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Saturday, September 21, 2024

Tiefe Wurzeln und Sehnsucht nach Neuem

  Man könnte Ewald Arenz wohl als Chronist der ländlichen Provinz und seiner Menschen zwischen Aufbruch und Tradition nennen, denn seine Bücher spielen vor allem auf dem Dorf. Ging es etwa in "Alte Sorten" um eine Außenseitergeschichte, beginnt sein neues Buch "Zwei Leben" mit einer Rückkehr: Roberta, einzige Tochter einer Bauernfamilie, kehrt nach dreijähriger Schneiderlehre in einer Textilfabrik ins Dorf zurück. Einen Beruf hat sie lernen sollen und wollen, doch ihr Platz wird auf dem Hof gesehen, den sie mal übernehmen soll. Außerdem steht gerade die Rübenernte an.

Es sind die frühen 70-er Jahre, auf dem Dorf ist davon noch nichts zu merken. Doch der Ort, an dem alles so gemacht wird, liegt Roberta gewissermaßen im Blut. Wenn da nur nicht die Träume wären, Kleider zu entwerfen, solche, wie sie sie in einer wie ein Schatz gehüteten Vogue-Ausgabe aus den 1920-er Jahren gesehen hat. Roberta fühlt sich auf dem Dorf tief verwurzelt, aber ihr Sehnsuchtsort ist Paris, auch wenn sie sich in die Realitäten einfügt.

Gertrud, die Frau des Dorfpfarrers, herkunftsmäßig höhere Tochter aus Hamburg, ist dem Dorf hingegen seit ihrer Ankunft vor mehr als 20 Jahren fremd geblieben. In dem Ort, in dem alle per Du sind, ist sie die Frau Pfarrer - Respektperson, aber ohne Nähe oder persönliche Kontakte. Liegt es auch an ihrer Haltung? Sind die Dorfbewohner eben doch nur "stinkende Bauern" für sie? Als ihr Bruder ihr vorschlägt, sie auf einer zweimonatigen Vortragsreise zu begleiten, ist es wie eine Flucht - nur aus dem Dorf, oder auch weg von ihrem stillen Ehemann? Sohn Willhelm, der gerade seinen Zivildienst macht, wird bald sein Studium beginnen. Was hält sie dann noch?

William ist auch ein Kindheitsfreund von Roberta. Einst waren sie und Wolfgang, der Sohn eines gewalttätigen Kleinbauern, unzertrennlich. Nachdem sie sich drei Jahre lang nicht gesehen haben, entsteht eine andere Art von Nähe. Doch wird Wilhelm nicht weggehen und das Dorfleben hinter sich lassen, und damit auch Roberta? Nur der Opa, mit gerade mal 69 Jahren als greiser Mann geltend, weiß von der heimlichen Beziehung und Robertas Aufbruchsträumen. Auf einem Hof, auf dem nie viele Worte gewechselt wurden, entsteht zwischen Großvater und Enkelin eine Nähe, denn auch der Großvater hatte einst Träume, von denen Roberta erstmals erfährt....

Arenz hat es wieder einmal geschafft, das "kleine Leben" seiner Protagonisten so zu beschreiben, dass es weder überheblich noch kitschig wirkt. Wenn er das Dorf mit seinen Geräuschen und Gerüchen, mit seinem Rhythmus voller Arbeit und wortkarger Menschen  beschreibt, fühle ich mich in das unterfränkische Dorf von Verwandten in meiner Kindheit gezogen, den Geruch in der Stallkammer und auf dem Heuboden und einen Ort, an dem die Zeit langsamer voranzuschreiten scheint. "Zwei Leben" ist heiter und traurig zugleich, nah dran an den Menschen.

Ewald Arenz, Zwei Leben

Dumont 2024

300 Seiten, 25 Euro

9783832182052


Tuesday, July 23, 2024

Die Comedyautorin und der Popstar

 Comedyautorin Sally hat ihren Traumjob bei einer populären Late Night Show in New York, Für die Frau aus dem Mittelwesten, die immer von Comedy geträumt hat, insgeheim allerdings auch von einer Zukunft als Drehbuchautorin für femnistische Romantic Comedy träumt, besteht das Leben denn auch vor allem aus Arbeit, ihr Freundeskreis setzt sich aus Kolleg*innen zusammen. Da passt es doch, dass der Titel des Romans von Curtis Sittenfeld "Romantic Comedy" lautet.

Ein Phänomen, das Sally nicht nur am Sender auffällt, nervt sie allerdings gewaltig: Eher durchschnittliche Männer, die mit großartig aussehenden (und meist erheblich jüngeren) Frauen zusammen sind. Wieso passiert das eigentlich nie andersrum, fragt sich Sally, die sich selbst auch unter eher durchschnittlich verorten würde. Als auch ein Autorenkollege mit einer Model-schöne Schauspielerin zusammenkommt, schreibt sie einen Sketch darüber. 

Der soll ausgerechnet in der Woche produziert werden, als Popstar Noah als Gastmoderator/musikalischer Gast in die Sendung kommt. Noah mit seinem Surfercharme ist in Sallys Augen zunächst der typische weichgespülte Schönling, doch als die beiden gemeinsam an einem Sketch arbeiten, stößt sie das in eine Achterbahn der Gefühle. Interessiert er sich etwa für sie, die Durchschnittsfrau? Oder projiziert sie nur geheime Wünsche auf ihn? Awkward moments und Schmetterlinge im Bauch prägen die Zusammenarbeit, doch bei der Afterparty herrscht dann plötzlich abgekühlte Stimmung.

Zwei Jahre später, es ist Corona-Lockdown, erhält Sally eine Email von Noah. Beginn einer wunderbaren Brieffreundschaft? Oder besteht die Chance auf mehr?

"Romantic Comedy" ist in der Tat eine romantische Komödie und der ganze Teil von "er liebt mich, er liebt mich nicht" samt dazugehöriger Komplikationen ist ziemlich vorhersehbar. Am besten gefiel mir das Buch dort, wo es um die Produktion der Late Night Show geht, um Machtgefälle im Fernsehen, die unterschiedlichen Sichtweisen auf Männer und Frauen, wo Sally witzig, sarkastisch und intelligent sein konnte und mit ihren bissigen Bemerkungen das Geschehen kommentierte. Davon hätte ich, auch in der absehbaren Romanze, gern mehr gesehen. Insgesamt leicht und humorvoll geschrieben und eine nette Sommerlektüre.

Curtis Sittenfeld, Romantic Comedy

Dumont 2024

384  Seiten, 23 Euro

9783832168452

Saturday, June 3, 2023

Höhere Töchter und eine unmögliche Liebe

 Ich kannte Anne Stern bereits als Autorin der historischen Romane (mit ein bißchen Krimi) um die Berliner Hebamme Hulda Gold im Berlin der 1920-er Jahre - eine toughe, selbstbewusste Frau, die sich nicht mit herkömmlichen Rollenklischees abfinden will. Also war ich sofort interessiert, als ich sah, dass Stern ein Buch mit einem anderen historischen Kontext, nämlich dem Dresden des 19. Jahrhunderts, noch vor der Revolution von 1848 geschrieben hat. Der Titel "Dunkel der Himmel, goldhell die Melodie" klang für meinen ein ja bißchen sehr melodramatisch. Würde sie auch hier eine starke Frauenfigur finden, um die sich die Handlung entwickelt?

Nach der Lektüre würde ich sagen, jein. Denn einerseits träumt die behütete Bürgerstochter Elise Spielmann durchaus davon, ihr musikalisches Talent als Violinistin auszuleben, ist beeindruckt von der Geschichte Clara Schuhmanns. Doch andererseits ist sie in Konventionen gefangen, weiß das Leben einer höheren Tochter und Verlobten eines durchaus einflussreichen Mannes zu schätzen, auch wenn sie den Altersgenossen ihres Vaters nicht liebt. Wenn, dann ist es ihre 15-jährige Schwester, die aufbegehrt und von einem anderen Leben für Frauen ihrer Gesellschaftsschicht träumt.

Eine toughe Frau ist auch die Requisitenbeschafferin des Kurfürstlichen Theaters, die früh verwaist ihren kleinen Bruder auf der Straße durchgebracht hat und vermutlich das eine oder andere Geheimnis hat, dem die Leser (in diesem Buch jedenfalls) nicht auf die Spur kommen. Auch ihr Bruder Christian arbeitet am Theater als Malergehilfe. Zufällig trifft er während einer Aufführung auf Elise - und die beiden sind sofort voneinander fasziniert, sehen sich als verwandte Seelen. 

Doch hat die sich entwickelnde Liebe angesichts von Konventionen und sozialen Unterschieden eine Chance? Wie sehr das Leben einer Frau von ihrem Ruf und ihrer intakten "Ehre" bestimmt wird, macht das tragische Schicksal einer jungen Ballerina klar, die von einem verheirateten Mann schwanger wird. Und auch eine Kindheitsfreundin Elise ist tief gefallen, nachdem eine Affäre der verheirateten jungen Frau ans Licht gekommen ist. Schnell ist klar: Den Preis für eine unvorsichtige und aus Sicht der Gesellschaft unmögliche Liebe zahlen stets die Frauen. 

Wie auch in ihren anderen Romanen hat Stern akribisch recherchiert, setzt ihre Geschichte in den Kontext der damaligen Gesellschaft und zeichnet ein atmosphärisch dichtes Bild des Dresdens vor fast 200 Jahren. Eine Zeit, in der das Leben einer Frau kein Vergnügen gewesen sein kann, ob nun im "goldenen Käfig" wie Elise, oder in der Unterschicht, wo Frauen gleich doppelt benachteiligt waren.

Wie sich Elise in ihrer Liebesgeschichte entscheidet, soll hier nicht verraten werden. Besonders gut gefallen hat mir in diesem Buch die Schilderung des Mikrokosmos Theater. Mit Blick auf das Jahr 1848, dessen Vorboten sich in so mancher Keipendiskussion ankündigen, gehe ich eigentlich fest von einer Fortsetzung aus, in der vielleicht die jüngere Spielmann-Tochter stärker in den Mittelpunkt gerät. Hier ging es mir mitunter ein wenig zu viel um Liebeslied und -frust. Und über manche Figur hätte ich gerne mehr erfahren. Aber vielleicht liegt ja genau dies in den Plänen der Autorin für eine Fortsetzung?


Anne Stern, Dunkel der Himmel, goldhell die Melodie

Rowohlt 2023

380 Seiten, 17 Euro

978-3-499-01088-0

Tuesday, May 9, 2023

Rosinenbomber und Nachkriegsliebe im geteilten Berlin

 Entbehrungen in der Nachkriegszeit zur Zeit der Währungsreform und der Berliner Luftbrücke sind der historische Mantel der Liebesgeschichte zwischen einer jungen deutschen Übersetzerin und einem US-Piloten in Juliana Weinbergs "Die Kinder der Luftbrücke". Nora lebt mit ihren beiden Kindern und ihrer Mutter und Schwester im amerikanischen Sektor von Berlin - für Nachkriegsverhältnisse hat sie es also gut getroffen, umso mehr, als sie einen Job als Übersetzerin auf dem Berliner Flughafen Tempelhof bei der amerikanischen Militärverwaltung bekommt.

Noras Mann ist seit Jahren vermisst, Nachforschungen beim Roten Kreuz haben nichts ergeben, ob er irgendwo in Kriegsgefangenschaft ist oder längst nicht mehr lebt. Vor allem Noras achtjährige Tochter Veronika idealisiert den abwesenden Vater, an den sie nur noch vage Erinnerungen hat, während Nora allmählich die Hoffnung aufgibt. Und nicht nur das - mit dem US-Piloten Matthew hat sie schon bald einen aufmerksamen Verehrer und ist hin und her gerissen zwischen Pflichtgefühl und Emotionen.

Als die sowjetische Militärverwaltung alle Transportwege nach West-Berlin und die Kraftwerksverbindungen aus dem Ostteil der Stadt kappt, befindet sich Nora plötzlich an einem Ort, an dem Geschichte geschrieben wird, protokolliert sie doch die Sitzungen mit dem Berliner Regierenden Bürgermeister Reuter ("Völker der Welt, schaut auf diese Stadt...!") und den Alliierten, die zunächst bereit scheinen, die Stadt ihrem Schicksal zu überlassen. Doch dann: Luftbrücke, Rosinenbomber und die Hoffnung, auch in Berlin vom Aufschwung im Westen zu profitieren, wenn die D-Mark auch dort wie von Zauberhand Mangelware in die Regale der Geschäfte zaubert. Auch historische Figuren wie der Pilot Halvorsen, der mit seinen Fallschirmen mit Süßigkeiten zum Liebling Berliner Kinder wurde und noch in hohem Alter immer wieder nach Berlin kam,  werden beschrieben.

Für mich am spannendsten sind an diesem Buch die Krisengespräche, denen Nora als stumme und mitschreibende Zeugin beiwohnt. Da hat die Autorin offenbar gut recherchiert, auch die aufgeheizte Stimmung der Zeit wird spürbar. Die irgendwie recht vorhersehbare Liebesgeschichte dürfte romantische Leserinnen-Herzen erfreuen.  Vieles wie der Umgang mit der NS-Vergangenheit, dem immer noch vorhandenen Gedankengut des Dritten Reichs und das Leben in der geteilten Stadt außerhalb des US-Sektors ist nur angerissen. Und auch der Zickenkrieg im Schreibbüro nach dem Motto "Wer angelt sich den besten Amerikaner" hätte ruhig weniger ausführlich ausfallen können.

Dennoch leicht zu lesen und eher leichte Unterhaltung bei allem historischen Drama.


Juliana Weinberg, Die Kinder der Luftbrücke

Ullstein 2023

448 Seiten, 14,99

9783548066721


Saturday, February 26, 2022

Ein Hauch von La Boheme im heutigen London

  La Boheme im 21. Jahrhundert, junge Frau und älterer Mann, Kunstszene und Finanzwelt, Unsicherheiten, Wunchvorstellungen und eine Beziehung, die keine ist: "Unser wirkliches Leben", der Debütroman von Imogen Crimp, hat es mir trotz vorhandenen Potentials nicht leicht gemacht, dranzubleiben. Was vermutlich daran lag, dass mich die Ich-Erzählerin Anna irgendwann ziemlich genervt hat mit ihrer Jammerei, ihrem Selbstmitleid und der ewigen Selbstbespiegelung.

Anna studiert Operngesang, sie ist talentiert, hat ein Stipendium für das Londoner Konservatorium erhalten und singt in einer Hotelbar Jazz, um finanziell über die Runden zu kommen. In dieser Bar lernt sie eines Abends den Banker Max kennen, Ende 30 und damit eine ganze Ecke älter als die 24-jährige. Was zwischen den beiden beginnt, soll unverbindlich bleiben - einvernehmlicher Sex, von Liebe ist keine Rede, Essen in teuren Restaurants, er zahlt, sie richtet ihr Leben immer mehr nach ihm aus. 

Doch zunehmend ist Anna regelrecht besessen von Max, versucht mehr über sein anderes Leben herauszufinden, über seine Ehe, über das Privatleben, das er ihr verschweigt. Ihr Gesangsstudium beginnt sie zu vernachlässigen, ebenso ihre Freundschaften und das soziale Leben am Konservatorium. Zugleich belastet die Verunsicherung, was zwischen ihr und Max eigentlich läuft, zunehmend auch ihr gesamtes Leben. Sie zweifelt an ihrer Stimme, lässt Proben ausfallen, blamiert sich bei einem Vorsingen. Die Stimme will und kann nicht mehr so, wie Anna will. Ihr vielversprechender Anfang in der Opernwelt scheint früh und aprupt zu enden.

Nun gut, Künstler neigen gerne mal zur inneren Nabelschau und ein bißchen Drama. Aber je weiter das Buch voranschreitet, desto mehr nervt mich Anna mit ihrer Unfähigkeit, sich aus einer Beziehung zu lösen, die ihr nicht gut tut, während sie gleichzeitig Geld von Max annimmt oder sogar Geldscheine aus seiner Schublade klaut. Es fällt mir wirklich schwer, Mitleid zu empfinden - Anna ist keine 18, sondern 24, da kann man durchaus schon einen Realitätscheck erwarten. Und das Gejammer, dass Mitstudenten aus wohlhabenden Elternhäusern kommen und es viel leichter haben, dass ihre Freundun Laurie und sie zur Untermiete bei wenig sympatischen Leuten wohnen - meine Güte, die meisten Studenten schwimmen nicht in Geld, müssen jobben und gerade in teuren Städten wie London eine finanzielle Durststrecke irgendwie überstehen. Da ist Anna nicht die erste und nicht die letzte, der das Geld ausgeht und die nicht weiß, wie sie die Miete zusammenkriegen soll.

In der Hörbuchversion interpretiert Sandra Voss Anna mit einer dieser ziemlich hohen Stimmen, die immer mit einer Frage zu enden scheinen. Das passt zu der Figur, trägt aber nicht dazu bei, sie mir sympatischer zu machen. 

Gelungen finde ich die Szenen, in denen Anna von ihrem Gesagsstudium erzählt, davon, was die Musik für sie bedeutet. wie sie ihre Stimme wie ein Instrument nutzt, daran arbeitet und immer Angst um sie hat. Die Künstlercliquen mit ihren Eitelkeiten und Träumen, Konkurrenz und gemeinsamer Liebe zu Musik - das sind die Stellen, an denen "Unser wirkliches Leben" lebt und nicht in nöliger Selbstbetrachtung verharrt. Die Beziehungsgeschichte zwischen Anna und Max hingegen hat Längen, auf die ich gern verzichtet hätte.


Imogen Crimp, Unser wirkliches Leben

Gesprochen von Sandra Voss

Saga Audioverlag, 2022

14 Stunden 32 Minuten, 16,99

9788728094662


Friday, January 21, 2022

Queere Liebesgeschichte mit viel Romantik

  Mit ihrem Debütroman "Honey Girl" hat die amerikanische Autorin Morgan Rogers gleichermaßen eine queere Liebesgeschichte, die Schmerzen des Erwachsenwerdens und die Herausforderungen für eine junge Schwarze Frau, sich in der weißgeprägten Forschungswelt geschrieben. Ihre Protagonistin Grace und ihre Freunde sind wie sie - lesbische Millenials, People of Color, als Endzwanziger immer noch auf der Suche nach ihrem Platz im Leben und auf der Jagd nach ihren Träumen.

Grace ist die Tochter eines schwarzen Berufsoffiziers und einer weißen Mutter, der sie die honigblonde Farbe ihrer Haare verdankt. Während ihre Mutter, wenn sie nicht gerade Orangen in Florida züchtet, in Retreats in aller Welt spirituelle Erneuerung sucht, kommt Grace im Verhalten eher nach ihrem Vater, bei dem sie nach der Scheidung aufgewachsen ist. Colonel, wie er auch von Grace genannt wird, ist ein Mann, dessen Leben von Disziplin und fester Ordnung bestimmt ist - und so hat er auch Grace, die er militärisch-knapp bei ihrem Nachnamem Porter nennt erzogen: Nie klein beigeben, ehrgeizig sein, immer besser als die anderen sein.

Grace greift nach den Sternen - buchstäblich, Sie hat in Rekordzeit ihr Studium der Astronomie mit Auszeichnung abgeschlossen, im Eiltembo und ebenfalls herausragend promoviert und peilt nun eine wissenschaftliche Laufbahn an.  Es passt so gar nicht zu ihre, dass sie nach einem Wochenende mit ihren beiden besten Freundinnen und Mitbewohnuerinnen in einem Hotel in Las Vegas völlig verkatert aufwacht, mit einem Filmriss und einem Ring am Finger. Eine Visitenkarte und ein Foto belegen: Grace hat in der Nacht eine ihr bis dahin völlig Unbekannte geheiratet. Dunkel erinnert sie sich an Wangen wie Rosenblätter und einem Geruch nach Meer und Kräutern. Und dass sie die Fremde Frau bezaubernd fand - sonst hätten sie ja wohl nicht geheiratet.

Eine solche Spontanhandlung - das passt so gar nicht zu der stets disziplinierten Grace, ist ihr sogar ein wenig heimlich. Und doch bekommt sie ihre fremde Ehefrau nicht aus dem Kopf, während ihre Suche nach einem Job in der Wissenschaft zunehmend frustrierend ist. Mal wird sie trotz beeindruckender - für manche zu beeindruckender - Leistungen noch nicht einmal zu einem Vorstellungsgespräch eingeladen, mal muss sie befremdet feststellen, dass nicht-weiße Mitarbeiter in der Unternehmenskultur wohl nicht vorgesehen sind und ihre Zugehörigkeit zu Gruppen wie Schwarze in MINT-Fächern oder queere Wissenschaftler mit Befremden aufgenommen werden.

Mit Hilfe der Visitenkarte findet sie heraus, dass ihre unbekannte Ehefrau eine Radioshow in Brooklyn moderiert. Für Menschen, die einsam sind, anders sind, spricht sie über Monster und Alleinsein, über Sirenenlieder und Mythen. Grace lauscht, zunehmend fasziniert, bis sie schließlich den Mut findet Yuki eine Textnachricht zu schicken und schließlich sogar zu ihr nach New York reist. Doch ein happily ever after ist nicht möglich, solange Grace nicht ihre eigenen Monster konfrontiert.

Manchmal ist "Honey Girl" zuckersüße Romantik voller Kitsch und Verliebtheit, aber dabei irgendwie auch sehr liebenswert. Schmetterlinge im Bauch bringen halt auch eine mit militärischem Drill aufgewachsene Endzwanzigerin dazu, sich zu fühlen wie ein Teenager beim ersten großen Verliebtsein. Doch es geht auch um Einsamkeit, um Erwartungen von außen. Konflikte mit den Eltern, mit dem Umfeld. Wie kann man sich selbst finden, ohne andere zu verletzen und zurück zu lassen? Erfrischend geschrieben, mit liebenswerten Charakteren voller kleiner Macken,  ist "Honey Girl" auch ein Loblied auf Freundschaft und Liebe in all ihren Formen.  Nicht nur für Millenials nett, wenn es mal was fürs Herz sein soll.


Morgan Rogers, Honey Girl

dtv 2022

336 Seiten, 15 Euro

 978-3-423-26304-7

Saturday, October 3, 2020

Starke Männer auf Romantik-Kurs - Secret Book Club

 Beruflich könnte es für Baseball-Profi Gavin  Scott gar nicht besser laufen - seit seinem entscheidenden Home Run der Saison wird er von Kollegen und Fans gefeiert. Von Hochgefühlen kann dennoch keine Rede sein, denn seine Ehe steckt in einer tiefen Krise: Ausgerechnet beim Feier-Sex nach eben jenem Homerun musste er nämlich feststellen, dass Ehefrau Thea ihm seit nun mehr drei Jahren Orgasmen vorgetäuscht hatte. Da hilft auch der perfekt durchdefinierte Körper nicht - wenn es darum ging, die eigene Frau zu befriedigen, hat Gavin offensichtlich nicht nur kläglich versagt, sondern das noch nicht einmal mitgekriegt. Zutiefst verunsichert verzieht er sich zunächst ins Gästezimmer und wird von Thea, die seine Reaktion nicht nachvóllziehen kann, rausgeschmissen. Die Scheidung scheint nur noch eine Frage der Zeit.

Wie gut, dass Gavin in seinen Mannschaftskollegen gute Freunde hat. Einige von ihnen hatten in der Vergangenheit ebenfalls schon Ehekrisen - und ein ungewöhnliches Mittel zur Aufarbeitung von Kommunikationsproblemen gefunden: Die Lektüre historischer Liebesromane half ihnen zu verstehen, wie Frauen ticken - und wie die schwülstigen tall dark and handsome Helden ein romantisches Happy End bewerkstelligen.

Männer und Liebesschnulzen - ein Coming Out in der Profi-Liga könnte nicht weniger Schockwellen bereiten.  Kein Wunder, dass der Lesezirkel geradezu konspirativ auftritt - Secret Book club eben, so der Titel des Auftakts der bromance-Reihe von Lyssa Kay Adams. Und kein Wunder, dass die erste Regle der Eingeweihten lautet: Kein Wort nach außen. Es wäre schließlich nicht dem Image knallharter Hockeyprofis, Baseballstars und Alpha-Männer aus Politik und Wirtschaft förderlich, wenn herauskommt, dass sie ausgerechnet in der Schnulzenecke die Lösung für ihre privaten Probleme suchen müssen. Auch wenn sie, da erinnern sie schon wieder an das Auftreten in einer College-Verbindung, die Sex-Szenen für so anregend halten, dass sie ein eigenes Punktesystem für die LL (Lese-Latte) erstellt haben.

Sven Macht als Sprecher der Hörbuchversion dieses Liebesroman zwischen Persiflage und Schnulze kann alle Register ziehen, wenn er mal die Sicht des nun nicht nur wegen seines Stotterns verunsicherten Gavin, mal die von Thea zeigt. Da wird geraunt, geschnurrt, markige Männlichkeit und aufbegehrender Trotz intoniert. 

Denn auch Thea schleppt ihre eigenen inneren Dämonen mit sich herum - als Kind litt sie unter der gescheiterten Ehe der eigenen Eltern, der notorisch untreue Vater heiratet gerade zum vierten Mal, und die einst rebellische Künstlerin, die wegen der Schwangerschaft mit Zwillingen und anschließenden Heirat ihr Studium unterbracht, hasst das Dasein als WAG. Wenn sie sieht, dass sie im Laufe ihres Daseins als Spielerfrau zur in Pastelltöne gekleideten Southern Belle mutiert ist,  erkennt sie sich selbst kaum wieder. Sie will ihr altes, besseres Leben zurück. Doch mit oder ohne Gavin? Denn der lässt sich von Romanfigur Benedict, einem englischen Earl, beim Kampf um Theas Liebe inspierieren.

Inhaltlich ist natürlich vieles voraussehbar - welche Liebesschnulze darf schon ohne Happy end und viele Komplikationen und Missverständnisse zwischendurch enden? Dass die Figuren nicht durch sonderliche Tiefe überzeugen werden, ist auch von vornherein klar. Unterhaltsam ist das Konzept des "secret book club" allemal und beschert so manchen heiteren Hörmoment. Auch starke Männer dürfen bei Romanzen schwach werden.


Lyssa Kay Adams

Secret Book Club. Ein fast perfekter Liebesroman

Argon 2020, 539 Minuten

Sprecher: Sven Macht

9783732453764