Zugegeben - ich war erst mal ein bißchen skeptisch, ehe ich "City of Girls" von Elizabeth Gilbert zu lesen begann. Seit "Eat Pray Love" genießt Gilbert bei vielen ihrer Leserinnen (schätze, die Frauen sind klar in der Mehrheit) Kultcharakter als eine Art literarischer Lebenshilfe Guru. Also etwas, was mir persönlich zu waberig ist. In City of Girls sind die Lebensweisheiten allerdings in einer Coming of Age-Geschichte versteckt und mit dem Glamour New Yorks in den 40-er Jahren verbrämt.
Vivian Morris, zu Beginn des Romans 19 Jahre als und gerade vom renommierten Vassar College geflogen wegen unzureichender akademischer Leistungen, weiß nicht wirklich, was sie mit ihrem Leben anfangen soll. Behütete Tochter aus gutem Hause, der Vater ein Minenbesitzer in einer Kleinstadt an der Ostküste, die Mutter vor allem an ihren Reitpferden interessiert. Vivian ist nicht unbeding unintelligent, aber antriebslos und ohne jeden Ehrgeiz. Ihre Familie gibt sich allerdings auch wenig Mühe, herauszufinden, was eine gute Option für die Tochter wäre. Statt dessen wird Vivian in die Obhut ihrer Tante Peg gegeben, die in New York ein Theater betreibt. Es ist eine Art Exil - aber wie kann es eine Strafe sein, in New York zu leben?
Das Theater wie auch die Nachbarschaft haben die besten Zeiten hinter sich. Peg, ein wenig exzentrisch und mit großem Herzen, hat ein Alkoholproblem und muss von ihrer Geschäftsführerin Olive immer wieder gebremst werden, um das Theater vor dem finanziellen Ruin zu retten. Dass die beiden mehr als nur das Theater teilen, merkt Vivian erst spät - auch wenn der Gaydar eigentlich prompt ausschlagen müsste.
Die Qualität der Stücke mag nicht gerade Broadway-Niveau haben, doch Vivian ist fasziniert, vor allem von den Revuegirls, die für Glamour und Aufregung sorgen. Und sie stellt fest, dass sie gar nicht so nutzlos ist: Denn Vivian hat ein Auge für Stoffe und Kostüme, ist eine talentierte Näherin und findet sich plötzlich in der Rolle der Kostümbildnerin.
Und dann ist da ja auch noch das aufregende New Yorker Nachtleben, in das sich ihre neuen Freundinnen allabendlich stürzen, mit viel Alkohol, mit immer neuen Männern, mit einem Lebensgefühl, dass nur die Gegenwart kennt. Klar, dass Vivian da mithalten möchte. Ihr völliger Mangel an sexueller Erfahrung steht ihr nicht lange im Weg - ihre Entjungferung wird sozusagen gemeinsam geplant - ein ziemlich komische Szene übrigens.
Dass in Europa Krieg herrscht, wird in dem rauschhaften Leben in Midtown Manhattan fast vergessen, bis Pegs und Olives alte Freundin, die berühmte englische Schauspielerin Edna, samt ihres hübschen aber ausgesprochen unterbelichteten Gatten in New York strandet und die bunte Gemeinschaft ergänzt. Ein Stück für Edna muss her, und mit "City of Girls", geschrieben von Pegs getrenntem Ehemann, hält unerwarteter Erfolg Einzug. Alles könnte perfekt sein, wenn Vivian nicht in einem Moment der Dummheit in einen handfesten Skandal verwickelt wird und von ihrem Bruder wieder zurück nach Hause verfrachtet wird.
Erst Jahre später holt Peg sie zurück nach New York, um sie bei der Organisation von Unterhaltung für die kriegswichtigen Arbeiter des Navy Yard zu unterstützen. Richtig erwachsen wird Vivian aber erst, als sie zusammen mit einer Freundin ein Geschäft für maßgeschneiderte Hochzeitskleider aufbaut und nicht nur wegen ihrer handwerklichen Fertigkeiten gebraucht wird...
Geschrieben ist das alles aus der Sicht Vivians, nunmehr eine sehr alte Frau, eine Art Rechenschaftsbericht an die Tochter eines Mannes, der ihr viel bedeutet hat. Am eindrücklichsten blieben zumindest für mich die Nebenfiguren - Peg, das Revuegirl Celia, Marjory, die Tochter eines Lumpenhändlers, die später Vivians beste Freundin wird. Das sind Frauenfiguren voller Ecken und Kanten, als Persönlichkeiten spannender als Vivian, die zwar als Vorreiterin sexueller Befreiung ihrer Zeit und Gesellschaft ein ganzes Stück voraus ist, als Mensch aber irgendwie blass bleibt, so verschwommen wie der Martini-Dauerrausch ihrer vielen Nachtclub-Nächte.
Akzeptanz, Verständnis und Leidenschaft werden groß geschrieben in diesem Buch, das auch ein Loblied auf die "soziale Familie" ist, jenes Unterstützungsnetzwerk guter Freunde, die nicht nur im Leben von Vivian wichtiger sind als die Herkunftsfamilie. Ein Zeit- und Sittengemälde, dass den Glamour eines New Yorks wieder aufleben lässt, das beim Lesen Bilder aus alten Schwarz-Weiß Filmen der Jazz-Ära weckt. Eingängig und unterhaltsam.
Elizabeth Gilbert, City of Girls
S. Fischer , 2020
496 Seiten, 16,99
978-3-10-002476-3
Monday, June 1, 2020
Friday, May 29, 2020
Gereifte Vorstadtmami ? Zwischen Pubertät und Ehekrise
Auch Vorstadtmamis werden älter und müssen neuen Herausforderungen ihrer Mittelstandsexistenz begegnen. Ellen, die Autorin Gill Simms vor ein paar Jahren als trinkfreudige Mutter zweier noch kleiner Kinder ("Mami braucht nen Drink") eingeführt hat, fühlt sich auch mit Mitte 40 noch flippig und jung - jedenfalls, so lange sie nicht das entsetzte "Mutter!!!"ihrer pubertierenden Tochter hört. Tja, 15-jährige finden ihre Mutter nun mal peinlich, das Problem kennen Ellens Freundinnen ebenso. Es könnte schlimmer sein: Ellens beste Freundin ist schwanger. Noch einmal Morgenübelkeit, schlaflose Nächte und die Fürsorge für ein Baby, während die Teenager-Kinder peinlichst berührt sind angesichts dieses offenkundigen Beweises dafür, dass ihre Eltern noch Sex haben.
So richtig prickelnd ist Ellens private Situation aber auch nicht: Ehemann Simon, der doch mal die Liebe ihres Lebens war, ist fremdgegangen. Ein paar Matratzenübungen während einer Dienstreise, die ihm wenig bedeuteten - doch Ellen tobt. So viel Weißwein gibt es gar nicht, um ihre Mordgelüste zu betäuben. Zur Mörderin wird sie als beherrschte Mittelstandsbritin denn auch nicht, aber die vin Simon angestrebte vorübergehende Trennung ist für Ellen der Anlass, einen Schlussstrich zu setzen.
Also alles wieder auf Position Eins, mit Tindern für Menschen mitlleren Alters, Speed Dates, den Turbulenzen des Alltags mit zwei Pubertierenden, die mal furchtbar anstrengend und dann auch so lieb und schon so reif sein können, mit Verlusten und der Erkenntnis, dass die eigenen Eltern nicht unsterblich sind. Auch wenn Ellen wie schon in den früheren Büchern ein wenig überdreht ist - hier wird sie angesichts diverser Krisen ein ganzes Stück erwachsener.
Gill Simms schildert die Abenteuer der nun aufs Land ziehenden Ellen humorvoll und spart nicht mit Herausforderungen durch kotzende Hunde, gehässige Hühner und Festival-Glimmer. Bei allen Übertreibungen - viele Situationen dürften Leserinnen im gleichen Alter bekannt vorkommen. "Mami kann auch anders" will keine tiefschürfende Literatur sein, sondern einfach Unterhaltung in einem Alltag, mit dem auch Vorstadtmami Ellen nur zu gut vertraut ist.
Gill Simms, Mami kann auch anders
Eisele Verlag 2020
416 Seiten, 16 Euro
9783961610815
So richtig prickelnd ist Ellens private Situation aber auch nicht: Ehemann Simon, der doch mal die Liebe ihres Lebens war, ist fremdgegangen. Ein paar Matratzenübungen während einer Dienstreise, die ihm wenig bedeuteten - doch Ellen tobt. So viel Weißwein gibt es gar nicht, um ihre Mordgelüste zu betäuben. Zur Mörderin wird sie als beherrschte Mittelstandsbritin denn auch nicht, aber die vin Simon angestrebte vorübergehende Trennung ist für Ellen der Anlass, einen Schlussstrich zu setzen.
Also alles wieder auf Position Eins, mit Tindern für Menschen mitlleren Alters, Speed Dates, den Turbulenzen des Alltags mit zwei Pubertierenden, die mal furchtbar anstrengend und dann auch so lieb und schon so reif sein können, mit Verlusten und der Erkenntnis, dass die eigenen Eltern nicht unsterblich sind. Auch wenn Ellen wie schon in den früheren Büchern ein wenig überdreht ist - hier wird sie angesichts diverser Krisen ein ganzes Stück erwachsener.
Gill Simms schildert die Abenteuer der nun aufs Land ziehenden Ellen humorvoll und spart nicht mit Herausforderungen durch kotzende Hunde, gehässige Hühner und Festival-Glimmer. Bei allen Übertreibungen - viele Situationen dürften Leserinnen im gleichen Alter bekannt vorkommen. "Mami kann auch anders" will keine tiefschürfende Literatur sein, sondern einfach Unterhaltung in einem Alltag, mit dem auch Vorstadtmami Ellen nur zu gut vertraut ist.
Gill Simms, Mami kann auch anders
Eisele Verlag 2020
416 Seiten, 16 Euro
9783961610815
Friday, May 15, 2020
Schwester Isabella ermittelt - Kloster, Mord und Dolce Vita
Wer sagt, Nonnen in ihrem Kloster hätten der Welt, dem Weltlichen und allem Aufregenden entsagt? In dem toskanischen Kloster, das Schauplatz der Reihe "Kloster, Mord und Dolce Vita" ist, kann das Klosterleben sogar gewaltsam tödlich sein - wie im Fall des "Tod zur Mittagstunde". So lautet der Titel des ersten Abenteuers der Hobby-Detektivin und Klosterschwester Isabella, die den jungen Carabiniere Matteo in dem Cozy Krimi von Valentina Morelli tatkräftig unterstützt. Schließlich ist es ja eine Mitschwester, die durch einen Turm vom Glockenturm zu Tode gekommen ist. War es ein tragischer Unfall, Mord oder - Dio mio! - gar Selbstmord?
Angesichts der ziemlich klaren Haltung der Kirche zum Suizid will Isabella diesen Makel auf ihrer Mitschwester nicht sitzen lassen. Die muntere Nonne nutzt ihren neuen Klosterjob als Marktverkäuferin, um Einwohnern auf den Zahn zu fühlen. Könnte in den Porzellanfiguren, die die tote Nonne gesammelt hatte, die Lösung zu finden sein? Ist das auffällige Interesse der deutschen Ordenschwester Hildegard an der Zelle der toten Nonne verdächtig? Gibt es Intrigen in der Ordensgemeinschaft, die die im Kloster noch neue Isabella aufklären muss, oder ist die Lösung des Falles in der Außenwelt zu finden?
In den von Chris Nonnast gelesenenen Hörbüchern bekommt jede der Handlungsfiguren ihre eigenen "Stimme" und auch die Bewohner des Städtchens Santa Catarina mit seinem pittoresken Markt, den engen Gassen, dem geschäftstüchtigen Bürgermeister und dessen schöner Tochter Nina hinterlassen in den kurzen Kapiteln Bilder im Kopf des Hörers.
Der Bürgermeister und seine Tochter sind auch im zweiten Band "Der Tote am Fluss" wesentliche Figuren. Kein Wunder, denn die schöne Antiquitätenhändlerin hat es Matteo schwer angetan. Zu dumm, dass der Bürgermeister zu jenen Vätern gehört, denen eh kein Mann gut genug für seine Tochter ist. Ein toter Landstreicher mit überraschender Vergangenheit und die Suche nach einem Motor für Matteos antike Vespa halten Polizisten und Nonne gleichermaßen auf Trab.
Wie es sich für Cozy-Krimis gehört, geht es eher humorvoll als blutrünstig zu, und abgesehen von denjenigen, die eines gewaltsamen Todes starben, stehen die Zeichen grundsätzlich auf happy end. Die Hügel und Weinberge, die engen Gassen und malerischen piazzas bilden die Kulisse der vergleichsweise knappen Hörbücher. Italienische Lebenskunst und Leichtigkeitgehört natürlich dazu. Das ist zwar manchmal ein wenig klischeebelastet, aber liebenswert und begleitet von einem Augenzwinkern. Leichte und beschwingte Unterhaltung für Freunde des Dolce Vita ohne allzu viele Blutspritzer.
Valentina Morelli, Kloster, Mord und Dolce Vita
Folge 1 - Tod am Mittag
Folge 2 - Der Tote am Fluss
gesprochen von Chris Nonnast
Angesichts der ziemlich klaren Haltung der Kirche zum Suizid will Isabella diesen Makel auf ihrer Mitschwester nicht sitzen lassen. Die muntere Nonne nutzt ihren neuen Klosterjob als Marktverkäuferin, um Einwohnern auf den Zahn zu fühlen. Könnte in den Porzellanfiguren, die die tote Nonne gesammelt hatte, die Lösung zu finden sein? Ist das auffällige Interesse der deutschen Ordenschwester Hildegard an der Zelle der toten Nonne verdächtig? Gibt es Intrigen in der Ordensgemeinschaft, die die im Kloster noch neue Isabella aufklären muss, oder ist die Lösung des Falles in der Außenwelt zu finden?
In den von Chris Nonnast gelesenenen Hörbüchern bekommt jede der Handlungsfiguren ihre eigenen "Stimme" und auch die Bewohner des Städtchens Santa Catarina mit seinem pittoresken Markt, den engen Gassen, dem geschäftstüchtigen Bürgermeister und dessen schöner Tochter Nina hinterlassen in den kurzen Kapiteln Bilder im Kopf des Hörers.
Der Bürgermeister und seine Tochter sind auch im zweiten Band "Der Tote am Fluss" wesentliche Figuren. Kein Wunder, denn die schöne Antiquitätenhändlerin hat es Matteo schwer angetan. Zu dumm, dass der Bürgermeister zu jenen Vätern gehört, denen eh kein Mann gut genug für seine Tochter ist. Ein toter Landstreicher mit überraschender Vergangenheit und die Suche nach einem Motor für Matteos antike Vespa halten Polizisten und Nonne gleichermaßen auf Trab.
Wie es sich für Cozy-Krimis gehört, geht es eher humorvoll als blutrünstig zu, und abgesehen von denjenigen, die eines gewaltsamen Todes starben, stehen die Zeichen grundsätzlich auf happy end. Die Hügel und Weinberge, die engen Gassen und malerischen piazzas bilden die Kulisse der vergleichsweise knappen Hörbücher. Italienische Lebenskunst und Leichtigkeitgehört natürlich dazu. Das ist zwar manchmal ein wenig klischeebelastet, aber liebenswert und begleitet von einem Augenzwinkern. Leichte und beschwingte Unterhaltung für Freunde des Dolce Vita ohne allzu viele Blutspritzer.
Valentina Morelli, Kloster, Mord und Dolce Vita
Folge 1 - Tod am Mittag
Folge 2 - Der Tote am Fluss
gesprochen von Chris Nonnast
Sunday, April 19, 2020
Liebevoll-tragische Vater-Sohn-Geschichte - "Pandatage"
Danny Maloony hat mit seinen gerade mal 28 Jahren schon jede Menge Schicksal zu bewältigen. Während mancher seiner Altersgenossen noch in ausgedehnter Jugendphase steckt, ein Gap-Year einlegt, alles mögliche ausprobiert, um sich selbst zu verwirklichen und Träumen nachzujagen, hat der Held von James Gould-Bourns Buch "Pandatage" gar keine Zeit zum Träumen: Der Hilfsarbeiter auf dem Bau ist alleinerziehender Vater seit dem Unfalltod seiner Frau. Will, der zwölfjährige Sohn, der bei dem Unfall schwer verletzt wurde, hat seitdem kein Wort gesprochen.
In dieser Situation wäre Danny auch schon überfordert, wenn er sich nicht mit Mietschulden und einem rabiaten Hausbesitzer herumplagen müsste. Wenn er nicht obendrein seinen Job verloren hätte und seine finanziellen Sorgen dadurch noch weiter anwachsen. Denn ungelernte Arbeiter wie Danny sind auf dem Arbeitsmarkt nicht wirklich gefragt, wie er bei seiner verzweifelten Suche feststellen muss.
Eher zufällig und ohne einen wirklichen Plan startet Danny in eine neue Laufbahn als Straßenkünstler im Pandakostüm - es war, abgesehen von einer Nazi-Uniform und einem Boris Johnson-Outfit das billigste, was der Kostümladen zu bieten hatte. Der Anfang ist schwer: Danny wird von anderen Straßrnkünstlern bestohlen, von Kindern gedemütigt und verdient nicht einmal genug für den Bus nach Hause.
Doch während die Existenznöte andauern, erweist sich das Pandakostüm als Segen, als Danny eines Tages Zeuge wird, wie zwei ältere Jungen seinen Sohn misshandeln. Der "Panda" verjagt sie - und Will, der sich bei dem Straßenkünstler bedankt, spricht sein erstes Wort seit mehr als einem Jahr. Danny hofft, dass dies ein Durchbruch sein könnte. Doch Will schweigt zu Hause genauso wie in der Schule. Doch die Sprachlosigkeit ist nicht nur Ausdruck von Trauer und Trauma - Danny weiß im Grunde kaum etwas über seinen Sohn. Der vertraut sich nur dem stummen Panda an, der seine Antworten auf einen Notizblock schreibt. Können Vater und Sohn doch noch zueinander finden ?
Auf der Suche nach einem Ausweg aus seinem finanziellen Dilemma sind Dannys einzige Verbündete sein ukrainischer Kumpel Ivan und die Stangentänzerin Krystal, die Danny zwar seit der ersten Begegnung verhöhnt, sich dann aber trotzdem breit schlagen lässt, ihm das Tanzen beizubringen.
"Pandatage" ist eine tragikomische Geschichte, die sich in einem Rutsch lesen lässt und trotz ernster Themen nicht allzu viel Tiefgang hat. Die Charaktere sind eher einfach gestrickt nach einem schwarz-weiß-Schema, der Ausgang irgendwie unausweichlich. Anrührender Schmökerstoff für Tage, an denen keine allzu schwere Lesekost gefragt ist und dessen Fernsehverfilmung vermutlich nur eine Frage der Zeit ist.
James Gould-Bourn, Pandatage
Kiepenheuer & Witsch, 2020
384 Seiten, 20 Euro
978-3-462-05364-7
In dieser Situation wäre Danny auch schon überfordert, wenn er sich nicht mit Mietschulden und einem rabiaten Hausbesitzer herumplagen müsste. Wenn er nicht obendrein seinen Job verloren hätte und seine finanziellen Sorgen dadurch noch weiter anwachsen. Denn ungelernte Arbeiter wie Danny sind auf dem Arbeitsmarkt nicht wirklich gefragt, wie er bei seiner verzweifelten Suche feststellen muss.
Eher zufällig und ohne einen wirklichen Plan startet Danny in eine neue Laufbahn als Straßenkünstler im Pandakostüm - es war, abgesehen von einer Nazi-Uniform und einem Boris Johnson-Outfit das billigste, was der Kostümladen zu bieten hatte. Der Anfang ist schwer: Danny wird von anderen Straßrnkünstlern bestohlen, von Kindern gedemütigt und verdient nicht einmal genug für den Bus nach Hause.
Doch während die Existenznöte andauern, erweist sich das Pandakostüm als Segen, als Danny eines Tages Zeuge wird, wie zwei ältere Jungen seinen Sohn misshandeln. Der "Panda" verjagt sie - und Will, der sich bei dem Straßenkünstler bedankt, spricht sein erstes Wort seit mehr als einem Jahr. Danny hofft, dass dies ein Durchbruch sein könnte. Doch Will schweigt zu Hause genauso wie in der Schule. Doch die Sprachlosigkeit ist nicht nur Ausdruck von Trauer und Trauma - Danny weiß im Grunde kaum etwas über seinen Sohn. Der vertraut sich nur dem stummen Panda an, der seine Antworten auf einen Notizblock schreibt. Können Vater und Sohn doch noch zueinander finden ?
Auf der Suche nach einem Ausweg aus seinem finanziellen Dilemma sind Dannys einzige Verbündete sein ukrainischer Kumpel Ivan und die Stangentänzerin Krystal, die Danny zwar seit der ersten Begegnung verhöhnt, sich dann aber trotzdem breit schlagen lässt, ihm das Tanzen beizubringen.
"Pandatage" ist eine tragikomische Geschichte, die sich in einem Rutsch lesen lässt und trotz ernster Themen nicht allzu viel Tiefgang hat. Die Charaktere sind eher einfach gestrickt nach einem schwarz-weiß-Schema, der Ausgang irgendwie unausweichlich. Anrührender Schmökerstoff für Tage, an denen keine allzu schwere Lesekost gefragt ist und dessen Fernsehverfilmung vermutlich nur eine Frage der Zeit ist.
James Gould-Bourn, Pandatage
Kiepenheuer & Witsch, 2020
384 Seiten, 20 Euro
978-3-462-05364-7
Sunday, April 12, 2020
Wer nicht hören will..... "Whisper Network"
Genderdebatten lassen sich auch spannend-unterhaltsam führen. Mit "Whisper-Network" jedenfalls hat die amerikanische Autorin Chandler Baker einen Roman geschrieben, mit dem sich auch jene Frauen auf die Diskussion über übergriffige Männer und Abwehrstrategien von Frauen einlassen, die im Perlenketten-und-Kostüm-Look vehement erklären, mit "Emanzen" nichts am Hut zu haben. Und auch die Autorin wirkt, so zeigt eine kurze Internetrecherche, zu ihrem Foto, wie eine dieser WASP-Frauen (white Anglo-Saxon Protestant), die traditionell eher nicht zu den am meisten diskriminierten Gruppen gehören.
Aber nicht erst seit der #MeToo-Debatte ist ja klar: Nur wenige Frauen sind so privilegiert, so einflussreich, so unantastbar, als dass es nicht doch mal einen Mann gegeben hat, der grabscht, eine sexistische Bemerkung fallen lässt, sich übergriffig verhält - einfach, weil er es kann. The "Whisper-Network" führt die Leserinnen - in meinem Fall die Hörerinnen, da ich das von Anna Carlsson gelesene Hörbuch hörte - in die Welt der Juristinnen Sloane, Ardie und Grace, die in der Rechtsabteilung eines texanischen Sportartikelunternehmens arbeiten.
Alle drei sind beruflich erfolgreich - Sloane ist sogar die stellvertretende Leiterin der Rechtsabteilung. Finanzielle Probleme kennen sie nicht, auch wenn privat nicht alles perfekt ist: Sloane macht sich Sorgen um ihre zehnjährige Tochter, die in der Schule gemobbt wird, Grace leidet an einer postnatalen Depression und Ardie muss nach ihrer Scheidung in den Alltag als Alleinerziehende hereinfinden.
Und dann ist da noch Ames, der Vorgesetzte der drei Frauen, mit dem Sloane einst eine kurze Affäre hatte. Ames ist ein Mann, über dessen Verhalten Frauen schon immer gemunkelt wurde - nun sucht er auffällig die Nähe zu einer neuen, jungen Kollegin. Gewünschte oder ungewünschte Aufmerksamkeit? Wo fängt Verhalten an, übergriffig zu werden? Und wie sollen sich die Frauen verhalten, da Ames nunmehr als heißer Kandidat für das Amt des Geschäftführers gilt und dann noch unangreifbarer wäre? Die drei diskutieren noch über das weitere Vorgehen, als Sloanes frühere Mentorin sie auf eine unter den Business-Frauen der Stadt kursierende Excel-Liste hinweist, zu der jede beitragen kann. Über dieses anonyme Netzwerk warnen Frauen ihre Geschlechtsgenossinen vor Kollegen und Chefs, vor denen man sich in Acht nehmen muss.
Und dann ist Ames plötzlich tot. War es Mord? War es Selbstmord? Plötzlich finden sich die drei Frauen, die juristisch gegen ihren Arbeitgeber vorgehen wollten, selbst einer Gegenklage gegenüber, die sie finanziell und beruflich ruinieren könnte.
Vom Aufbau erinnert Whisper-Network ein bißchen an "Little Big Lies", denn die Geschichte wird von hinten aufgerollt, mit einer polizeilichen Untersuchung, mit Aussagen und Zeitsprüngen zu den Erlebnissen der drei Frauen sowie zu der Putzfrau Rosalita, die zunächst so gar nichts mit den anderen zu verbinden scheint und der eine ganz entscheidende Rolle zukommen soll.
Das Whisper-Network lebt vom Ungesagten, von Andeutungen, von Rätselraten - war da was? Wurde etwas überinterpretiert? Welche persönlichen Motive spielen rein? Wer hat welche Interessen? Wer kann wem vertrauen? Dabei sorgt Baker für manche Überraschung und verzichtet auf Schwarz-Weiß-Malerei nach dem Motto: Lauter böse Männer, laute gute Frauen. Im richtigen Leben ist es schließlich auch nicht so einfach.
Anna Carlsson schafft es dabei als Sprecherin, jeder der Protagonistinnen eine eigene unverwechselbare Stimme zu geben. Ihre angenehme Erzählstimme macht das Buch zu einem echten Hörvergnügen.
Chandler Baker, Whisper Network
gelesen von Anna Carlsson
Random House Audio, 2020
ca. 9 Stunden 40 Minuten
ISBN 978-3-8371-5015-5
Aber nicht erst seit der #MeToo-Debatte ist ja klar: Nur wenige Frauen sind so privilegiert, so einflussreich, so unantastbar, als dass es nicht doch mal einen Mann gegeben hat, der grabscht, eine sexistische Bemerkung fallen lässt, sich übergriffig verhält - einfach, weil er es kann. The "Whisper-Network" führt die Leserinnen - in meinem Fall die Hörerinnen, da ich das von Anna Carlsson gelesene Hörbuch hörte - in die Welt der Juristinnen Sloane, Ardie und Grace, die in der Rechtsabteilung eines texanischen Sportartikelunternehmens arbeiten.
Alle drei sind beruflich erfolgreich - Sloane ist sogar die stellvertretende Leiterin der Rechtsabteilung. Finanzielle Probleme kennen sie nicht, auch wenn privat nicht alles perfekt ist: Sloane macht sich Sorgen um ihre zehnjährige Tochter, die in der Schule gemobbt wird, Grace leidet an einer postnatalen Depression und Ardie muss nach ihrer Scheidung in den Alltag als Alleinerziehende hereinfinden.
Und dann ist da noch Ames, der Vorgesetzte der drei Frauen, mit dem Sloane einst eine kurze Affäre hatte. Ames ist ein Mann, über dessen Verhalten Frauen schon immer gemunkelt wurde - nun sucht er auffällig die Nähe zu einer neuen, jungen Kollegin. Gewünschte oder ungewünschte Aufmerksamkeit? Wo fängt Verhalten an, übergriffig zu werden? Und wie sollen sich die Frauen verhalten, da Ames nunmehr als heißer Kandidat für das Amt des Geschäftführers gilt und dann noch unangreifbarer wäre? Die drei diskutieren noch über das weitere Vorgehen, als Sloanes frühere Mentorin sie auf eine unter den Business-Frauen der Stadt kursierende Excel-Liste hinweist, zu der jede beitragen kann. Über dieses anonyme Netzwerk warnen Frauen ihre Geschlechtsgenossinen vor Kollegen und Chefs, vor denen man sich in Acht nehmen muss.
Und dann ist Ames plötzlich tot. War es Mord? War es Selbstmord? Plötzlich finden sich die drei Frauen, die juristisch gegen ihren Arbeitgeber vorgehen wollten, selbst einer Gegenklage gegenüber, die sie finanziell und beruflich ruinieren könnte.
Vom Aufbau erinnert Whisper-Network ein bißchen an "Little Big Lies", denn die Geschichte wird von hinten aufgerollt, mit einer polizeilichen Untersuchung, mit Aussagen und Zeitsprüngen zu den Erlebnissen der drei Frauen sowie zu der Putzfrau Rosalita, die zunächst so gar nichts mit den anderen zu verbinden scheint und der eine ganz entscheidende Rolle zukommen soll.
Das Whisper-Network lebt vom Ungesagten, von Andeutungen, von Rätselraten - war da was? Wurde etwas überinterpretiert? Welche persönlichen Motive spielen rein? Wer hat welche Interessen? Wer kann wem vertrauen? Dabei sorgt Baker für manche Überraschung und verzichtet auf Schwarz-Weiß-Malerei nach dem Motto: Lauter böse Männer, laute gute Frauen. Im richtigen Leben ist es schließlich auch nicht so einfach.
Anna Carlsson schafft es dabei als Sprecherin, jeder der Protagonistinnen eine eigene unverwechselbare Stimme zu geben. Ihre angenehme Erzählstimme macht das Buch zu einem echten Hörvergnügen.
Chandler Baker, Whisper Network
gelesen von Anna Carlsson
Random House Audio, 2020
ca. 9 Stunden 40 Minuten
ISBN 978-3-8371-5015-5
Trotz allem ein Wohlfühlroman
Die Anwaltskarriere der Pariser Juristin Soléne erfährt einen dramatischen Stopp, als sich einer ihrer Mandanten vor ihren Augen nach seiner Verurteilung in den Tod stürzt. Die Juristin aus großbürgerlicher Familie erleidet einen Zusammenbruch. Das traumatische Erlebnis hat einen Burn-Out ausgelöst, aus dem sich die Hauptfigur in Laetitia Colombanis Roman „Das Haus der Frauen“ erst wieder ins Leben zurücktasten muss. Ihr Psychiater empfiehlt ehrenamtliches Engagement, um überhaupt wieder unter Menschen zu kommen.
Als Soléne die Ausschreibung für eine „öffentliche Schreiberin“ sieht, glaubt sie zunächst, hier gehe es um Schriftsätze für Behörden. Statt dessen findet sie sich im einst von der Heilsarmee eingerichteten „Palast der Frauen“ wieder. Es ist ihre erste Begegnung mit dem Präkariat, mit Frauen, die mit psychischen Problemen zu kämpfen haben, die drogensüchtig sind, jahrelang auf der Straße gelebt haben oder als Flüchtlinge aus Afrika die gefährliche Reise über das Meer auf sich genommen haben. Sie fühlt sich zunächst überfordert von diesen Frauen, die zunächst nicht so recht wissen, was sie von ihr halten sollen. Erst nach und nach öffnen sie sich und erzählen ihre Geschichten.
Es sind vor allem die Geschichten dieser Einzelschicksale, die sich episodenartig durch Laetitia Colombanis Roman „Das Haus der Frauen“ ziehen. Solénes Weg aus ihrer Lebenskrise und ihr Kampf mit den eigenen Dämonen verbindet diese Geschichten wie eine Klammer. Hinzu kommt auf einer weiteren Erzählebene der Rückblick auf die Vergangenheit des „Palast der Frauen“ und seine Gründerin, die Heilsarmee-Offfizierin Blanche Peyron, die gegen alle Widerstände einen Zufluchtsort für Frauen in Not durchsetzte.
Diese Not ist nicht auf das 19. Jahrhundert beschränkt, wie Soléne erfährt. Da ist die Frau aus Guinea, die aus ihrer Heimat geflohen ist, um die kleine Tochter vor Genitalverstümmelung zu retten, aber ihren Sohn zurücklassen musste und darüber zu zerbrechen droht. Eine andere Frau schafft es nach dem jahrelangen Leben auf der Straße immer noch nicht, ihr Zimmer als ein dauerhaftes Zuhause zu sehen, sondern schläft inmitten ihrer Taschen, wo immer sie die Müdigkeit übermannt.
Soléne beginnt, auch jenseits des „Palast der Frauen“ die Armut im Alltag zu registrieren, findet neue Energie im Gefühl, für „ihre“ Frauen etwas ausrichten zu können.
Der Versuch, möglichst viele Schicksale in gut 250 Buchseiten zu packen, ist allerdings auch eine Schwäche des Romans von Laetitia Colombani. Denn den Figuren fehlt durchgehend die Tiefe für eine echte Sozialstudie, die Erfahrungen mit Drogen und Obdachlosigkeit, Flucht und psychischen Problemen bleiben schablonenhaft und auch die Figur der Soléne und ihrer Veränderung durch soziales Engagement ist irgendwie vorhersehbar. Herausgekommen ist ein eingängig geschriebener Wohlfühlroman über eine Frau, die in einer Sinnkrise ihr wahres Ich entdeckt. Dass Laetitia Colombani ursprünglich aus der Filmbranche kommt, ist dem Buch anzumerken. Allzu schwere Kost soll die Unterhaltung nicht belasten.
S. Fischer Verlage, 2020
Ca 255 Seiten,
978-3-10-390003-3
Saturday, July 6, 2019
Woodstock, Baukredit und Familienzoff - von wegen Dolce Vita!
Das Berlusconni seine Ferien auf Sardinien zu genießen weiß, ist durch die Klatschpresse ja zur Genüge überliefert. Dass es auch noch das Sardinien der Aussteiger gibt, zeigt "Von wegen Dolce Vita" von Tessa Hennig, ein Urlaubsroman zum Schmunzeln von der sonnigen Leichtigkeit und Harmlosigkeit einer sanften Brise am Meer. Angie jedenfalls, mit über 70 zwar schon im Rentenalter, aber immer noch als freiberufliche Journalistin tätig, kann sich jedenfalls noch gut an die Zeit der Blumenkinder erinnern. Oh süße Jugendzeit! Make love not war, der Soundtrack von Woodstock, Sonnenuntergänge am Strand und ein bißchen Dope durfte natürlich auch nicht fehlen.
Mittlerweile sind zwar Hüftgold, Falten und graue Haare dazugekommen, aber Angie hat sich ihr inneres Blumenkind bewahrt. Als eine alte Freundin aus Sardinien die alte Clique zum 50 Jahre Woodstock-Wiedersehenstreffen zusammentrommeln will, zögert Angie nicht lange - auf geht´s in den Süden!
Unversehens bekommt sie allerdings Reisegesellschaft von der 16-Jährigen Leonie, die von zu Hause ausgerissen ist. Auf Wohnmobilurlaub mit ihrer Mutter und deren neuen Freund in Schweden hat sie null Bock. Voll spießig, hat die junge Frau im Goth-Look entschieden. Die Bekanntschaft mit Angie ist äußerst flüchtig - die hat sie erst kurz zuvor bei einer Kontrolle gegen Schwarzfahrer "gerettet". Was Leonie nicht ahnt: Das Treffen im Bus war kein Zufall. Seit Angie erfahren hat, dass ihre Tochter Janis aus Stuttgart zurück nach Berlin gezogen ist, hat sie sich auf ihre Spuren geheftet. Denn sie leidet darunter, dass sie ihre Enkelin Leonie nicht sehen durfte, seit es vor rund 15 Jahren zum Bruch zwichen Mutter und Tochter kam.
Janis, eine toughe Bankerin, deren Lebensinhalt finanzielle Sicherheit und ein schmuckes Eigenheim sind, ist höchst beunruhigt, als ihr klar wird, dass ihre Tochter von der Oma "entführt" wurde - typisch für ihre leichtsinnige und verantwortungslose Mutter, wie sie meint. Also macht sie sich im Camper auf den Weg nach Sardinien, bereit zum Mutter-Tochter-Showdown.
Natürlich wäre dies kein Sommerroman, wenn am Ende nicht doch alles ganz anders kommen würde und statt des großen Showdowns jede Menge neue Einsichten, (Selbst-)Erkenntnisse stehen würden. Liebe, Lust und Leichtigkeit inbegriffen. Nicht alles ist Dolce Vita, aber ein happy end darf natürlich nicht fehlen und aus dem Familienzoff erwächst nach einigen Komplikationen und Wirrungen sogar eine ganz neue Familienrunde. Insgesamt kurzweilig, nett geschrieben, wenn auch nicht ganz ohne Klischees, egal ob es um die späten Hippies oder die Bauspar-Spießerfraktion geht.
Allzu überraschend ist das alles nicht, schließlich sind die Kombinationsmöglichkeiten des Genres nicht unmöglich. Als leichte Sommerlektüre zwischen Strand und Pool aber jederzeit geeignet.
Tessa Hennig, Von wegen Dolce Vita
Ullstein, 2019
384 Seiten, 9,99 Euro
ISBN: 9783548291819
Mittlerweile sind zwar Hüftgold, Falten und graue Haare dazugekommen, aber Angie hat sich ihr inneres Blumenkind bewahrt. Als eine alte Freundin aus Sardinien die alte Clique zum 50 Jahre Woodstock-Wiedersehenstreffen zusammentrommeln will, zögert Angie nicht lange - auf geht´s in den Süden!
Unversehens bekommt sie allerdings Reisegesellschaft von der 16-Jährigen Leonie, die von zu Hause ausgerissen ist. Auf Wohnmobilurlaub mit ihrer Mutter und deren neuen Freund in Schweden hat sie null Bock. Voll spießig, hat die junge Frau im Goth-Look entschieden. Die Bekanntschaft mit Angie ist äußerst flüchtig - die hat sie erst kurz zuvor bei einer Kontrolle gegen Schwarzfahrer "gerettet". Was Leonie nicht ahnt: Das Treffen im Bus war kein Zufall. Seit Angie erfahren hat, dass ihre Tochter Janis aus Stuttgart zurück nach Berlin gezogen ist, hat sie sich auf ihre Spuren geheftet. Denn sie leidet darunter, dass sie ihre Enkelin Leonie nicht sehen durfte, seit es vor rund 15 Jahren zum Bruch zwichen Mutter und Tochter kam.
Janis, eine toughe Bankerin, deren Lebensinhalt finanzielle Sicherheit und ein schmuckes Eigenheim sind, ist höchst beunruhigt, als ihr klar wird, dass ihre Tochter von der Oma "entführt" wurde - typisch für ihre leichtsinnige und verantwortungslose Mutter, wie sie meint. Also macht sie sich im Camper auf den Weg nach Sardinien, bereit zum Mutter-Tochter-Showdown.
Natürlich wäre dies kein Sommerroman, wenn am Ende nicht doch alles ganz anders kommen würde und statt des großen Showdowns jede Menge neue Einsichten, (Selbst-)Erkenntnisse stehen würden. Liebe, Lust und Leichtigkeit inbegriffen. Nicht alles ist Dolce Vita, aber ein happy end darf natürlich nicht fehlen und aus dem Familienzoff erwächst nach einigen Komplikationen und Wirrungen sogar eine ganz neue Familienrunde. Insgesamt kurzweilig, nett geschrieben, wenn auch nicht ganz ohne Klischees, egal ob es um die späten Hippies oder die Bauspar-Spießerfraktion geht.
Allzu überraschend ist das alles nicht, schließlich sind die Kombinationsmöglichkeiten des Genres nicht unmöglich. Als leichte Sommerlektüre zwischen Strand und Pool aber jederzeit geeignet.
Tessa Hennig, Von wegen Dolce Vita
Ullstein, 2019
384 Seiten, 9,99 Euro
ISBN: 9783548291819
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