Saturday, August 27, 2022

Kreuzfahrt mit Vermisstenfall

 Wer sich bei Cay Rademachers "Die Passage nach Maskat" an ein Crossover von Babylon Berlin und Tod auf dem Nil erinnert fühlt, liegt nicht völlig falsch, spielt die Handlung doch in den 20-er Jahren und auf einem Schiff, dass von Marseille aus in den Nahen Osten und dann weiter nach Yokohama und Schanghai aufbricht. Mit dabei: Der Fotoreporter Theodor Jung, der für eine Berliner Illustrierte den Auftrag ergattert hat, über die Reise der "Champollion" zu berichten. Andernfalls hätte er Probleme gehabt, sich mit Ehefrau Dora der Reise der Schwiegerfamlie nach Maskat anzuschließen. 

Der Schwiegervater, ein Hamburger Kaufmann, macht keinen Hehl daraus, dass er mit dem Beruf seines Schwiegersohns nicht einverstanden ist und sich etwas "Besseres" für seine Tochter gewünscht hätte. Etwa seinen Prokuristen Lüttgen, der ebenfalls zur Reisegesellschaft gehört? Die Ehe von Theodor und Dora kriselt schon seit geraumer Zeit, er hofft, dass es auf der Schiffsreise wieder zu mehr Nähe kommt.

Doch dann verschwindet Dora spurlos - und ihre Familie behauptet hartnäckig, sie sei nie an Bord gegangen und weiterhin in Berlin. Da ihr Name auch in der Passagiersliste nicht aufgeführt ist, zweifelt Theodor, der nach seinen Erlebnissen im Ersten Weltkrieg uner einer posttraumatischen Störung leidet, zeitweise an seinem Verstand zweifeln lässt. Immerhin: die französische Kabinenstewardess kann sich nicht nur an Dora erinnern, sie hilft ihm auch bei seinen Nachforschungen.

Denn es gibt so manches, was Fragen aufwirft: Was sind die eigentlichen Pläne der Kaufmannsfamilie im Orient? Was hat ein bekannter Krimineller, der zu einem der berüchtigten Berliner Ringervereine gehört, mit Theodors Schwiegervater zu tun?  Und auch sonst gibt es Passagiere, doe Fragen aufwerfen - der italienische Anwalt etwa, der ein bißchen zu intensiv mit Theodors Schwiegermutter flirtet, die wiederum ein Kokainproblem hat und offenbar von Dora beliefert worden ist. Der amerikanische Ingenieur, der erst nach und nach verrät, dass er keineswegs einen Brückenbau in Yokohama plant, sondern tatsächlich ebenfalls in Moskat das Schiff verlassen wird. Und auch die exzentrische Engländerin mit ihrer Gesellschafterin könnte das eine oder andere Geheimnis haben, ist auf jeden Fall aber ausgezeichnet vernetzt.

Rademacher präsentiert einen ganzen Reigen an Verdächtigen, die sich auf die eine oder andere Weise kompromittieren, es gibt merkwürdige Unfälle und ein paar Leichen und auch romantische Schwingungen an Bord bleiben nicht aus.  Bis Theodor das Rätsel um die verschwundene Ehefrau gelöst hat, wartet die eine oder andere bittere Erkenntnis auf ihn. Der Zeitkolorit ist gut getroffen und die teils klaustrophibische Stimmung trotz allen Luxus´an Bord der "Champillon" trägt zur Spannung bei. 

Hervorzuheben ist auch das Cover, das altmodischen Reiseplakaten nachempfunden ist, die Fernweh wecken und zugleich elegant gestaltet sind.

Cay Rademacher, die  Passage nach Maskat

Dumont, 2022

368 Seiten, 18 Euro

978-3-8321-8197-0

Thursday, August 25, 2022

Frauenfreundschaft in Nigeria

  Die unscheinbare Enitan, die selbstbewusste Funmi und die schöne, aber zurückhaltende Zainab sind seit ihrer gemeinsamen Studienzeit an einer Univerität im Norden Nigerias in den 70-er Jahren befreundet. Dreißig Jahre später kommen sie in Lagos zusammen, um diei Hochzeit von Funmis Tochter Destiny zu feiern. Mit dabei: Enitans Tochter Remi, die äußerlich ganz nach ihrem weißen amerikanischen Vater kommt und zum ersten Mal in das Geburtsland ihrer Mutter reist. Mit ihren Fragen und ihrer Neugier, mit der sie all die neuen Eindrücke in der pulsierenden westafrikanischen Metropole bestaunt, ist sie gewissermaßen die Brücke zwischen der Handlung und nicht-afrikanischen Leser:innen.

Tomi Obaros Roman "Freundin bleibst du immer" wechselt die Zeitebenen: Geht es zunächst um das Wiedersehen der drei Frauen und die Hochzeitsvorbereitungen, widmet sich der mittlere Buchteil den Jahren des Studiums und zeigt, wie es zu der Freundschaft zwischen den drei von Temperament, ethnischer und sozialer Herkunft sehr unterschiedlichen Frauen kam. Danach geht es wieder in die Gegenwart des Jahres 2005.

Mit gerade mal 312 Romanseiten bleibt allerdings relativ wenig Platz, die Lebenswege der drei Frauen und der ebenfalls vorgestellten Familien darzustellen. So gerät vieles recht oberflächlich, die Beziehungsgeflechte werden nur angekratzt und auch wenn deutlich wird, was die Freundschaft der Protagonistinnen zementiert hat, wird nicht klar, wieso sie bei ganz unterschiedlichen Entwicklungen noch immer eng miteinander sind und Kontakt gehalten haben.

Obaro zeigt Szenen so schrill wie aus einem Nollywood-Film, das Chaos der schwülheißen Metropole Lagos, die sozialen und religiösen Kontraste des bevölkerungsreichsten Landes Afrikas, die allgegenwärtige Kriminalität, die Angst der Wohlhabenden vor Entführungen aus ihrer abgeschotteten, privilegierten Welt. Für Remi, die gender studies studiert und darunter leidet, als weiß wahrgenommen zu werden, ist es eine schockierende Erkenntnis, das das wirkliche afrikanische Leben so gar nichts von der automatischen Solidarität hat, die in BIPoC-Kreisen progressiver Studenten vermutet wird. Die Welt ist eben nicht so schwarz-weiß (pun intended) wie manche glauben.

Ob Essen, Redewendungen (die in einem Glossar erläutert werden, ebenso wie Haussa und Yoruba-Ausdrücke) und Familienfeste - manche Beschreibungen Obaros wirken eher folkloristisch, bleiben an der Oberfläche. Schade eigentlich. Aber ich vermute, die Autorin weiß es einfach nicht besser und ist nicht wirklich tief in der nigerianischen Kultur und Gesellschaft verwurzelt, die sie nur von Urlaubsreisen kennt: Geboren als Kind nigerianischer Eltern in England und mittlerweile in den USA lebend, hat sie dort keine eigene Lebenserfahrung sammeln können. Für Leserinnen, die sich mit Nigeria auseinandersetzen wollen, ist das gewissermaßen "Africa light".


Tomi Obaro, Freundin bleibst du immer

Hanserblu 2022

317 Seiten, 24 Euro

ISBN 978-3-446-27390-0

Wednesday, August 17, 2022

Abschuss der Wunderfrauen-Triologie

 Umbruchszeiten am Starnberger See: Mit ihrem Setting in den letzten Band der Triologie um die "Wunderfrauen" greift Stephanie Schuster 50 Jahre zurück in die Vergangenheit ins Olympia-Jahr 1972. Manches, was im zweiten Band schon angedeutet wurde, ist nun jüngere Vergangenheit, etwa der tragische Tod von Maries Ehemann. Ihre Schwägerin Luise hingegen kämpft um das Überleben ihres kleinen Ladens angesichts der Konkurrenz der Supermärkte. War sie im zweiten Band noch schwanger und überlegte, ob Frauenärztin Helga ihr  mit einem illegalen Schwangerschaftsabbruch aus der schwierigen Lage helfen könnte, sind ihre Zwillinge nun zu jedem Streich aufgelegt. 

Und der damalige Nachwuchs im Grundschulalter ist längst bereit für die Disco und unbequemen Fragen nach der Vergangenheit. Annabels Sohn ist sogar Olympionike - das Münchner Olympia Attentat stürzt sie daher erst in Ängste, dann in Zorn, als sie erfährt, warum sie ihren Sohn eine Nacht lang vergeblich gesucht hat. Liebe gibt es ebenso wie Trennung, Bestand hat die Freundschaft der vier Frauen, die allen Wechselfällen und Veränderungen des Lebens trotzt.

Stephane Schuster schreibt einmal mehr mit Zeitkolorit und Gefühl, wobei davon auszugehen ist, dass sie eine Stammleserschaft hat, die mit den Anspielungen auf Ereignisse aus den vorangegangenen Bänden vermutlich keine Probleme haben. Wer Marie, Helga, Annabel und Luise am Ende der Reihe vermisst, kann sich freuen - auf der Verlagsseite ist bereits ein "Winterband" angekündigt, der 1991 in der Weihnachtszeit spielt. Lektüre schon unterm Weihnachtsbaum?


Stephanie Schuster, Die Wunderfrauen. Freiheit im Angebot

Fischer Taschenbuch, 2022

448 Seiten, 12 Euro

978-3-596-00131-6

Saturday, August 6, 2022

Die Wunderfrauen - Aufbruchsstimmung der frühen 60-er

 Die Trümmer- und Aufbaujahre sind vorbei, in der immer noch jungen Bundesrepublik zeichnet sich Aufbruch zu neuen Ideen und Lebensstilen ab, aber noch überwiegen die Werte der 50-er, der Wirtschaftswunderjahre. Das ist das Setting des zweiten Bandes der Triologie "Die Wunderfrauen" von Stephanie Schuster. "Von allem nur das Beste" ist nicht nur der Untertitel, sondern könnte auch das Motto von Luise Dahlmanns kleinem Laden sein. Nach jahrelanger Arbeit wirft er endlich einen kleinen Gewinn ab, doch angesichts des zunehmenden Erfolgs gibt es Erweiterungs- und Kostendruck. Und das Familienleben mit der kleinen Tochter Josie muss schließlich auch noch unter einen Hut gebracht werden.

Dieser Band war der erste der Reihe, den ich gelesen habe, und er nimmt einen Teil des späteren Geschehens vorneweg, um dann die Entwicklung chronologisch aufzurollen. Zwar gibt es immer wieder Bezüge und Anspielungen zum Vorgängerband, aber es ist nicht weiter schwer, das Beziehungsgeflecht der Figuren zu durchschauen und ihre Vegangenheit zu erahnen. Kein Problem mit dem Einstieg zwischendrin also.

Die vier Protagonistinnen sind recht unterschiedlich - die bodenständige Luise stammt aus einer Bauernfamilie, in die mittlerweile vierfache Mutter Marie eingeheiratet hat. Das Leben voll harter Arbeit auf dem kleinen Hof mit Schaf- und Ziegenherde ist mittlerweile ihr ganzer Lebensinhalt, wurde der Tochter eines Gutsbesitzers aus dem Osten aber nicht gerade in die Wiege gelegt. Die alleinerziehende Helga, die aus der Beziehung mit einem US-Soldaten ein schwarzes Kind hat, hat wiederum mit ihrer wohlhabenden Unternehmerfamilie gebrochen und aus eigener Kraft ein Medizinstudium geschafft. Ihr Chefarzt ist nicht nur der Amtsvormund ihres Sohnes (da sieht man dann noch die alten Wertstandards der jungen Bundesrepublik!), sondern auch Ehemann von Annabel, der vierten im Bunde. Sie ist unmittelbar betroffen von dem, was später als der Contergan-Skandal in die Geschichtsbücher eingehen wird. Helga wiederum ist als Frauenärztin mit dem Schicksal von Frauen konfrontiert, die ungewollt schwanger werden - die Pille ist ja noch Zukunfsmusik - und bei illegalen Abtreibungen Gesundheit und Leben riskieren. 

Mit der Musik jener Zeit bringt die Autorin Lokalkolorit und Zeitgefühl in das Buch, das man eigentlich mit einer entsprechenden Playlist lesen sollte. Auch am Starnberger See, wo die Handlung spielt, ist nicht nur heile Welt. Alkohol, sexuelle Gewalt, wirtschaftliche Ängste, patriarchale Strukturen - da wird mal wieder bewusst, wie sehr sich die Gesellschaft in einem halben Jahrhundert verändert hat. Gleichzeitig lassen sie Hippies und Studentenrevolte schon ahnen. Ein Sachbuch ist "Die Wunderfrauen" deshalb nicht, sondern ein Frauenroman mit historischem Zeitkolorit, jeder Menge Liebe und emotionalen Konflikten, in dem am Ende die Frauenfreundschaft über allem steht.


Stephanie Schuster, Die Wunderfrauen. Von allem nur das Beste

Fischer TB, 2022

 12 Euro

9783596000708


Tuesday, July 19, 2022

Überlebenskampf einer Single-Mutter

 Die Netflix-Serie "Maid" ist mir unbekannt (ja, es gibt noch Menschen, die haben kein Netflix. Ich gehöre dazu.) Die Beschreibung der Lebensgeschichte von Stephanie Land fand ich aber interessant. Nachdem ich das Buch gelesen habe, habe ich allerdings durchwachsene Reaktionen: Es zeigt einerseits eindrücklich auf, wie schnell der Abstieg in Armut und Obdachlosigkeit drohen, wenn ein Job, eine Beziehung etc wegbricht und plötzlich der Kampf ums Überleben anfängt. Das ist in den USA mit ihrem viel schlechteren sozialen Netz sicherlich noch deutlich schlimmer und schneller als hierzulande, ebenso wie das Stigma von Armut und Bezug von Sozialhilfe. 

Auf der anderen Seite fand ich die Autorin an vielen Stellen larmoyant, emotional bedürftig und sich in eine Opferrolle hineinsteigend. Sich als Opfer ehelicher Gewalt darzustellen, weil ihr Ex sie angeschrieen hat und dann jahrelang Panikattacken geltend zu machen - mein Gott, was sollen denn da erst  Frauen sagen, die echte Gewalterfahrungen machen müssen. Auch das Gejammere, so wenig Zeit für sich zu haben, weil sie 20 Stunden arbeitet. Ich kenne genügend Single-Mütter, die Vollzeit arbeiten und denen auch gar nichts anderes übrig bleibt. Merkwürdig fand ich auch, dass sie sich zum Freigeist stilisiert, weil sie Tattoos hat - die sind doch heutzutage eher die Regel als die Ausnahme, und das Umland von Seattle ist nun wirklich nicht für reaktionäres Klima bekannt.

Na ja, anscheinend hat sie ja schon ausgiebig in ihrem Blog, das dem Buch zugrunde liegt, innere Nabelschau gehalten und Hilfsaufrufe gestartet beziehungsweise sich selbst bedauert. Mich persönlich nervt so eine Haltung, deswegen habe ich auch beim Lesen immer wieder mit den Zähnen geknirscht, vor allem dann, wenn sich Stephanie auf Beziehungen eingelassen hat, die mehr Versorgungscharakter hatten als auch irgendwelchen Gemeinsamkeiten oder Gefühlen beruhten, dass sie eine starke Frau sein will und dann eine Schulter zum Anlehnen sucht. Gerade dann, wenn eigentlich schnell klar ist, dass die betreffende Schulter nicht geeignet ist!

Interessant fand ich dann wieder die Erkenntnisse und Beschreibungen der Häuser, in denen sie geputzt hat, das Verhältnis oder Nicht-Verhältnis zu den Bewohnern, die unterschiedlichen sozialen Gefüge, den Aufstieg oder Abstieg innerhalb einer Familie. Schließlich hatten die eigenen Großeltern in einem Trailer gelebt, die Familie hatte Lebensmittelmarken bezogen - es war also nicht eine völlig neue oder schockierende Erfahrung, plötzlich auf staatliche Unterstützung angewiesen zu sein.  Insofern habe ich mich beim Lesen mitunter gefragt, wieso Stephanie mitunter so eine "Ich alleine gegen die böse, harte Welt"-Haltung hat, wenn sie doch genau weiß, dass sehr viele Menschen in einer ähnlichen Situation sind und kämpfen müssen, über die Runden zu kommen.

Das Thema, raus aus der Armutsfalle, ist sehr aktuell und leider auch hierzulande etwas, was immer mehr Menschen betrifft. Steigende Energiepreise und Inflation werden das sicher noch weiter antreiben. Schade nur, dass die Umsetzung eher mittelmäßig ausfiel.


Stephanie Land, Maid

Fischer 2022

368 Seiten, 16 Euro

   9783596707720

Wednesday, July 6, 2022

Ermittlungen, Esel und die perfekte Pasta

  Ganz ohne Mafia geht es auch in Paolo Rivas Cozy-Krimi "Flüssiges Gold" nicht. Doch auch wenn die Arme der "ehrenwerten Gesellschaft" weit reichen  - die Toskana ist nicht Neapel, Bari oder Sizilien.  Und Dorfpolizist Luca, alleinerziehender Vater und trotz einer Vergangenheit als Ermittler gegen das Organisierte Verbrechen zufrieden mit dem ruhigen Lauf der Dinge vor Ort,  würde sich am liebsten den kleinen Problemen widmen - etwa der Frage, was aus den fehlenden Buchstaben des Ortsschildes geworden ist. Um so mehr Zeit bleibt schließlich, sich der kleinen Tochter und den drei Eseln zu widmen, einen Espresso in de Kaffeebar zu trinken, aus dem Dorfklatsch erfahren, wo es womöglich Probleme gibt.

Doch dann bricht die Gewalt in die Idylle, Schüsse knallen über den Marktplatz und im Ziel der Anschläge stehen Olivenbauern. Ausgerechnet zu dem Zeitpunkt,  als ein anderer Olivenbauer nach jahrelangem Koma Zeichen zeigt, er könne vielleicht doch aufwachen. Doch war er tatsächlich das Opfer eines Unfalls oder Schlaganfalls, oder hat jemand nachgeholfen? Könnte es bei der Gewinnung von Olivenöl womöglich nicht mit rechten Dingen zugehen?

Lucas Ermittlungen werden durch Amtshilfe erschwert. Denn die Staatsanwaältin, die aus Florenz anreist, ist von einer geradezu einschüchternden Energie und mit dem eher gemächlichen aber stetigem Stil Lucas nicht wirklich kompatibel. Da ihre forsche Art bei den Dorfbewohnern nicht wirklich gut ankommt, müssen sich die beiden erst einmal zusammenraufen, wobei gemeinsames Eselfüttern und gutes toskanisches Essen so manche Spannung auflöst.

Mit "flüssiges Gold" hat Paolo Riva einen Wohlfühlkrimi mit viel Lokalkolorit geschrieben, bei dem beim Lesen gleich Apettit auf die Aromen der italienischen Küche, auf perfekte Spaghetti und den Genuss  eines in Olivenöl gestippten Stücks Brot aufkommt. Unterhaltsame Spannung für Italienurlauber und Daheimgebliebene.

Paolo Riva, Flüssiges Gold

Hoffmann & Campe 2022

304 Seiten, 16 Euro

978-3-455-01329-0

Monday, May 16, 2022

Flight or fight - drei Frauenschicksale zwischen Irland und den USA

 Wenn Menschen in Gefahrensituationen sind, streiten zwei Ur-Instinkte um die Entscheidung: Fight or flight`? Kämpfen oder Weglaufen? Der Titel von Paula McGrath´s Roman "Dann rennen wir"  deutet bereits an, wofür sich ihre Protagonistinnen entscheiden. Und dennoch ist jeder Flucht der Augenblick inne, wo das Laufen ein Ende hat und neue Richtungen überlegt werden müssen, gegebenenfalls auch doch die zuvor vermiedene Konfronation.

Gemeinsam ist den Protagonistinnen auch ihre Einsamkeit und Isolation: Da ist die Frauenärztin, die im Dublin des Jahres 2012 ein Möglichkeit hätte, eine Stelle in einer Londoner Klinik anzutreten und dem restriktiven irischen Abtreibungsgesetz den Rücken zu kehren, das sie dazu zwingt, ungewollt schwangeren Frauen und Mädchen selbst nach einer Vergewaltigung nicht mit dem Abbruch der Schwangerschat helfen zu dürfen. Doch was wird dann aus ihren Mutter, die als Alzheimerpatientin in einem Pflegeheim lebt?

Allein ist auch die 16-jährige, die als jugendliche Rebellin im Goth-Look aus dem irischen Heimatstädtchen abhaut, weg von der alkoholkranken Mutter. In London wäre sie fast unter die Räder gekommen, in Dublin lernt sie buhstäblich, sich durchzuboxen: Fasziniert vom Boxtraining in der Sporthalle der Universität, kann sie den kenianischen Medizinstudenten George überreden, sie heimlich zu trianieren, obwohl Boxen im Irland des Jahres 1982 für Mädchen verboten ist. Das Training, das Disziplin fordert, gibt ihrem Leben wieder eine Struktur - bis hin zur Überlegung, ihren Schulabschluss nachzuholen.

Ein Teenager ist auch das amerikanische Mädchen Ali, das von seiner Spät-Hippie-Mutter als Freigeist erzogen wurde und auf einem Boot lebte. Nach deren Tod muss sie allerdings zu ihren Großeltern väterlicherseits, zu denen sie nie Kontakt hatte und deren Lebensstil so ga nichts mit dem ihrer Mutter gemeinsam hat. Auch Ali rennt davon, schließt sich einer Biker Gang an und ist nach einem traumatischen Erlebnis erneut auf der Flucht.

Die Erzählfäden finden zusammen, als klar wird, dass nicht nur die Entscheidung, zu Bleiben oder Wegzulaufen ein verbindendes Element ist. Einiges davon zeichnet sich schon früh ab, anderes lässt sich zumindest ahnen. Das Ende ist denn auch irgendwie absehbar. Die durchaus spannenden Frauenfiguren hätten mehr Tiefe vertragen können - hier geht der Episodencharakter der drei Erzählstränge klar zu Lasten von Figurenentwicklung oder Dialog.  Dennoch vermittelt das Buch einen Eindruck von der Enge und moralischen Strenge, die vor noch gar nicht so langer Zeit die dunkle Kehrseite der grünen Insel bildete und etwa den Umgang mit ledigen jungen Müttern bestimmte.


Paula McGrath, Dann rennen wir

Goya, 2022

307 Seiten, 22 Euro

   978-3-8337-4419-8