Saturday, April 27, 2024

Ein Makler ermittelt auf Sylt

  Mit Immobiliengeschäften kennt sich Autor Eric Weißmann aus: Wenn er keinen Krimi schreibt, ist er als Makler auf Sylt in seinem Brotberuf. Da lag es vermutlich nahe, einen Sylter Makler in den Mittelpunkt einer neuen Krimireihe zu stellen. "Mord unterm Reetdach" ist der erste Teil davon, und Sylt-Fans können in der Tat in der Beschreibung von Reetdächern, Heckenrosen, Dünen und unverbaubarem Meeresblick schwelgen. Einen Toten gibt es natürlich auch, Makler Kristan Dennermann stolpert buchstäblich über den Besitzer der Immobilie, die er gerade an den Mann oder an die Frau bringen soll.

Dabei hat Dennermann noch kurz zuvor, beim letzten Kontrollgang vor einer Präsentation des Hauses, im Tiefkühlfach einen Diamantring und eine Botschaft an eine Unbekannte in einer Packung gefrosteter Erbsen gefunden. Nun könnte Dennermann die Aufklärung des Todes der Polizei überlassen - aber das wäre ja für den Plot einer Makler-Krimiserie gewissermaßen tödlich. Nein, Dennermann sieht sich in der Pflicht, selbst zu ermitteln, zusammen mit seiner patenten Sekretärin und Corgie "Prince of Wales". 

Angesichts des Haustieres ist schon klar: Dennermann ist Royal Fan, und mit seinem aristokratisch eingerichteten Hundezimmer im Häuschen in List passt er ja auch irgendwie auf die Insel der Reichen und Schönen. Mit reichlich neureicher Sylter Klientel hat er nicht nur in seinem Makler-Alltag zu tun, auch die Geschwindigkeit, mit der die Söhne des Toten das Haus an einen neuen Besitzer bringen wollen, ist ihm irgendwie suspekt. Und auch die reiche Teilzeit-Sylterin aus Hamburg, die Immobilien sammelt wie andere Menschen Briefmarken, ist irgendwie ein bißchen zu pushy. Wieso also glaubt der Inselkommissar, vor allem Dennermann auf die Liste seiner Verdächtigen stecken zu müssen.

Im übrigen hält der Autor reichlich Melodrama bereit: Dennermann hat in der Vergangenheit traumatisches erlebt und leidet noch immer darunter, wie gerne und häufig in die Erzählung eingeflochten wird. Jahrelang strich er als trauriger einsamer Wolf über die Insel, doch das könnte sich ändern, nachdem er sich als Retter einer Maid in Bedrängnis bewähren kann.

"Mord unterm Reetdach" ist ein nicht sonderlich blutiger Cozy-Ratekrimi mit viel Nordsee- und Inselflair. Da kennt sich der Autor aus, zur Arbeit der Polizei ist ihm eher die Phantasie durchgegangen, aber die Berufsermittler spielen hier eh  nur eine Nebenrolle. Insgesamt ganz nett, aber vermutlich vor allem für Sylt-Fans.


Eric Weißmann, Mord unterm Reetdach

dtv 2024

352 Seiten, 13,40 Euro

9783423220514

Thursday, April 25, 2024

Zwei Partygirls in New York

 Titelgestaltung und Klappentext von Marlowe Granados´Debütroman "Happy Hour" hatten mich spontan angesprochen: Zwei junge Frauen ohne Geld als (Über-)Lebenskünstlerinnen eines New Yorker Sommers. New York ist immer gut, und der Roman klang vielversprechend. Nachdem ich das Buch beendet habe,  muss ich allerdings feststellen, dass das Buch einfach nicht mein Ding ist: Weder gibt es einen echten Plot, noch konnte ich den Protagonistinnen etwas abgewinnen. Das mag zum einen daran liegen, dass ich vielleicht eh nicht die Zielgruppe eines Buches bin, in dessen Mittelpunkt zwei 21-jährige sind.

Zum anderen konnte ich weder mit Ich-Erzählerin Isa noch mit ihrer besten Freundin Gala warm werden, die sich einen New Yorker Sommer lang mit Gelegenheitsjobs über Wasser halten und feiern, was das Zeug hält. Dabei suchen sie sich stets jemanden (meist einen oder mehrere Männer), der die Rechnung bezahlt für Cocktails und Austern, denn die beiden haben zwar kein Geld, aber Geschmack. Und jung und schön zu sein, ist offenbar Begründung und Daseinsberechtigung genug, sich von anderen das Partygirl-Leben bezahlen zu lassen.

Dafür nehmen die beiden auch Demütigungen und Erniedrigungen durch die Sponsoren ihres süßen Lebens in Kauf und flüchten sich im schlimmsten Fall zu Freunden, die sie umsonst aufnehmen, wenn mal alles den Bach runtergeht. Sie haben weder Geld noch irgendeine erkennbare Ausbildung, dafür aber einen gewissen Markenfetischismus und Geschmack am süßen Leben. Isa hat es zudem fertiggebracht, durch Europa zu reisen, wobei ich mich frage, wie sie angesichts ihrer knappen Finanzen überhaupt den Flug bezahlt hat.

Das Buch verspricht die Entlarvung einer Klassengesellschaft, aber es bleibt letztlich bei der nicht ganz neuen Feststellung, das Geld und Schönheit gerne eine Partnerschaft eingehen und im Zweifelsfall derjenige mit dem Geld am längeren Hebel sitzt. Insofern bleibt die Handlung so oberflächlich wie die beiden Protagonistinnen. Daran können auch einige spritzige Dialoge und Beschreibungen nichts ändern. Sarkastische Beschreibungen der New Yorker Schicki-Micki-Gesellschaft haben mir in anderen Büchern schon besser gefallen. Und das ultimative literarische Partygirl bleibt auch weiterhin Holly Golightly. 


Marlowe Granados, Happy Hour

Hanser 2024

304 Seiten, 24 Euro

9783446279490

Tod eines Serienstars

 Ein neuer Fall für die Polizei in St Peter-Ording lässt auch Insellehrerin Ilva nicht ruhen. Die Hobby-Detektivin will die Aufklärung des Todes des Seriendarstellers Titus Frank nicht allein ihrem Bruder, dem Inselpolizisten Ernie und dessen Kollegen Fred überlassen. Schließlich hatte sie schon in den vorangegangenen Fällen die Spürnase vorn.

In "Tödliche Tide in St Peter (M)Ording" von Tanja Janz erhält das Team aber zudem Verstärkung; Freds Vater, der eigentlich Familienurlaub machen wollte und aus Gelsenkirchen zu Besuch ist, ist als Kommissar im Ruhestand nicht zu bremsen und begibt sich als verdeckter Ermittler unter die Filmleute, die in St Peter Ording eine beliebte Krimireihe drehen. Bis eben eine echte Leiche alles durcheinander bringt. Und schnell steht fest: Der Tod des Serienstars war Mord.

So einiges ist in diesem Cozy-Krimi ziemlich überzeichnet und dramatisiert, einige Personen sind schon früh so verdächtig, dass Krimileser gleich wissen: der/die kann es nicht sein! Das Ermittlerteam ist liebenswert und verbreitet Familienidylle, ganz im Gegensatz zu den privaten Untiefen, die sich nach und nach im Leben des toten Schauspielers offenbaren.

Wer die vorangegangenen Bände gelesen hat, befindet sich im Vorteil, aber es ist problemlos möglich, auch ohne jede Vorkenntnis den Protagonisten dieses Nordseekrimis zu folgen. Manches Klischee zwischen Fischköppen und Ruhris wird hier gepflegt, überhaupt ist dieser Krimi eher harmlos-unterhaltsam und nicht sonderlich brutal - gute Strandkorb-Lektüre eben.


Tanja Janz, Tödliche Tide in St Peter (M)Ording

Ullstein 2024

304 Seiten, 12,99 Euro

9783548068169

Tuesday, April 23, 2024

Kulturclash und Vaterpflichten für Kommissar Marconi

 Viele Urlauber kommen wegen der Weite der Landschaft, dem Blick zum Horizont, wegen frischer Brise und Watt an die Nordsee - und St Peter Ording mit seinem breiten Strand ist für viele ein Sehnsuchtsort. Nichts so für Massimo Marconi, bislang Kriminalhauptkommissar in München, der italienischsten aller deutschen Großstädte und dort durchaus zufrieden. Nun muss der überzeugte Single sein Leben beruflich wie privat gründlich umkrempeln und obendrein Vaterpflichten übernehmen: In "Marconi und der tote Krabbenfischer" von Daniele Palu können die Leser*innen den Kulturschock plus Mordermittlung mitverfolgen.

Marconis Stimmung zu Beginn des Buches ist ähnlich grautrüb wie der Himmel über der Nordsee: Nach dem plötzlichen Tod seines verwitweten Bruders soll er sich um die plötzlich verwaisten Kinder, Klara und Stefano, kümmern. Da sich die Brüder vor Jahren zerstritten haben, hat er keinerlei Verbindung zu den beiden, in seinem eigenen Leben spielte das Thema Familienplanung eh keine Rolle. Entsprechend groß ist die Überforderung auf beiden Seiten.

Auch beruflich sieht sich der ehrgeizige Kommissar plötzlich in einer ungewollten Situation: Um die Kinder nicht nach dem Tod der Eltern auch noch aus der  gewohnten Umgebung zu reißen, wechselte er in die Position des Dienststellenleiters des kleinen Polizeirevier. Von der Kripo zurück in den Dienst in Uniform an einem verregneten Ort, wo sich die Polizisten die Zeit mit falsch geparkten Touristenautos und dem gelegentlichen Taschendiebstahl in der Saison vertreiben müssen, so sieht es Marconi. Und dann dieses Geduze im hohen Norden, ungefragt und unerwünscht! Zwischen Schafen, Deich und Dauerregen wächst die Sehnsucht ins alte Leben ins Unermessliche.

Doch von wegen, in Nordfriesland  ist nichts los: Marconi ist kaum da, da gibt es schon die erste Leiche: Krabbenfischer Kalle liegt am Eidersperrwerk tot auf seinem Schiff, mit einer Harpune in der Brust. Fast lebt Marconi auf, doch die Kompetenzen sind streng geregelt: Die Schutzpolizei darf den Tatort absichern und Zeugen sortieren, für die Ermittlungen sind die Kollegen von der Kripo zuständig. Zum anfänglichen Entsetzen seiner Untergebenen denkt Marconi aber gar nicht daran, sich an diese Regel zu halten und startet eigene Ermittlungen.

 "Marconi und der tote Krabbenfischer" ist ganz offensichtlich der Auftakt einer Serie, denn es bleiben Fragen für die Zukunft offen und so nimmt sich der Autor viel Zeit, die Protagonisten mit ihren großen und kleinen Macken vorzustellen und Marconis Kultur-clash unter den Fischköppen auszuspielen. Das Buch ist flüssig geschrieben, die Charaktere sind liebenswert und die kulturellen Unterschiede zwischen Süd und Nord werden mit einem Augenzwinkerns ausgespielt.

Mit Umwelt- und Klimabewegung als Teil des Plots hat dieser Cozy-Krimi auch einige aktuelle Bezüge. Bei der Annäherung Marconis an Klara und Stefano spielt neben der einen oder anderen dramatischen Entwicklung auch seine italienisch-norddeutsche Fusionsküche wie "Spaghetti Krabbonara" eine Rolle. Am Ende des Buches gibt es einen kleinen Rezeptteil zum Nachkochen.

Wird sich Marconi an die Mentalität der Norddeutschen gewöhnen und den Charme blökender Schafe und weiter Landschaft entdecken? Klappt die Doppelbelastung zwischen Beruf und Familie, die Millionen von Frauen zwar tagtäglich wuppen, die für Männer aber anscheinend too much ist? Ich vermute, spätestens im kommenden Jahr werden wir mehr erfahren. Marconi plus Anhang sind jedenfalls eine nette Bereicherung des ja nicht gerade schmalen Repertoires von Küstenkrimis.

Daniele Palu, Marconi und der tote Krabbenfischer

rororo 2024

400 Seiten, 13,40 Euro

9783499012259


Saturday, April 20, 2024

Poetischer Wohlfühlroman

 Mit "Das Fenster zur Welt" hat Sarah Winman einen poetischen Wohlfühlroman mit märchenhaften Elementen geschrieben, in dessen Mittelpunkt Liebe und Freundschaft stehen - die Gefühle für andere Menschen ebenso wie die Liebe zu Kunst und Literatur, eingebettet in die Schönheit von Florenz und der Toskana. Hier ist es auch, wo sich in der Schlussphase des Zweiten Weltkriegs die 64 Jahre alte Kunsthistorikerin Evelyn und der junge britische Soldat Ulysses treffen und der aus dem Londoner East End stammende Ulysses zum ersten Mal Zugang zur Kunst der Renaissance erfährt.

Die Handlung folgt den beiden, die durch soziale Herkunft ganz unterschiedlichen Welten angehören. Evelyn, die Kunst und Frauen liebt, gerät dabei zunächst ein bißchen in den Hintergrund, während sich der Fokus auf Ulysses Welt in Hackney richtet - der Pub, in dem er ein Auskommen findet, seine Frau Peg, die sich während Ulysses Abwesenheit in einen amerikanischen Soldaten verliebt hat, von ihm ein Kind bekommen hat und irgendwie eine verlorene Seele ist, der alte Cress, irgendwie die gute Seele des Viertels, ein Mann, der mit Bäumen spricht, der cholerische Pubwirt Col und seine geistig behinderte Tochter, der Musiker Pete, der ein bißchen Boheme in die Kneipe bringt. Nicht zu vergessen Claude, der Papagei, des Shakespeare zitiert und ein eigenes Bewusstsein hat.

Ein unerwartete Erbschaft bringt Ulysses zurück nach Florenz - und er geht nicht alleine, sondern wird begleitet von Cress, Claude und der "Kleinen", Pegs mittlerweile acht Jahre alter Tochter. Peg, von der er längst geschieden ist, hat ihm die Vormundschaft über die kleine Alys hinterlassen, die künstlerisch talentiert und eine alte Seele in kindlicher Gestalt ist.

Zwischen London und Florenz spielt die Handlung, wobei nicht immer so viel passiert als vielmehr harmoniert. Freundschaften werden geschlossen, die Verbindung zur Vergangenheit gepflegt, zugleich spiegelt mit den vergehenden Jahren der Roman auch den Kulturwandel wider, von Beatnik-Zeit bis Anti-Vietnamkrieg-Bewegung. Es wird Jahrzehnte dauern, bis Ulysses und Evelyn sich wiedersehen werden, auch wenn sie sich oft nur knapp verpasst haben. "Das Fenster zur Welt" ist auch ein Appell für Toleranz, Menschen so zu nehmen, wie sie sind und verschiedenen Arten von Liebe das gleiche Verständnis entgegenzubringen.

Ist das mitunter allzu rosarot gezeichnet und ein bißchen kitschig? Möglicherweise, aber es passt zu diesem Buch, dass ein bißchen wie eine heiße Schokolade mit Sahne ist, versöhnend und tröstend mit einer Welt, die meist nicht so ist wie im Roman.


Sarah Winman, Das Fenster zur Welt

Klett Cotta 2024

528 Seiten, 26 Euro

  9783608966060

Friday, April 19, 2024

Charmant-altmodischer Kriminalroman mit Unterhaltungseffekt

 "Mord auf der Kreuzfahrt" von Nicholas Blake wirkt wie eine Zeitreise in eine Gesellschaft, die es so nicht mehr gibt und in der die britische upper class, abgesehen von den lästigen Ausländern an Bord - Deutsche mit Rucksäcken, Franzosen, die im Salon plappernde Rudelbildung betreiben und Italiener, die jeder gutaussehenden Frau schöne Augen machen - noch unter sich auf Reisen ist. Kein Wunder: das Buch wurde erstmals in den 1950-er Jahren veröffentlicht, und die anderen moralischen Standards jener Zeit schimmern durch, egal ob es um Homosexualität oder die skandalöse Frage gibt, ob ein Paar womöglich in Sünde, also unverheiratet zusammenlebt. Wobei das erotischen Eskapaden, die allerdings nicht detailgenau ausgebreitet werden, offensichtlich nicht im Wege steht.

Aber getrennte Kabinen für Meisterdetektiv Nigel Strangeways und seine Freundin, die Bildhauerin Clare Massinger sind auf der Reise Anstandspflicht. Getrennt schlafen, aber gemeinsam ermitteln und über die lieben Mitreisenden lästern, das ist hier die Regel. Überhaupt wird, ehe der Fall um eine verschwundene Passagierin an Fahrt aufnimmt, nach Herzenslust getratscht - auch ein Kreuzfahrtschiff ist irgendwie nur ein Dorf! Und die Passagiere zwischen Bildungsreise und Vergnügungslust entstammen einem Personen-Potpourri, das auch in einem Agatha-Christie-Roman nicht unpassend wäre, von der Femme fatale über den patenten Bischof und seine Frau, verwöhnte Internatszöglinge mit entsprechendem public school Akzent, der selbst beim Lesen hörbar zu sein scheint und einem exzentrischen Kind sowie einer Wissenschaftsfehde und altgriechische Übersetzungen.

Blake schreibt gewissermaßen im leichten Plauderton - "Darling" hier, "unerhört" da, in einem Stil, der gleichzeitig charmant-altmodisch wie zeitlos ist. Ein klassischer Whodunit, dessen Lösung schon ganz am Anfang in einem Nebensatz angedeutet wird und der zugleich ein Gesellschaftsbild einer vergangenen Epoche ist.


Nicholas Blake, Mord auf der Kreuzfahrt

Klett-Cotta 2024

256 Seiten, 20 Euro

9783608986969

Tuesday, April 16, 2024

Melodrama um Influencerin

  Ursprünglich wollte Sarah ihr Fitness- und Ernährungsprogramm dokumentieren und teilen. Doch längst schon ist sie Influencerin mit Zehntausenden von Followern. Ihr Ehemann ist auch ihr Manager, und sie können ziemlich gut von Sarahs social Media-Aktivitäten leben: Ein großes Haus am Stadtrand, Sponsoren, Geschenke für product placement, und immer diese Woge von Zuspruch und Fanliebe. 

Bis die Verehrung plötzlich ins Gegenteil umschlägt: Ein junges Mädchen, das mit offenbar niedrigem Selbstwertgefühl und Unzufriedenheit über sein Aussehen Sarah als Idol erkoren hatte, hat sich umgebracht. Ihre letzte Nachricht war eine verzweifelte Botschaft an Sarah, auf deren Antwort sie vergeblich gewartet hatte. Und plötzlich ist das Netz bereit, Sarah gnadenlos fertig zu machen, mit Hass und Häme zu überziehen. Plötzlich muss Sarah die Schattenseiten der Internet-Berühmtheit erfahren und feststellen, dass ihrer pubertierende Tochter die digitale Dauerpräsenz der Mutter schwer zu schaffen macht.

Sarah zieht die Reißleine, deaktiviert ihren Account. Doch dann erscheint ein neuer Account, der wirkt wie ein Ableger von Sarahs. In ihrem privaten Umfeld häufen sich Vorfälle, die darauf hinweisen, dass jemand sie beobachtet und ihr schaden will. Sarah versucht Detektivarbeit in eigener Sache und stellt fest, dass irgendjemand ihr sehr, sehr nahe ist und ihre lange versteckten Geheimnisse kennt.

"Die Influencerin" von Rebecca Russ ist ein Krimi aus der Welt des Internets, die für manche - ob Influencer oder Fans - realer zu sein scheint als das richtige Leben, ohne den Schein gefilterter und editierter Beiträge zu hinterfragen. Auch die Oberflächlichkeit dieses Lebens stellt die Autorin nicht wirklich in Frage. 

Während Teile der Lösung der  Fragen, auf die Sarah eine Antwort sucht, für mich relativ früh feststanden, gibt es doch die eine oder andere Überraschung im Plot des Romans. Allerdings  geht es mitunter arg melodramatisch zu. Vielleicht ja auch an ein Zugeständnis an die vermutlich eher junge Zielgruppe des Romans, die der Influencer-Welt aufgeschlossen gegenübersteht und die Daueraufgeregtheit der digitalen Welt als völlig normal und okay empfindet.


Rebecca Russ, Die Influencerin 

Rütten und Löhnung, 2024

288 Seiten, 16,99 Euro

978-3-352-01005-

Thursday, April 4, 2024

Frauenfreundschaft vor Toskana-Kulisse

 Pasta zur Krisenbewältigung in allen Lebenslagen - das kann ich irgendwie ganz gut nachvollziehen. Der Buchtitel "Keine Spaghetti sind auch keine Lösung" von Silke Neumayer hat mich also gleich gereizt. Die Buchbeschreibung ließ einen der typischen feelgood-Frauenromane erwarten, diesmal mit bella Italia-Kulisse  und der obligatorischen Pasta.

Wobei im Fall von Helikopter-Mutti Pia, der herben Karrierefrau Schröder und der emotional-chaotischen Wuchtbrumme Poppy erst mal ein Todesfall für den Ernst des Lebens sorgt. Die vierte im Bunde der Jugendfreundinnen, Amelie, ist ganz plötzlich verstorben, mit Anfang 50. Und hat den anderen dreien ihr "Castello" in der Toskana vererbt, in das sie vor mehr als einem Jahr gezogen ist. Damals wurde der Kontakt eher sporadisch, aber auch das übrige Terzett sah sich nicht mehr so häufig wie in der Jugend.

Kommen die verbliebenen drei nun wieder zusammen, oder stellen sie fest, dass sie sich nichts mehr zu sagen haben? Schließlich, wie viele Jugendfreundschaften halten tatsächlich ein Leben lang, wenn sich nach der Schule Lebenswege und -vorstellungen ganz unterschiedlich entwickeln!

Hinzu kommt - die toskanische Immobilie ist eine arg renovierungsbedürftige Bruchbude. Doch der letzte Freundschaftsdienst verpflichtet, auch wenn die Freundschaft der Frauen selbst renovierungsbedürftig ist und jede von ihnen ihre Geheimnisse hat. 

Bis zum - bei diesem Genre unausweichlichem und vorausschaubarem - happy end müssen sie sich erst mal wieder zusammenraufen, auch unangenehme Wahrheiten ins Gesicht schleudern und Selbsterkenntnis üben. Mit toskanischer Kulisse macht das eine nette Urlaubslektüre, bei der auch amore nicht ganz zu kurz kommt. Nett für zwischendurch.

Silke Neumayer, Keine Spaghetti sind auch keine Lösung

Ullstein 2024

304 Seiten, 12,99

9783548068077


Monday, April 1, 2024

Britischer Humor und französischer Charme an der Loire

  Comedians, die Krimis schreiben - das kann, gerade bei angelsächsischen Autoren, ganz wunderbare Ergebnisse zur Folge haben. Der britische Stand-Up Comedian Ian Moore jedenfalls hat mit seinem britisch-französischen Ermittlerduo Richard und Valérie ein charmant-exzentrisches Doppel geschaffen. In "Mord und Croissants" lässt er den englischen Filmhistoriker, B&B-Betreiber im Tal der Loire und hingebungsvollen Halter dreier Legehennen mit den Namen Lana Turner, Ava Gardner und Joan Crawford  erstmals mit der elegant-geheimnisvollen Französin Valérie d´Orcay (samt Chihuahua Passepartout) ermitteln. Im Fall von Richard eher unfreiwillig, denn der will vor allem seine Ruhe und einen gelegentlichen Pastis oder Wein, ansonsten aber seiner Leidenschaft für das goldene Zeitalter Hollywoods frönen. Da muss er dann auch nicht an seine allmählich zerfallende Ehe denken.

Irgendwie fällt mir bei der Beschreibung Richards stets auch Archibald Leach ein, der männliche Protagonist aus "Ein Fisch namens Wanda". Liegt es an all den Komplexen und sozialen Normen der britischen Mittelklasse? Ein irgendwie zu schwach ausgeprägtes Selbstbewusstsein und die angewohnte Höflichkeit, die unter Kontinentaleuropäern irgendwie zum Wettbewerbsnachteil führt?

Kein Wunder, dass sie Richard von der Wucht Valéries irgendwie überfahren vorkommt, denn die geheimnisvolle Unbekannte in seinem B&B reißt schnell Kontrolle und Kommando an sich, als ein verschwundener Pensionsgast plötzlich zu unerwartetem Detektivspiel führt, das gar auf eine Spur zur sizilianischen Mafia hinweist. 

Die Kluft zwischen den Temperamenten der beiden Protagonisten wie auch die lustvoll ausgespielten nationalen Stereotype, britische Ironie und exzentrische Nebenfiguren sorgen dafür, dass der Humor in diesem Cozy-Krimi nicht auf der Strecke bleibt. 

Das weckte Erwartungen für den Folgeband "Mord und Fromage", in dem das ungleiche Paar (wobei das mit dem Paar eher Wunschdenken Richards ist) erneut ermittelt und sich diesmal mit Ziegenkäse, Sterneköchen und den komplizierten Verhältnissen einer Ex-Hippiekommune auseinandersetzen muss. 

Fast scheint es zudem, als könne der Beginn einer wunderbaren Ermittlerfreundschaft zum Scheitern verurteilt werden, nämlich durch die andere Frau. Anders als im Hollywood Noir handelt es sich allerdings weniger um eine Femme Fatale als vielmehr um Richards Ehefrau, die hofft, ihre Ehe nicht nur retten zu können, sondern obendrein den sozialen Status als Professorengattin in Cambridge aufzuwerten. Richard, wie immer von energiegeladenen Frauen überfordert, sieht schon alle seine Träume die Loire herunterschwimmen - und was wird eigentlich aus den Hühnern?

Ohne zu spoilern, soll immerhin schon so viel verraten werden: Weiteren Fällen von Richard und Valérie dürfte nichts im Wege stehen. Und vermutlich wird sich Richard auch dann fragen, was zum Teufel gerade passiert ist, auch wenn seine unvermuteten Geistesblitze, deren er sich nicht einmal bewusst ist, den Schlüssel zum Aufklärungserfolg bringen.

Wer die Abenteuer des "Donnerstagsmordclub" mag, wird auch Richard und Valérie ins Leser-Herz schließen. Locker-leicht geschrieben und sich selbst nicht zu ernst nehmend, verbindet diese Reihe englischen Humor und französischen Charme. Encore, s´il vous-plait!  


Ian Moore, Mord und Croissants

Rowohlt 2023

304 Seiten, 14 Euro

978-3-499-01201-3


Ian Moore, Mord und Fromage

Rowohlt 2024

336 Seiten, 14 Euro

978-3-499-01202-0