Tuesday, September 8, 2020

Der Riss durch die Familie

Die Olanders dachten, nichts kann ihren familiären Mikrokosmos auseinanderbringen. Sie sind bei allen Kabbeleien eine verschworene Einheit: Vater Keith, ein Börsenmakler, Mutter  Jaya, die als Tochter einer indischen Diplomatenfamilie als echte Kosmopolitin aufwuchs und für eine Nichtregierungsorganisation arbeitet, die aufgeweckte Tochter Karina und Nesthäkchen Prem, der für Karina mal der nervende kleiner Bruder ist, aber vor allem derjenige, mit dem sie die binationale Herkunft aus zwei Kulturen teilt.

Doch alles ändert sich, als Prem im Alter von acht Jahren im heimischen Swimming Pool ertrinkt. Karima, die zum Zeitpunkt des Unfalls mit Prem alleine zu Hause war, macht sich Vorwürfe, dass sie lieber mit einer Freundin telefonierte als den jüngeren Bruder zu Beaufsichtigten. Keith flüchtet sich in immer mehr Arbeit, Jaya entdeckt ihre Religion wieder und wendet sich einem Guru zu. Die Ehe der Eltern scheitert und Karima ist nur zu froh. als sie das Elternhaus verlassen kann, um an der Universität von Santa Barbara zu studieren.

Doch auch an der Universität fühlt sich Karima allein - ihre beste Freundin studiert an der Ostküste, mit ihrer Zimmergenossin versteht sie sich zwar gut, sieht sie aber kaum, weil diese neben ihrem Studium noch zwei Jobs hat. Unter den weißen Studenten fühlt sie sich zu anders, unter den indischen nicht indisch genug.  Ihre erste Liebe scheint ihrem Leben endlich wieder positiven Schwung zu geben, doch dann ertappt sie ihren Freund in flagranti mit einer Yogalehrerin. Und auch die Landkommune, in der sie nach dem heimlichen Abbruch ihres Studiums eine Ersatzfamilie zu finden hofft, entpuppt sich als eine Welt, in der sich Karima zu verlieren droht.

Shilpi Somaya Gowda zeigt in ihrem Roman "Was uns  verbindet", wie das Leben jedes Familienmitglieds nach der Tragödie weitergeht, konzentriert sich aber stark auf Karima, die ihren Platz im Leben noch finden muss und emotional besonders aus dem Gleichgewicht geraten ist. Prem verfolgt und kommentiert das Auseinanderdriften seiner Familie und erkennt: er war der Kitt, der sie alle zusammenhielt.

"Was uns verbindet", ist eingängig zu lesen, folgt aber einem eher vorhersehbaren Erzählmuster: Krise, Drama, Läuterung und neue Chancen. Das Verbindende bei den Olanders überwiegt, auch ohne Prem. Ein Wohlfühl-Schicksalroman, bei dem mir ein wenig die Tiefe fehlte .

Shilpi Somaya Gowda, Was uns verbindet
Kiepenheuer & Witsch, 2020
432 Seiten, 12 Euro
978-3-462-05433-0

Saturday, August 29, 2020

Mehr Bridget Jones als #BLM - Queenie

Kann man komisch über Rassismus schreiben? Im Fall von Candice Carty-Williams Debütroman "Queenie" mitunter schon. Queenie, das ist eine 25-jährige Londonerin, deren Großeltern aus Jamaica eingewandert waren. Seit ihr - weißer - Freund eine Auszeit vorgeschlagen hat, ist ihr Leben aus der Kurve geraten. Eigentlich will Queenie nur ihren Tom zurück, doch in der Zwischenzeit hat sie viel zu viele Dates mit Männern, die ihre "schokoladigen" Kurven rühmen, auf one night stands aus sind beziehungsweise auf rein sexuelle Beziehungen aus sind, in denen Queenie mehr Objekt als Partnerin ist. Kein Wunder also, dass es ihr nicht gut geht.

Die Ich-Erzählerin mit Hang zu Selbstgeißelung, die sich bei ihren besten Freundinnen mal über die Sehnsucht nach Tom, mal über die Mistkerle ausweint, an die sie immer wieder gerät, der hohe Alkoholkonsum, die eher nachlässig verfolgte Karriere bei einer Zeitung - das alles erinnert an die Lebens- und Liebeskrisen von Bridget Jones. Allerdings mit deutlich dunkleren Untertönen, denn spätestens als Queenie klar wird, dass Tom schon längst ein Leben ohne sie führt, kommt es zum Zusammenbruch und der quälenden Suche nach verdrängten Krisen der Vergangenheit, die Queenie auch in der Gegenwart herunterdrücken. Zum Entsetzen ihrer Großeltern, bei denen sie vorübergehend unterkommt, macht sie sogar eine Psychotherapie. Dabei ist Queenie mit ihren Ängsten, ihren Brüchen und Zweifeln  glaubwürdig und sympathisch.

Hinzu kommt die Erfahrung, eine Schwarze Frau zu sein, Alltagsrassismus zu erleben, sich über strukturellen Rassismus klar zu werden und vergeblich Themen wie Black Lives Matter für die Berichterstattung der Zeitung vorzuschlagen. Hier liegt allerdings auch eine Schwäche des Buchs, denn irgendwie kann sich die Autorin nicht entscheiden, ob sie Frauen-Freundschaft-Beziehungs-Belletristik oder scharfe Gesellschaftskritik schreiben will, und dabei kommen die schärferen Töne eindeutig zu kurz.

Ganz nebenher bekommen die Leserinnen noch einiges über Schwarze Identität und ihre Facetten mit - etwa die karibischen Traditionen von Queenies Familie und die afrikanischen ihrer Freundin, deren Familie aus Uganda stammt, über die Arbeit, die Frau mit ihren Weaves hat (ganz zu schweigen von dem Aufwand, sie wieder zu lösen) über die Veränderungen in einem traditionell westindisch geprägten Stadtteil wie Brixton durch Gentrifizierung und weiße Hipster, die das Viertel als "ihres" vereinnahmen. Es gibt da eine bitterböse Szene im Schwimmbad - da wünschte ich mir, die Autorin hätte diesen Stil das ganze Buch hindurch durchgehalten.

Manches wirkt, jedenfalls im London des 21. Jahrhunderts, eher unglaubwürdig, wenn Queenie ihre Schwarze Identität etwa im Kontext ihrer Arbeit als so singulär erlebt. Sie lebt schließlich nicht irgendwo in Sachsen, sondern in einer multiethnischen Metropole mit einer großen Schwarzen Diaspora, wo sie weder an der Uni noch im Arbeitsleben das einzige dunkle Gesicht im Raum sein dürfte.

Mein Fazit: Unterhaltsam und warmherzig, mit einem kritischen Touch, der ruhig stärker hätte ausfallen können.

Candice Carty-Williams, Queenie
Aufbau Verlag, 2020
544 Seiten, 22 Euro
978-3-351-05086-3

Mit Axt und Weißwein - verlassene Ehefrau bewältigt die Krise

Vermutlich gibt es ihn ohnehin nicht, den besten Zeitpunkt, um verlasssen zu werden. Kurz vor der Silberhochzeit ist es jedenfalls bestimmt nicht ideal - vor allem, wenn der noch-Ehemann mit dem Vorschlag kommt, die geplante Feier trotz Trennung durchzuführen, um die Familie - vorzugsweise seine eigene Mischpoche - nicht vor den Kopf zu stoßen. Dass die 48-jährige Diane vom künftigen Ex mit der Begründung konfrontiert wird, sie sei nun mal so furchtbar langweilig, macht die Sache nicht leichter. Plötzlich ist die Mutter dreier erwachsener Kinder - das Nesthäkchen ist gerade zum Studium ausgezogen - allein zu Haus. Und der Vater der drei Kinder startet in sein neues Leben mit einer 30-Jährigen.

Ist es unter diesen Umständen verständlich, dass Diane abwechselnd zu Weißwein oder einer Axt greift, um die Krise zu bewältigen? Erst das Ehebett zerlegt und dann weitere  Teile, die sie an ihre gescheiterte Ehe erinnern? Dass die Trennung vom Mann auch die Trennung von den ungeliebten Teilen der angeheirateten Familie bedeutet, kann sie erst nach und nach positiv verbuchen - kein Pflicht-Babysitting für die Schwägerin mehr, die sich regelmäßig selbst verwirklichen will. Keine mühsame Freundlichkeit mehr im Umgang mit der Ex-Schwiegermutter, die nie akzeptiert hat, dass der älteste Enkelsohn schwul ist. Und Freundin Charlotte, die das Verlassenwerden zugunsten einer Jüngeren schon vor einer ganzen Weile durchlitten hat, ist gerne bereit, zu trösten und zu helfen.

Mit ihrem "Tagebuch einer furchtbar langweiligen Ehefrau" hat Marie-Renée Lavoie ein Thema gewählt, das für die reifere Leserinnen-Generation von Chicklit-Romanen ja nicht gänzlich neu ist. Zum einen womöglich aufgrund eigener Lebenserfahrung, sehr viel mehr aber, weil ja schon seit Jahren Variationen zu dem Thema erscheinen, mit ein bißchen Humor und Augenzwinkern und am Ende der voraussehbaren Wiederentdeckung der Heldin, meist mit einem neuen Mann an ihrer Seite.

Augenzwinkern und Humor fehlt auch hier nicht. Statt einer neuen Romanze gibt es Phantasien über den ansehnlichen Bürokollegen aus der Buchhaltung- aber der ist verheiratet. Der Hipster-Bauarbeiter aus der Nachbarschaft ist einfach nur hilfsbereit.  Nicht jedes verlassene Schneewittchen wird von einem Prinzen wachgeküsst. Statt dessen kann frau beim Lesen über die mitunter bitterbösen Bewältigungsstrategien von Diane schmunzeln. Das Buch endet vielleicht nicht gerade romantisch, aber dennoch happy. Leichte Wohlfühllektüren zum Schmökern, vielleicht nicht gerade während der Planung einer Silberhochzeit.

Marie-Renée Lavoie, Tagebuch einer furchtbar langweiligen Ehefrau,
Eichborn, 2020
255 Seiten, 18 Euro
978-3-8479-0064-1

Wednesday, August 19, 2020

Irgendwie beliebig und sehr privilegiert - "Ein unerhörtes Alter"

Es klang interessant und reizvoll - ein Buch, das fast 100 Jahren nach seiner Erstveröffentlichung wieder erscheint und den Lesern des Jahres 2020 einen Blick in die Gedanken, Träume und Hoffnungen der Frauengeneration nach dem Ersten Weltkrieg zu ermöglichen. Was damals frisch war,  ist heute längst Geschichte.  Anderes, worum in "Ein unerhörtes Alter" von Rose Macaulay heftig debattiert wurde, wie Ehe ohne Trauschein, Psychoanalyse oder Karrierrewünsche von Frauen, sind mittlerweile  selbstverständlich. Obendrein stellt der britische Gesellschaftsroman gleich Frauen aus vier verschiedenen Generationen in den Mittelpunkt, von der 21-Jährigen Gerda bis zu ihrer 84-jährigen Urgroßmutter. Interessante Lektüre garantiert?

Ich wollte dieses Buch mögen, bin aber letztlich enttäuscht zurückgeblieben. Denn irgendwie plätschert die Handlung beliebig vor sich hin in Episoden und Anekdoten, in denen die Frauen der britischen Oberschicht ziemlich konturlos bleiben und andere - außer den obligatorischen Dienstboten drumherum - gar nicht erst in Erscheinung treten. Lässt sich leicht lesen, ist halbwegs unterhaltsam, aber irgenwie denke ich am Ende: Na ja....

Die Leben und die Lieben von jung und alt sind vor allem eines: privilegiert. Progressive, ja revolutionäre Gedanken werden gerade bei der jüngeren Generation gepflegt, ohne dass deshalb der upper class-Lebenstil in Frage gestellt oder verändert wird. Es lässt sich leicht reflektieren und debattieren im Luxusdasein zwischen Sommerhaus am Meer und Londoner Stadtwohnung - der weitgehend unsichtbar bleibende Ehemann von  Neville ist Parlamentsabgeordneter.

Überhaupt, Neville - sie will mit 43 ihr bei der Heirat unterbrochenes Medizinstudium wieder aufnehmen und Ärztin werden. Das könnte eine starke Frauenfigur werden. Doch ach, der Verstand hat gelitten, es passt einfach kein Lehrstoff mehr in den Kopf. Oberschichtehefrau mit ausgedehnter Reisetätigkeit ist ja auch nicht so schlimm. Der Ehrgeiz, der sich so vielversprechend abgezeichnet hat, verpufft ohne Kampf. Und die Leserin aus dem 21. Jahrhundert ist not amused.

Die gepflegte Langeweile der Reichen und Schönen - hat sie uns irgendwas zu sagen? Ich fürchte, im Jahr 2020 hat sie ebenso wenig Substanz wie im Jahr 1921.

Rose Macaulay, Ein unerhörtes Alter
Dumont, 2020
250 Seiten, 20 Euro
978-3-8321-8109-3


Wednesday, July 1, 2020

Selbstverwirklichung auf die süße Art


Das wöchentliche Tortentreff mit Freundinnen und Nachbarinnen ist schon seit einer ganzen Weile der einzige positive Fixpunkt im Leben der Schwäbin Emilia. Doch auch wenn Backen ihre Leidenschaft ist – sehr viel mehr tut sich nicht im Leben der verwitweten Frau. Zum 60. Geburtstag will sie daher ihre im süditalienischen Kalabrien studierende Tochter Julia mit einem Spontanbesuch überraschen.

Die Überraschung gelingt, und zwar wechselseitig: Denn Julia hat ihr Lehramtsstudium weitgehend geschmissen, um mit ihrem italienischen Freund Francesco ein „Agroturismo“aufzumachen. Dass aller Anfang schwer ist, gilt auch für die beiden Jungunternehmer.  Vor allem, da Francesco jeder Anflug von Luxus in der Öko-Unterkunft zuwider ist. Emilia, als ehemalige Versicherungskauffrau doch sehr auf Sicherheit bedacht, muss da erst mal schwer schlucken.  Dann allerdings erliegt sie dem Charme des kalabrischen Dorfes und beschließt, eine Konditorei zu eröffnen. Ein Gedanke, der wiederum Julia suspekt ist, denn das Mutter-Tochter-Verhältnis war in der Vergangenheit nicht immer spannungsfrei…

Eigentlich versteht es sich von selbst, dass Tessa Hennigs „Kann Gelato Sünde sein?“  letztlich nur auf ein unvermeidliches, generationsübergreifendes happy end zusteuern kann – mit viel Amore, ein bißchen Eifersucht, einigen Komplikationen und skurrilen Dorfbewohnern, die mitunter ein wenig klischeebeladen daher kommen.  Mit Totengräber Arturo findet Emilia einen Menschen, der sie wieder mit dem Leben aussöhnt und die Erkenntnis bringt, dass es nie zu spät für einen neuen Anfang ist.

Die Handlung plätschert überschaubar-unterhaltsam dahin und dürfte auch bei hohen Temperaturen und  Sonneneinstrahlung die Konzentration der Leser nicht überfordern.  Die klassische Pool- und Urlaubslektüre eben, sahnig-süß wie Emilias Schwarzwälder Kirsch-Torten.

Sunday, June 7, 2020

Camping-Premiere mit 82 - mit Geranien am Vorzelt

Wer sagt denn, dass alte Menschen unflexibel und in ihren Gewohnheiten festgefahren sind? Renate Bergmann jedenfalls macht mit 82 Jahren den ersten Campingurlaub ihres Lebens, zusammen mit dem befreundeten Ehepaar Ilse und Kurt Gläser. Da Oma Renate eine künstliche Hüfte und Ilse ein künstliches Kniegelenk hat, verzichten sie weise auf die spartanische Tour mit Zelt und Luftmatratze - ein Wohnmobil soll die seniorenfreundliche und wirbelsäulenschonende Alternative bieten.  Bleibt nur ein Problem: Kurt ist schon am Steuer seines Kleinwagens überfordert. Da setzt sich Renates Neffe lieber selbst hinters Steuer, um die Rentnergang zum Campingplatz zu kutschieren - und nimmt Renate das Versprechen ab, die Schlüssel zu verstecken und Kurt keinesfalls ans Steuer zu lassen. Nicht, dass es am Ende Ärger mit der Versicherung gibt!

Die Abenteuer des Trios, dessen Lebensfreude gerade angesichts der Erkenntnis angestachelt wird, dass deutlich mehr Lebenszeit hinter ihnen liegt als noch zur Verfügung steht, werden im unaufhörlich dahinplätschernden Monolog von Oma Renate erzählt, gespickt mit Anekdoten aus ihrem Leben. Immerhin hat sie vier Ehemänner überlebt und nun die Pflege der vier Gräber vorübergehend in zuverlässige Hände gelegt. Die anderen Witwen sollen nichts zu tratschen haben! Auch der geliebte Kater wird versorgt (namenlos, weil das Tierheim an Tierfreunde ihren Alters nur Tiere vergibt, die ihre neuen Besitzer nicht überleben dürften. Es gibt also wohl eine gewisse Samtpfoten-Fluktuation im Haushalt Bergmann), nur die Geranien kommen mit, wegen wohnlicher Atmosphäre und weil sie schließlich zehn Euro gekostet haben.

Zugegeben: Viel Handlung gibt es nicht in diesem Buch. Doch Renate Bergmann alias Torsten Rohde schwatzt munter und ungebremst von der Leber weg, steht mit einigen Neuerungen des 21. Jahrhunderts auf Kriegsfuß und bildet da eigene Wortschöpfungen (Interweb und Täblett, zum Beispiel), aber ist doch offen und neugierig - vor allem, was die Nachbarn auf dem Campingplatz angeht. Das ist weder spektakulär noch hohe Literatur, aber auf jeden Fall Material zum Schmunzeln. Und viele, die selbst alte Damen im Alter von Renate Bergmann im Familien- oder Bekanntenkreis haben, dürften viel Vertrautes vorfinden. Ein unbeschwertes Urlaubsbuch, das niemandem weh tut und heitere Lesestunden beschert.

Renate Bergmann,  Ans Vorzelt kommen Geranien ran
Ullstein, 2020
256 Seiten, 11.99 Euro
9783548062617

Monday, June 1, 2020

Glamour und Theaterluft - "City of girls"

Zugegeben - ich war erst mal ein bißchen skeptisch, ehe ich "City of Girls" von Elizabeth Gilbert zu lesen begann. Seit "Eat Pray Love" genießt Gilbert bei vielen ihrer Leserinnen (schätze, die Frauen sind klar in der Mehrheit) Kultcharakter als eine Art literarischer Lebenshilfe Guru. Also etwas, was mir persönlich zu waberig ist. In City of Girls sind die Lebensweisheiten allerdings in einer Coming of Age-Geschichte versteckt und mit dem Glamour New Yorks in den 40-er Jahren verbrämt.

Vivian Morris, zu Beginn des Romans 19 Jahre als und gerade vom renommierten Vassar College geflogen wegen unzureichender akademischer Leistungen, weiß nicht wirklich, was sie mit ihrem Leben anfangen soll. Behütete Tochter aus gutem Hause, der Vater ein Minenbesitzer in einer Kleinstadt an der Ostküste, die Mutter vor allem an ihren Reitpferden interessiert. Vivian ist nicht unbeding unintelligent, aber antriebslos und ohne jeden Ehrgeiz. Ihre Familie gibt sich allerdings auch wenig Mühe, herauszufinden, was eine gute Option für die Tochter wäre. Statt dessen wird Vivian in die Obhut ihrer Tante Peg gegeben, die in New York ein Theater betreibt. Es ist eine Art Exil - aber wie kann es eine Strafe sein, in New York zu leben?

Das Theater wie auch die Nachbarschaft haben die besten Zeiten hinter sich. Peg, ein wenig exzentrisch und mit großem Herzen, hat ein Alkoholproblem und muss von ihrer Geschäftsführerin Olive immer wieder gebremst werden, um das Theater vor dem finanziellen Ruin zu retten.  Dass die beiden mehr als nur das Theater teilen, merkt Vivian erst spät - auch wenn der Gaydar eigentlich prompt ausschlagen müsste.

Die Qualität der Stücke mag nicht gerade Broadway-Niveau haben, doch Vivian ist fasziniert, vor allem von den Revuegirls, die für Glamour und Aufregung sorgen.  Und sie stellt fest, dass sie gar nicht so nutzlos ist: Denn Vivian hat ein Auge für Stoffe und Kostüme, ist eine talentierte Näherin und findet sich plötzlich in der Rolle der Kostümbildnerin.

Und dann ist da ja auch noch das aufregende New Yorker Nachtleben, in das sich ihre neuen Freundinnen allabendlich stürzen, mit viel Alkohol, mit immer neuen Männern, mit einem Lebensgefühl, dass nur die Gegenwart kennt. Klar, dass Vivian da mithalten möchte. Ihr völliger Mangel an sexueller Erfahrung steht ihr nicht lange im Weg - ihre Entjungferung wird sozusagen  gemeinsam geplant - ein ziemlich komische Szene übrigens.

Dass in Europa Krieg herrscht, wird in dem rauschhaften Leben in Midtown Manhattan fast vergessen, bis Pegs und Olives alte Freundin, die berühmte englische Schauspielerin Edna, samt ihres hübschen aber ausgesprochen unterbelichteten Gatten in New York strandet und die bunte Gemeinschaft ergänzt.  Ein Stück für Edna muss her, und mit "City of Girls", geschrieben von Pegs getrenntem Ehemann, hält unerwarteter Erfolg Einzug. Alles könnte perfekt sein, wenn Vivian nicht in einem Moment der Dummheit in einen handfesten Skandal verwickelt wird und von ihrem Bruder wieder zurück nach Hause verfrachtet wird.

Erst Jahre später holt Peg sie zurück nach New York, um sie bei der Organisation von Unterhaltung für die kriegswichtigen Arbeiter des Navy Yard zu unterstützen.  Richtig erwachsen wird Vivian aber erst, als sie zusammen mit einer Freundin ein Geschäft für maßgeschneiderte Hochzeitskleider aufbaut und nicht nur wegen ihrer handwerklichen Fertigkeiten  gebraucht wird...

Geschrieben ist das alles aus der Sicht Vivians, nunmehr eine sehr alte Frau, eine Art Rechenschaftsbericht an die Tochter eines Mannes, der ihr viel bedeutet hat. Am eindrücklichsten blieben zumindest für mich die Nebenfiguren - Peg, das Revuegirl Celia, Marjory, die Tochter eines Lumpenhändlers, die später Vivians beste Freundin wird. Das sind Frauenfiguren voller Ecken und Kanten, als Persönlichkeiten spannender als Vivian, die zwar als Vorreiterin sexueller Befreiung ihrer Zeit und Gesellschaft ein ganzes Stück voraus ist, als Mensch aber irgendwie blass bleibt, so verschwommen wie der Martini-Dauerrausch ihrer vielen Nachtclub-Nächte.

Akzeptanz, Verständnis und Leidenschaft werden groß geschrieben in diesem Buch, das auch ein Loblied auf die "soziale Familie" ist, jenes Unterstützungsnetzwerk guter Freunde, die nicht nur im Leben von Vivian wichtiger sind als die Herkunftsfamilie. Ein Zeit- und Sittengemälde, dass den Glamour eines New Yorks wieder aufleben lässt, das beim Lesen Bilder aus alten Schwarz-Weiß Filmen der Jazz-Ära weckt. Eingängig und unterhaltsam.

Elizabeth Gilbert, City of Girls
S. Fischer , 2020
496 Seiten,  16,99
978-3-10-002476-3