Sunday, June 7, 2020

Camping-Premiere mit 82 - mit Geranien am Vorzelt

Wer sagt denn, dass alte Menschen unflexibel und in ihren Gewohnheiten festgefahren sind? Renate Bergmann jedenfalls macht mit 82 Jahren den ersten Campingurlaub ihres Lebens, zusammen mit dem befreundeten Ehepaar Ilse und Kurt Gläser. Da Oma Renate eine künstliche Hüfte und Ilse ein künstliches Kniegelenk hat, verzichten sie weise auf die spartanische Tour mit Zelt und Luftmatratze - ein Wohnmobil soll die seniorenfreundliche und wirbelsäulenschonende Alternative bieten.  Bleibt nur ein Problem: Kurt ist schon am Steuer seines Kleinwagens überfordert. Da setzt sich Renates Neffe lieber selbst hinters Steuer, um die Rentnergang zum Campingplatz zu kutschieren - und nimmt Renate das Versprechen ab, die Schlüssel zu verstecken und Kurt keinesfalls ans Steuer zu lassen. Nicht, dass es am Ende Ärger mit der Versicherung gibt!

Die Abenteuer des Trios, dessen Lebensfreude gerade angesichts der Erkenntnis angestachelt wird, dass deutlich mehr Lebenszeit hinter ihnen liegt als noch zur Verfügung steht, werden im unaufhörlich dahinplätschernden Monolog von Oma Renate erzählt, gespickt mit Anekdoten aus ihrem Leben. Immerhin hat sie vier Ehemänner überlebt und nun die Pflege der vier Gräber vorübergehend in zuverlässige Hände gelegt. Die anderen Witwen sollen nichts zu tratschen haben! Auch der geliebte Kater wird versorgt (namenlos, weil das Tierheim an Tierfreunde ihren Alters nur Tiere vergibt, die ihre neuen Besitzer nicht überleben dürften. Es gibt also wohl eine gewisse Samtpfoten-Fluktuation im Haushalt Bergmann), nur die Geranien kommen mit, wegen wohnlicher Atmosphäre und weil sie schließlich zehn Euro gekostet haben.

Zugegeben: Viel Handlung gibt es nicht in diesem Buch. Doch Renate Bergmann alias Torsten Rohde schwatzt munter und ungebremst von der Leber weg, steht mit einigen Neuerungen des 21. Jahrhunderts auf Kriegsfuß und bildet da eigene Wortschöpfungen (Interweb und Täblett, zum Beispiel), aber ist doch offen und neugierig - vor allem, was die Nachbarn auf dem Campingplatz angeht. Das ist weder spektakulär noch hohe Literatur, aber auf jeden Fall Material zum Schmunzeln. Und viele, die selbst alte Damen im Alter von Renate Bergmann im Familien- oder Bekanntenkreis haben, dürften viel Vertrautes vorfinden. Ein unbeschwertes Urlaubsbuch, das niemandem weh tut und heitere Lesestunden beschert.

Renate Bergmann,  Ans Vorzelt kommen Geranien ran
Ullstein, 2020
256 Seiten, 11.99 Euro
9783548062617

Monday, June 1, 2020

Glamour und Theaterluft - "City of girls"

Zugegeben - ich war erst mal ein bißchen skeptisch, ehe ich "City of Girls" von Elizabeth Gilbert zu lesen begann. Seit "Eat Pray Love" genießt Gilbert bei vielen ihrer Leserinnen (schätze, die Frauen sind klar in der Mehrheit) Kultcharakter als eine Art literarischer Lebenshilfe Guru. Also etwas, was mir persönlich zu waberig ist. In City of Girls sind die Lebensweisheiten allerdings in einer Coming of Age-Geschichte versteckt und mit dem Glamour New Yorks in den 40-er Jahren verbrämt.

Vivian Morris, zu Beginn des Romans 19 Jahre als und gerade vom renommierten Vassar College geflogen wegen unzureichender akademischer Leistungen, weiß nicht wirklich, was sie mit ihrem Leben anfangen soll. Behütete Tochter aus gutem Hause, der Vater ein Minenbesitzer in einer Kleinstadt an der Ostküste, die Mutter vor allem an ihren Reitpferden interessiert. Vivian ist nicht unbeding unintelligent, aber antriebslos und ohne jeden Ehrgeiz. Ihre Familie gibt sich allerdings auch wenig Mühe, herauszufinden, was eine gute Option für die Tochter wäre. Statt dessen wird Vivian in die Obhut ihrer Tante Peg gegeben, die in New York ein Theater betreibt. Es ist eine Art Exil - aber wie kann es eine Strafe sein, in New York zu leben?

Das Theater wie auch die Nachbarschaft haben die besten Zeiten hinter sich. Peg, ein wenig exzentrisch und mit großem Herzen, hat ein Alkoholproblem und muss von ihrer Geschäftsführerin Olive immer wieder gebremst werden, um das Theater vor dem finanziellen Ruin zu retten.  Dass die beiden mehr als nur das Theater teilen, merkt Vivian erst spät - auch wenn der Gaydar eigentlich prompt ausschlagen müsste.

Die Qualität der Stücke mag nicht gerade Broadway-Niveau haben, doch Vivian ist fasziniert, vor allem von den Revuegirls, die für Glamour und Aufregung sorgen.  Und sie stellt fest, dass sie gar nicht so nutzlos ist: Denn Vivian hat ein Auge für Stoffe und Kostüme, ist eine talentierte Näherin und findet sich plötzlich in der Rolle der Kostümbildnerin.

Und dann ist da ja auch noch das aufregende New Yorker Nachtleben, in das sich ihre neuen Freundinnen allabendlich stürzen, mit viel Alkohol, mit immer neuen Männern, mit einem Lebensgefühl, dass nur die Gegenwart kennt. Klar, dass Vivian da mithalten möchte. Ihr völliger Mangel an sexueller Erfahrung steht ihr nicht lange im Weg - ihre Entjungferung wird sozusagen  gemeinsam geplant - ein ziemlich komische Szene übrigens.

Dass in Europa Krieg herrscht, wird in dem rauschhaften Leben in Midtown Manhattan fast vergessen, bis Pegs und Olives alte Freundin, die berühmte englische Schauspielerin Edna, samt ihres hübschen aber ausgesprochen unterbelichteten Gatten in New York strandet und die bunte Gemeinschaft ergänzt.  Ein Stück für Edna muss her, und mit "City of Girls", geschrieben von Pegs getrenntem Ehemann, hält unerwarteter Erfolg Einzug. Alles könnte perfekt sein, wenn Vivian nicht in einem Moment der Dummheit in einen handfesten Skandal verwickelt wird und von ihrem Bruder wieder zurück nach Hause verfrachtet wird.

Erst Jahre später holt Peg sie zurück nach New York, um sie bei der Organisation von Unterhaltung für die kriegswichtigen Arbeiter des Navy Yard zu unterstützen.  Richtig erwachsen wird Vivian aber erst, als sie zusammen mit einer Freundin ein Geschäft für maßgeschneiderte Hochzeitskleider aufbaut und nicht nur wegen ihrer handwerklichen Fertigkeiten  gebraucht wird...

Geschrieben ist das alles aus der Sicht Vivians, nunmehr eine sehr alte Frau, eine Art Rechenschaftsbericht an die Tochter eines Mannes, der ihr viel bedeutet hat. Am eindrücklichsten blieben zumindest für mich die Nebenfiguren - Peg, das Revuegirl Celia, Marjory, die Tochter eines Lumpenhändlers, die später Vivians beste Freundin wird. Das sind Frauenfiguren voller Ecken und Kanten, als Persönlichkeiten spannender als Vivian, die zwar als Vorreiterin sexueller Befreiung ihrer Zeit und Gesellschaft ein ganzes Stück voraus ist, als Mensch aber irgendwie blass bleibt, so verschwommen wie der Martini-Dauerrausch ihrer vielen Nachtclub-Nächte.

Akzeptanz, Verständnis und Leidenschaft werden groß geschrieben in diesem Buch, das auch ein Loblied auf die "soziale Familie" ist, jenes Unterstützungsnetzwerk guter Freunde, die nicht nur im Leben von Vivian wichtiger sind als die Herkunftsfamilie. Ein Zeit- und Sittengemälde, dass den Glamour eines New Yorks wieder aufleben lässt, das beim Lesen Bilder aus alten Schwarz-Weiß Filmen der Jazz-Ära weckt. Eingängig und unterhaltsam.

Elizabeth Gilbert, City of Girls
S. Fischer , 2020
496 Seiten,  16,99
978-3-10-002476-3