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Monday, April 14, 2025

Genossen im Cannabis-Business

  Vielleicht sollte man in der Zeit des Kalten Krieges aufgewachsen sein oder den real existierenden Sozialismus a la DDR selbst erlebt haben, um Jakob Heins Roman "Wie Grischa mit einer verwegenen Idee beinahe den Weltfrieden auslöste" richtig würdigen und genießen zu können. Aber auch nachgeborene Generationen dürften an der witzigen und unterhaltsamen alternativen Geschichtsschreibung deutsch-deutscher Verhältnisse in den 80-er Jahren Spaß haben.

Hein führt die Leser*innen zurück in die frühen 80-er Jahre. Helmut Kohl ist Bundeskanzler und setzt auf die geistig-moralische Wende, die Handlung spielt allerdings ganz überwiegend in der DDR. Grischa, linientreuer Kadersprössling, SED-Mitglied und für den Sozialismus brennend, ist aus der thüringischen Provinz nach Berlin gezogen, um seine erste Stelle anzutreten. Bei der Plako, der staatlichen Planungskommission! Der ehrgeizige junge Mann kann es gar nicht erwarten, so richtig loszulegen. Und erleidet erst einmal einen Realitätsschock: Der Jungaktivist der Abteilung für Afghanistan - wo zu diesem Zeitpunkt die sowjetische Invasion andauert - hat außer seinem Chef keine weiteren Kollegen, und die Arbeitsleistung der Abteilung ist sehr übersichtlich. Viel Zeit wird in der Kantine verbracht.

Doch Grischa will Völkerfreundschaft und Handelsaustausch dienen und hat nach ausgiebiger Recherche eine zündende Idee, von der er seine Vorgesetzten erst einmal überzeugen muss: Technik aus der DDR im Austausch gegen Medizinalhanf, das zusammen mit Schlafmohn zu den landwirtschaftlichen Erzeugnissen Afghanistans gehört. Und anders als in der BRD sei Cannabis in der DDR nicht gesetzlich verboten, schon allein, weil es dort keinen vorhandenen Markt gebe. Doch Grischa will ohnehin nicht die DDR-Jugend zum Kiffen verführen, sondern den Kapitalismus unterwandern: Mit Verkauf an die Westberliner Jugend gleich hinter dem Grenzkontrollpunkt, in einem deutsch-afghanischen Freundschaftsladen, lässt sich dem Klassenfeind eine Nase drehen und obendrein kriminelle Strukturen von Dealern unterwandern.

Nach einer Exkursion zum afghanischen Brudervolk - unter Aufsicht einer strengen Offizierin des MfS, versteht sich - und Produktprobe werden Grischas Pläne tatsächlich Realität - und spülen nach anfänglichen Anlaufproblemen schon bald reichlich Devisen in die Kassen der DDR.  Es dauert ein bißchen, bis die Westberliner und bundesdeutschen Behörden auf das Phänomen aufmerksam werden, das nicht nur rechtlichen, sondern auch politischen Sprengstoff verspricht. Denn bundesdeutsche Kontrollmaßnahmen liefen womöglich auf eine de facto-Anerkennung der Grenze hinaus, die es nicht geben darf.

Derweil hat eine junge, ehrgeizige und in einem  Bonner Ministerium gelangweilte Rechtsreferendarin eine Idee, wie mit dem Rauschgifthandel am Grenzkontrollpunkt umgegangen werden sollte. Ein fast schon konspiratives deutsch-deutsches Treffen in Bayern wird zur Verhandlung über das Afghanistan-Projekt, bei der sich beide Seiten gegenseitig belauern und natürlich bespitzeln. Dennoch kommt es zu einer unerwarteten deutsch-deutschen Annäherung und einem Ausgang, der Grischa Lob von höchster Stelle und die Auszeichnung als "Held der Arbeit" einbringt. Auch wenn er sich sein völkerverbindendes Agrarprojekt so nun wirklich nicht vorgestellt hat. Doch mit einem geradezu märchenhaften Ausgang schafft es Hein, für die Protagonisten des Plako-Teams ein buchstäbliches happy end zu finden.  

Ähnlich wie in "Good bye Lenin" sorgt dieses Buch für viele heitere Momente, gerade weil die aberwitzige Handlung mit DDR-Sprech und Beamten-Slang begleitet wird. Schon allein das konspirative Bayern-Treffen mit Geheimdienstlern beider Seiten ist ein kleines Juwel.  Ich habe mich beim Lesen großartig unterhalten.


Jakob Hein, Wie Grischa mit einer verwegenen Idee beinahe den Weltfrieden auslöste

Kiepenheuer & Witsch 2025

256 Seiten, 23 Euro

9783869713168

Sunday, May 5, 2024

Aberwitzige Kochshow-Parodie

 Mit "Schnitzel Suprise" hat Markus Heitz die Welt der Koch- und Backshows aufs Korn genommen und beschreibt mit schrägem Humor und überdrehtem Plot die Abenteuer von Thom, der es fast mal zu einem Michelin-Stern geschafft hat, nun aber doch nur der Wirt des Schnitzel-Ecks ist, einer Kneipe, die irgendwie in den 80-er Jahren stehengeblieben ist und in der die Pleite stets nur um die Ecke zu sein scheint. 

Also so gar kein telegener Szenewirt - bis ihm der hippe TV-Produzent Max ein Angebot macht, dass Thom nicht abschlagen kann: Er stellt Thom in den Mittelpunkt von Koch-Formaten aller Art. Dafür will der Sender Thoms Schulden übernehmen. Das wird dem Schnitzelwirt zwar schon bald zu viel, aber er kommt da nicht mehr raus. Statt dessen gibt es Ärger mit der Lebensmittelaufsicht, mit der Ex und die Sorge um den 60-jährigen Azubi Boris, der an Allergien und Unverträglichkeiten alles aufzuweisen hat, was da so existiert.

Der Generationen- und Kulturclash zwischen Mittvierziger Thom und seinen Stammkunden Halbglatzen-Martin und Schnurrbart-Stefan einerseits und der hippen unter-30-Fernsehmeute andererseits bietet schon reichlich Stoff für Krisen, Missverständnisse und Frust. Manches, was Thom beim Brainstormen vorschlägt, weil er es für völlig irre hält, wird begeistert aufgenommen. 

In den immer abstruseren Koch- und Backformate,, die zunächst als Internet-Testballons laufen, muss Thom jetzt irgendwie eine gute Figur machen. Und dann sind da noch all die durchgeknallten Schnitzelvarianten. Nicht zu vergessen der Einsatz Thoms in einer Kindergartengruppe, wo nach gemeinsamem Schnitzelbraten sensible Kinderseelen plötzlich feststellen, dass das Fleisch mal gelebt hat. 

Dennoch: als "Desaster-Chef" hat Thom plötzlich eine große Fangemeinde und wird zum Gastro-Influencer wider willen. Kurz, es gibt jede Menge Situationskomik, vielleicht nicht allzu subtil, aber ein Lesespaß, der Entspannung schafft und die Lachmuskeln attackiert. 


Markus Heitz, Schnitzel Surprise

Knaur 2024

352 Seiten, 12 Euro

9783426448748

Tuesday, February 7, 2023

Tod in Glaubenthal

 Mit "Peter kommt später" lässt Thomas Raab zum dritten Mal Frau Huber im österreichischen Glaubenthal ermitteln. Dabei überzeugt mich die alte Dame mit dem herben Charme, eine Grantlerin mit dem Herz auf dem richtigen Fleck. Leider gerät das Buch über weite Strecken langatmig  und braucht ordentlich Zeit, um in Schwung zu kommen. Und das ist schade, denn der Plot ist ebenso überzeugend wie der bitterböse, sarkastische Humor, der hier immer wieder durchbricht - leider nicht durchgehend.

Denn als erst die alte Brucknerwirtin nicht ins Gras beißt, aber tot im Kaiserschmarrn endet und wenig später die Dorfälteste Hertha ausgerechnet an ihrem 99. Geburtstag ermordet aufgefunden  wird, kann die Huberin nicht untätig bleiben. Vor allem, da ausgerechnet Hertha, die sich nach dem Krieg verwaister Kinder angenommen hat, mit einem Nazi-Dolch im Rücken daliegt, das will Frau Huber nicht in den Kopf.

Dabei wird mit dem Dolch bereits ein Leitmotiv gesetzt, denn die Verbrechen spülen auch die braune Vergangenheit des Dorfes wieder an die Oberfläche. Wobei: Das Vergangene ist gar nicht so vergangen. Längst huldigt eine neue Generation der Ideologie von einst und versucht, sie der Jugend weiter zu geben. Die Huberin wird mit Abgründen in der Alpenidylle konfrontiert, muss Vergangenes aufdecken, das alle am liebsten Vergessen wollen und weiß schon bald nicht mehr, wem sie überhaupt noch trauen kann. Ihre schlechte Meinung über die Glaubenthaler war instinktiv ganz richtig, muss sie erkennen. Doch es gibt noch andere, die die Vergangenheit nicht ruhen lassen wollen.

Reichlich Dialekt prägt diesen Alpenkrimi mit allerlei Nebenhandlungen, die einer stringenten Erzählung eher im Weg stehen. Hier wäre dann weniger mehr gewesen. Liebenswert ist die ermittelnde Seniorengang, die den braunen Sumpf ihres Heimatortes trocken legen will. Hier ist etwas nicht faul im Staate Dänemark, sondern in der Alpenrepublik.


Thomas Raab, Peter kommt später

Kiepenheuer & Witsch 2022

336 Seiten, 22 Euro

9783462002065

Sunday, March 6, 2022

Merkeljahre- aus der Sicht des älteren weißen Mannes

 Das Veröffentlichungsdatum von Dietmar Wischmeyers satirischem  Rückblick auf die Regierungsjahre von Angela Merkel könnte zu einem schlechteren Zeitpunkt kaum kommen. "Als Mutti unser Kanzler war" blickt teils süffisant, teils auch eher platt zurück auf Große Koalition und Corona, auf Gendersternchen und Umweltpolitik, au Trum und Putin. Und vor allem Scherze im Zusammenhang mit letztgenanntem bleiben angesichts der aktuellen Entwicklung derzeit im Hal stccken. Es ist eben irgendwie nicht kommisch, über den unprätentiös-pragmatischen Umgang der Kanzlerin mit den großen der Welt und den Männern in Partei und Koalition zu schmunzeln, wenn Putin gerade seine Armeen in die Ukraine schickt. 

Dabei waren gerade die weltpolitischen Seitenhiebe des satirischen A-Z Rückblicks auf die Merkeljahre am gelungensten. Denn sehr viel anderes, sei es Fridays4Future, seien es Befindlichkeiten zu Gendergerechtigkeit und wokeness wirken teilweise wie das Gejammer des alten weißen Mannes, der seine Rückzugsgefechte austrägt. Menschlich verständlich, aber nicht so komisch, andere haben eben lange darauf gewartet, endlich mal selbst zum Zug zu kommen. Das kann durchaus mal spitz, ironisch und provokant sein, trägt aber letzten Endes nicht durchs ganze Buch. 

Insofern: Häppchenweise lustig, aber mit Längen.


Dietmar Wischmeyer, Als Mutti unser Kanzler war

Rowohlt, 2022

336 Seiten, 18 Euro

: 978-3-7371-0147-9