Saturday, January 29, 2022

Senioren und Spione

 Was haben der britische Inlandsgeheimdienst MI5, organisierte Kriminalität und die Bewohner einer idyllisch gelegenen Seniorenresidenz mit gehobenem Lebensstil miteinander gemeinsam? Sehr viel, wenn eine der Seniorinnen Elizabeth Best ist, ehemalige Geheimagentin und auch mit 70plus nicht willens, sich mit Handarbeiten, Museumsbesuchen  und Kaffeekränzchen den Alltag zu gestalten. Im zweiten Band um den Donnerstagsmordclub bringt der britische Autor Richard Osman einiges von Elizabeth schillernder Vergangenheit in die Handlung, angefangen von ihem Ex-Mann Douglas, der aus gutem Grund ein Ex ist.

In "Der Mann, der zweimal starb", taucht Douglas erneut in Elizabeths Lebens auf, muss er doch in der Seniorenresidenz auf Tauchstation gehen, da ein internationaler Waffen-Broker ihm an den Kragen will. Er verdächtigt Douglas - nicht zu Unrecht - Diamanten im Wert von 20 Millionen Dollar gestohlen zu haben, die eigentlich einer New Yorker Mafiafamilie gehören. Und die versteht keinen Spaß, wenn es um ihr Eigentum geht.

Klar, dass Elizabeth und ihre Mordclub-Mitstreiter - die ehemalige Krankenschwester Joyce, der Ex- Psychiater Ibrahim und der raubeinige Ex-Gewerkschafter Ron - hier nicht untätig bleiben können. Spione und internationale Verbrecherkartelle, das bringt doch endlich mal wieder Abwechselung in den Seniorenalltag. Und als die ersten Leichen auftauchen, gibt es nur Unmut, als Elizabeth Joyce zum Tatort geholt hat, während Ron nur am nächsten Tag Blutlachen und Einschusslöcher begutachten konnte statt der bereits abtransportierten Leiche - wie schrecklich unfair!

Dabei hat das sympathishc-exzentrische Rentnerquartett schon in eigener Sache genug zu tun: Ibrahim ist bei einem Ausflugin die Stadt Opfer eines Raubüberfalls geworden und krankenhausreif geschlagen worden. Trotz Gehirnerschütterung kann Ibrahim mit seinem Detailgedächtnis den Polizisten Chris und Donna, die schon im ersten Band freundschaftliche Verbindungen zu den Clubmitgliedern geknüpft haben, eine Personenbeschreibung liefern, die die Identifizierung der Täter leicht macht. Allein, es fehlen die Beweise. Da ist es natürlich Ehrensache, dass Elizabeth, Joyce und Ron auf ihre Weis für Gerechtigkeit für Ibrahim sorgen wollen!

Richard Osman dürfte viel Spaß beim Schreiben gehabt haben, ich habe die neuen Abenteuer des Ermittler-Quartetts aus Coopers Chase jedenfalls mit großem Vergnügen gelesen. Sehr britisch ist der Stil dieses Cozy-Krimis mit Humor und genüsslich ausgelebten Skurrilitäten. Dabei gibt es bei aller Unterhaltung und Spannung auch ernste Töne - Einsamkeit, Demenz, Ängste und Unsicherheiten, die nicht nur die Senioren quälen. So unterschiedlich die Persönlichkeiten der Clubmitglieder sind, so unschlagbar sind die vier, wenn sie ihre Erfahrungen, Kenntnisse und Lebensweisheit zusammenbringen. Die bildhafte Sprache und der süffisante Erzählstil tun ihr übriges. Ich hoffe sehr, bald wieder Neues vom Mordclub lesen zu können!

Richard Osman, Der Mann der zweimal starb

List, 2022

448 Seiten, 16,99

9783471360132


Friday, January 21, 2022

Queere Liebesgeschichte mit viel Romantik

  Mit ihrem Debütroman "Honey Girl" hat die amerikanische Autorin Morgan Rogers gleichermaßen eine queere Liebesgeschichte, die Schmerzen des Erwachsenwerdens und die Herausforderungen für eine junge Schwarze Frau, sich in der weißgeprägten Forschungswelt geschrieben. Ihre Protagonistin Grace und ihre Freunde sind wie sie - lesbische Millenials, People of Color, als Endzwanziger immer noch auf der Suche nach ihrem Platz im Leben und auf der Jagd nach ihren Träumen.

Grace ist die Tochter eines schwarzen Berufsoffiziers und einer weißen Mutter, der sie die honigblonde Farbe ihrer Haare verdankt. Während ihre Mutter, wenn sie nicht gerade Orangen in Florida züchtet, in Retreats in aller Welt spirituelle Erneuerung sucht, kommt Grace im Verhalten eher nach ihrem Vater, bei dem sie nach der Scheidung aufgewachsen ist. Colonel, wie er auch von Grace genannt wird, ist ein Mann, dessen Leben von Disziplin und fester Ordnung bestimmt ist - und so hat er auch Grace, die er militärisch-knapp bei ihrem Nachnamem Porter nennt erzogen: Nie klein beigeben, ehrgeizig sein, immer besser als die anderen sein.

Grace greift nach den Sternen - buchstäblich, Sie hat in Rekordzeit ihr Studium der Astronomie mit Auszeichnung abgeschlossen, im Eiltembo und ebenfalls herausragend promoviert und peilt nun eine wissenschaftliche Laufbahn an.  Es passt so gar nicht zu ihre, dass sie nach einem Wochenende mit ihren beiden besten Freundinnen und Mitbewohnuerinnen in einem Hotel in Las Vegas völlig verkatert aufwacht, mit einem Filmriss und einem Ring am Finger. Eine Visitenkarte und ein Foto belegen: Grace hat in der Nacht eine ihr bis dahin völlig Unbekannte geheiratet. Dunkel erinnert sie sich an Wangen wie Rosenblätter und einem Geruch nach Meer und Kräutern. Und dass sie die Fremde Frau bezaubernd fand - sonst hätten sie ja wohl nicht geheiratet.

Eine solche Spontanhandlung - das passt so gar nicht zu der stets disziplinierten Grace, ist ihr sogar ein wenig heimlich. Und doch bekommt sie ihre fremde Ehefrau nicht aus dem Kopf, während ihre Suche nach einem Job in der Wissenschaft zunehmend frustrierend ist. Mal wird sie trotz beeindruckender - für manche zu beeindruckender - Leistungen noch nicht einmal zu einem Vorstellungsgespräch eingeladen, mal muss sie befremdet feststellen, dass nicht-weiße Mitarbeiter in der Unternehmenskultur wohl nicht vorgesehen sind und ihre Zugehörigkeit zu Gruppen wie Schwarze in MINT-Fächern oder queere Wissenschaftler mit Befremden aufgenommen werden.

Mit Hilfe der Visitenkarte findet sie heraus, dass ihre unbekannte Ehefrau eine Radioshow in Brooklyn moderiert. Für Menschen, die einsam sind, anders sind, spricht sie über Monster und Alleinsein, über Sirenenlieder und Mythen. Grace lauscht, zunehmend fasziniert, bis sie schließlich den Mut findet Yuki eine Textnachricht zu schicken und schließlich sogar zu ihr nach New York reist. Doch ein happily ever after ist nicht möglich, solange Grace nicht ihre eigenen Monster konfrontiert.

Manchmal ist "Honey Girl" zuckersüße Romantik voller Kitsch und Verliebtheit, aber dabei irgendwie auch sehr liebenswert. Schmetterlinge im Bauch bringen halt auch eine mit militärischem Drill aufgewachsene Endzwanzigerin dazu, sich zu fühlen wie ein Teenager beim ersten großen Verliebtsein. Doch es geht auch um Einsamkeit, um Erwartungen von außen. Konflikte mit den Eltern, mit dem Umfeld. Wie kann man sich selbst finden, ohne andere zu verletzen und zurück zu lassen? Erfrischend geschrieben, mit liebenswerten Charakteren voller kleiner Macken,  ist "Honey Girl" auch ein Loblied auf Freundschaft und Liebe in all ihren Formen.  Nicht nur für Millenials nett, wenn es mal was fürs Herz sein soll.


Morgan Rogers, Honey Girl

dtv 2022

336 Seiten, 15 Euro

 978-3-423-26304-7

Monday, January 10, 2022

Historischer Spannungsroman im Hamburg der Kaiserzeit

 Sufragetten und Serienmörder - das ist der Rahmen in dem sich Henrike Engels historischer Roman "Die Hafenärztin" bewegt. Angesiedelt im Hamburg des Jahres 1910, also in die Zeit noch vor dem Wahlrecht für Frauen. scheint der Roman de Auftakt einer Serie zu sein. Denn es bleibt einiges offen zu der Hauptfigur, der Ärztin und Frauenrechtlerin Anne Firzpatrick, die trotz des angelsächsischen Namens eine Hamburger Reedertochter ist, heimlich und unter falschem Namen in ihre Geburtsstadt zurückgeommen ist, und sich nun als Ärztin im Hafen um diejenigen kümmert, die besonders schwer von prekären Lebensverhältnissen betroffen sind - die Arbeiterinnen, Prostituierten und ihre Kinder.

Auch Pastorentochter Helene, die in großbürgerlichen Verhältnissen privilegiert aufwächst, will etwas tun, um die Verhältnise zu ändern, vor allem aber möchte sie als Frau selbstbestimmt leben. Da sie noch nicht volljährig ist, muss sie in ihrem konservativen Elternhaus allerdings um Kompromisse kämpfen. Als sie  zur Eröffnung von Fitzpatricks "grünem Haus" heimlich in den Hamburger Hafen fährt, entdeckt sie die Leiche einer Frau. Es bleibt nicht die einzige Tote, und die Art, wie die Morde begangen wurden, weist auf einen Serientäter hin.

Fitzpatrick ist alarmiert, denn auch das "grüne Haus", in dessen Nähe die Toten gefunden wurden und sie selbst scheinen die Aufmerksamkeit des Täters zu erregen - und das, nachdem die Ärztin bereits in England die Verbrechen des noch immer nicht gefassten Jack the Ripper erlebt hatte. Ob dessen Verbrechen in irgendeiner Weise mit ihrer heimlichen Flucht aus England zu tun hatten und worum es in der Fehde zwischen ihrem Vater und seinem einstigen Nachbarn ging - das bleibt in diesem Buch offen. Angesichts der vielen Andeutungen gehe ich davon aus, dass die eine oder andere Lösung dieser Rätsel in einem Folgeband gefunden werden soll.

Der Polizist Bertold Rheydt wiederum, der ein privates Trauma mit reichlich Alkohol und körperlicher Verausgabung beim Fußball bekämpft, ist misstrauisch, was Fitzpatrick verschweigt. In welcher Verbindung sie zu dem Täter stecken könnte, bestimmt schon bald seine Untersuchungen. Doch der Fall enntwickelt sich bald zum Politikum, dient Gegnern der Frauenbewegung dazu, das Engagement der Frauen in den Armenvierteln der Hansestadt zu verunglimpfen. Auch auf die Ermittler wird Druck ausgeübt, sie sollen sich auf einen Verdächtigen aus dem Milieu konzentrieren. Rheydt hingegen ist überzeugt: Der Täter gehört den sogenannten besseren Gesellschaftsschichten an. Um ihn zu finden, ist heimliche Ermittlungsarbeit notwendig - in einem Wettlauf gegen die Zeit.

Auch wenn das Buchcover erst einmal einen historischen Frauenroman nach Herz-Schmerz-Schema vermuten lässt: Hier steckt ordentlich Spannung mit einer Portion Sozialkritik. Gut und Böse sind zwar recht plakativ gezeichnet, doch langweilig wird es bei der Lektüre nicht. Ähnlich wie in den Romanen um die Berliner Hebamme Hulda Gold stehen Anne Fitzpatrick und Helene für Frauen, die sich mit den herrschenden Verhältnissen nicht abfinden wollen und auch die traditionelle Rolle als Ehefrau und Mutter nicht akzeptieren wollen. Ein bißchen Queerness  ist auch noch dabei, um den Bruch mit herkömmlichen Lebens- und Verhaltensmustern zu verstärken. Manches ist ein bißchen dick aufgetragen, etwa die Dämonen, die de Polizisten Rheydt plagen. Trotz kleiner Schwächen aber ein Auftakt, der neugierig auf die Folgebände macht.


Henrike Engel, Die Hafenärztin. Ein Leben für die Freiheit der Frauen

Ullstein, 2022

464 Seiten, 14.99

9783864931901

Friday, January 7, 2022

A bisserl was fürs Herz - "Die Frauen von Schönbrunn"

 Titel und Cover von Beate Malys historischem Ronan "Die Frauen von Schönbrunn" versprechen bereits: Hier gibt´s a bisserl was fürs Herz. Und so ist dieser in der Zeit des ersten Weltkriegs angesiedelte Roman etwas für Leserinnen (ich kann mir nicht vorstellen, dass sich besonders viele Männer angesprochen fühlen), die eintauchen wollen in eine Liebesgeschichte mit eher absehbarer Entwicklung und, klar, einem happy end.  

Wobei die Autorin nicht nur mit österreichischen Begriffen für Lokalkolorit sorgt, sondern auch durchaus moderne Aspekte einfügt: Die Hauptfigur Emma träumt nicht von ihrem Traumprinzen. sondern von einem Studium der Veterinärmedizin. Der männliche Protagonist, der dann klischeehaft blond und blauäugig sein muss, hat ein Kriegstrauma und ist für damalige Verhältnisse erfreulich tolerant: Er gibt Emma nicht nur Rückendeckung bei ihren Ideen, er geht auch ganz souverän und selbstverständlich damit um, dass sein Bruder schwul ist. Ein bißchen Sozialkritik angesichts des Leids der Bevölkerung und der Soldaten am Krieg ist auch noch dabei, wobei dies eher auf der emotionalen Ebene vermittelt wird.

Ein bißchen schwülstig ist aus meiner Sicht ja der Untertitel: "Ein Leben für das Wohl der Tiere" - zumal Emma als Tierpflegerin in der Kaiserlichen Menagerie mit ihren 20 Jahren ja noch ganz am Anfang steht und eher bescheidene Möglichkeiten hat, sich für das Wohl ihrer Schützlinge einzusetzen. Immerhin, am Beispiel ihres Engagements für die Orang-Utan-Dame "Fanny" und in der Konfrontation mit dem Zoologen und Fiesling des Buches geht es um Fragen, die auch heute noch für Zoos und Tiergärten gelten: Wie können Tiere möglichst artgerecht gehalten werden? Wie sollten Gehege gestaltet sein, damit die Tiere nicht verkümmern? Und wie bringt man den Besuchern die Tierwelt nahe? Wird Emma noch belächelt wegen ihrer Überzeugung, auch Tiere hätten Gefühle und eine Persönlichkeit, gibt es heutzutage wissenschaftlich Forschungsarbeit zu diesem Thema.

Zugegeben, der Plot ist so absehbar wie die Dramaturgie einer "Traumschiff"-Episode, aber die Autorin bemüht sich immerhin, ihren Figuren eine gewisse Tiefe zu geben und auch aktuelle Themen einzubeziehen. Für einen Unterhaltungsroman mit Liebe und Schmerz ist das nicht das Schlechteste.

Beate Maly, Die Frauen von Schönbrunn. Ein Leben für das Wohl der Tiere

Ullstein 2022

368 Seiten, 11,99

978-3-548-06471-0