Kann man komisch über Rassismus schreiben? Im Fall von Candice Carty-Williams Debütroman "Queenie" mitunter schon. Queenie, das ist eine 25-jährige Londonerin, deren Großeltern aus Jamaica eingewandert waren. Seit ihr - weißer - Freund eine Auszeit vorgeschlagen hat, ist ihr Leben aus der Kurve geraten. Eigentlich will Queenie nur ihren Tom zurück, doch in der Zwischenzeit hat sie viel zu viele Dates mit Männern, die ihre "schokoladigen" Kurven rühmen, auf one night stands aus sind beziehungsweise auf rein sexuelle Beziehungen aus sind, in denen Queenie mehr Objekt als Partnerin ist. Kein Wunder also, dass es ihr nicht gut geht.
Die Ich-Erzählerin mit Hang zu Selbstgeißelung, die sich bei ihren besten Freundinnen mal über die Sehnsucht nach Tom, mal über die Mistkerle ausweint, an die sie immer wieder gerät, der hohe Alkoholkonsum, die eher nachlässig verfolgte Karriere bei einer Zeitung - das alles erinnert an die Lebens- und Liebeskrisen von Bridget Jones. Allerdings mit deutlich dunkleren Untertönen, denn spätestens als Queenie klar wird, dass Tom schon längst ein Leben ohne sie führt, kommt es zum Zusammenbruch und der quälenden Suche nach verdrängten Krisen der Vergangenheit, die Queenie auch in der Gegenwart herunterdrücken. Zum Entsetzen ihrer Großeltern, bei denen sie vorübergehend unterkommt, macht sie sogar eine Psychotherapie. Dabei ist Queenie mit ihren Ängsten, ihren Brüchen und Zweifeln glaubwürdig und sympathisch.
Hinzu kommt die Erfahrung, eine Schwarze Frau zu sein, Alltagsrassismus zu erleben, sich über strukturellen Rassismus klar zu werden und vergeblich Themen wie Black Lives Matter für die Berichterstattung der Zeitung vorzuschlagen. Hier liegt allerdings auch eine Schwäche des Buchs, denn irgendwie kann sich die Autorin nicht entscheiden, ob sie Frauen-Freundschaft-Beziehungs-Belletristik oder scharfe Gesellschaftskritik schreiben will, und dabei kommen die schärferen Töne eindeutig zu kurz.
Ganz nebenher bekommen die Leserinnen noch einiges über Schwarze Identität und ihre Facetten mit - etwa die karibischen Traditionen von Queenies Familie und die afrikanischen ihrer Freundin, deren Familie aus Uganda stammt, über die Arbeit, die Frau mit ihren Weaves hat (ganz zu schweigen von dem Aufwand, sie wieder zu lösen) über die Veränderungen in einem traditionell westindisch geprägten Stadtteil wie Brixton durch Gentrifizierung und weiße Hipster, die das Viertel als "ihres" vereinnahmen. Es gibt da eine bitterböse Szene im Schwimmbad - da wünschte ich mir, die Autorin hätte diesen Stil das ganze Buch hindurch durchgehalten.
Manches wirkt, jedenfalls im London des 21. Jahrhunderts, eher unglaubwürdig, wenn Queenie ihre Schwarze Identität etwa im Kontext ihrer Arbeit als so singulär erlebt. Sie lebt schließlich nicht irgendwo in Sachsen, sondern in einer multiethnischen Metropole mit einer großen Schwarzen Diaspora, wo sie weder an der Uni noch im Arbeitsleben das einzige dunkle Gesicht im Raum sein dürfte.
Mein Fazit: Unterhaltsam und warmherzig, mit einem kritischen Touch, der ruhig stärker hätte ausfallen können.
Candice Carty-Williams, Queenie
Aufbau Verlag, 2020
544 Seiten, 22 Euro
978-3-351-05086-3
Saturday, August 29, 2020
Mit Axt und Weißwein - verlassene Ehefrau bewältigt die Krise
Vermutlich gibt es ihn ohnehin nicht, den besten Zeitpunkt, um verlasssen zu werden. Kurz vor der Silberhochzeit ist es jedenfalls bestimmt nicht ideal - vor allem, wenn der noch-Ehemann mit dem Vorschlag kommt, die geplante Feier trotz Trennung durchzuführen, um die Familie - vorzugsweise seine eigene Mischpoche - nicht vor den Kopf zu stoßen. Dass die 48-jährige Diane vom künftigen Ex mit der Begründung konfrontiert wird, sie sei nun mal so furchtbar langweilig, macht die Sache nicht leichter. Plötzlich ist die Mutter dreier erwachsener Kinder - das Nesthäkchen ist gerade zum Studium ausgezogen - allein zu Haus. Und der Vater der drei Kinder startet in sein neues Leben mit einer 30-Jährigen.
Ist es unter diesen Umständen verständlich, dass Diane abwechselnd zu Weißwein oder einer Axt greift, um die Krise zu bewältigen? Erst das Ehebett zerlegt und dann weitere Teile, die sie an ihre gescheiterte Ehe erinnern? Dass die Trennung vom Mann auch die Trennung von den ungeliebten Teilen der angeheirateten Familie bedeutet, kann sie erst nach und nach positiv verbuchen - kein Pflicht-Babysitting für die Schwägerin mehr, die sich regelmäßig selbst verwirklichen will. Keine mühsame Freundlichkeit mehr im Umgang mit der Ex-Schwiegermutter, die nie akzeptiert hat, dass der älteste Enkelsohn schwul ist. Und Freundin Charlotte, die das Verlassenwerden zugunsten einer Jüngeren schon vor einer ganzen Weile durchlitten hat, ist gerne bereit, zu trösten und zu helfen.
Mit ihrem "Tagebuch einer furchtbar langweiligen Ehefrau" hat Marie-Renée Lavoie ein Thema gewählt, das für die reifere Leserinnen-Generation von Chicklit-Romanen ja nicht gänzlich neu ist. Zum einen womöglich aufgrund eigener Lebenserfahrung, sehr viel mehr aber, weil ja schon seit Jahren Variationen zu dem Thema erscheinen, mit ein bißchen Humor und Augenzwinkern und am Ende der voraussehbaren Wiederentdeckung der Heldin, meist mit einem neuen Mann an ihrer Seite.
Augenzwinkern und Humor fehlt auch hier nicht. Statt einer neuen Romanze gibt es Phantasien über den ansehnlichen Bürokollegen aus der Buchhaltung- aber der ist verheiratet. Der Hipster-Bauarbeiter aus der Nachbarschaft ist einfach nur hilfsbereit. Nicht jedes verlassene Schneewittchen wird von einem Prinzen wachgeküsst. Statt dessen kann frau beim Lesen über die mitunter bitterbösen Bewältigungsstrategien von Diane schmunzeln. Das Buch endet vielleicht nicht gerade romantisch, aber dennoch happy. Leichte Wohlfühllektüren zum Schmökern, vielleicht nicht gerade während der Planung einer Silberhochzeit.
Marie-Renée Lavoie, Tagebuch einer furchtbar langweiligen Ehefrau,
Eichborn, 2020
255 Seiten, 18 Euro
978-3-8479-0064-1
Ist es unter diesen Umständen verständlich, dass Diane abwechselnd zu Weißwein oder einer Axt greift, um die Krise zu bewältigen? Erst das Ehebett zerlegt und dann weitere Teile, die sie an ihre gescheiterte Ehe erinnern? Dass die Trennung vom Mann auch die Trennung von den ungeliebten Teilen der angeheirateten Familie bedeutet, kann sie erst nach und nach positiv verbuchen - kein Pflicht-Babysitting für die Schwägerin mehr, die sich regelmäßig selbst verwirklichen will. Keine mühsame Freundlichkeit mehr im Umgang mit der Ex-Schwiegermutter, die nie akzeptiert hat, dass der älteste Enkelsohn schwul ist. Und Freundin Charlotte, die das Verlassenwerden zugunsten einer Jüngeren schon vor einer ganzen Weile durchlitten hat, ist gerne bereit, zu trösten und zu helfen.
Mit ihrem "Tagebuch einer furchtbar langweiligen Ehefrau" hat Marie-Renée Lavoie ein Thema gewählt, das für die reifere Leserinnen-Generation von Chicklit-Romanen ja nicht gänzlich neu ist. Zum einen womöglich aufgrund eigener Lebenserfahrung, sehr viel mehr aber, weil ja schon seit Jahren Variationen zu dem Thema erscheinen, mit ein bißchen Humor und Augenzwinkern und am Ende der voraussehbaren Wiederentdeckung der Heldin, meist mit einem neuen Mann an ihrer Seite.
Augenzwinkern und Humor fehlt auch hier nicht. Statt einer neuen Romanze gibt es Phantasien über den ansehnlichen Bürokollegen aus der Buchhaltung- aber der ist verheiratet. Der Hipster-Bauarbeiter aus der Nachbarschaft ist einfach nur hilfsbereit. Nicht jedes verlassene Schneewittchen wird von einem Prinzen wachgeküsst. Statt dessen kann frau beim Lesen über die mitunter bitterbösen Bewältigungsstrategien von Diane schmunzeln. Das Buch endet vielleicht nicht gerade romantisch, aber dennoch happy. Leichte Wohlfühllektüren zum Schmökern, vielleicht nicht gerade während der Planung einer Silberhochzeit.
Marie-Renée Lavoie, Tagebuch einer furchtbar langweiligen Ehefrau,
Eichborn, 2020
255 Seiten, 18 Euro
978-3-8479-0064-1
Wednesday, August 19, 2020
Irgendwie beliebig und sehr privilegiert - "Ein unerhörtes Alter"
Es klang interessant und reizvoll - ein Buch, das fast 100 Jahren nach seiner Erstveröffentlichung wieder erscheint und den Lesern des Jahres 2020 einen Blick in die Gedanken, Träume und Hoffnungen der Frauengeneration nach dem Ersten Weltkrieg zu ermöglichen. Was damals frisch war, ist heute längst Geschichte. Anderes, worum in "Ein unerhörtes Alter" von Rose Macaulay heftig debattiert wurde, wie Ehe ohne Trauschein, Psychoanalyse oder Karrierrewünsche von Frauen, sind mittlerweile selbstverständlich. Obendrein stellt der britische Gesellschaftsroman gleich Frauen aus vier verschiedenen Generationen in den Mittelpunkt, von der 21-Jährigen Gerda bis zu ihrer 84-jährigen Urgroßmutter. Interessante Lektüre garantiert?
Ich wollte dieses Buch mögen, bin aber letztlich enttäuscht zurückgeblieben. Denn irgendwie plätschert die Handlung beliebig vor sich hin in Episoden und Anekdoten, in denen die Frauen der britischen Oberschicht ziemlich konturlos bleiben und andere - außer den obligatorischen Dienstboten drumherum - gar nicht erst in Erscheinung treten. Lässt sich leicht lesen, ist halbwegs unterhaltsam, aber irgenwie denke ich am Ende: Na ja....
Die Leben und die Lieben von jung und alt sind vor allem eines: privilegiert. Progressive, ja revolutionäre Gedanken werden gerade bei der jüngeren Generation gepflegt, ohne dass deshalb der upper class-Lebenstil in Frage gestellt oder verändert wird. Es lässt sich leicht reflektieren und debattieren im Luxusdasein zwischen Sommerhaus am Meer und Londoner Stadtwohnung - der weitgehend unsichtbar bleibende Ehemann von Neville ist Parlamentsabgeordneter.
Überhaupt, Neville - sie will mit 43 ihr bei der Heirat unterbrochenes Medizinstudium wieder aufnehmen und Ärztin werden. Das könnte eine starke Frauenfigur werden. Doch ach, der Verstand hat gelitten, es passt einfach kein Lehrstoff mehr in den Kopf. Oberschichtehefrau mit ausgedehnter Reisetätigkeit ist ja auch nicht so schlimm. Der Ehrgeiz, der sich so vielversprechend abgezeichnet hat, verpufft ohne Kampf. Und die Leserin aus dem 21. Jahrhundert ist not amused.
Die gepflegte Langeweile der Reichen und Schönen - hat sie uns irgendwas zu sagen? Ich fürchte, im Jahr 2020 hat sie ebenso wenig Substanz wie im Jahr 1921.
Rose Macaulay, Ein unerhörtes Alter
Dumont, 2020
250 Seiten, 20 Euro
978-3-8321-8109-3
Ich wollte dieses Buch mögen, bin aber letztlich enttäuscht zurückgeblieben. Denn irgendwie plätschert die Handlung beliebig vor sich hin in Episoden und Anekdoten, in denen die Frauen der britischen Oberschicht ziemlich konturlos bleiben und andere - außer den obligatorischen Dienstboten drumherum - gar nicht erst in Erscheinung treten. Lässt sich leicht lesen, ist halbwegs unterhaltsam, aber irgenwie denke ich am Ende: Na ja....
Die Leben und die Lieben von jung und alt sind vor allem eines: privilegiert. Progressive, ja revolutionäre Gedanken werden gerade bei der jüngeren Generation gepflegt, ohne dass deshalb der upper class-Lebenstil in Frage gestellt oder verändert wird. Es lässt sich leicht reflektieren und debattieren im Luxusdasein zwischen Sommerhaus am Meer und Londoner Stadtwohnung - der weitgehend unsichtbar bleibende Ehemann von Neville ist Parlamentsabgeordneter.
Überhaupt, Neville - sie will mit 43 ihr bei der Heirat unterbrochenes Medizinstudium wieder aufnehmen und Ärztin werden. Das könnte eine starke Frauenfigur werden. Doch ach, der Verstand hat gelitten, es passt einfach kein Lehrstoff mehr in den Kopf. Oberschichtehefrau mit ausgedehnter Reisetätigkeit ist ja auch nicht so schlimm. Der Ehrgeiz, der sich so vielversprechend abgezeichnet hat, verpufft ohne Kampf. Und die Leserin aus dem 21. Jahrhundert ist not amused.
Die gepflegte Langeweile der Reichen und Schönen - hat sie uns irgendwas zu sagen? Ich fürchte, im Jahr 2020 hat sie ebenso wenig Substanz wie im Jahr 1921.
Rose Macaulay, Ein unerhörtes Alter
Dumont, 2020
250 Seiten, 20 Euro
978-3-8321-8109-3
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