Thursday, January 26, 2023

Die Haram-Tochter und ihr Schwabe

 Amaya ist 30, Schauspielerin in einer Fernsehserie und Single. Vor allem letzteres bereitet ihren aus Marokko eingewanderten Eltern, insbesondere ihrer Mutter, Kummer. Denn auch wenn die Eltern einst darauf geachtet hatten, dass die Kinder kein "Ghetto-Deusch" sprachen und eine ordentliche Schullaufbahn hinter sich brachten - sie sind auch in der marokkanischen community verwurzelt und fromme, wenn auch keineswegs fundamentalistische Muslime. Und wie viele Mütter wünscht sich auch Amayas Mutter einen netten Ehemann für ihre Tochter und Enkelkinder.

Das Problem für Amaya: Sie hat zwar schon eine Reihe von Männern gedated, aber das waren alles Deutsche. Als Ehemann akzeptabel, das ist ihr bewusst, ist nur ein Moslem. Und eigentlich will ja auch sie eine Familie gründen mit einem Mann, der ihre Werte und ihre Religion teilt. Eilig hat sie es eigentlich nicht damit.

Dennoch, als sich der jüngere Bruder verlobt, wächst der Druck auf Amaya. Von der jüngeren Schwester lässt sie sich überreden, sich bei "Minder" anzumelden, dem Tinder für Muslime, Allerdings mit dem Ziel Eheschließung, nicht one night stand. Keines ihrer Dates interessiert sie für eine weitere Fortsetzung, doch dann bringt ihre neueste Bekanntschaft seinen besten Freund mit zu einem Treffen. Und siehe da: es funkt. Nur leider ist Daniel Deutscher und Atheist.

Amaya weiß: Sie hat sich ernsthaft in Daniel verliebt. Doch als Ehemann ist er für ihre Eltern inakzeptaben. Schon die Bewerbung auf der Schauspielschule hatte seinerzeit zu jahrelanger Funkstille zwischen ihr und ihren Eltern geführt. Ein deutscher atheistischer Freund, das könnte den endgültigen Bruch zwischen der "haram"-Tochter und ihren Eltern herbeiführen. 

Dass die Begegnung mit Daniels schwäbischer Familie nach erstem Kulturschock -Amaya kommt schließlich aus Hamburg - ausgesprochen herzlich verläuft und sie begeistert in die Familie aufgenommen wird, macht es nicht leichter. Selbst als das Paar zusammenzieht, verschweigt Amaya ihren Eltern die Beziehung - und erzählt Daniel nicht, dass sie zum Schein ihre alte Wohnung weiterbehalten hat, obwohl die Schauspielkarriere gerade dümpelt.

Abla Alaoui erzählt die Liebesgeschichte locker-flockig, liebevoll und mit Respekt vor den Werten und Lebensweisen aller ihrer Figuren. Die muslimische Familie wird mit ihrem konservativerem Weltbild nicht dämonisiert, die Erfahrungen der Eltern als Migranten der ersten Generation mit Respekt behandelt. Die Autorin verzichtet auf Schwarz-Weiß-Klischees und schildert die Erfahrungen der immer wieder zwischen den Stühlen sitzenden zweiten Generation ohne Larmoyanz, als Teil gesellschaftlicher Wirklichkeit in Deutschland. Humorvolle Chick-lit, diesmal eben multikulturell. 

Abla Alaoui, Bissle Spätzle, Habibi?

Ullstein, 2023

464 Seiten, 11,99

9783548066301

Monday, January 2, 2023

Selbsterkenntnis-Trip nach Botswana

 Wer mit Mitte 20 und nach einem Politikstudium gewissermaßen nahtlos einen bezahlten Job im politischen Berlin bekommt, sollte eigentlich wenig Grund zum Jammern haben, sondern sich sehr, sehr privilegiert fühlen. Nach neun Jahren Dauerstress zwischen Wahlkampf und Bundestag braucht Maria Henk allerdings eine Auszeit und begibt sich mit einem vierwöchigen Mini-Sabbatical auf Sinnsuche und Selbsterkenntnis. Eine Rangerausbildung soll es sein, ganz weit weg aus der Berliner Blase und so landet sie denn nicht nur in Botswana zu einem vierwöchigen Kurs im Okavango-Delta, sie lässt mit ihrem Buch "Als Rangerin im Politik-Dschungel" auch daran teilhaben.

Das Ergebnis ist durchaus kurzweilig, bleibt aber ebenso oberflächlich wie es die Ausbildung sein dürfte. Denn es hat schon einen Sinn, dass die wirklichen Ranger, die etwa in Nationalparks für Artenschutz und gegen Wilderei arbeiten, nicht mal eben einen vier-Wochen-Kurs absolvieren. En passant wird dann auch erläutert, dass die Kurs-Absolventen eher Safaritouristen umherkutschieren und die afrikanische Wildnis denen erklären, die vor allem die big five ablichten wollen. 

Insofern hat es schon etwas von "innocents abroad", wenn IchErzählerin Maria durch die Savanne stiefelt, mitunter etwas mimosenhaft und zaudernd dem kernigen Chef-Ranger folgt und dabei so manche Parallele zwischen altem und neuen Arbeitsplatz erkennt. Alphatiere etwa gibt es auch in der großen Politik, und Balzverhalten findet gerade bei der Suche nach einem Koalitionspartner eine Entsprechung in der Parteienwelt. Machtspiele und Tarnung, fleißige Ameisen aka Mitarbeiterstab - so unterschiedlich geht es gar nicht zu im Delta und in der Berliner Bubble.

Diese Vergleiche, aus der Insider-Perspektive des Politikbetriebs geschildert, sind ganz amüsant. Auch kann die Autorin das eigene Fremdeln mit der Wildnis durchaus selbstironisch auf die Schippe nehmen. Was Neu-Rangerin an Gelerntem über Flora und Fauna der afrikanischen Savanne wiedergibt, sind dagegen eher Allgemeinplätze, in jeder Attenborough-Doku wird fundierteres Wissen geteilt. Und auch die afrikanische Wirklichkeit bleibt außen vor - die Beschreibungen der Ankunft auf dem kleinen Flughafen eines Safaritourismus-Städtchens und der örtlichen Bevölkerung bleiben außen vor.

Die Frage nach den durchaus vorhandenen Konflikten zwischen Naturschutz, Tourismus und örtlicher Communities wird gar nicht erst thematisiert. Und auch die Diskrepanz - hier teuer zahlende Europäer auf Abenteuertrip, dort afrikanische Kurskollegen, die auf eine bessere wirtschaftliche Perspektive im Tourismus hoffen - wird höchstens mal leicht angekratzt. Auch wenn die Rangerausbildung nur vier Wochen dauerte - so viel Nach- und Hinterfragen würde ich von der Pressefrau einer Partei, die sich die Themen Klima, Umwelt und Nachhaltigkeit auf die Fahne geschrieben hat, schon erwarten.

Zum Schmökern zwischendurch ganz nett, aber auch nicht mehr.

Maria Henk, Als Rangerin im Politik-Dschungel. Wie ich in der afrikanischen Wildnis die deutsche Politik verstehen lernte

Kopfreisen-Verlag 2022

190 Seiten, 14 Euro

978-3-910248-02-1

Saturday, December 31, 2022

Die Feuerzangenbowle - Ein TV-Klassiker als Hörbuch

  Der Fernsehfilm "Die Feuerzangenbowle" gehört zur Weihnachtszeit wie Lebkuchen oder Stollen.Kaum ein Jahr, an dem nicht die x.-te Wiederholung des Fernsehklassikers mit Heinz Rühmann auf dem Bildschirm erscheint - auch wenn die Handlung überwiegend im Frühling oder Sommer spielt. Gerne gerät in Vergessenheit, dass das Ganze auf einer Buchvorlage von Heinrich Spoerl beruht, den heute wohl auch nur die wenigsten kennen. In der von Götz Alsmann gelesenen Hörbuchversion rückt nun das Original der Streiche und Abenteuer des Primaners Hans Pfeiffer (mit drei F...) an einem Kleinstadtgymnasium vor ca. 100 Jahren oder mehr in den Mittelpunkt.

Ursprünglich 1933 geschrieben, fehlen der Hörbuchversion einige der Töne, die mir bei der Filmversion von 1944 immer unangenehm aufgefallen sind. Da war, bei allem scheinbar unpolitischem Spaß, der Geschichtslehrer für mich immer schon der Nazi im bürgerlichen Rock des Kaiserreichs. Alsmann, der in einigen zwischengeschalteten Liedern auch als Sänger zu hören ist, bringt ironische Leichtigkeit in die bekannte Geschichte. Natürlich dürfen auch die Sprachfehler und Dialekte der Lehrer, allen voran der "Schnauz" und die rheinische Frohnatur "Bömmel", nicht fehlen.

Zum Inhalt muss ich wohl nichts sagen - Schriftsteller Hans Pfeiffer wird auf einem alkohollastigem Abend mit Feuerzangenbowle von seinem deutlich älteren Freundeskreis inspiriert, noch einmal aufs Gymnasium zu gehen. Denn auf dem Gut seines Vaters wurde er von einem Privatlehrer erzogen, hatte also keine Erfahrung mit dem Schulalltag, Schülerstreichen und Exzentrikern im Lehrerzimmer. Ist der Filmklassiker ganz auf Hans Rühmann zugeschnitten, werden in der Buchversion die anderen Schüler mehr charakterisiert und beim Hinhören wird klar: Mobbing gab es auch anno dazumal. Klein zu sein und obendrei intelligent, das ist ganz schlimm, löst die Kombination doch offenbar automatisch die Beißreflexe des übrigen Schülerrudels aus. Überhaupt ist auch der Hans Pfeiffer des Buches nachdenklicher und die Nebenfiguren weniger lächerlich.

Zum Schmunzeln taugt allerdings auch die gelesene "Feuerzangenbowle". Alsmann trifft den leichten Ton, aber auch die Ironie und persifliert gekonnt die Spießeridylle von Babenhausen, Autoritätshörigkeit und Verklemmtheit der damaligen Zeit. Über die Primaner lachen kann man dagegen auch nach all den Jahren immer noch.

Heinrich Spoerl, Die Feuerzangenbowle

gelesen von Götz Alsmann

Roof Musik, 2022, ungekürzte Fassung. 12.00 Euro

 9783864846946

Thursday, December 15, 2022

Eine Ehefrau verschwindet

 Er kann es nicht lassen: Rabbiner Henry Silberbaum aus Frankfurt wirft als Hobbydetektiv einmal mehr Einblicke in die Abgründe seiner Gemeinde. Diesmal geht es um Galina Gurewitz, die spurlos verschwunden ist. Ihr 30 Jahre älterer Ehemann Semjon, der als "Biznesmen" auf etwas undurchsichtige Weise zu Reichtum gekommen ist, hat allerdings keine Vermisstenanzeige erstattet und gibt sich auf Nachfragen eher schroff. 

Galinas Mutter scheint nach ersten Sorgen ebenfalls seltsam gleichgültig und macht keinen Druck mehr, die Verschwundene zu suchen. Doch da hat sie die Rechnung ohne Rabbi Silberbaum gemacht! Zusammen mit seinem Freund Kommissar Berking von der Frankfurter Polizei kann er es nicht lassen, auch im zweiten Band von Michel Bergmanns Reihe "Der Rabbi und der Kommissar" zu ermitteln. Diesmal heißt es:"Du sollst nicht begehren" - und wenn Bergmann sich an den zehn Geboten orientiert, dürfte es für die Beiden noch einiges zu tun geben.

Motive für ein nicht ganz freiwilliges Verschwinden Galinas gibt es reichlich - da ist zunächst einmal die Ex-Frau Semjons, die es nicht gerade toll fand, durch ein Zweitmodell im Alter ihres ältesten Sohnes ersetzt zu werden. Und Galina selbst? Ihr wird nicht nur ein Verhältnis mit einem anderen Gemeindemitglied nachgesagt, auch Erpressung soll ihr nicht fremd sein. Erpresst wird aber auch Semjon.

 Ein undurchsichtige Rolle spielt zudem ein russischer Diplomat des Frankfurter Generalkonsulats, der sich um die Ex-Landsleute kümmert, die einst als jüdische Kontingentsflüchtlinge nach Deutschland auswanderten. Nicht nur aus  uneigennützigen, denn dem Mann wird eine Geheimdienstverbindung nachgesagt. Oder hat er obendrein Verbindungen in die Welt des Organisierten Verbrechens? Schließlich ist nicht unbekannt, dass seinerzeit keineswegs nur richtige Juden nach Deutschland kamen, sondern auch der eine oder andere Dieb im Gesetz die Chance nutzte und sich durch Bestechung oder Einschüchterung  die angebliche jüdische Identität verschaffte, die ihm ein Leben in Deutschland garantierte....

Nimmt es daWunder, dass der Gemeindevorsteher argwöhnt, der Rabbiner könnte seine Pflichten zugunsten der Detektivarbeit vernachlässigen? Schließlich ist zwischen dem Religionsunterricht in der Schule, den Gottesdiensten und den Besuchen bei den Bewohnern des Altenzentrums so einiges zu erledigen. Silberbaum lässt seinem Kumpel Berking nicht nur talmudische Weisheiten, sondern auch kulinarische Erziehung zuteil werden, der Nordhesse hat sich schließlich bisher kaum über die Imbisswurst hinausentwickelt. 

Und auch das Privaltleben ist fordernd - hier Mama Silberbaum, da Fernbeziehung Zoe in New York, mit der Silberbaum zunehmend weniger eine Zukunft sieht. Und dann ist da noch die attraktive Leiterin des Altenzentrums, die bei Silberbaum Unterricht für ihre Konvertierung nimmt.Zwar hat sie angeblich einen Freund in Israel, aber irgendwie ist die Luft zwischen ihr und dem Rabbi ziemlich flirrend.

Unterhaltsam, humorvoll, spannend und mit Einblicken ins jüdische Gemeindeleben, das auch in Frankfurt stark von russischer Zuwanderung geprägt ist, machen in "Du sollst nicht begehren" vor allem die Besonderheiten und mitunter exzentrischen Eigenarten der Protagonisten den Charme des Buches aus. Augenzwinkernd und liebenswert ist dieser Cozy-Krimi mit zahlreichen jiddischen Einsprengseln, die am Ende des Buches in einem Glossar auch für gojim verständlich erklärt werden. Da freue ich mich doch schon auf das nächste Abenteuer des Rabbis und des Kommissars.


Michel Bermann, Der Rabbi und der Kommissar. Du sollst nicht begehren

Heyne, 2022

283 Seiten, 12 Euro

978-3-45344130-9 

Tuesday, December 13, 2022

Keine Zeit für Weltuntergang - der neue Jonasson

 Man könnte Jonas Jonasson vorwerfen, dass seine Bücher alle auf dem gleichen Muster beruhen: Sympatische Losertypen und skurrile Außenseiter, allein beziehungsweise in erstaunlichen Bündnissen, gegen den Rest der Welt. Das Happy end ist garantiert.Und weil die Widersacher so ungleich härter und gemeiner sind, ist ein Jonasson-Roman das literarische Äquivalent zu einer besonders weichen Kuscheldecke oder einer heißen Schokolade mit extra viel Sahne. Und das macht "Drei fast geniale Freunde auf dem Weg zu Ende der Welt"  bei aller Vorhersehbarkeit genau richtig für die kalte, dunkle Jahreszeit, die angesichts steigender Energiepreise und Inflation für viele Menschen derzeit noch düsterer ausfällt, zur fast schon therapeutischen Lektüre: Es wird schon alles gut ausgehen.

Mit dem "nicht ganz so begabten" gutgläubigen Johan hat Jonasson in seinem neuen Buch eine Art schwedichen Forrest Gump geschaffen, der es aus allen Tiefen irgendwie wieder rausschafft und klügere, reichere und erfolgreiche Menschen inspiriert - in diesem Fall den ehemaligen US-Präsidenten Barack Obama und Ex-UN-Generalsekretär Ban-ki Moon. Außerdem ist er ein genialer Koch, dessen Geschmacksnerven das Gegenstück zum absoluten Gehör von Musikern sind.

Gleich auf den ersten Buchseiten wird Johan unversehens zum Lebensretter, weil er nicht Autofahren kann und mit der unfreiwilligen Karambolage mit einem Wohnwagen die Lehrerin und Weltuntergangsprophetin Petra bei ihrem geplanten Selbstmord unterbricht. Zwar geht nach den Berechnungen von Petra die Welt ohnehin in zwölf Tagen unter, doch so lange wollte die schwer depremierte und freudlose Frau nicht warten. 

Dritte im Bunde wird Agnes, 75-jährige Instagram-Influencerin, die zwar nie aus Schweden herausgekomen ist, aber ein virtuelles Alter Ego geschaffen hat, das an die szenigsten Orte der Welt jettet - Bildbearbeitung machts möglich. Dank seiner neuen Freundinnen, kommt Johan zu ein paar neuen Einsichten - darunter der Erkenntnis, dass sei bewunderter großer Bruder Fredrik ihn sein ganzes Leben lang ausgenutzt und übervorteilt hatte. Höchste Zeit also, ihm gehörig die Meinung zu sagen - vor allem, da ja laut Petra das Ende der Welt bevorsteht. 

Fredrik ist als Nachwuchsdiplomat auf seinem ersten Auslandsposten als dritter Sekretär der schwedischen Botschaft in Rom. Als Johan ihn dort zur Rede stellen will, avanciert er aber völlig unerwartet auf dem diplomatischen Parkett, diskutiert mit seinem neuen Kumpel Barack die Probleme der Afrikanischen Union und die Vorzügichkeit schwedschen Käses.  Komplikationen gibt es trotzdem, denn Agnes falsche Internet-Identität fliegt auf, es gibt Steuerprobleme und Betrugsvorwürfe,, Interpol ist dem Trio auf den Fersen und ein fiktives afrikanisches Land, dessen herausrangendsten Merkmale Korruption und Vetternwirtschaft sind, wird nicht nur zum vorläufigen Fluchtpunkt, sondern erweist sich für Johan als Wendepunkt seines bisherigen Lebens. 

Schweizer Finanzjongleure, afrikanische Potentaten und russische Mafia spielen eine Nebenrolle in dem turbulenten Roman über die Abenteuer von Johan und seinen Freunden, Klar, dass das Gute siegt und Fiesheit abgestraft wird. Und die Welt geht auch nicht unter. Das Prinzip Hoffnung setzt sich eben auch im neuen Wohlfühl-Buch von Jonas Jonasson durch.


Jonas Jonasson, Drei fast geniale Freunde auf dem Weg zum Ende der Welt

C. Bertelsmann 2022

447 Seiten, 24 Euro

ISBN 978-3-570-10486-6

Saturday, December 10, 2022

Trinkend durch die Schreibblockade

 Der Titel "Ein Schuss Whiskey" macht klar - Carsten Sebastian Henns dritter kulinarischer Kriminalroman spielt auf der grünen Insel, Irland. Dazu hätte es nocht nicht einmal das Kleeblatt  auf der Coverseite gebraucht. Schließlich wird in Irland bekanntlich Whiskey gebrannt - mit einem e-Unterschied etwa zum schottischen Whisky. Um die Konkurrenz zwischen Iren und Schotten in Sachen Hochprozentiges, um die immer bösen Engländer und die Rolle des Whiskeys für die irische Seele geht es hier denn auch - unter anderem. Denn daneben steht eine andere irische Spezialität im Mittelpunkt, nämlich Dichtung und Schriftstellerei. Und natürlich der eine oder andere Mord.

Janus Rosner sucht in Dublin Inspiration. Er will einen Kriminalroman schreiben, doch er leidet unter einer Schreibblockade. Dagegen sollte Whiskey helfen, viel Whiskey. In vino veritas, und im Rausch vielleicht die zündende Idee für den Roman? Zwischen trunkenen Dialogen glaubt Janus zu halluzinieren, als er eine wunderschöne Frau sieht, die auf der anderen Seitedes Flusses erst Gedichte rezitiert und dann von einem maskierten Mann erschossen wird. Die Polizei will Janus keinen Glauben schenken, was teils an seinem offensichtlich alles andere als nüchternem Zustand liegt, aber auch an der Tatsache, dass es keine Leiche gibt, Die gibt es dafür einen Tag später - allerdinga handelt es sich um eine andere Frau.

Der Rheinländer Janus kann seine westfälische Mitbewohnerin überreden, mit ihm gemeinsam Detektiv zu spielen. Und das heißt angesichts der rheinisch-westfälischen Kulturunterschiede eine ganze Menge! Selbst die irisch-englischen Animositäten  werden da beinahe in den Schatten gestellt. 

Ein paar Leichen, ziemlich viele skurrile Charaktere, ein bißchen Liebe und reichlich Whiskey füllen diesen Roman, der mit viel Humor geschrieben ist und das Genre durchaus auf die Schippe nimmt. Auf den Plot kommt es da gar nicht so sehr an, denn im Vordergrund steht außer dem exzentrischen Detektivspiel die Suche nach dem perfekten Whiskey. Dabei macht die Beschreibung verschiedener Whiskeysorten, die Janus bei seiner Suche nach der Wahrheit verkostet, sehr deutlich, dass Henn auch Restaurantkritiker ist. Geradezu poetisch werden die Empfindungen von Gaumen und Kehle niedergeschrieben. 

"Ein Schuss Whiskey" macht vor allem Spaß und  vielleicht auch ein bißchen durstig. Mit der Lösung des Falls ist auch noch nichts Schluss, denn es gibt einen whiskeyhaltigen Rezeptteil und auch zwischendurch allerlei historische Schlenker zur Geschichte von Whiskey und Whisky. Slainte!


Carsten Sebastian Henn, Ein Schuss Whiskey

Dumont 2022

396 Seiten, 17 Euro

 978-3-8321-8175-8

Saturday, November 26, 2022

Allein unter Almans

 Man kann Aylin Atmaca zugute halten: Mit ihrem Debütroman "Ein Alman feiert selten allein" hat sie migrantische Erfahrungen ohne Larmoyanz und erbitterte Ergüsse über die böse, böse Mehrheitsgesellschaft geschrieben, selbst die Kartoffel-Verunglimpfung hat sie unterlassen. Kritisch lässt sich anfügen, es gibt reichlich Klischees.Vor allem aber nimmt ihr humoristisch geprägtes Buch deutsch-türkische Culture clashs auf die Schippe.

Für Protagonistin und Ich-Erzählerin Elif ist es Stress Pur: Sie wird das erste Weihnachtsfest mit der Familie ihres Freundes Jonas verbringen. Das heißt: Die Beziehung ist ernst! Weihnachten in Familie, das ist ja gewissermaßen das Vorspiel zu einer Verlobung, ja, kommt doch eher nach einem solchen Schritt. Es heißt aber auch: Alman-Alarm! 

Denn nicht nur Jonas´ Kernfamilie, sondern der gesamte Familienclan kommt unter dem Weihnachtsbaum zusammen. Und zwar so richtig deutsch-organisiert, mit WhatsApp-Gruppe und solchen Marotten wie dem Bügeln des Geschenkpapiert zur künftigen Wiederverwendung! (Merke: Die Autorin ist in Heidelberg aufgewachsen. Schwäbische Sitten...)

Das Buch lebt von der Unwissenheit Elifs, die gewissermaßen ihren Initiationsritus in deutsches Brauchtum und das Fest der Feste erlebt. Wobei das irgendwie unglaubwürdig erscheint, denn auch wenn Elifs muslimische Familie kein Weihnachten gefeiert hat, ist es ja nicht so, als sei sie gerade erst aus der Türkei angekommen. Wer als türkeistämmiges Kind in Deutschland Kindergarten und Schule durchlaufen hat, Werbung und Fernsehprogramm kennt, für den oder die ist Weihnachten und deutsches Brauchtum denn nicht so wirklich ein böhmisches Dorf. Schließlich gibt es zahlreiche türkische Familien, die gerne auf den Weihnachtsmarkt gehen und sich auch ohne religiösen Bezug gerne einen Baum aufstellen, weil es so schön ist.

Sei´s drum - Ein Alman kommt selten allein wirbt für Verständnis und Dialog, selbst der zu rassistischen Sprüchen neigende Onkel lernt irgendwann das Prinzip Toleranz und das Fest der Liebe funktioniert auch ohne zu nachhaltien Zerwürfnissen zu führen. Für Elif gibt es neue Einblicke in Jonas und seine Familie. Mal sehen, wie der sich auf dem nächsten Zuckerfest schlägt.  Vielleicht gibt es ja noch einen Folgeband: Allein unter Almansis.


Aylin Atmaca, Ein Alman feiert selten allein

Harper Collins 2022

192 Seiten, 16 Euro

9783365000724