Monday, October 30, 2023

Mörderische Zugfahrt

 Mit dem Titel "Mord im Christmas Express" hat Alexandra Benedict gleich das Thema und die Messlatte ihres Weihnachtskrimis hoch angesetzt. Denn wer denkt da nicht gleich an die britische Krimi-Queen Agatha Christie und den "Mord im Orient-Express", der Meisterdetektiv vor solche Herausforderungen stellt? Und der obendrein in gleich zwei Verfilmungen als hochkarätig besetztes spannendes Kammerspiel beeindruckte. Da werden jedenfalls gleich Assoziationen und Erwartungen geweckt.

Die Herausforderungen, vor denen Benedicts Protagonistin Roz steht, sind nicht nur dem Fall geschuldet. Denn eigentlich ist die Polizistin frisch pensioniert. Farewell, Metropolitan Police, hello Ruhestand mit gerade mal 59 Jahren, dafür aber voller Vorfreude auf das Enkelkind, das schon bald geboren werden soll. Ein wenig hofft Roz, dass der neue kleine Mensch auch hilft, das Verhältnis zu ihrer Tochter zu entspannen. Die kam bei der alleinerziehenden Mutter häufig zu kurz, ganz abgesehen von einer traumatischen Vergewaltigung während der Schwangerschaft, die Roz emotional lange lähmte.

Doch nicht allein, dass die Wehen vorzeitig einsetzen und Mutter und Baby um ihr Leben kämpfen müssen. Ausgerechnet in dem Moment, wo Roz sich so dringend gebraucht fühlt, entgleist der Nachtzug nach Fort William im Schneesturm. Roz bleiben nur hektische, besorgte Telefonate mit ihrer Tochter und deren Partnerin.

Und dann ist da natürlich noch der titelgebende Mord... zumindest aber ein verdächtiger Todesfall, als eine junge Influencerin tot in ihrem Abteil gefunden wird. Es bleibt nicht der einzige Todesfall und die Tatsache, dass in einer anderen Erzählperspektive eine Person namens "Killa" über ihre Mission nachdenkt, lässt dann noch den letzten Leser ahnen, dass es noch die eine oder andere Leiche geben wird, ehe die verschneiten Gleise freigeräumt werden.

Allerdings: Das Bemühen der Autorin, ein möglichst diverses Ensemble in ihrem Roman unterzubringen und Misogynie und Gewalt gegen Frauen in verschiedenen Formen zu thematisieren, ging hier auf Kosten glaubwürdiger Charaktere. Die meisten Romanfiguren bleiben flach und schablonenhaft, selbst Roz bleibt merkwürdig blass. Dabei finde ich es ja eigentlich gut, dass die Autorin auf Diversität und verschiedene sexuelle Identitäten setzt. Doch wenn dabei das Gefühl aufkommt, dass hier eine Liste abgehakt werden soll? Mein Eindruck war, dass Benedict hier viel wollte, vielleicht zu viel - das ging dann auf Kosten von Stringenz und Spannung. Aber immerhin: Sapiosexuell war mir bisher kein Begriff. Wieder was gelernt. 

Alexandra Benedict, Mord im Christmas-Express

Tropen 2023

336 Seiten, 17 Euro

978-3-608-50196-4

Sunday, October 29, 2023

Überdrehte Urlaubs-Comedy mit großartigem Hape Kerkeling

  Nicht immer führt es zu einem gelungenen Resultat, wenn ein Autor auch Sprecher des eigenen (Hör-)Buchs ist. Bei "Club Las Piranjas" von und mit Hape Kerkeling passt es super. Die Urlaubs-Comedy wird von einem Kerkeling in Höchstform präsentiert, der gewissermaßen zu seinen Anfängen zurückkehrt mit seinen Protagonisten aus dem Pott, einem holländischen Animateur, mit schrillem, aber nie bösartigen Humor. 

Dabei ist Kerkeling in den letzten Jahren ja eigentlich auch und vor allem mit nachdenklichen Tönen aufgefallen und spätestens nach seiner Autobiografie ist klar, dass der dicke kleine Junge, der schon im Kinderfunk für Lacher sorgte, eine ziemlich traurige Geschichte hatte.

"Club Las Piranjas" ist die lockere Fortsetzung eines Kinofilms aus den 90ern, in dem Kerkeling den Animateur Edwin spielte, der mit seiner Kollegin Biggi ein ziemlicher Urlauber-Alptraum war. Mittlerweile ist  er im älter, aber nicht gerade erfolgreicher geworden, tingelt in seinem schrottreifen Bus Rentner zu einstigen Schlagergrößen. Bis ihm seine im Sterben liegende Ex-Geliebte und einstige Chefin Renate Wenger ein letztes Angebot macht: Edwin kann ihr Hotel auf Mauritius erben, wenn er die Hochzeit des gemeinsamen Sohnes Björn mit einer Angestellten verhindert.

Edwin hat eh keine Alternativen. Motiviert bricht er zu der Tropeninsel auf, als angeblicher Tourist Olaf. Mit an Bord: Änne, Trinkhallenbetreiberin aus Datteln, die gar nicht weiß, was Erholung ist, die bayerische Familie Brandel und andere Urlaubern. Da kann Kerkeling sein Talent für Dialekte und Akzente lustvoll ausleben.

Trubelig-überdreht ist der Plot, in dem Edwin zuerst für Chaos sorgt und dann zum Retter des Hotels vor den Begehrlichkeiten eines Investors wird. Edwin gibt sich als ehemaliger Pfleger der verstorbenen Renate Wenger aus, der nun die Urne mit der Asche der Toten die Reise angetreten hat. Als ständig angeschickerter Geist hat auch Renate im folgenden ihre Auftritte.

Wie Edwin einerseits Vatergefühle entwickelt und andererseits bei seiner Mission "Hochzeit verhindern" alle möglichen Missverständnisse auslöst, sich in die Unterwelt von Mauritius begibt und vorübergehend hinter Gittern landet - das ist schon eine Attacke auf die Lachmuskeln. Kerkeling zieht alle Register und setzt als Sprecher mühelos Kopfkino in Gang. Viel Klamauk, manches Klischee, aber das sehr gekonnt. Diese Urlaubscomedy macht einfach Spaß.


Hape Kerkeling liest Club las Piranjas

Hörbuch Hamburg, Osterwold Audio 2023

4 Stunden 21 Minuten, 20 Euro

9783869525532

Weihnachtsroman mit melancholischer Note

 Mit "Kein guter Mann" hat Andreas Izquierdo einen bittersüßen Weihnachtsroman geschrieben, der Liebhaber von happy ends verstören dürfte. Gleichwohl passt die melancholische Note. Der Buchtitel geht allerdings ein wenig unfair mit Titelfigur Walther um, spiegelt er doch nur den äußeren Blick auf ihn wider. 

Tatsächlich erscheint der 60 Jahre alte Briefträger zunächst einmal wenig liebenswert: miesepetrig, überkorrekt, seine Fehden mit Kollegen, Vorgesetzten, Kunden pflegend. Ein einsamer, freud- und freundloser Mann, dem das Leben, wie sich bald zeigen wird, übel mitgespielt hat. Gleich mehrfach hat Walther die für ihn wichtigsten Menschen verloren. Nun ist seine Tochter die einzige, die noch an Kontakt mit ihm bemüht ist.

Als Walther zum Christkindel-Postamt abgeordnet wird, ist das eigentlich eine Strafversetzung. Doch einer der Briefe rüttelt Walther auf: der zehnjährige Ben will kein neues Handy, er benötigt Lebenshilfe - und beschwert sich, als "Gott" bzw Walther eine recht beliebige Antwort schickt. Walther beginnt einen Briefwechsel mit dem einsamen Jungen, der sich nach Freunden sehnt und dessen alleinerziehende Mutter schwer depressiv ist.

Mit seinen Versuchen, Bens Probleme zu lösen, schafft Walther noch ein paar zusätzliche Verwicklungen.  Die Brieffreundschaft, die er vor seiner Vorgesetzten geheim halten  muss, bricht ein wenig den Panzer auf, den Walther in den vergangenen Jahren entwickelt hat, um die Außenwelt auf Distanz zu halten. In Rückblenden wird erzählt, wie es zur großen Entfremdung von der Familie kam, welche Träume Walther eigentlich hatte und welche Schuldgefühle ihn seit Jahrzehnten begleiten.

Ist ein Neuanfang möglich? Wie verhärtet sind die verletzten Gefühle und Vorwürfe der Vergangenheit? Bekommt Walther eine zweite Chance? Izquierdo schafft es, die Handlung nicht in Weihnachtskitsch abgleiten zu lassen. Der brummige Walther darf sich bewähren, doch Glück ist etwas Trügerisches. Und nicht jedes Weihnachtsmärchen endet mit "und sie lebten glücklich bis ans Ende ihrer Tage". 


Andreas Izquierdo, Kein guter Mann

Dumont 2023

400 Seiten, 24 Euro

978-3-8321-6817-9

Wednesday, October 4, 2023

Von Müttern und Banditinnen

 Anne Stern schickt mit dem Roman "Die Lichter der Stadt" die Hebamme Hulda Gold bereits zum sechsten Mal auf Ermittlungen im Berlin der 1920-er Jahre. Denn auch wenn das Aus der wechselhaften Beziehung zu einem Kriminalbeamten schon eine Weile her ist - Hulda kann es einfach nicht lassen, sich einzumischen, wenn einer ihrer Schützlinge in Not scheint. 

Dabei ist "Fräulein Gold" selbst alleinerziehende Mutter. Seit dem Vorgängerroman "Rote Insel" ist sie zu einer  Frauenberatungsstelle am Nollendorfplatz gewechselt und trauert der Arbeit, ja Berufung, als Hebamme nach. Doch wie kann sie ihren geliebten Beruf bei Tag und Nacht ausüben, wenn sie auch noch die dreijährige Meta versorgen muss? Schon der Dienst in der Beratungsstelle kann kompliziert werden.

In "Die Lichter der Stadt" ist mittlerweile das Jahr 1929 angebrochen. Um den Nollendorfplatz herrscht diverses, manchmal wildes Leben. Doch auch Liebe liegt in der Luft: Huldas väterlicher Freund, der Kioskbetreiber Bert, lernt einen Mann kennen, der schon am ersten Abend angesichts gleicher Interessen als möglicher Seelengefährte und mehr erscheint. Hulda selbst lernt den Pädagogikprofessor Max kennen - wenig später muss sie erfahren, dass er verheiratet ist. Doch die wechselseitige Anziehungskraft ist stark.

Zeit für kriminalistisches Engagement hat Hulda dennoch. Denn im Rahmen einer Enbruchs- und Raubserie wird auch Bert überfallen. Dann ist da noch die Sorge um die junge Schauspielerin Milli, die mit ihrer kleinen Tochter in die Beratungsstelle kommt. Das Kind ist apathisch, wiegt viel zu wenig - Hulda befürchtet Vernachlässigung. Doch gleichzeitig ist ihr Milli sympathisch, sie ahnt, dass die junge Mutter in einer schwierigen Situation steckt. Doch wie dramatisch die Lage tatsächlich ist und welche Verbindungen sich dabei auftun, das wird Hulda erst nach und nach erfahren.

Hatte Stern schon zuvor den Zeitgeist der Weimarer Republik immer wieder thematisiert, so wird nun der Glanz der Großstadtlichter zunehmend vom Erstarken der Nationalsozialisten überschattet. SA-Aufmärsche, mehr Bezüge zu historischen Personen von Bertold Brecht, Alfred Kerr und bis Gustav Stresemann ranken sich um die Romanhandlung. Sogar Erich Kästner und sein Gedicht "Sachliche Romanze" finden Eingang in das Buch. 

Doch während manche dieser Bezüge fast augenzwinkernd daher kommen, wird der Band zunehmend düsterer angesichts eines Antisemitismus, der sich immer öfter in Gewalt ausdrückt. Beschrieb Stern in einem der Vorgängerbände ein Pogrom im Scheunenviertel, wird nun sogar Huldas Vater trotz Prominenz und Status Opfer eines Angriffs.

Mir gefällt an Sterns Romanen die Verbindung einer spannend-unterhaltsamen Handlung mit der sympathischen Protagonistin und den politischen und gesellschaftlichen Zuspitzungen der späten Weimarer Republik. Es steht allerdings zu fürchten, dass das Berliner Pflaster für Hulda Gold immer gefärhrlicher werden dürfte, je eher das Jahr 1933 rückt.


Anne Stern, Fräulein Gold. Lichter der Stadt

Rowohlt Polaris, 2023

464 Seiten, 18 Euro

9783499009181