Das Berlusconni seine Ferien auf Sardinien zu genießen weiß, ist durch die Klatschpresse ja zur Genüge überliefert. Dass es auch noch das Sardinien der Aussteiger gibt, zeigt "Von wegen Dolce Vita" von Tessa Hennig, ein Urlaubsroman zum Schmunzeln von der sonnigen Leichtigkeit und Harmlosigkeit einer sanften Brise am Meer. Angie jedenfalls, mit über 70 zwar schon im Rentenalter, aber immer noch als freiberufliche Journalistin tätig, kann sich jedenfalls noch gut an die Zeit der Blumenkinder erinnern. Oh süße Jugendzeit! Make love not war, der Soundtrack von Woodstock, Sonnenuntergänge am Strand und ein bißchen Dope durfte natürlich auch nicht fehlen.
Mittlerweile sind zwar Hüftgold, Falten und graue Haare dazugekommen, aber Angie hat sich ihr inneres Blumenkind bewahrt. Als eine alte Freundin aus Sardinien die alte Clique zum 50 Jahre Woodstock-Wiedersehenstreffen zusammentrommeln will, zögert Angie nicht lange - auf geht´s in den Süden!
Unversehens bekommt sie allerdings Reisegesellschaft von der 16-Jährigen Leonie, die von zu Hause ausgerissen ist. Auf Wohnmobilurlaub mit ihrer Mutter und deren neuen Freund in Schweden hat sie null Bock. Voll spießig, hat die junge Frau im Goth-Look entschieden. Die Bekanntschaft mit Angie ist äußerst flüchtig - die hat sie erst kurz zuvor bei einer Kontrolle gegen Schwarzfahrer "gerettet". Was Leonie nicht ahnt: Das Treffen im Bus war kein Zufall. Seit Angie erfahren hat, dass ihre Tochter Janis aus Stuttgart zurück nach Berlin gezogen ist, hat sie sich auf ihre Spuren geheftet. Denn sie leidet darunter, dass sie ihre Enkelin Leonie nicht sehen durfte, seit es vor rund 15 Jahren zum Bruch zwichen Mutter und Tochter kam.
Janis, eine toughe Bankerin, deren Lebensinhalt finanzielle Sicherheit und ein schmuckes Eigenheim sind, ist höchst beunruhigt, als ihr klar wird, dass ihre Tochter von der Oma "entführt" wurde - typisch für ihre leichtsinnige und verantwortungslose Mutter, wie sie meint. Also macht sie sich im Camper auf den Weg nach Sardinien, bereit zum Mutter-Tochter-Showdown.
Natürlich wäre dies kein Sommerroman, wenn am Ende nicht doch alles ganz anders kommen würde und statt des großen Showdowns jede Menge neue Einsichten, (Selbst-)Erkenntnisse stehen würden. Liebe, Lust und Leichtigkeit inbegriffen. Nicht alles ist Dolce Vita, aber ein happy end darf natürlich nicht fehlen und aus dem Familienzoff erwächst nach einigen Komplikationen und Wirrungen sogar eine ganz neue Familienrunde. Insgesamt kurzweilig, nett geschrieben, wenn auch nicht ganz ohne Klischees, egal ob es um die späten Hippies oder die Bauspar-Spießerfraktion geht.
Allzu überraschend ist das alles nicht, schließlich sind die Kombinationsmöglichkeiten des Genres nicht unmöglich. Als leichte Sommerlektüre zwischen Strand und Pool aber jederzeit geeignet.
Tessa Hennig, Von wegen Dolce Vita
Ullstein, 2019
384 Seiten, 9,99 Euro
ISBN: 9783548291819