Thursday, June 22, 2023

Ein Cozy, der enttäuschte

 Zugegeben, bei dem Cozy-Krimi "Vier Schafe und ein Todesfall" von Thomas Chatwin triggerte mich zunächst einmal der Titel, der an einen Mix der romantischen Komödie "Vier Hochzeiten und und ein Todesfall" und den Schaf-Krimi "Glennkill" erinnerte. Fand ich seinerzeit beides ausgesprochen nett. Hinzu kam die Buchbeschreibung für "Leser:innen von Richard Osman". Dessen Hobby-Ermittler aus einer britischen Seniorenkonferenz sind mir mit ihren unorthodoxen Methoden und trockenem Humor ziemlich ans Lese-Herz gewachsen.

Doch ach, im Vergleich blieb ein blökendes "bah" zurück. Denn zwar wimmelt es auch hier von kauzigen Charakteren vor allem in den Nebenfiguren, aber insgesamt fehlt es mir in diesem in Cornwall angesiedelten Cozy Krimi um die Doyle-Sippe auf der Suche nach dem Beweis der Unschuld einer unter Mordverdacht geratenen Cousine einfach von vorne bis hinten an Glaubwürdigkeit. Wenn es sich nur um augenzwinkernde Übertreibung handeln würde - geschenkt! Aber so wie die Figuren handeln und sprechen, sehe ich nichts, was aus einer rosagezeichneten Welt a la Pilcher-Cornwall herausspringen würde. Vielleicht ist es ja auch kein Wunder, wird der Autor doch als langjähriger Freund von Rosamunde Pilcher vorgestellt.

Doch worum geht´s? Kate Doyle, die einen True Crime Podcast produziert, ist der Liebe wegen ins heimische Cornwall zurückgekehrt. Ihr Liebster ist ein ehemaliger Forensiker, der seinem Beruf nichts mehr abgewinnen konnte und die Schaffarm seines Bruders übernommen hat. Auf dem 80. Geburtstag  von Kates Großmutter Emily erreicht sie der Anruf,  dass vier Schafe ausgerissen seien und überall Blut sei. Ein Wolfsriss? Kate eilt zur Rettung der Schafe und findet sie in den Blumenbeeten einer nahen Strandvilla, zusammen mit der Leiche des Eigentümers. 

Kates Vater Gilbert, Kunsthistoriker mit MI5-Vergangenheit, sichtet später bei der Polizei Bilder einer Überwachungskamera - er hat bei der Restaurierung der Villa geholfen - und erkennt Cousine Chloe, die die Familie vor Jahren verlassen hat.  Für die Polizei eine klare Tatverdächtige. Die Doyles dagegen sind sicher: Ihre Verwandte ist unschuldig und in Gefahr. Die Familie muss ihre Unschuld beweisen und macht sich in gemeinsamen Videokonferenzen ans Ermitteln.

Das könnte nett und unterhaltsam sein, wenn wenigstens ein kleiner Anstrich möglicher Realität gewahrt bliebe. Doch dem ist nicht der Fall. Kate ist gekränkt, dass die ermittelnde Detektivin ihr keinen Einblick in ihre Informationen gewähren will - schließlich produziert sie einen true crime podcast! Auch David, der doch eigentlich nichts mehr von der Forensik wissen will, trägt ungefragt seine Expertise bei, als gäbe es keine polizeiliche KTU für die Spurensicherung. Noch arger ist es mit Gilbert, der an Details zu den Ermittlungen rankommt und diese ausführlich im Familienrat teilt, was Kate wiederum Stoff für eine neue Podcast-Folge liefert. Mit Täterwissen, das die Polizei bei laufenden Ermittlungen stets sorgfältig unter dem Deckel hält (mal abgesehen davon, dass zu diesem Zeitpunkt Informationen über Ermittlungen von der Staatsanwaltschaft als Herrin der Verfahrens kommen).  

Und auch die kitschig-rosagetünchte Liebesbeziehung zwischen Kate und ihrem Forensiker wirkt ebenso lebensfern mit den ewigen Liebesschwüren nach jahrelanger Beziehung wie der landwirtschaftliche Betrieb, der angeblich von 52 Schafen leben kann, von denen nie eines geschlachtet wird und die mehr als Hätscheltiere mit individuellen Charakter regelrecht vermenschlicht werden. Hat der Autor denn noch nicht mal bei der vorbereitenden Recherche bemerkt, dass Schafhalter schon seit langem darüber klagen, dass Schafswolle mehr Kosten als Einnahmen verursacht?

Das Buch hat mich enttäuscht zurückgelassen. Nette Idee, schöne Landschaft, aber die Umsetzung konnte mich leider nicht begeistern. Ich hatte mir sehr viel mehr versprochen und mich über dieses Buch mehr geärgert als amüsiert.

Thomas Chatwin, Vier Schafe und ein Todesfall 

Rowohlt Polaris 2023

320 Seiten, 17 Euro

9783499010507

  

Wednesday, June 21, 2023

Ernst im Kampf gegen Romance Scam - Rentner ermittelt auf Sylt

 Fast eine Romanze, verspricht der Verlag zu Dora Heldts launigem Sommer-Sylt-Nordsee-Roman "Liebe oder Eierlikör".  Mehr noch handelt es sich allerdings um einen völlig unblutigen, dafür aber humorvollen und augenzwinkernden Cozy-Krimi. Wer die Autorin kennt, weiß schon: Hier geht es mit leichter Hand daher, vielleicht ein bißchen vorhersehbar, aber stets unterhaltsam. Genau das richtige für Strandkorb oder Gartenliege, ob nun auf Sylt oder sonstwo. Die Protagonisten sind ebenfalls nicht ganz unbekannt - die muntere Rentnergang stand schon im Mittelpunkt eines Cozy-Weihnachtskrimis.

Auch diesmal ist es wieder der rüstige Rentner Ernst Mansen im bewährten Duo mit der Ex-Schauspielerin Hella, der an vorderster Ermittlungsfront steht. Denn die Gemeindeangestellte Hilke kleidet sich plötzlich bunt statt beige, trägt einen Lippenstift und lächelt sogar! Da kann etwas nicht mit rechten Dingen zugehen, beschließt Mansen. Wenn Hilke sich im reifen Alter von Ende 40 womöglich verliebt hat, kann doch nur ein Heiratsschwindler dahinter stecken! 

Vollends beunruhigt reagiert er, als überall auf der Insel von einer neuen, regionalen App die Rede ist. Verabredungen für angejahrte Einsame, unter dem Motto "Liebe oder Eierlikör". Ernst recherchiert und ist alarmiert: Romance Scam scheint eine neue kriminelle Nische zu sein und die arme Hilke scheint ein nur zu passendes Opfer. Umso mehr, als die gänzlich humorlose, diskrete und emotionalen Aufregungen gänzlich abgeneigte Bankangestellte Martina andeutet, dass auf den Konten so mancher einsamen Sylter Frau eine plötzliche Ebbe herrscht....

Da gibt es nur eins: Ernst muss undercover ermitteln, um die Sylter Damenwelt zu warnen. Mit Hilfe seines Enkels hat auch er plötzlich ein Datingprofil und eine zusätzliche Sorge: Ehefrau Gudrun darf keinesfalls erfahren, dass er scheinbar auf Freiersfüßen wandelt!

Komplikationen sind also quasi vorprogrammiert, doch vieles kommt ganz anders, als Ernst gedacht hätte. In der Hörbuchversion kommt mit der wunderbaren Erzählerin Katja Danowski noch ein weiterer Pluspunkt dazu. Denn sie interpretiert die Personen des Romans mit einem feinen Hauch von Ironie und vermutlich großem Vergnügen. Gerade als Martina mit flacher, stets unaufgeregter Stimme ist das ein komödiantischer Auftritt, der Kopfkino zaubert.

Sieben Stunden Unterhaltung bietet dieses Hörbuch, das sich schmunzelnd genießen lässt. Hat Spaß gemacht!


Dora Heldt, Liebe oder Eierlikör

Gesprochen von Katja Danowski

Goya 2023

Sieben Stunden,  18 Euro

9783833745645

Sunday, June 11, 2023

Mörderische Romanze

 Sie sind ein durchaus unorthodoxes Paar: Der Serienmörder mit dem moralischen Kompass, der sich als Leiter einer diskreten Klinik in Ostfriesland zur Ruhe gesetzt hat, und die ehemalige "Miet-Ehefrau", die Luxus-Callgirl und Leibwächterin in Personalunion war. Zusammen haben Doktor Sommerfeldt und seine Frauke, die Protagonisten von Klaus-Peter Wolfs "Ein mörderisches Paar", ein paar Leichen in der Vergangenheit. Aber jetzt soll Hochzeit geplant werden, mit großer Torte, romantischem Schauplatz und weißem Kleid, das ist Frauke wichtig.

Doch ach, es kann der Beste nicht in Ruhe heiraten, wenn es gilt, auch Sommerfelds ganz eigene Weise Unrecht wieder zurecht zu rücken. Was in diesem Fall heißt, einen vor Gericht freigsprochenen Dealer mit professionellem Herzstich ins Jenseits zu befördern,  Der Mann hat es verdient, meint Sommerfeldt, hat er doch einen 13-jährigen Schüler auf dem Gewissen, der an einer Überdosis starb. Wo er schon mal dabei ist, will Sommerfeldt auch mit den Hintermännern und Fianziers aufräumen. Seine Frauke ist nicht begeistert, drohen doch die Hochzeitsplanungen in Verzug zu geraten. Mal ganz abgesehen von der falschen Art von Publicity. Droht dem beschaulichen Leben des Paares in Ostfriesland das Aus?

Ein Copycat-Killer, rachedurstige Bekannte aus der Vergangenheit, Medienspekulationen und das aus anderen Vorgängerromanen hinlänglich bekannte Personal rund um Kriminalkommissarin Ann Kathrin Klaasen ergänzen diesen Spin-Off aus der Ostfriesland-Reihe Wolfs, der seinem treuen Fanstamm damit eine weitere Freude gemacht haben dürfte. Immerhin: Diesmal schafft es der Autor, sich weitgehend auf seine neuen Protagonisten zu konzentrieren und die allfälligen Loblieder auf Ann Kathrin Klaasen auf ein erträgliches Minimum zu begrenzen.

Wer die vorangegangenen Bücher nicht kennt, dürfte mit den Anspielungen und Namen allerdings überfordert werden. Ziemlich offensichtlich ist dies ein Buch für Fans. "Ein mörderisches Paar" hat durchaus seine Momenete, driftet für mich allerdings ein bißchen ins Klamaukige ab. Glaubwürdig ist die Idee eines von Serienmördern nur so wimmelnden Ostfriesland ja schon länger nicht. 


Klaus Peter Wolf, Ein mörderisches Paar. Das Versprechen.

Fischer, 2023

464 Seiten, 13 Euro

978-3-596-70755-3

Saturday, June 3, 2023

Höhere Töchter und eine unmögliche Liebe

 Ich kannte Anne Stern bereits als Autorin der historischen Romane (mit ein bißchen Krimi) um die Berliner Hebamme Hulda Gold im Berlin der 1920-er Jahre - eine toughe, selbstbewusste Frau, die sich nicht mit herkömmlichen Rollenklischees abfinden will. Also war ich sofort interessiert, als ich sah, dass Stern ein Buch mit einem anderen historischen Kontext, nämlich dem Dresden des 19. Jahrhunderts, noch vor der Revolution von 1848 geschrieben hat. Der Titel "Dunkel der Himmel, goldhell die Melodie" klang für meinen ein ja bißchen sehr melodramatisch. Würde sie auch hier eine starke Frauenfigur finden, um die sich die Handlung entwickelt?

Nach der Lektüre würde ich sagen, jein. Denn einerseits träumt die behütete Bürgerstochter Elise Spielmann durchaus davon, ihr musikalisches Talent als Violinistin auszuleben, ist beeindruckt von der Geschichte Clara Schuhmanns. Doch andererseits ist sie in Konventionen gefangen, weiß das Leben einer höheren Tochter und Verlobten eines durchaus einflussreichen Mannes zu schätzen, auch wenn sie den Altersgenossen ihres Vaters nicht liebt. Wenn, dann ist es ihre 15-jährige Schwester, die aufbegehrt und von einem anderen Leben für Frauen ihrer Gesellschaftsschicht träumt.

Eine toughe Frau ist auch die Requisitenbeschafferin des Kurfürstlichen Theaters, die früh verwaist ihren kleinen Bruder auf der Straße durchgebracht hat und vermutlich das eine oder andere Geheimnis hat, dem die Leser (in diesem Buch jedenfalls) nicht auf die Spur kommen. Auch ihr Bruder Christian arbeitet am Theater als Malergehilfe. Zufällig trifft er während einer Aufführung auf Elise - und die beiden sind sofort voneinander fasziniert, sehen sich als verwandte Seelen. 

Doch hat die sich entwickelnde Liebe angesichts von Konventionen und sozialen Unterschieden eine Chance? Wie sehr das Leben einer Frau von ihrem Ruf und ihrer intakten "Ehre" bestimmt wird, macht das tragische Schicksal einer jungen Ballerina klar, die von einem verheirateten Mann schwanger wird. Und auch eine Kindheitsfreundin Elise ist tief gefallen, nachdem eine Affäre der verheirateten jungen Frau ans Licht gekommen ist. Schnell ist klar: Den Preis für eine unvorsichtige und aus Sicht der Gesellschaft unmögliche Liebe zahlen stets die Frauen. 

Wie auch in ihren anderen Romanen hat Stern akribisch recherchiert, setzt ihre Geschichte in den Kontext der damaligen Gesellschaft und zeichnet ein atmosphärisch dichtes Bild des Dresdens vor fast 200 Jahren. Eine Zeit, in der das Leben einer Frau kein Vergnügen gewesen sein kann, ob nun im "goldenen Käfig" wie Elise, oder in der Unterschicht, wo Frauen gleich doppelt benachteiligt waren.

Wie sich Elise in ihrer Liebesgeschichte entscheidet, soll hier nicht verraten werden. Besonders gut gefallen hat mir in diesem Buch die Schilderung des Mikrokosmos Theater. Mit Blick auf das Jahr 1848, dessen Vorboten sich in so mancher Keipendiskussion ankündigen, gehe ich eigentlich fest von einer Fortsetzung aus, in der vielleicht die jüngere Spielmann-Tochter stärker in den Mittelpunkt gerät. Hier ging es mir mitunter ein wenig zu viel um Liebeslied und -frust. Und über manche Figur hätte ich gerne mehr erfahren. Aber vielleicht liegt ja genau dies in den Plänen der Autorin für eine Fortsetzung?


Anne Stern, Dunkel der Himmel, goldhell die Melodie

Rowohlt 2023

380 Seiten, 17 Euro

978-3-499-01088-0