Saturday, August 6, 2022

Die Wunderfrauen - Aufbruchsstimmung der frühen 60-er

 Die Trümmer- und Aufbaujahre sind vorbei, in der immer noch jungen Bundesrepublik zeichnet sich Aufbruch zu neuen Ideen und Lebensstilen ab, aber noch überwiegen die Werte der 50-er, der Wirtschaftswunderjahre. Das ist das Setting des zweiten Bandes der Triologie "Die Wunderfrauen" von Stephanie Schuster. "Von allem nur das Beste" ist nicht nur der Untertitel, sondern könnte auch das Motto von Luise Dahlmanns kleinem Laden sein. Nach jahrelanger Arbeit wirft er endlich einen kleinen Gewinn ab, doch angesichts des zunehmenden Erfolgs gibt es Erweiterungs- und Kostendruck. Und das Familienleben mit der kleinen Tochter Josie muss schließlich auch noch unter einen Hut gebracht werden.

Dieser Band war der erste der Reihe, den ich gelesen habe, und er nimmt einen Teil des späteren Geschehens vorneweg, um dann die Entwicklung chronologisch aufzurollen. Zwar gibt es immer wieder Bezüge und Anspielungen zum Vorgängerband, aber es ist nicht weiter schwer, das Beziehungsgeflecht der Figuren zu durchschauen und ihre Vegangenheit zu erahnen. Kein Problem mit dem Einstieg zwischendrin also.

Die vier Protagonistinnen sind recht unterschiedlich - die bodenständige Luise stammt aus einer Bauernfamilie, in die mittlerweile vierfache Mutter Marie eingeheiratet hat. Das Leben voll harter Arbeit auf dem kleinen Hof mit Schaf- und Ziegenherde ist mittlerweile ihr ganzer Lebensinhalt, wurde der Tochter eines Gutsbesitzers aus dem Osten aber nicht gerade in die Wiege gelegt. Die alleinerziehende Helga, die aus der Beziehung mit einem US-Soldaten ein schwarzes Kind hat, hat wiederum mit ihrer wohlhabenden Unternehmerfamilie gebrochen und aus eigener Kraft ein Medizinstudium geschafft. Ihr Chefarzt ist nicht nur der Amtsvormund ihres Sohnes (da sieht man dann noch die alten Wertstandards der jungen Bundesrepublik!), sondern auch Ehemann von Annabel, der vierten im Bunde. Sie ist unmittelbar betroffen von dem, was später als der Contergan-Skandal in die Geschichtsbücher eingehen wird. Helga wiederum ist als Frauenärztin mit dem Schicksal von Frauen konfrontiert, die ungewollt schwanger werden - die Pille ist ja noch Zukunfsmusik - und bei illegalen Abtreibungen Gesundheit und Leben riskieren. 

Mit der Musik jener Zeit bringt die Autorin Lokalkolorit und Zeitgefühl in das Buch, das man eigentlich mit einer entsprechenden Playlist lesen sollte. Auch am Starnberger See, wo die Handlung spielt, ist nicht nur heile Welt. Alkohol, sexuelle Gewalt, wirtschaftliche Ängste, patriarchale Strukturen - da wird mal wieder bewusst, wie sehr sich die Gesellschaft in einem halben Jahrhundert verändert hat. Gleichzeitig lassen sie Hippies und Studentenrevolte schon ahnen. Ein Sachbuch ist "Die Wunderfrauen" deshalb nicht, sondern ein Frauenroman mit historischem Zeitkolorit, jeder Menge Liebe und emotionalen Konflikten, in dem am Ende die Frauenfreundschaft über allem steht.


Stephanie Schuster, Die Wunderfrauen. Von allem nur das Beste

Fischer TB, 2022

 12 Euro

9783596000708


Tuesday, July 19, 2022

Überlebenskampf einer Single-Mutter

 Die Netflix-Serie "Maid" ist mir unbekannt (ja, es gibt noch Menschen, die haben kein Netflix. Ich gehöre dazu.) Die Beschreibung der Lebensgeschichte von Stephanie Land fand ich aber interessant. Nachdem ich das Buch gelesen habe, habe ich allerdings durchwachsene Reaktionen: Es zeigt einerseits eindrücklich auf, wie schnell der Abstieg in Armut und Obdachlosigkeit drohen, wenn ein Job, eine Beziehung etc wegbricht und plötzlich der Kampf ums Überleben anfängt. Das ist in den USA mit ihrem viel schlechteren sozialen Netz sicherlich noch deutlich schlimmer und schneller als hierzulande, ebenso wie das Stigma von Armut und Bezug von Sozialhilfe. 

Auf der anderen Seite fand ich die Autorin an vielen Stellen larmoyant, emotional bedürftig und sich in eine Opferrolle hineinsteigend. Sich als Opfer ehelicher Gewalt darzustellen, weil ihr Ex sie angeschrieen hat und dann jahrelang Panikattacken geltend zu machen - mein Gott, was sollen denn da erst  Frauen sagen, die echte Gewalterfahrungen machen müssen. Auch das Gejammere, so wenig Zeit für sich zu haben, weil sie 20 Stunden arbeitet. Ich kenne genügend Single-Mütter, die Vollzeit arbeiten und denen auch gar nichts anderes übrig bleibt. Merkwürdig fand ich auch, dass sie sich zum Freigeist stilisiert, weil sie Tattoos hat - die sind doch heutzutage eher die Regel als die Ausnahme, und das Umland von Seattle ist nun wirklich nicht für reaktionäres Klima bekannt.

Na ja, anscheinend hat sie ja schon ausgiebig in ihrem Blog, das dem Buch zugrunde liegt, innere Nabelschau gehalten und Hilfsaufrufe gestartet beziehungsweise sich selbst bedauert. Mich persönlich nervt so eine Haltung, deswegen habe ich auch beim Lesen immer wieder mit den Zähnen geknirscht, vor allem dann, wenn sich Stephanie auf Beziehungen eingelassen hat, die mehr Versorgungscharakter hatten als auch irgendwelchen Gemeinsamkeiten oder Gefühlen beruhten, dass sie eine starke Frau sein will und dann eine Schulter zum Anlehnen sucht. Gerade dann, wenn eigentlich schnell klar ist, dass die betreffende Schulter nicht geeignet ist!

Interessant fand ich dann wieder die Erkenntnisse und Beschreibungen der Häuser, in denen sie geputzt hat, das Verhältnis oder Nicht-Verhältnis zu den Bewohnern, die unterschiedlichen sozialen Gefüge, den Aufstieg oder Abstieg innerhalb einer Familie. Schließlich hatten die eigenen Großeltern in einem Trailer gelebt, die Familie hatte Lebensmittelmarken bezogen - es war also nicht eine völlig neue oder schockierende Erfahrung, plötzlich auf staatliche Unterstützung angewiesen zu sein.  Insofern habe ich mich beim Lesen mitunter gefragt, wieso Stephanie mitunter so eine "Ich alleine gegen die böse, harte Welt"-Haltung hat, wenn sie doch genau weiß, dass sehr viele Menschen in einer ähnlichen Situation sind und kämpfen müssen, über die Runden zu kommen.

Das Thema, raus aus der Armutsfalle, ist sehr aktuell und leider auch hierzulande etwas, was immer mehr Menschen betrifft. Steigende Energiepreise und Inflation werden das sicher noch weiter antreiben. Schade nur, dass die Umsetzung eher mittelmäßig ausfiel.


Stephanie Land, Maid

Fischer 2022

368 Seiten, 16 Euro

   9783596707720

Wednesday, July 6, 2022

Ermittlungen, Esel und die perfekte Pasta

  Ganz ohne Mafia geht es auch in Paolo Rivas Cozy-Krimi "Flüssiges Gold" nicht. Doch auch wenn die Arme der "ehrenwerten Gesellschaft" weit reichen  - die Toskana ist nicht Neapel, Bari oder Sizilien.  Und Dorfpolizist Luca, alleinerziehender Vater und trotz einer Vergangenheit als Ermittler gegen das Organisierte Verbrechen zufrieden mit dem ruhigen Lauf der Dinge vor Ort,  würde sich am liebsten den kleinen Problemen widmen - etwa der Frage, was aus den fehlenden Buchstaben des Ortsschildes geworden ist. Um so mehr Zeit bleibt schließlich, sich der kleinen Tochter und den drei Eseln zu widmen, einen Espresso in de Kaffeebar zu trinken, aus dem Dorfklatsch erfahren, wo es womöglich Probleme gibt.

Doch dann bricht die Gewalt in die Idylle, Schüsse knallen über den Marktplatz und im Ziel der Anschläge stehen Olivenbauern. Ausgerechnet zu dem Zeitpunkt,  als ein anderer Olivenbauer nach jahrelangem Koma Zeichen zeigt, er könne vielleicht doch aufwachen. Doch war er tatsächlich das Opfer eines Unfalls oder Schlaganfalls, oder hat jemand nachgeholfen? Könnte es bei der Gewinnung von Olivenöl womöglich nicht mit rechten Dingen zugehen?

Lucas Ermittlungen werden durch Amtshilfe erschwert. Denn die Staatsanwaältin, die aus Florenz anreist, ist von einer geradezu einschüchternden Energie und mit dem eher gemächlichen aber stetigem Stil Lucas nicht wirklich kompatibel. Da ihre forsche Art bei den Dorfbewohnern nicht wirklich gut ankommt, müssen sich die beiden erst einmal zusammenraufen, wobei gemeinsames Eselfüttern und gutes toskanisches Essen so manche Spannung auflöst.

Mit "flüssiges Gold" hat Paolo Riva einen Wohlfühlkrimi mit viel Lokalkolorit geschrieben, bei dem beim Lesen gleich Apettit auf die Aromen der italienischen Küche, auf perfekte Spaghetti und den Genuss  eines in Olivenöl gestippten Stücks Brot aufkommt. Unterhaltsame Spannung für Italienurlauber und Daheimgebliebene.

Paolo Riva, Flüssiges Gold

Hoffmann & Campe 2022

304 Seiten, 16 Euro

978-3-455-01329-0

Monday, May 16, 2022

Flight or fight - drei Frauenschicksale zwischen Irland und den USA

 Wenn Menschen in Gefahrensituationen sind, streiten zwei Ur-Instinkte um die Entscheidung: Fight or flight`? Kämpfen oder Weglaufen? Der Titel von Paula McGrath´s Roman "Dann rennen wir"  deutet bereits an, wofür sich ihre Protagonistinnen entscheiden. Und dennoch ist jeder Flucht der Augenblick inne, wo das Laufen ein Ende hat und neue Richtungen überlegt werden müssen, gegebenenfalls auch doch die zuvor vermiedene Konfronation.

Gemeinsam ist den Protagonistinnen auch ihre Einsamkeit und Isolation: Da ist die Frauenärztin, die im Dublin des Jahres 2012 ein Möglichkeit hätte, eine Stelle in einer Londoner Klinik anzutreten und dem restriktiven irischen Abtreibungsgesetz den Rücken zu kehren, das sie dazu zwingt, ungewollt schwangeren Frauen und Mädchen selbst nach einer Vergewaltigung nicht mit dem Abbruch der Schwangerschat helfen zu dürfen. Doch was wird dann aus ihren Mutter, die als Alzheimerpatientin in einem Pflegeheim lebt?

Allein ist auch die 16-jährige, die als jugendliche Rebellin im Goth-Look aus dem irischen Heimatstädtchen abhaut, weg von der alkoholkranken Mutter. In London wäre sie fast unter die Räder gekommen, in Dublin lernt sie buhstäblich, sich durchzuboxen: Fasziniert vom Boxtraining in der Sporthalle der Universität, kann sie den kenianischen Medizinstudenten George überreden, sie heimlich zu trianieren, obwohl Boxen im Irland des Jahres 1982 für Mädchen verboten ist. Das Training, das Disziplin fordert, gibt ihrem Leben wieder eine Struktur - bis hin zur Überlegung, ihren Schulabschluss nachzuholen.

Ein Teenager ist auch das amerikanische Mädchen Ali, das von seiner Spät-Hippie-Mutter als Freigeist erzogen wurde und auf einem Boot lebte. Nach deren Tod muss sie allerdings zu ihren Großeltern väterlicherseits, zu denen sie nie Kontakt hatte und deren Lebensstil so ga nichts mit dem ihrer Mutter gemeinsam hat. Auch Ali rennt davon, schließt sich einer Biker Gang an und ist nach einem traumatischen Erlebnis erneut auf der Flucht.

Die Erzählfäden finden zusammen, als klar wird, dass nicht nur die Entscheidung, zu Bleiben oder Wegzulaufen ein verbindendes Element ist. Einiges davon zeichnet sich schon früh ab, anderes lässt sich zumindest ahnen. Das Ende ist denn auch irgendwie absehbar. Die durchaus spannenden Frauenfiguren hätten mehr Tiefe vertragen können - hier geht der Episodencharakter der drei Erzählstränge klar zu Lasten von Figurenentwicklung oder Dialog.  Dennoch vermittelt das Buch einen Eindruck von der Enge und moralischen Strenge, die vor noch gar nicht so langer Zeit die dunkle Kehrseite der grünen Insel bildete und etwa den Umgang mit ledigen jungen Müttern bestimmte.


Paula McGrath, Dann rennen wir

Goya, 2022

307 Seiten, 22 Euro

   978-3-8337-4419-8

Friday, April 22, 2022

Queer, schrill und sehr unterhaltsam: Ermittlungen in niederbayrischer Provinz

  Transfrau Vicki Victoria steht nicht nur fest im Leben, sie bewältigt es auch auf Stiletto-Absätzen - egal ob sie als V-Frau der Münchner Polizei unterwegs ist oder als Unterhaltungskünstlerin. Doch nun droht Ungemach in der Münchner Dachgeschosswohnung, wo Vicki sich nach einer eher freudlosen Jugend in der niederbayrischen Provinz neu erfinden konnte. Denn Toni Besenwiesler, der sie in der Schule, damals noch äußerlich ein Junge, grausam drangsalierte, ist aus dem Gefängnis ausgebrochen - und er schwört Vicki Rache. Sie, so glaubt er, hat dafür gesorgt, dass er einen Mord verurteilt wurde, den er nicht begangen hat.

Ich-Erzählerin Vicki, die Protagonistin in Gloria Grays schräg-ironischem Cozy Krimi "Zurück nach Übertreibling" weiß: Mit dem Besenwiesler Toni kann man nicht diskutieren. Bleibt also nur die Flucht, doch schon das Treffen mit Clan-Chef Ahmet, mit dem der Geflohene ebenfalls eine Rechnung offen hat, endet exklusiv. Und dann wird auch noch die befreundete Nachbarstochter und Social Media-Influencerin Kathi entführt. Um das geplante Rache-Feuer zu löschen, bleibt Vicki nur eines übrig: Zurück nach Übertreibling, in das Heimatkaff, in dem alles begann.

Der Ortsname Übertreibling ist hier Programm: Krimi-Realisten mögen sich die Haare raufen, Logik und Stringenz vermissen. Hier übertreibt die Autorin nach Herzenslust, eine Figur ist schräger und exzentrischer als die nächste, kein Klischee, das nicht genüsslich ausgereizt und auf die Spitze getrieben wird. 

Nicht genug, dass zum Personeninventar außer derb-rustikalen Niederbayern die Mitglieder einer tierliebenden Motorradgang, einer türkischen Clanfamilie mit ausgerechnet griechischem Nachnamen, teils faule, teils korrupte Polizisten und eine alternde Diva gehören. Vicki Victoria kommentiert alle Geschehnisse gewissermaßen in Dauerschleife, schweift dabei gerne mal ab zu philosophiert nebenbei über Gendersternchen und die Absonderlichkeiten der social media-Kultur. Meinungsstark ist sie allemal und niemals auf den Mund gefallen, selbst wenn das Fehlen einer Perücke eine mittlere Daseinskrise auslösen kann.

Eigentlich klar, dass bei Vickis Hobby-Ermittlungen jede Menge Verwicklungen auftauchen und nichts ohne viel Drama geschehen kann, sozusagen mit Glitzereffekt und high heels Staccato. Je nach Gemütszustand des Lesers kann so eine Plaudertasche wie Vicki anstrengend sein oder erheiternd. Mit einem offensichtlichen Augenzwinkern geschrieben, sollte es auch so gelesen werden. Bei aller Exaltiertheit hat sich Vicki eine bajuwarische Offenheit bewahrt und das Herz stets auf dem rechten Fleck.Ich habe mich köstlich amüsiert und hoffe auf ein Wiedersehen mit Vicki Victoria. Immerhin: Im Oktober soll ein Folgeband erscheinen.


Gloria Gray, Zurück nach Übertreibling

dtv 2022, 

345 Seiten, 11,99 Euro

ISBN 978-3423-22009-5  

Friday, April 8, 2022

Strandkorblektüre nicht nur für Ostsee-Urlauber

  Die Strandkorbsaison kann kommen: Mit Frauke Scheunemanns Cozy Krimi "Der Tote im Netz" haben auch Ostsee-Liebhaber den passenden leichten Lesestoff mit einer Mischung aus (nicht zu viel) Spannung und Unterhaltung. Wobei das Realistische ziemlich oft auf der Strecke bleibt, das zur Warnung an alle Liebhaber*innen von Krimis wie aus dem richtigen Leben vorneweg.

Als ihr designierter Interviewpartner tot in einem Fischernetz im Hafen von Peenemünde gefunden wird, wittert Lokalreporterin Franzi vom örtlichen Privatsender den großen Knüller. Während der Sender gerade vor einer Übernahme steht, könnten die Arbeitsplätze der Redakteure, allen voran ihr eigener, doch gesichert bleiben, wenn sie nah dran bleibt an den Ermittlungen und sie für eine true crime-Reportage begleitet... Der ermittelnde Hauptkommissar ist davon weniger erfreut, kommt aber nicht wirklich gegen Franzis rheinländisches Temperament an. Schnell fällt der Verdacht auf Tierschützer, die gegen den toten Fischer demonstrierten, doch auch Immobilienspekulationen auf der Insel könnten eine Rolle spielen.

Franzi lässt sich weniger von kriminalistischen Analysen als von ihrem Bauchgefühl leiten und ist den Profis dennoch so manches Mal einen Schritt voraus. Dafür darf sie dann auch mal bei einer Hausdurchsuchung oder Vernehmung im Hintergrund dabei sein. Und auch wenn der spröde, wenn auch hoch attraktive Kommissar über ihre Einmischung nicht glücklich ist, kommt er nicht umhin, ihren guten Instinkt zu loben. Ähnlich absehbar wie in einer "Traumschiff-Folge" ist, dass sich die beiden im Laufe des Buches näher kommen, wobei für Romanzen erste einmal gar keine Zeit ist. Es gilt schließlich, einen Mord aufzuklären.

Auch wenn sowohl die Medienkrise als auch Immobilienspekulationen (nicht nur) in Feriengebieten aktuelle Themen sind - die Zusammenarbeit zwischen Medien und Polizei sind hier sehr klischeeartig und realitätsfern geraten, ebenso die Beschreibung der Medienwelt. Dabei war die Autorin doch selbst mal Journalisitin und hat beim NDR volontiert. 

Dass Franzi in einer Redaktion mit kleiner Besetzung tagelang abtaucht als Hobby-Ermittlerin und so gut wie keinen Beitrag produziert, konfus recherchiert und ihre Rolle als Journalistin sehr, tja, individuell auslegt, ist dann irgendwann selbst too much für das Minimum als Realitätssinn, das ich von einem Cozy Krimi erwarte. Ärgerlicher empfinde ich es, dass hier eine Mittdreißigerin sich als schnell beleidigtes, ichbezogenes, launisches und trotziges Girlie gebärdet, das mit seiner geringen Aufmerksamkeitsspanne eher an einen schwer pubertierenden Teenager erinnert, nicht aber an eine erwachsene Frau. Da tröstet es nicht, dass Hauptkommissar Kai nicht weniger als Karrikatur des spröden und korrekten Beamten daherkommt. Weniger Plattheit bei den Protagonisten hätte dem Roman gut getan. Dennoch: Als Strandkorblektüre zur reinen Unterhaltung ist der "Tote im Netz" durchaus tauglich. Manchmal will man ja einfach nur "schmökern".

Frauke Scheunemann, der Tote im Netz

Fischer Scherz 2022

368 Seiten, 14,99 Euro

978-3-651-00101-5

Tuesday, April 5, 2022

Unterhaltsamer Urlaubskrimi

  Mord im Norden, zwischen Watt und Nordseedeich - das passt für viele Krimi-Leser immer. Mit "Willkommen in St. Peter-(M)Ording" hat nun Tanja Janz den Auftakt einer neuen Reihe vorgelegt, der vor allem die Fans von Cozy-Krimis begeistern dürfte. Wer Nervenflattern, Psychosen und reichlich Blut und Gewalt braucht, ist hier fehl am Platz. Als Urlaubslektüre im Strandkorb - oder in der heimischen Leseecke vom Nordseeurlaub träumend - sind die Ermittlungen des gemütlichen Polizisten Ernie Feddersen und seines aus dem Ruhrpott stammenden Kollegen Fred Galotke, der sich ein bißchen als Schimanski des Nordens gibt, genau das Richtige. Mit Umweltschutz, den Auswirkungen von Massentourismus und Geldgier ist sogar noch ein bißchen sanft verpackte Gesellschaftskritik drin.

Der Tod eines Architekten, der mitten in den Dünen ein großes Hotel bauen wollte, beschäftigt nicht nur die beiden Küstenpolizisten. Auch Ernies Schwester Ilva und ihre Freundin Ute  mischen sich als Hobbydetektivinnen in die Ermittlungen ein, ist doch der Hauptverdächtige Ilvas Jugendliebe Eike, der als Umweltaktivist in der ersten Reihe der Hotelgegner steht. Dabei ist Ilva gerade erst wieder nach St Peter-Ording gezogen und hat einen Job an ihrer alten Schule angenommen, um sich mehr um ihre Mutter kümmern zu können. Sogar in die Einliegerwohnung, in der Ernie und sie schon als Jugendliche lebten, ist sie zurückgezogen.

So viel familiäre Harmonie samt Zusammenglucken - das klingt nach den Idealvorstellungen der 1950-er Jahre und wirkt ein bißchen aus der Zeit gefallen, aber wenn Muddis Kartoffelsalat und Backfisch so eine Sogwirkung haben, sei´s drum. Überhaupt werden Klischees und Stereotypen genüsslich ausgespielt, man sollte das Buch mit einem gewissen Augenzwinkern lesen. Richtig gut gefallen haben mir die Ort-/Zeit/Atmosphäre-Teaser zu Beginn eines jeden Kapitels. Da lassen  Möwengeschrei über Salzwiesen,  der Geruch von Fischbrötchen am Hafen, oder Bienegesumm im Garten schon einmal Kopfkino-Bilder entstehen.

Bei der St Peter Mording-Reihe kommt es weniger auf einen dichten Plot oder einen kniffeligen Fall an, sondern auf die liebenswerten Charaktere und die heitere Gesamtnote. Dabei kommt auf jeden Fall Nordseestimmung auf.

Tanja Janz, Willkommen in St Peter-(M)Ording

Ullstein 2022

336 Seiten, 9,99

9783548064505