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Tuesday, March 4, 2025

Mord beim Filmdreh

 Das hätte sich Filmhistoriker Richard Ainsworth nicht träumen können, seit er seine akademische Karriere gegen den Betrieb einer kleinen Frühstückspension in Frankreich eingetauscht hat: Ein  Filmteam ist angerückt, um einen historischen Film in der Region zu drehen. Cineast Richard ist begeistert, doch auch zusammen mit seiner Detektiv-Partnerin Valérie hat er mit den Filmleuten zu tun. Am Set gab es nämlich einige merkwürdige Vorfälle, eine junge Schauspielerin, die zudem eine Art Patentochter Valéries ist, wird bedroht. Das ungleiche Team soll sich um den Schutz auf dem Filmset kümmern. Als Security-Chef hat Richard schon bald viel Arbeit. Erst stirbt ein Komparse, dann kommt ein Schauspieler ums Leben. An eine natürliche Todesursache will Richard nicht glauben, so sehr der Produzent um eines reibungslosen Filmdrehs willen auf reinen Zufall pocht.

Zwischen exzentrischen Darstellern, die sich teilweise als echte Ekelpakete herausstellen, einer plötzlichen Funktion als Pressesprecher und angesichts neuer Drohungen und Intrigen sehnt sich Richard schon bald nach ein bißchen Qualtiy Time mit seinen geliebten Legehennen. Doch der Hühnerstall muss ein Sehnsuchtsort bleiben, solange im historischen Chateau vermutlich ein Mörder herumschleicht.

Ian Moores "Mord im Chateau" lebt wie schon die Vorgängerbände von dem Gegensatz zwischen dem eher weltfremden Cineasten Richard und der mondän-mysteriösen Valérie. Das ungleiche aber erfolgreiche Gespann wird einmal mehr ergänzt durch mittlerweile vertraute Nebenfiguren wie die resolute Putzfrau, die Betreiber einer Swingerclub-Pension und Richards Noch-Ehefrau. Und auch die britisch-französischen Kontraste in Temperament wie Lebensphilosophie geben dem rasanten Cozy-Krimi einmal mehr eine besondere Würze. Das augenzwinkernde Spiel mit Klischees macht einfach Spaß. Da hoffe ich doch mal auf ein Encore.


Ian Moore, Mord im Chateau

rororo 2025

336 Seiten, 14 Euro

 9783499016202

 

Saturday, April 22, 2023

Schöne reiche Bloggerin ermittelt in Bordeaux

 "Mord in Bordeaux" von Sandrine Albert ist ein typischer Urlaubskrimi, mit dem man sich vor, während oder nach der Reise mit der Urlaubsregion verbinden kann, in diesem Fall bevorzugt für Zuschauer von Seifenopern und Serien a la "Das Traumschiff". Denn reale Lebensbedingungen gelten hier nur für Nebenfiguren, die Protagonisten wirken allesamt wie aus dem Serienkatalog entschieden: Claire Molinet ist schön und reich, allerdings nicht aufgrund eigener Anstrengungen - Monsieur le Papa hat ihr denn auch die feudale Villa am Meer überlassen, in der sie nun residiert, mit gelegentlichem Techtelmechtel mit dem achtsamen Gärtner.  Deswegen kann sich die Privatdetektivin auch leisten, ihrem Hobby als Foodbloggerin zu frönen und nicht irgendwelche Feld- Wald- und Wiesenfälle übernehmen zu müssen wie Kollegen, die tatsächlich aufs Geldverdienen angewiesen sind. Kein Wunder, dass ihre Arbeit deutlich aufregender ist als die eines stinknormalen privaten Ermittlers!

Eigentlich leidet sie noch immer unter dem Liebesweh einer vorangegangenen Beziehung, die vermutlich die Leserinnen des ersten Bandes kennen.  Allerdings schwingen auch durchaus emotionale Spannungen mit, wenn Claire mit dem Commissaire Raoul Chénier zu tun hat, Typ groß, dunkelhaarig und gutaussehend, also auch ein wenig klischeehaft,  mit einem klitzekleinen Stück Sozialkritik an französischen Verhältnissen, hat sich der Arbeitersohn doch seinen  Weg in die Welt der Grand Ecole Absolventen erkämpft.

Mit dem Kniff, sich mit einem französisch (oder britisch, italienisch, portugiesisch usw) klingenden Pseudonym einen Anschein Landes-Authentizität zu verschaffen, ist die deutsche Autorin ja nicht allein unter den deutschsprachigen Krimischriftstellern. Die in den Text eingeworfenen Französisch-Brocken borden dann allerdings ein wenig über. Merci, ich habe schon verstanden: Mord in Bordeaux, spielt in Frankreich. Da sprechen die Leute französisch, auch wenn das Buch in deutsch geschrieben ist, da für deutsche Leser*innen.  Genug!

Wer bis hierher gelesen hat, ahnt schon: Dieser Krimi ist cozy. Was ja nichts schlechtes sein muss. So ist der Tod eines Politikers in einem Sternerestaurant, den Claire gewissermaßen vom Nebentisch miterlebt, der Auftakt einer Recherche, bei der die Ermittlerin im Alleingang dem Polizeiapparat nicht nur stets eine Nasenlänge voraus ist, sondern auch den richtigen Riecher hat. 

Was den eigentlichen Plot betrifft - der ist eigentlich richtig gut. In einem der typischen düsteren Skandinavienkrimis schwedischer Tradition wäre das richtig gut geworden. Hier plätschert die mit dem Fall verbundene Gesellschaftskritik eher sotto voce vor sich hin. 

Die Ermittlerin bleibt realitätsfern, aber so ist das nun mal bei Seifenopernpersonal. Manche Serien guckt man wegen der schönen Landschaft, nicht wegen der nach kurzer Zeit vorhersehbaren Geschichten. So ähnlich ist es mir mit "Mord in Bordeaux" gegangen. La belle France überzeugt, man merkt der Autorin die Liebe zur Region an, und für den Krimi zum Frankreich-Urlaub reicht das schon. Was den Rest betrifft: ganz nett, aber eben auch sehr vorhersehbar.


Sandrine Albert, Mord in Bordeaux

Ullstein 2023

416 Seiten, 11,99

9783548067346

Sunday, May 16, 2021

Roadtrip a la Harold und Maude

Ein wenig erinnert Zoe Brisbys Roman "Reise mit zwei Unbekannten" an den Kultfilm "Harold und Maude" über eine generationsübergreifende Freundschaft. Auch in diesem Roadtriproman fürs Herz lebt die Handlung vom Gegensatz der Hauptfiguren: Alex ist ein unter Depressionen leidender Student mit Liebeskummer und null Selbstbewusstsein, Maxine eine 96-jährige Seniorin voller Charme, Selbstbewusstsein und Vitalität. Die beiden lernen sich dank einer Mitfahrvermittlung im Internet kennen: Alex will für seine Fahrt nach Brüssel einen Mitfahrer, Maxine ist schon seit Jahrzehnten nicht mehr Auto gefahren und hofft auf eine angenehme Reisebegleitung.

Nach einigen Missverständnissen und Irritationen rauft sich das ungleiche Paar zusammen. Maxine versucht, Alex zu mehr Selbstbewusstsein zu verhelfen und ihn dazu zu bringen, einfach mal spontan das Leben zu genießen. Der wiederum erkennt, dass die scheinbar so lebenslustige Maxine ein Geheimnis hat und der Grund für ihre Reise nach Brüssel sehr ernst ist.

Als hätte die Dynamik zwischen Alex und Maxine nicht schon genügend Stoff für eine Berg- und Talfahrt, stellt sich heraus, dass Maxine aus dem Altenheim ausgerissen ist, wo man nun an eine Entführung glaubt. Dank der Videokameras is Alex als mutmaßlicher Entführer identifiziert. Er wird nun mit Hilfe einer reißerischen Medienberichterstattung gesucht als vermutlich instabiler und psychisch angeschlagener Täter.

Spätestens hier gerät der Roadtrip häufig ins Slapstickartige und völlig Überzogene. Alex, der Aufregungen aller Art stets vermieden hat, schliddert von einer Extremsituation in die nächste und Maxine sieht es als ihre vielleicht letzte Lebensaufgabe, diesem jungen Mann etwas von ihrem Optimismus zu vermitteln. 

"Reise mit zwei Unbekannten" ist ein Wohlfühlroman voller rasanter und überdrehter Episoden, bei dem man weder über literarischen Anspruch noch über allzu viel Logik und Plausibilität nachdenken sollte. Die Komik wird manchmal arg auf die Spitze getrieben, doch es gibt bei allem Humor durchaus ernste Töne. Da ist die Einsamkeit und Lieblosigkeit, von der sich Alex umgeben fühlt, die Bevormundung und Isolation, der sich Maxine ausgesetzt sieht. Hinzu kommt das Problem vieler hochbetagter Menschen: Die meisten Freunde und Weggefährten sind schon lange tot und es bleiben nur die Erinnerungen. Unterhaltsam und kurzweilig ist diese Reise allemal.


Zoe Brisby, Reise mit zwei Unbekannten

Eichborn, 2021

415 Seiten, 18 Euro

 978-3-8479-0056-6


Sunday, April 12, 2020

Trotz allem ein Wohlfühlroman

Die Anwaltskarriere der Pariser Juristin Soléne erfährt einen dramatischen Stopp, als sich einer ihrer Mandanten vor ihren Augen nach seiner Verurteilung in den Tod stürzt. Die Juristin aus großbürgerlicher Familie erleidet einen Zusammenbruch. Das traumatische Erlebnis hat einen Burn-Out ausgelöst, aus dem  sich die Hauptfigur in Laetitia Colombanis Roman „Das Haus der Frauen“ erst wieder ins Leben zurücktasten muss. Ihr Psychiater empfiehlt ehrenamtliches Engagement, um überhaupt wieder unter Menschen zu kommen.

Als Soléne die Ausschreibung für eine „öffentliche Schreiberin“ sieht, glaubt sie zunächst, hier gehe es um Schriftsätze für Behörden. Statt dessen findet sie sich im einst von der Heilsarmee eingerichteten „Palast der Frauen“ wieder.  Es ist ihre erste Begegnung mit dem Präkariat, mit Frauen, die mit psychischen Problemen zu kämpfen haben, die drogensüchtig sind, jahrelang auf der Straße gelebt haben oder als Flüchtlinge aus Afrika die gefährliche Reise über das Meer auf sich genommen haben. Sie fühlt sich zunächst überfordert von diesen Frauen, die zunächst nicht so recht wissen, was sie von ihr halten sollen.  Erst nach und nach öffnen sie sich und erzählen ihre Geschichten.

Es sind vor allem die Geschichten dieser Einzelschicksale, die sich episodenartig durch Laetitia Colombanis  Roman „Das Haus der Frauen“ ziehen. Solénes Weg aus ihrer Lebenskrise und ihr Kampf mit den eigenen Dämonen verbindet diese Geschichten wie eine Klammer. Hinzu kommt auf einer weiteren Erzählebene der Rückblick auf die Vergangenheit des „Palast der Frauen“ und seine Gründerin, die Heilsarmee-Offfizierin Blanche Peyron, die gegen alle Widerstände einen Zufluchtsort für Frauen in Not durchsetzte.

Diese Not ist nicht auf das 19. Jahrhundert beschränkt, wie Soléne erfährt. Da ist die Frau aus Guinea, die aus ihrer Heimat geflohen ist, um die kleine Tochter vor Genitalverstümmelung zu retten, aber ihren Sohn zurücklassen musste und darüber zu zerbrechen droht. Eine andere Frau schafft es  nach dem jahrelangen Leben auf der Straße immer noch nicht, ihr Zimmer als ein dauerhaftes Zuhause zu sehen, sondern schläft inmitten ihrer Taschen, wo immer sie die Müdigkeit übermannt. 
Soléne beginnt, auch jenseits des „Palast der Frauen“ die Armut im Alltag zu registrieren, findet neue Energie im Gefühl, für „ihre“ Frauen etwas ausrichten zu können.

Der Versuch, möglichst viele Schicksale in gut 250 Buchseiten zu packen, ist allerdings auch eine Schwäche des Romans von Laetitia Colombani. Denn den Figuren fehlt durchgehend die Tiefe für eine echte Sozialstudie, die Erfahrungen mit Drogen und Obdachlosigkeit, Flucht und psychischen Problemen bleiben schablonenhaft und auch die Figur der Soléne und ihrer Veränderung durch soziales Engagement ist irgendwie vorhersehbar. Herausgekommen ist ein eingängig geschriebener Wohlfühlroman über eine Frau, die in einer Sinnkrise ihr wahres Ich entdeckt. Dass Laetitia Colombani ursprünglich aus der Filmbranche kommt, ist dem Buch anzumerken. Allzu schwere Kost soll die Unterhaltung nicht belasten.

Laetitia Colombani, Das Haus der Frauen
S. Fischer Verlage, 2020
Ca 255 Seiten,
978-3-10-390003-3