraut. Die Herausforderung ist umso größer, als die Drei nicht so regelmäßig zusammenkommen oder telefonieren, wie das in manch anderer Familie der Fall ist. Man versteht sich, sieht sich aber eben nur alle paar Monate. Und jetzt plötzlich zwei Wochen lang täglich. Kann das gut gehen?

Wie so viele seiner Generation lässt Hermann seine Gefolgschaft in den sozialen Medien an der Erfahrung teilnehmen. Erst leicht leidend - im Flugzeug hat er schon dafür gesorgt, dass er weit weg von den Eltern sitzt. Das fehlte ja noch - er Berliner, die beiden Rentner aus der Provinz von Sachsen-Anhalt, das ist ihm offenbar ein bißchen peinlich. Wenn seine Eltern in ein Fettnäpfchen treten oder etwas Naives von sich geben, postet er das allerdings prompt. Und siehe da: Die Follower sind hin und weg.

Aber ob die Eltern das gut finden, derart unter einem Hashtag vorgeführt zu werden? Vielleicht liegt es daran, dass ich altersmäßig mittlerweile näher an den Eltern als an dem Autor bin, dass ich es denn doch recht fies finde, das Elternpaar, dass es ja bereits durch ein ganzes Berufsleben geschafft hat, als ein wenig trottelig, weltfremd und neben der Spur darzustellen. Ganz so, als werde das Hirn spätestens am 50. Geburtstag abgeschaltet. Und technisch und auch sonstwie überfordert sind die alten Leutchen ja sowieso.

Nichtsdestotrotz, auf der turbulenten Reise, auf der auch einiges schief geht, wo verschiedene Missverständnisse drohen und der Autor wohl auch mal die eine oder andere Episode etwas übertrieben haben mag, sorgen die Eltern für manche unfreiwillige Unterhaltung, zeigen sich aber auch interessiert, weltoffen und sehr liebenswert. Das Familienreiseabenteuer wird humorvoll geschildert und auch wenn sie Andre manches mal über seine Eltern lustig macht oder echauffiert - man hat sich ja doch lieb. 


Andre Hermann, Schön wars, aber nicht nochmal

rororo 2024

304 Seiten, 13,40

9783499013997

Sunday, May 5, 2024

Aberwitzige Kochshow-Parodie

 Mit "Schnitzel Suprise" hat Markus Heitz die Welt der Koch- und Backshows aufs Korn genommen und beschreibt mit schrägem Humor und überdrehtem Plot die Abenteuer von Thom, der es fast mal zu einem Michelin-Stern geschafft hat, nun aber doch nur der Wirt des Schnitzel-Ecks ist, einer Kneipe, die irgendwie in den 80-er Jahren stehengeblieben ist und in der die Pleite stets nur um die Ecke zu sein scheint. 

Also so gar kein telegener Szenewirt - bis ihm der hippe TV-Produzent Max ein Angebot macht, dass Thom nicht abschlagen kann: Er stellt Thom in den Mittelpunkt von Koch-Formaten aller Art. Dafür will der Sender Thoms Schulden übernehmen. Das wird dem Schnitzelwirt zwar schon bald zu viel, aber er kommt da nicht mehr raus. Statt dessen gibt es Ärger mit der Lebensmittelaufsicht, mit der Ex und die Sorge um den 60-jährigen Azubi Boris, der an Allergien und Unverträglichkeiten alles aufzuweisen hat, was da so existiert.

Der Generationen- und Kulturclash zwischen Mittvierziger Thom und seinen Stammkunden Halbglatzen-Martin und Schnurrbart-Stefan einerseits und der hippen unter-30-Fernsehmeute andererseits bietet schon reichlich Stoff für Krisen, Missverständnisse und Frust. Manches, was Thom beim Brainstormen vorschlägt, weil er es für völlig irre hält, wird begeistert aufgenommen. 

In den immer abstruseren Koch- und Backformate,, die zunächst als Internet-Testballons laufen, muss Thom jetzt irgendwie eine gute Figur machen. Und dann sind da noch all die durchgeknallten Schnitzelvarianten. Nicht zu vergessen der Einsatz Thoms in einer Kindergartengruppe, wo nach gemeinsamem Schnitzelbraten sensible Kinderseelen plötzlich feststellen, dass das Fleisch mal gelebt hat. 

Dennoch: als "Desaster-Chef" hat Thom plötzlich eine große Fangemeinde und wird zum Gastro-Influencer wider willen. Kurz, es gibt jede Menge Situationskomik, vielleicht nicht allzu subtil, aber ein Lesespaß, der Entspannung schafft und die Lachmuskeln attackiert. 


Markus Heitz, Schnitzel Surprise

Knaur 2024

352 Seiten, 12 Euro

9783426448748

Saturday, April 27, 2024

Ein Makler ermittelt auf Sylt

  Mit Immobiliengeschäften kennt sich Autor Eric Weißmann aus: Wenn er keinen Krimi schreibt, ist er als Makler auf Sylt in seinem Brotberuf. Da lag es vermutlich nahe, einen Sylter Makler in den Mittelpunkt einer neuen Krimireihe zu stellen. "Mord unterm Reetdach" ist der erste Teil davon, und Sylt-Fans können in der Tat in der Beschreibung von Reetdächern, Heckenrosen, Dünen und unverbaubarem Meeresblick schwelgen. Einen Toten gibt es natürlich auch, Makler Kristan Dennermann stolpert buchstäblich über den Besitzer der Immobilie, die er gerade an den Mann oder an die Frau bringen soll.

Dabei hat Dennermann noch kurz zuvor, beim letzten Kontrollgang vor einer Präsentation des Hauses, im Tiefkühlfach einen Diamantring und eine Botschaft an eine Unbekannte in einer Packung gefrosteter Erbsen gefunden. Nun könnte Dennermann die Aufklärung des Todes der Polizei überlassen - aber das wäre ja für den Plot einer Makler-Krimiserie gewissermaßen tödlich. Nein, Dennermann sieht sich in der Pflicht, selbst zu ermitteln, zusammen mit seiner patenten Sekretärin und Corgie "Prince of Wales". 

Angesichts des Haustieres ist schon klar: Dennermann ist Royal Fan, und mit seinem aristokratisch eingerichteten Hundezimmer im Häuschen in List passt er ja auch irgendwie auf die Insel der Reichen und Schönen. Mit reichlich neureicher Sylter Klientel hat er nicht nur in seinem Makler-Alltag zu tun, auch die Geschwindigkeit, mit der die Söhne des Toten das Haus an einen neuen Besitzer bringen wollen, ist ihm irgendwie suspekt. Und auch die reiche Teilzeit-Sylterin aus Hamburg, die Immobilien sammelt wie andere Menschen Briefmarken, ist irgendwie ein bißchen zu pushy. Wieso also glaubt der Inselkommissar, vor allem Dennermann auf die Liste seiner Verdächtigen stecken zu müssen.

Im übrigen hält der Autor reichlich Melodrama bereit: Dennermann hat in der Vergangenheit traumatisches erlebt und leidet noch immer darunter, wie gerne und häufig in die Erzählung eingeflochten wird. Jahrelang strich er als trauriger einsamer Wolf über die Insel, doch das könnte sich ändern, nachdem er sich als Retter einer Maid in Bedrängnis bewähren kann.

"Mord unterm Reetdach" ist ein nicht sonderlich blutiger Cozy-Ratekrimi mit viel Nordsee- und Inselflair. Da kennt sich der Autor aus, zur Arbeit der Polizei ist ihm eher die Phantasie durchgegangen, aber die Berufsermittler spielen hier eh  nur eine Nebenrolle. Insgesamt ganz nett, aber vermutlich vor allem für Sylt-Fans.


Eric Weißmann, Mord unterm Reetdach

dtv 2024

352 Seiten, 13,40 Euro

9783423220514

Thursday, April 25, 2024

Zwei Partygirls in New York

 Titelgestaltung und Klappentext von Marlowe Granados´Debütroman "Happy Hour" hatten mich spontan angesprochen: Zwei junge Frauen ohne Geld als (Über-)Lebenskünstlerinnen eines New Yorker Sommers. New York ist immer gut, und der Roman klang vielversprechend. Nachdem ich das Buch beendet habe,  muss ich allerdings feststellen, dass das Buch einfach nicht mein Ding ist: Weder gibt es einen echten Plot, noch konnte ich den Protagonistinnen etwas abgewinnen. Das mag zum einen daran liegen, dass ich vielleicht eh nicht die Zielgruppe eines Buches bin, in dessen Mittelpunkt zwei 21-jährige sind.

Zum anderen konnte ich weder mit Ich-Erzählerin Isa noch mit ihrer besten Freundin Gala warm werden, die sich einen New Yorker Sommer lang mit Gelegenheitsjobs über Wasser halten und feiern, was das Zeug hält. Dabei suchen sie sich stets jemanden (meist einen oder mehrere Männer), der die Rechnung bezahlt für Cocktails und Austern, denn die beiden haben zwar kein Geld, aber Geschmack. Und jung und schön zu sein, ist offenbar Begründung und Daseinsberechtigung genug, sich von anderen das Partygirl-Leben bezahlen zu lassen.

Dafür nehmen die beiden auch Demütigungen und Erniedrigungen durch die Sponsoren ihres süßen Lebens in Kauf und flüchten sich im schlimmsten Fall zu Freunden, die sie umsonst aufnehmen, wenn mal alles den Bach runtergeht. Sie haben weder Geld noch irgendeine erkennbare Ausbildung, dafür aber einen gewissen Markenfetischismus und Geschmack am süßen Leben. Isa hat es zudem fertiggebracht, durch Europa zu reisen, wobei ich mich frage, wie sie angesichts ihrer knappen Finanzen überhaupt den Flug bezahlt hat.

Das Buch verspricht die Entlarvung einer Klassengesellschaft, aber es bleibt letztlich bei der nicht ganz neuen Feststellung, das Geld und Schönheit gerne eine Partnerschaft eingehen und im Zweifelsfall derjenige mit dem Geld am längeren Hebel sitzt. Insofern bleibt die Handlung so oberflächlich wie die beiden Protagonistinnen. Daran können auch einige spritzige Dialoge und Beschreibungen nichts ändern. Sarkastische Beschreibungen der New Yorker Schicki-Micki-Gesellschaft haben mir in anderen Büchern schon besser gefallen. Und das ultimative literarische Partygirl bleibt auch weiterhin Holly Golightly. 


Marlowe Granados, Happy Hour

Hanser 2024

304 Seiten, 24 Euro

9783446279490

Tod eines Serienstars

 Ein neuer Fall für die Polizei in St Peter-Ording lässt auch Insellehrerin Ilva nicht ruhen. Die Hobby-Detektivin will die Aufklärung des Todes des Seriendarstellers Titus Frank nicht allein ihrem Bruder, dem Inselpolizisten Ernie und dessen Kollegen Fred überlassen. Schließlich hatte sie schon in den vorangegangenen Fällen die Spürnase vorn.

In "Tödliche Tide in St Peter (M)Ording" von Tanja Janz erhält das Team aber zudem Verstärkung; Freds Vater, der eigentlich Familienurlaub machen wollte und aus Gelsenkirchen zu Besuch ist, ist als Kommissar im Ruhestand nicht zu bremsen und begibt sich als verdeckter Ermittler unter die Filmleute, die in St Peter Ording eine beliebte Krimireihe drehen. Bis eben eine echte Leiche alles durcheinander bringt. Und schnell steht fest: Der Tod des Serienstars war Mord.

So einiges ist in diesem Cozy-Krimi ziemlich überzeichnet und dramatisiert, einige Personen sind schon früh so verdächtig, dass Krimileser gleich wissen: der/die kann es nicht sein! Das Ermittlerteam ist liebenswert und verbreitet Familienidylle, ganz im Gegensatz zu den privaten Untiefen, die sich nach und nach im Leben des toten Schauspielers offenbaren.

Wer die vorangegangenen Bände gelesen hat, befindet sich im Vorteil, aber es ist problemlos möglich, auch ohne jede Vorkenntnis den Protagonisten dieses Nordseekrimis zu folgen. Manches Klischee zwischen Fischköppen und Ruhris wird hier gepflegt, überhaupt ist dieser Krimi eher harmlos-unterhaltsam und nicht sonderlich brutal - gute Strandkorb-Lektüre eben.


Tanja Janz, Tödliche Tide in St Peter (M)Ording

Ullstein 2024

304 Seiten, 12,99 Euro

9783548068169

Tuesday, April 23, 2024

Kulturclash und Vaterpflichten für Kommissar Marconi

 Viele Urlauber kommen wegen der Weite der Landschaft, dem Blick zum Horizont, wegen frischer Brise und Watt an die Nordsee - und St Peter Ording mit seinem breiten Strand ist für viele ein Sehnsuchtsort. Nichts so für Massimo Marconi, bislang Kriminalhauptkommissar in München, der italienischsten aller deutschen Großstädte und dort durchaus zufrieden. Nun muss der überzeugte Single sein Leben beruflich wie privat gründlich umkrempeln und obendrein Vaterpflichten übernehmen: In "Marconi und der tote Krabbenfischer" von Daniele Palu können die Leser*innen den Kulturschock plus Mordermittlung mitverfolgen.

Marconis Stimmung zu Beginn des Buches ist ähnlich grautrüb wie der Himmel über der Nordsee: Nach dem plötzlichen Tod seines verwitweten Bruders soll er sich um die plötzlich verwaisten Kinder, Klara und Stefano, kümmern. Da sich die Brüder vor Jahren zerstritten haben, hat er keinerlei Verbindung zu den beiden, in seinem eigenen Leben spielte das Thema Familienplanung eh keine Rolle. Entsprechend groß ist die Überforderung auf beiden Seiten.

Auch beruflich sieht sich der ehrgeizige Kommissar plötzlich in einer ungewollten Situation: Um die Kinder nicht nach dem Tod der Eltern auch noch aus der  gewohnten Umgebung zu reißen, wechselte er in die Position des Dienststellenleiters des kleinen Polizeirevier. Von der Kripo zurück in den Dienst in Uniform an einem verregneten Ort, wo sich die Polizisten die Zeit mit falsch geparkten Touristenautos und dem gelegentlichen Taschendiebstahl in der Saison vertreiben müssen, so sieht es Marconi. Und dann dieses Geduze im hohen Norden, ungefragt und unerwünscht! Zwischen Schafen, Deich und Dauerregen wächst die Sehnsucht ins alte Leben ins Unermessliche.

Doch von wegen, in Nordfriesland  ist nichts los: Marconi ist kaum da, da gibt es schon die erste Leiche: Krabbenfischer Kalle liegt am Eidersperrwerk tot auf seinem Schiff, mit einer Harpune in der Brust. Fast lebt Marconi auf, doch die Kompetenzen sind streng geregelt: Die Schutzpolizei darf den Tatort absichern und Zeugen sortieren, für die Ermittlungen sind die Kollegen von der Kripo zuständig. Zum anfänglichen Entsetzen seiner Untergebenen denkt Marconi aber gar nicht daran, sich an diese Regel zu halten und startet eigene Ermittlungen.

 "Marconi und der tote Krabbenfischer" ist ganz offensichtlich der Auftakt einer Serie, denn es bleiben Fragen für die Zukunft offen und so nimmt sich der Autor viel Zeit, die Protagonisten mit ihren großen und kleinen Macken vorzustellen und Marconis Kultur-clash unter den Fischköppen auszuspielen. Das Buch ist flüssig geschrieben, die Charaktere sind liebenswert und die kulturellen Unterschiede zwischen Süd und Nord werden mit einem Augenzwinkerns ausgespielt.

Mit Umwelt- und Klimabewegung als Teil des Plots hat dieser Cozy-Krimi auch einige aktuelle Bezüge. Bei der Annäherung Marconis an Klara und Stefano spielt neben der einen oder anderen dramatischen Entwicklung auch seine italienisch-norddeutsche Fusionsküche wie "Spaghetti Krabbonara" eine Rolle. Am Ende des Buches gibt es einen kleinen Rezeptteil zum Nachkochen.

Wird sich Marconi an die Mentalität der Norddeutschen gewöhnen und den Charme blökender Schafe und weiter Landschaft entdecken? Klappt die Doppelbelastung zwischen Beruf und Familie, die Millionen von Frauen zwar tagtäglich wuppen, die für Männer aber anscheinend too much ist? Ich vermute, spätestens im kommenden Jahr werden wir mehr erfahren. Marconi plus Anhang sind jedenfalls eine nette Bereicherung des ja nicht gerade schmalen Repertoires von Küstenkrimis.

Daniele Palu, Marconi und der tote Krabbenfischer

rororo 2024

400 Seiten, 13,40 Euro

9783499012259


Saturday, April 20, 2024

Poetischer Wohlfühlroman

 Mit "Das Fenster zur Welt" hat Sarah Winman einen poetischen Wohlfühlroman mit märchenhaften Elementen geschrieben, in dessen Mittelpunkt Liebe und Freundschaft stehen - die Gefühle für andere Menschen ebenso wie die Liebe zu Kunst und Literatur, eingebettet in die Schönheit von Florenz und der Toskana. Hier ist es auch, wo sich in der Schlussphase des Zweiten Weltkriegs die 64 Jahre alte Kunsthistorikerin Evelyn und der junge britische Soldat Ulysses treffen und der aus dem Londoner East End stammende Ulysses zum ersten Mal Zugang zur Kunst der Renaissance erfährt.

Die Handlung folgt den beiden, die durch soziale Herkunft ganz unterschiedlichen Welten angehören. Evelyn, die Kunst und Frauen liebt, gerät dabei zunächst ein bißchen in den Hintergrund, während sich der Fokus auf Ulysses Welt in Hackney richtet - der Pub, in dem er ein Auskommen findet, seine Frau Peg, die sich während Ulysses Abwesenheit in einen amerikanischen Soldaten verliebt hat, von ihm ein Kind bekommen hat und irgendwie eine verlorene Seele ist, der alte Cress, irgendwie die gute Seele des Viertels, ein Mann, der mit Bäumen spricht, der cholerische Pubwirt Col und seine geistig behinderte Tochter, der Musiker Pete, der ein bißchen Boheme in die Kneipe bringt. Nicht zu vergessen Claude, der Papagei, des Shakespeare zitiert und ein eigenes Bewusstsein hat.

Ein unerwartete Erbschaft bringt Ulysses zurück nach Florenz - und er geht nicht alleine, sondern wird begleitet von Cress, Claude und der "Kleinen", Pegs mittlerweile acht Jahre alter Tochter. Peg, von der er längst geschieden ist, hat ihm die Vormundschaft über die kleine Alys hinterlassen, die künstlerisch talentiert und eine alte Seele in kindlicher Gestalt ist.

Zwischen London und Florenz spielt die Handlung, wobei nicht immer so viel passiert als vielmehr harmoniert. Freundschaften werden geschlossen, die Verbindung zur Vergangenheit gepflegt, zugleich spiegelt mit den vergehenden Jahren der Roman auch den Kulturwandel wider, von Beatnik-Zeit bis Anti-Vietnamkrieg-Bewegung. Es wird Jahrzehnte dauern, bis Ulysses und Evelyn sich wiedersehen werden, auch wenn sie sich oft nur knapp verpasst haben. "Das Fenster zur Welt" ist auch ein Appell für Toleranz, Menschen so zu nehmen, wie sie sind und verschiedenen Arten von Liebe das gleiche Verständnis entgegenzubringen.

Ist das mitunter allzu rosarot gezeichnet und ein bißchen kitschig? Möglicherweise, aber es passt zu diesem Buch, dass ein bißchen wie eine heiße Schokolade mit Sahne ist, versöhnend und tröstend mit einer Welt, die meist nicht so ist wie im Roman.


Sarah Winman, Das Fenster zur Welt

Klett Cotta 2024

528 Seiten, 26 Euro

  9783608966060

Friday, April 19, 2024

Charmant-altmodischer Kriminalroman mit Unterhaltungseffekt

 "Mord auf der Kreuzfahrt" von Nicholas Blake wirkt wie eine Zeitreise in eine Gesellschaft, die es so nicht mehr gibt und in der die britische upper class, abgesehen von den lästigen Ausländern an Bord - Deutsche mit Rucksäcken, Franzosen, die im Salon plappernde Rudelbildung betreiben und Italiener, die jeder gutaussehenden Frau schöne Augen machen - noch unter sich auf Reisen ist. Kein Wunder: das Buch wurde erstmals in den 1950-er Jahren veröffentlicht, und die anderen moralischen Standards jener Zeit schimmern durch, egal ob es um Homosexualität oder die skandalöse Frage gibt, ob ein Paar womöglich in Sünde, also unverheiratet zusammenlebt. Wobei das erotischen Eskapaden, die allerdings nicht detailgenau ausgebreitet werden, offensichtlich nicht im Wege steht.

Aber getrennte Kabinen für Meisterdetektiv Nigel Strangeways und seine Freundin, die Bildhauerin Clare Massinger sind auf der Reise Anstandspflicht. Getrennt schlafen, aber gemeinsam ermitteln und über die lieben Mitreisenden lästern, das ist hier die Regel. Überhaupt wird, ehe der Fall um eine verschwundene Passagierin an Fahrt aufnimmt, nach Herzenslust getratscht - auch ein Kreuzfahrtschiff ist irgendwie nur ein Dorf! Und die Passagiere zwischen Bildungsreise und Vergnügungslust entstammen einem Personen-Potpourri, das auch in einem Agatha-Christie-Roman nicht unpassend wäre, von der Femme fatale über den patenten Bischof und seine Frau, verwöhnte Internatszöglinge mit entsprechendem public school Akzent, der selbst beim Lesen hörbar zu sein scheint und einem exzentrischen Kind sowie einer Wissenschaftsfehde und altgriechische Übersetzungen.

Blake schreibt gewissermaßen im leichten Plauderton - "Darling" hier, "unerhört" da, in einem Stil, der gleichzeitig charmant-altmodisch wie zeitlos ist. Ein klassischer Whodunit, dessen Lösung schon ganz am Anfang in einem Nebensatz angedeutet wird und der zugleich ein Gesellschaftsbild einer vergangenen Epoche ist.


Nicholas Blake, Mord auf der Kreuzfahrt

Klett-Cotta 2024

256 Seiten, 20 Euro

9783608986969