Saturday, March 20, 2021

Odyssee eines Antihelden - Die Erfindung der Sprache

 Es wimmelt nur so von Sprachbildern, literarischen Anspielungen und Exzentrik in Anja Baumheiers Roman "Die Erfindung der Sprache", geschrieben mit einem großen Herz für Exzentriker (und Katzen) mit viel grüner Hoffnungsfarbe. Eine Familiengeschichte der anderen Art mit einem sympathischen Antihelden und zahlreichen skurril-sympathischen Figuren. Das fängt schon an mit der Familie von Adam Riese, des hochintelligenten, aber ein wenig weltfremden Sprachforschers, der mit der ganz normalen zwischenmenschlichen Kommunikation so seine Probleme hat.

Denn Großvater Ubbo ist ein bergsteigerbegeisterter Ostfriese, der in der Heimat naturgemäß wenige Höhen vorfindet. Bei einer Reise ins böhmische Altvatergebirge lernt der gelernte Bäcker die backbegeisterte Leska kennen und lieben. Auf der fiktiven ostfriesischen Insel Platteoog, die einer ausgestreckte Katze ähnelt. Mit wenigen Einwohner, die alle ihre liebenswerten Macken haben, erinnert Platteoog ein wenig an Lummerland, wenn es statt zwei Bergen auch einen Leuchtturm gibt, der stark restaurierungsbedürftig ist - was wiederum Hubert Riese auf die Insel kommt. der sich ähnlich aprupt in Ubbos und Leskas Tochter Oda verliebt wie einst die beiden ineinander.

Adam, lange Zeit einziges Kind der Insel, kommt zwar als Frühchen auf die Welt und weigert sich lange zu sprechen, sonst aber ist alles lange Zeit Friede, Freude, Eierkuchen auf Platteoog. Bis Hubert eines Tages beschließt, auf dem Jakobsweg zu pilgern, aber nie zurückkehrt. Die Inselpolizistin forscht bei der Guardia Civil nach, der Inseldoktor bei spanischen Krankenhäusern, die Gebete des Inselpfarrers bleiben unerhört - und Oda verstummt irgendwann vor lauter Trauer. Was besonders problematisch ist, da sie auf dem Festland ausgerechnet die Ratgebersendung "Sprich dich frei" moderiert.

18 Jahre später ist Oda immer noch stumm und Adam promovierter Linguist in Berlin, ein Mann, der nur Grau trägt und Routine braucht, so sehr seine temperamentvolle, tschechisch-deutsch radebrechende Großmutter auch versucht, ihn zu Speed-Dating zu überreden. Dann kommt ein alarmierender Anruf: Seit einem Besuch in einer Buchhandlung ist "Lage dramatisches Drama" - Oda weigert sich nun nicht nur zu sprechen, sondern auch zu essen.  

Einziger Anhaltspunkt: Das Buch einer gewissen Zola Hübner scheint Oda so traumatisiert zu haben. Adam recherchiert und findet eine Göttinger Logopädin, aus deren Leben sein Vater zwischenzeitlich ebenfalls entschwunden ist. Mit Zola, die einer Lisbeth Salander mit mehr Sozialkompetenz ähnelt, bricht er in deren altersschwachem Bully auf nach Bad Kissingen. Aus dem fränkischen Kurstädtchen war Hubert einst nach Ostfriesland gekommen. Wird es hier Hinweise zu seiner Vergangenheit geben, die Aufschlüsse über seinen Verbleib geben?

Auf einer Irrfahrt durch Europa muss Adam über sich selbst und seine Ängste herauswachsen, buchstäblich bis ans Ende der Welt - nämlich Finisterre in der Bretagne. Dass auch die Plateooger Inselgemeinschaft ihn dabei nicht hängen lässt, versteht sich von selbst. 

Abenteuerlich, skurril und warmherzig begleitet Baumheier ihren Helden auf seiner Odyssee und als Leser bangt und hofft man mit. Ein liebenswert erzählter Roman mit Wohlfühlgarantie und allerlei Katastrophen und viel Optimismus.

Anja Baumheier, Die Erfindung der Sprache

Kindler Verlag, 2021

496 Seiten, 20 Euro

978-3-463-00023-7

Wednesday, March 17, 2021

Drei Frauenschicksale - Der Silberne Elefant

 Es ist jetzt schon ein paar Tage her, seit ich "Der silberne Elefant" von Jemma Wayne zugeklappt habe, um das Buch erst mal sacken zu lassen, ehe ich darüber schreibe. Heute habe ich noch immer zwiespältige Gefühle angesichts dieses Romans um drei sehr unterschiedliche Frauen, die sich aber alle mit ihrer Vergangenheit, mit traumatischen Erlebnissen, mit Tod und sterben auseinandersetzen müssen.

Da ist etwa Lynn, früh verwitwet, unheilbar an Krebs erkrankt  und gerade mal in ihren 50-ern. Sie weiß, dass ihr nicht mehr viel Zeit bleibt - doch die will sie selbstbestimmt verleben und sich ganz gewiss nicht von ihrer Bald-Schwiegertochter Vera, einer PR-Beraterin, betreuen lassen. Widerwillig stimmt sie  zu, dass tageweise eine Pflegerin ins Haus kommt - Emily, eigentlich Emilienne, eine junge Afrikanerin, und, wie sich herausstelle, Überlebende des Völkermords aus Ruanda. Wayne beschreibt sowohl die Auseinandersetzung der Frauen mit ihrer Vergangenheit als auch ihre Verflechtungen untereinander.

Dass Lynn Vera nicht leiden kann, hängt insbesondere damit zusammen, dass Vera all das verkörpert, was Lynn im eigenen Leben aufgegeben hat - einen eigenen Beruf, eine eigene Karriere, nicht nur Ehefrau und Mutter sein. Vera allerdings ist von ihrer wilden Vergangenheit gequält: Sex, Drogen, eine ungewollte Schwangerschaft. In letzter Minute entschied sie sich gegen die Abtreibung, setzte das Kind auf den Treppen eines Waisenhauses aus und ist seitdem gepeinigt von einem alten Zeitungsausschnitt, in dem von einem tot aufgefundenen Findelkind die Rede ist. Vielleicht ist es der Umgang mit dem Schuldgefühl, der sie an die Seite ihres bigott-frommen Verlobten geführt hat, der Sex vor der Ehe ablehnt und sich vollkommen von ihren früheren Freunden unterscheidet.

Emily wiederum, die ihre gesamte Familie verloren hat, ist schwer traumatisiert und ohne Zukunftspläne. Mit Lynn kommt sie überraschend gut aus, doch als diese sie drängt, über die Vergangenheit zu sprechen, leidet sie unter Flashbacks und Panikattacken. Für jede der Frauen geht es darum, sich mit der eigenen Vergangenheit trotz allem auszusöhnen.

Das könnte fürchterlich kitschig und gefühlsduselig geraten, und im großen und ganzen schafft es die Autorin, diese Klippen zu umschiffen. Dazu trägt sicherlich der eher herbe Charakter Lynns als wütende sterbende Frau bei, die sich selbst schonungslos den Spiegel vorhält und das auch von anderen fordert. Angesichts der dramatischen Vergangenheit Emiliennes bleibt Vera dritte der Protagonisten eher blass. Was sie ausgerechnet an ihrem frömmelnden und nicht sonderlich humorvollen Verlobten so großartig findet, blieb zumindest mir bis zum Schluss ein Rätsel.

Und was Emilienne angeht.... Es  ist sicherlich schon mal an sich eine gute Sache, dass Wayne den Genozid und das Trauma der Überlebende so in den Mittelpunkt stellt. Sie gibt im Nachwort auch an, zu dem Thema recherchiert zu haben. In der praktischen Umsetzung erinnert es mich dann aber an Bücher die "Der Junge im gestreiften Pyjama" und anderen Holocaust Kitsch, wo um der Dramatik für den eher uninformierten Leser willen Dialoge und Szenen eingebaut werden, die, milde ausgedrückt, mit den Fakten sehr großzügig umgehen. 

Da reden die Mörder von Emiliennes Familie noch ausführlich mit den Opfern, da wird "die Krankheit!" den Opfern einer Vergewaltigung weitergeleitet (gleich doppelt falsch, da der in zahlreichen afrikanischen Ländern verbreitete Irrglaube eher besagt, Sex mit einer Jungfrau heilt Aids, außerdem sollten Tutsi gar nicht lange genug überleben, dass es noch einem Aids-Ausbruch kommen könnte). Ein Gespräch mit dem Opfer nimmt das Opfer als Mensch wahr - und genau das was 1994 in Ruanda nicht der Fall. Die Interahamwe haben in 100 Tagen mindestens 800 000 Menschen ermordet. Für die Täter war es "Arbeit". Gerade das macht die Augenzeugenberichte des Genozids so grauenhaft.  


Jemma Wayne, Der silberne Elefant

Eisele Verlag, 2021

432 Seiten 24 Euro

9783961611058

Wednesday, March 10, 2021

Hexen, Tod und städtische Garde - ein best of Scheibenwelt

 Vor sechs Jahren starb Terry Pratchett, der englische Autor der Fantasyromane über die Scheibenwelt, die mit Humor, literarischen und anderen Anspielungen über die Jahre eine große Fangemeinde anlockten.  Das nun bei Piper erschienene Buch "Scheibenwelt All Stars" ist leider kein neues und posthum veröffentlichtes Werk, das bei irgendwelchen Aufräumarbeiten entdeckt wurde, sondern gewissermaßen ein "best of"-  Der Dreifachband soll sowohl neue, nachgewachsene Leser ansprechen, die die Scheibenwelt bisher nicht kannten, wie auch  Fans eine Wiederbegegnung mit den besonders beliebten und in verschiedenen Romanen wiederkehrenden Figuren ermöglichen.

Vermutlich hat jeder Pratchett eine Lieblingsfigur - persönlich hatte ich immer eine Schwäche für TOD - jedenfalls als Figur der Scheibenwelt. Das mitunter philosophisch veranlagte Skelett mit der Sense, das seine Dialoge in Großbuchstaben führt und eine Schwäche für Katzen hat, steht auch im Mittelpunkt des ersten Buchs, "Gevatter Tod", in dem sich Tod einen Lehrling sucht, der für viele Komplikationen und eine Bedrohung der Realität des Fantasy-Universums sorgt. 

Shakespearehafte Elemente  enthält "MacBest", in dem gleich zu Beginn die "when shall we three meet again?" Zeile aus Macbeth nicht fehlen darf, wenn Oma Wetterwachs und ihre Kolleginnen zu einem merkwürdig betulichen Hexensabbat zusammenkommen. Wobei natürlich klar ist, dass es schon bald aufregender wird. In "Wachen!Wachen!" wiederum hat Karotte Eisengießersohn seinen ersten Auftritt bei der Nachtwache von Ankh-Morpok, diesmal noch als naiver Rekrut. Hexen, Tod oder Nachtwache - hier ist gewiss für jeden etwas dabei. Da werden Erinerungen an vergangene Lese-Erlebnisse wach - und Bedauern darüber, dass es keine wirklich neuen Scheibenweltromane mehr geben kann. Doch immerhin: mit einem Gesamtumfang von mehr als 1100 Seiten gibt es viel Lesestoff.


 Terry Pratchett, Scheibenwelt All Stars,

Piper 2021

1104 Seiten, 18 Euro

978-3-492-28229-1

Sunday, January 17, 2021

Ihre Majestät als Hobby-Detektivin

 Rozie Oshodi entspricht möglicherweise nicht ganz dem Image eines Höflings: Die stellvertretende Privatsekretärin der Queen, die nach mehreren Jahren beim Militär und in einer Bank in den Dienst ihrer Majestät gewechselt ist, hat nigerianische Wurzeln, stammt aus "kleinen Verhältnissen" und ihr Stil hat mit Twinsets und Perlenketten eher wenig gemein. 

Wie sich in S.J. Bennetts Cozy-Krimi "Das Windsor Komplott" herausstellt, braucht sie allerdings auch noch ein paar Qualitäten, die in der Jobbeschreibung nicht angegeben wurden: die Queen betätigt sich nämlich gerne mal als Amateurdetektivin - ein Geheimnis, das von Rozies Vorgängerinnen geteilt und gehütet wird. Und auch Rozie  lernt diese unbekannte Seite ihrer royalen Chefin  erst kennen, als ein junger Russe nach einer Abendgesellschaft auf Schloss Windsor tot aufgefunden wird - offenbar bei autoerotischen Spielchen am Kleiderschrank versehentlich erhängt. How embarrassing.

Beim näheren Hinsehen stellt sich allerdings heraus, dass ein Knoten eigentlich viel zu schwach war, um die Schlinge dermaßen zuzuziehen (im Original heißt das Buch passenderweise The Windsor Knot).  Hat der russische Geheimdienst die Finger im Spiel, wie schon einst im Fall Litvinenko und anderen? Ist womöglich ein "Schläfer" im Palast geparkt worden? Der neue MI 5-Chef  lässt alle Dienstboten überprüfen. Die Queen ist not amused, und Prinz Philipp flippt aus, als sein Kammerdiener zum Verhör bestellt wird. Verdammt impertinent, die Abläufe im Palast so durcheinander zu bringen und das loyale Personal mit Verdächtigungen zu überschütten!

Da muss halt die Queen ran, der der MI5-Direktor gehörig auf die königlichen Nerven geht, behandelt er sie doch wie eine alte Dame, die mit den modernen Zeiten nicht mehr mithalten kann und der man deshalb alles ganz langsam und ausführlich erklären muss. Ihre Majestät ist natürlich zu höflich, um etwas zu sagen, aber  leider darf der Geheimdienstchef nie erfahren, wie scharfsinnig die fast 90-jährige tatsächlich ist. 

Denn wenn die Queen ermittelt, dann ist das ganz diskret - etwa bei einer scheinbar gemütlichen Teestunde bei einer alten Freundin, zu der ein weiterer Gast kommt, der zufällig Experte für das russische Spionagewesen ist. Um diese konspirativen Treffen zu ermöglichen und zu organisieren, kommt Rozie ins Spiel. Sie erledigt gewissermaßen die Beinarbeit. Das Überbringen der Post und der Termine dient nun auch dem Austausch von Theorien und Informationen - wobei Rozie darauf achten muss, dass ihr unmittelbarer Chef nichts von ihren Extra-Einsätzen mitbekommt.

S.J. Bennett ist royal fan, so viel steht nach der Lektüre fest. Die Queen und ihr Hofstaat werden liebevoll gezeichnet, ein bißchen Augenzwinkern und Ironie gehört dazu, wenn der temperamentvolle Prinzgemahl etwa mal wieder herzhaft flucht oder wenn Corgies und Ponies wichtiger sind als fast alles andere. Wie die Queen es schafft, Hinweise zu sammeln und ganz diskret dafür zu sorgen, dass die offiziellen Ermittler doch noch auf diese Informationen stoßen, ist durchaus zum Schmunzeln. One is amused.


SJ Bennett, Das Windsor Komplott. Die Queen ermittelt

Knaur Droemer 2021

315 Seiten,  18 Euro

ISBN 978-3-426-22740-4


Thursday, December 31, 2020

Tod zur Weihnachtszeit - Isola Mortale

  Tödliche, aber nicht zu brutale Weihnachten: Giulia Contis Kriminalroman "Isola Mortale"  ist eher der Cozy-Fraktion zuzurechnen Der Spannungsbogen des soliden Krimis ist jedenfalls nicht allzu nervenzerfetzend. Simon Strasser, einst Polizei- und Gerichtsreporter in Frankfurt, hat sich an  einem norditalienischen See in den Halbruhestand versetzt, hilft aber gerne der attraktiven Polizistin Carla bei ihren Fällen - sei es mit deutschen Übersetzungen, sei´s mit eigenen Ermittlungen. Auch Reporter haben schließlich einen Schnüffler-Instinkt!

Da der gute Mann schon ein paar Jährchen am See im idyllischen Haus am Seeufer mit eigenem Boot lebt, habe ich da ein kleines Glaubwürdigkeitsproblem. Welcher Zeitungsredakteur kann heute schon mit 50 la dolce vita suchen? Und das aus Frankfurt, mit seinen horrenden Mieten? Da die Autorin laut Klappentext selbst Journalistin ist,  solllte sie es eigentlich besser wissen. Und nein, auch Polizeireporter werden nicht dauernd mit dem Anblick von Leichem konfrontiert. Die Polizei ist nämlich ziemlich zugeknöpft, wenn es um Medienvertreter am noch nicht aufgeräumten und gesicherten Tatort geht, wie ich aus eigener Erfahrung sagen kann.

Aber sei´s drum, bei einem Cozy ist ja nicht unbedingt Realitätstreue gefragt, sondern es soll unterhaltsam sein, und das ist durchaus der Fall, nachdem eine junge Nonne wenige Tage vor Weihnachten aus dem See gezogen wurde - offensichtlich mit einem stumpfen Gegenstand erschlagen. Polizistin Carla schießt sich vorzeitig auf einen deutschen Geschäftsmann als Hauptverdächtigen ein, vor allem, da ihr sein allzu großes Selbstbewusstsein auf die Nerven geht. Immerhin: er war, neben einem alten Pfarrer, wohl der letzte, der die junge Frau vor ihrem Tod gesehen hat. Da die Äbtissin des Klosters sich eher zurückhaltend mit Auskünften zeigt, ermittelt Simons Freundin Luisa gewissermaßen undercover, indem sie ein paar Tage Klosterurlaub macht.

Die junge Nonne, so viel ist der Äbtissin immerhin zu entlocken. was auf der Suche nach ihrer vor acht Jahren spurlos verschwundenen Mutter. Eine Karte, die in ihrer Zelle gefunden wurde, weist den Weg zu einer Stelle im See, aus der Taucher ein Auto mit zwei Leichen bergen.... Die Lösung des Falls schließt ganz offensichtlich die Rätsel der Vergangenheit ein.

Die Ermittlungen von Profis und Amateuren erlauben der Autorin immer wieder Landschaft- und Restaurantschilderungen, da zahlt sich die Tätigkeit als Verfasserin von Reisebüchern aus. Die Figuren des Romans geraten allerdings ein wenig plakativ und lassen eine gewisse Tiefe vermissen.  Manche Nebenhandlung hätte auch ein bißchen kürzer ausfallen können. Dennoch: solide Unterhaltung.


Giulia Conti, Isola Mortale

Hoffmann und Campe, 2020

320 Seiten, 16,90 Eure

978-3-455-00935-4

Saturday, December 26, 2020

Ein ungleiches Duo auf der Suche nach dem goldenen Käfer

  Manchmal kann eine Krise einen Befreiungsschlag auslösen. So jedenfalls in Rachel Joyce´s Frauenroma "Miss Bensons Reise". Denn Margery Benson, die Protagonistin dieses liebenswerten Romans über die Freundschaft zweier sehr ungleicher Frauen, ist in ihrem Lebenregelrecht eingefroren wie ein Käfer oder Schmetterling hinter Glas: Die Endvierzigerin unterrichtet seit 20 Jahren Hauswirtschaft an einer Mädchenschule. Es ist das Jahr 1950 und eine unverheiratete Frau in diesem Alter wird als "alte Jungfer" eher verspottet oder bedauert - von selbstbewusstem Single-Leben war damals noch nicht die Rede. Als Benson eine wenig schmeichelhafte Karikatur von sich findet, die im Klassenraum herumgereicht wird, ist sie so verstört, dass sie nicht nur aprupt aus der Schule flieht, sondern auch noch das Steifelpaar einer Kollegin mitgehen lässt. Den Job kann sie nun vergessen, nicht, dass er sie jemals ausgefüllt hat.

Ausgerechnet an diesem Tiefpunkt erinnert sich Margery Benson an ihren Lebenstraum - den goldenen Käfer von Neukaledonien zu finden, den ihr Vater ihr in einem Buch gezeigt hat - vor seinem Selbstmord, der das kleine Mädchen und seine Mutter schwer traumatisierte. Margery Benson hatte eine einsame Kindheit, erfuhr weder Freundschaft und Liebe und wuchs in einem Wertesystem der britischen oberen Mittelklasse auf, in dem Emotion mit Schwäche gleichgesetzt wurden. 

Doch zu dem Zeitpunkt, als sie nichts mehr zu verlieren hat, erinnert sich Margery an den goldenen Käfer, an viele Jahre, die sie im Britischen Museum in der Abteilung für Entomologie verbracht hatte. Nun will sie sich endlich aufmachen ans andere Ende der Welt - weder tropenerfahren noch outdoortauglich, eine übergewichtige Frau mittleren Alters, die bislang nicht einmal von ihren Schülerinnen ernst genommen worden war. Da es auf einer Forschungsexpedition einiges zu schleppen gibt, will sie einen Assistenten oder eine Assistentin anheuern, doch als die auserwählte Kandidatin abspringt, muss sie kurzerhand eine bereits aussortierte Bewerberin anheuern, die es wegen ihrer abenteuerlichen Rechtschreibung nicht einmal zum Bewerbungsgespräch geschafft hat - tatsächlich findet die erste Begegnung der beiden Frauen unmittelbar vor der Abreise auf dem Bahnsteig statt.

Sie könnten nicht unterschiedlicher sein: Die hausbackene, wenig lebenserfahrene Margery Benson und die kleine, aber um so auffälligere Enid Pretty, ein Marilyn Monroe-Verschnitt, die sich zwar als Männermagnet in unaufhörlicher Plapperlaune entpuppt, von Käfern und Forschungsexpeditionen aber keinerlei Ahnung hat. Doch auch sie hat, wie der Leser früher als Margery erfahren soll, gute Gründe, alle Brücken hinter sich abzubrechen.

Es dauert, bis die beiden Frauen miteinander warm werden, doch nach Seekrankheit und Visaproblemen, buchstäblich am Ende der Welt im Dschungel, wächst zwischen den beiden Frauen eine Freundschaft. So sehr die jeweils andere nerven kann  - sie brauchen einander, geben sich gegenseitig Stärke und Mut, überwinden gemeinsam Widerstände und Gefahren. Gerade die Szenen der Reise im Dschungel, immer auf der Suche nach dem goldenen Käfer und einmal buchstäblich im Auge des Zyklons, sind voller Naturschilderungen, die Farben, Gerüche und Geräusche des Dschungels vor dem inneren Auge entstehen lassen. 

Mitunter erinnert Miss Bensons Reise an Wohlfühl-Lebenshilfe-Romane, in denen es darum geht, dass jeder sich neu erfinden kann und schon alles gut wird, über den Wert von Freundschaft dass man niemanden nach dem Äußeren oder ersten Eindruck beurteilen sollte. Zugleich ist Miss Bensons Reise ein Abenteuerroman mit mitunter fantastisch anmutenden Elementen - dass jemand ohne Pass und Visum eine transatlantische Reise antreten und erst in Australien, dann in einer französischen Kolonie einreisen kann, entspricht jedenfalls eher Wunschdenken als Wirklichkeit. Und auch dramatische Wendungen sind inbegriffen. Das Ende dieser Reise ist unerwartet und macht nicht wirklich froh. Dennoch kommt auf den fast 500 Seiten keine Langeweile auf - Käferkunde inbegriffen.


Rachel Joyce, Miss Bensons Reise

Fischer Krüger, 2020

479 Seiten, 20 Euro

978-3-8105-2233-7


Sunday, November 15, 2020

Fräulein Gold ermittelt im Scheunenviertel

 ulda Gold, die Hebamme mit dem detektivischen Spürsinn, lernt in Anne Sterns historischem Kriminalroman "Scheunenkinder" das Berlin der 1920-er Jahre abseits der "goldenen Zeiten" kennen.  Die selbstbewusste junge Frau kommt dank ihres Berufs in ganz unterschiedliche Milieus der Stadt - doch das Scheunenviertel in Berlin Mitte war für sie bisher ein unbekanntes Pflaster. Über die Vermittlung ihres Vaters soll sie in dem Stadtteil, der wegen seiner vielen ostjüdischen Einwohner wie ein galizische Stetl mitten in Berlin ist, der hochschwangeren Tamar durch die Geburt helfen. Die fromme orthodoxe Familie legt Wert auf eine jüdische Hebamme - auch wenn Hulda, deren Mutter Christin war, im Sinne des jüdischen Religionsgesetzes gar nicht als Jüdin anerkannt ist und auch ihr Vater als Vertreter des liberalen Reformjudentums wenig mit der Glaubenswelt der frommen und bitterarmen Ostjuden gemeinsam hat.

Bei aller Faszination für die fremde Welt des Scheunenviertels merkt Hulda schnell, dass Tamar bei aller Vorfreude auf ihr Kind in der Familie isoliert ist. Zwar liebt sie ihren Ehemann Zvi, wird von der Schwiegermutter aber vehement abgelehnt, da sie keine Jüdin, sondern Armenierin ist. Als Hulda nach der weitgehend unkomplizierten Geburt wenige Tage später nach Tamar schaut, ist die junge Mutter apathisch und depressiv - und von dem Kind ist keine Spur zu finden. Huldas Fragen laufen ins Leere,  vergeblich versucht sie, ihren Freund, den Kriminalkommissar Karl, für den Fall zu interessieren. Doch der steckt bis über beide Ohren in Arbeit nach dem Fund mehrerer toter Kinder, die wohl als Arbeitssklaven verkauft worden sollten. Gibt es womöglich Bezüge zu dem verschwundenen Baby? Hulda jedenfalls lässt sich nicht abwimmeln, weder von Tamars Schwiegermutter noch von Karl. Und auch der junge Rabbiner der Familie, über den sich Hulda nicht ganz klar ist, muss sich allerlei Fragen gefallen lassen...

Mit Hulda Gold hat Anne Stern eine sympatische Hauptfigur geschaffen, die aufgeschlossen und neugierig durch die Stadt geht und mit viel Mitgefühl "ihren" werdenden Müttern begegnet. Weltwirtschaftskrise und Inflation, Armut und Arbeitslosigkeit, wachsender Nationalismus und Antisemitismus prägen auch den Berliner Alltag. Und auch wenn Hulda selbst ihre jüdische Herkunft nicht zum Thema machen will, erkennt sie zunehmend, dass ihr Name und ihr Aussehen bei manchen Menschen bereits auslösen, Hass auszulösen. Wie nahe Gewalt und antisemitischer Hass auch im Jahr 1923 schon sind, muss Hulda eines Tages im Scheunenviertel erleben - und auch, wie gleichgültig viele Polizisten auf das Pogrom reagieren. 

Auch die Beschränkungen, mit denen Frauen in dieser Zeit immer noch konfrontiert sind, macht die Autorin deutlich. Auch wenn Hulda in ihrem Beruf aufgeht - als Ärztin wäre sie sicherlich ebenso erfolgreich. Doch Frauen an den Universitäten - das ist noch immer mit zahlreichen Problemen und Hindernissen verbunden. 

"Scheunenkinder" ist weniger ein Whodunit als ein historischer Roman mit "Kriminal-Elementen". Dabei überzeugt die Figur der Hulda als patente und aufgeschlossene  junge Frau, die sich nicht mit den Umständen abfinden will, bei ihrem Privatleben allerdings manchmal den Durchblick zu verlieren droht.


Anne Stern, Fräulein Gold. Scheunenkinder

Rowohlt Polaris, 2020

448, 16 Euro

978-3-499-00429-2