Saturday, November 9, 2024

Mord und Achtsamkeit

 Die Verbindung von Achtbarkeitsritualen und teils eher unbeabsichtigten, teils durchaus kalkulierten Leichen hat schon in der "Achtsam morden"-Reihe funktioniert und mit schwarzem Humor für gute Unterhaltung gesorgt. Als ich den Klappentext von "Mordscoach" von Lilly Pabst sah, war ich also sofort neugierig. Hier ist es Psychoanalytikerin und Achtsamkeits-Coach Sophie Stach selbst, die für eine zunehmende Zahl zu entsorgender Leichen in ihrem Leben sorgt.

Es kann ja schon mal passieren, dass man in einer psychischen Ausnahmesituation überreagiert. So wie Sophie, als die zunächst nette junge Frau, die sie in ihrer Praxis aufsucht, mit der Nachricht herausrückt, dass sie die Geliebte von Sophies Ehemann ist. Da ist sie hin, die Illusion der funktionierenden Ehe in gegenseitigem Respekt und achtsamer Zuneigung. Das kann Sophie nicht so einfach wegatmen, denn die Rivalin ist plötzlich tot.  

Mit der Entsorgung der Leiche ergibt sich schnell ein neues Problem, da ein Patient, der ein ungesund obsessives Interesse an seiner Therapeutin entwickelt hat, Dinge mitkriegt, die er nicht hätte sehen sollen. Und auch sonst gibt es weitere Komplikationen, die Sophie zu Handlungen bewegen, die im Handbuch der Psychologie und Psychoanalyse eher nicht vorgesehen sein dürften. Ein gutaussehender Polizist, dem Sophie zwangsläufig gehäuft über den Weg läuft angesichts einer wachsenden Zahl unnatürlicher Todesfälle, die Frage Scheidung oder ein noch finaleres Ehe-Aus gehören zu den weiteren Problemen, die Sophie sich in ihrer Coach-Ausbildung sicher nicht zu träumen gewagt hätte.

Dass Sophie in der Lage ist, ihr mörderisches tun durchaus reflektiert in bester Achtsamkeitsmanier zu betrachten, sorgt für humorvolle Lesemomente, auch wenn die Analytikerin für ihren Beruf ziemlich rabiat vorgehen kann. Wer für den sich häufenden Leichenberg verantwortlich ist, ist hier nicht die Frage, wohl aber: wird Sophie überführt? Einige Längen gibt es in dem unterhaltsamen Cozy Crime, insgesamt hat mir das Buch aber gefallen, auch wenn die Protagonistin nur bedingt sympathisch ist.

Lilly Pabst, Mordscoach

Ullstein 2024

320 Seiten, 13,99

  9783548069098

Internat für Nachwuchsmörder

  Das McMasters Konservatorium für Angewandte Künste ist eine Hochschule der etwas anderen Art. Es geht nicht etwa um Kompositionstheorie, Klaviertechnik oder den perfekten Ton, wie der Name der Akademie vermuten ließe - nein, wer, hier studiert, erhält buchstäblich tödliches Wissen, könnte aber auch selbst in Gefahr laufen, noch vor Studienabschluss das eigene Leben zu verlieren. Der Buchtitel von Rupert Holmes Roman sagt eigentlich schon alles: How to murder your boss - McMasters Handbuch zum Morden.

Bei McMasters handelt es sich um den Hochschulgründer, der nach seinem (natürlichen) Ableben weiterhin der akademische Übervater und moralische Kompass der Schule ist, die im Klappentext als "Hogwarts für Mörder" bezeichnet wird. Genau diese Beschreibung hatte mich getriggert, das Buch zu lesen. Hier wurde ich allerdings enttäuscht: Abgesehen von einem malerischen Setting und der Tatsache, dass nur Eingeweihte die Schule kennen, gibt es wenig Gemeinsamkeiten zwischen Hogwarts und McMasters und auch Schreibstil und Plot haben nichts miteinander zu tun.

Die Handlung spielt in den 1950-er Jahren, aber die Ausdrucksweise des Autors klingt so altertümlich, als sei das Buch noch deutlich früher geschrieben worden. Der etwas betuliche Stil war irgendwie nicht so mein Ding. Vor allem am Anfang  habe ich deshalb mit dem Buch gefremdelt und musste mich zum Weiterlesen überwinden. Später nimmt es dann doch an Fahrt auf, vor allem, wenn drei Absolventen ihre Pläne nach vollendetem Studium in die Tat umsetzen sollen: Der Flugzeugingenieur Cliff Iverson, ein Stipendiat, der mit einem Tagebuch seinen unbekannten Gönner über seine akademischen Fortschritte auf dem Laufenden halten soll, Gemma Lindley, die von ihrer Vorgesetzten in einem britischen Krankenhaus ausgenutzt und erpresst wird, und Hollywood-Darstellerin Doria Maye, deren Karriere von einem fiesen Studioboss torpediert wird.

Der Mord am Chef, als letztes Mittel und unter bestimmten an der Akademie gelehrten Voraussetzungen ethisch vertretbar, ist zugleich die Abschlussarbeit. Doch sollten die Jungakademiker scheitern, droht ihnen selbst die Eliminierung. Mit diesen finalen Ungewissheiten spielt der Autor. Zwar ist der eigentliche Protagonist Cliff Iverson, dessen früherer Chef mit der kostensparenden Änderung von Cliffs Konstruktionsplänen eine Flugzeugkatastrophe herbeiführen könnte, doch am unterhaltsamsten ist die vielseitige Diva Doria, die das Spiel der mehrfachen Täuschung perfekt beherrscht. Sie bei ihrer Abschlussarbeit zu begleiten hat mich mit dem eher lahmen Auftakt des Buches und einiger verzichtbarer Längen versöhnt.

Rupert Holmes, How to murder your boss

Harper Collins 2024

608 Seiten, 13 Euro

9783365007686

Wednesday, November 6, 2024

WG wird zur Wahlfamilie

 Als Zahnärztin Constanze nach der Trennung von ihrem Freund schnell eine neue Unterkunft braucht, zieht sie in die WG des reiselustigen Rentners Jörg, der Schauspielerin Anke und des lebenslustigen und stets optimistischen Murat. Nur vorübergehend, ist sie überzeugt. Sie ist schließlich schon eine Weile aus dem Studentinnenalter raus, die WG ist zweckmäßig und kostensparend, gerade im teuren Hamburg, wo günstige Wohnungen eher Mangelware sind. Doch der Titel von Isabel Bogdans Roman "Wohnverwandtschaften" macht schon klar: es kommt anders.

Aus Fremden werden Freunde, aus Freunden eine Wahlfamilie. Auch wenn sich manches erst einmal einspielen muss. Anke freut sich einerseits, nicht mehr die einzige Frau zu sein, fühlt aber auch Eifersucht, als sie vermutet, dass Constanze und Murat eine gemeinsame Nacht verbracht haben. Gerade, weil sie in ihrem Beruf mit 50 plus plötzlich nicht mehr gefragt ist mit Rollen. Die finanziellen Probleme sind da nur ein Aspekt, auch Ankes Selbstwertgefühl bricht zusammen.

Zur Wahlfamilie werden die Jüngeren auch für Jörg, den verwitweten Wohnungsbesitzer. Sein Sohn und dessen Familie leben in Südfrankreich, da sieht man sich nicht so oft. Und bekommt auch nicht mit, was vor allem Constanze und Anke zunehmend auffällt: Jörg wiederholt sich oft, wird vergesslich. Ist er einfach nur zerstreut, oder steckt mehr dahinter? Murat, der sorglose Sonnenschein der WG, spielt die Sorgen der beiden herunter, bis die Auffälligkeiten offensichtlich werden. Und auch Jörg, anfangs genervt von den Vorschlägen der Mitbewohnerinnen, sich doch mal untersuchen zu lassen, merkt, dass etwas nicht mehr stimmt.

Leicht geschrieben, aber mit ernsten Tönen, geht es in Bogdans Buch um Beziehungsprobleme, Altersdiskriminierung und Demenz, aber auch um Freundschaft, Fürsorge, Solidarität und gegenseitige Unterstützung. Die Balance zwischen Humor und Ernst wird gut gehalten. Dabei werden die kurzen Kapitel aus der Perspektive jeweils eines der WG-Bewohner, manchmal auch  als Beschreibung der Gedanken und Gefühle aller geschildert. Unsentimental und warmherzig macht Bogdan ihre Leser*innen zu Mitbewohnern der WG, die ich gerne durch das Buch begleitet habe.

Isabel Bogdan, Wohnverwandtschaften

Kiepenheuer & Witsch 2024

272 Seiten, 24 Euro

9783462004199

Monday, October 7, 2024

Tee mit Betty

Die Queen ist tot, ihre Untertanen müssen sich noch an Langzeit-Thronfolger Charles III. als ihren neuen Monarchen gewöhnen und Schottin Kate wird von ihrer Freundin zu einem Besuch von Windsor Castle nach Südengland verschleppt. Der royale Prunk liegt der jungen Frau so gar nicht, von der Aristokratie hält sie wenig und überhaupt hat sie ganz andere Probleme: Wo ist in all diesen Raumfluchten eigentlich eine Besuchertoilette?

Immerhin hat Kate beim bisherigen Verlauf der Schlussführung gut aufgepasst und sich den Standort einer Tapetentür gemerkt. In den für Besucher - und Royals - unsichtbaren Gängen der Dienstboten wird es ja wohl irgendwo eine Toilette geben! Das dringend benötigte Örtchen findet Kate zwar nicht, wohl aber eine Teeküche mit einer freundlichen alten Dame namens Betty, die sie prompt zum Tee einlädt. So das Eingangsszenario von Claire Parkers "Tee auf Windsor Castle", einer Wohlfühl-Novelle für alle Queen-Fans, mit gerade mal 160 Seiten auch recht überschaubar.

Zwischen Kate und Betty liegen nicht nur Generationen, sondern auch Welten. Schon Bettys Vater hat auf Windsor Castle gearbeitet, und offenbar hat sie ein recht behütetes Leben geführt, so war sie etwa noch nie in einem Pub - auch wenn sie sich als ausgesprochen trinkfest erweist. Kate dagegen steckt ewig in Finanznöten und ist auch schon mal mit dem Gesetz zusammengerasselt. Die Liebenswürdigkeit und Lebensweisheit ihrer ungleichen Freundin zieht sie dennoch in den Bann und in langen Gesprächen kommen sich die Frauen näher.

Was Bettys Geheimnis ist, dem Kate erst spät auf die Spur kommt - Leser*innen ahnen es schon früh, es bietet sich ja geradezu an. Insofern ist "Tee auf Windsor Castle" ein bißchen wie Fan-Lit für Bewunderer der Queen. Die Monarchie-Kritik, mit der Kate zunächst nach Windsor gefahren ist, wird im Laufe des Buches jedenfalls sehr viel leiser. Ein bißchen märchenhaft und sehr sehr cozy.

Claire Parker, Tee auf Windsor Castler
Atlantik 2024
160 Seiten, 20 Euro
978-3-455-01827-1

Saturday, September 21, 2024

Tiefe Wurzeln und Sehnsucht nach Neuem

  Man könnte Ewald Arenz wohl als Chronist der ländlichen Provinz und seiner Menschen zwischen Aufbruch und Tradition nennen, denn seine Bücher spielen vor allem auf dem Dorf. Ging es etwa in "Alte Sorten" um eine Außenseitergeschichte, beginnt sein neues Buch "Zwei Leben" mit einer Rückkehr: Roberta, einzige Tochter einer Bauernfamilie, kehrt nach dreijähriger Schneiderlehre in einer Textilfabrik ins Dorf zurück. Einen Beruf hat sie lernen sollen und wollen, doch ihr Platz wird auf dem Hof gesehen, den sie mal übernehmen soll. Außerdem steht gerade die Rübenernte an.

Es sind die frühen 70-er Jahre, auf dem Dorf ist davon noch nichts zu merken. Doch der Ort, an dem alles so gemacht wird, liegt Roberta gewissermaßen im Blut. Wenn da nur nicht die Träume wären, Kleider zu entwerfen, solche, wie sie sie in einer wie ein Schatz gehüteten Vogue-Ausgabe aus den 1920-er Jahren gesehen hat. Roberta fühlt sich auf dem Dorf tief verwurzelt, aber ihr Sehnsuchtsort ist Paris, auch wenn sie sich in die Realitäten einfügt.

Gertrud, die Frau des Dorfpfarrers, herkunftsmäßig höhere Tochter aus Hamburg, ist dem Dorf hingegen seit ihrer Ankunft vor mehr als 20 Jahren fremd geblieben. In dem Ort, in dem alle per Du sind, ist sie die Frau Pfarrer - Respektperson, aber ohne Nähe oder persönliche Kontakte. Liegt es auch an ihrer Haltung? Sind die Dorfbewohner eben doch nur "stinkende Bauern" für sie? Als ihr Bruder ihr vorschlägt, sie auf einer zweimonatigen Vortragsreise zu begleiten, ist es wie eine Flucht - nur aus dem Dorf, oder auch weg von ihrem stillen Ehemann? Sohn Willhelm, der gerade seinen Zivildienst macht, wird bald sein Studium beginnen. Was hält sie dann noch?

William ist auch ein Kindheitsfreund von Roberta. Einst waren sie und Wolfgang, der Sohn eines gewalttätigen Kleinbauern, unzertrennlich. Nachdem sie sich drei Jahre lang nicht gesehen haben, entsteht eine andere Art von Nähe. Doch wird Wilhelm nicht weggehen und das Dorfleben hinter sich lassen, und damit auch Roberta? Nur der Opa, mit gerade mal 69 Jahren als greiser Mann geltend, weiß von der heimlichen Beziehung und Robertas Aufbruchsträumen. Auf einem Hof, auf dem nie viele Worte gewechselt wurden, entsteht zwischen Großvater und Enkelin eine Nähe, denn auch der Großvater hatte einst Träume, von denen Roberta erstmals erfährt....

Arenz hat es wieder einmal geschafft, das "kleine Leben" seiner Protagonisten so zu beschreiben, dass es weder überheblich noch kitschig wirkt. Wenn er das Dorf mit seinen Geräuschen und Gerüchen, mit seinem Rhythmus voller Arbeit und wortkarger Menschen  beschreibt, fühle ich mich in das unterfränkische Dorf von Verwandten in meiner Kindheit gezogen, den Geruch in der Stallkammer und auf dem Heuboden und einen Ort, an dem die Zeit langsamer voranzuschreiten scheint. "Zwei Leben" ist heiter und traurig zugleich, nah dran an den Menschen.

Ewald Arenz, Zwei Leben

Dumont 2024

300 Seiten, 25 Euro

9783832182052


Wednesday, September 18, 2024

Von Freundschaft und Zahlen

 In ihrem Buch "Pi mal Daumen" schildert Alina Bronsky eine ungewöhnliche Freundschaft von zwei Menschen, die unterschiedlich nicht sein könnten. Oskar ist 16, hochbegabt, aber wenn es um zwischenmenschliche Beziehungen geht ohne jegliche Antennen. Der Junge mit Adelstitel und privilegiertem Elternhaus scheint an einer Form von Autismus zu leiden, hält selbst der eigenen Familie gegenüber eine merkwürdige emotionale Distanz. Räumlich hat sich das Näheproblem schon gelöst - er wurde in einer Altstadtvilla in unmittelbarer Nähe zur Uni einquartiert. WG-Suche ist eher nicht eines seiner Probleme.

Und dann setzt sich in der ersten Vorlesung ausgerechnet Moni neben ihn - 53 Jahre alt, drei Jobs gleichzeitig balancierend, während sie außerdem diverse Familienkrisen und Enkelbetreuung meistert. Mit ihrer Vorliebe für Raubtierprint, high heels und viel Make Up hält Oskar sie zunächst für prollig-peinlich, beschließt aber, ihr unter die Arme zu greifen bei den Übungszetteln, da Monika mit ihren formalen Bildungslücken schließlich nur scheitern kann.

Doch Oskar ist nicht nur zunehmend fasziniert von Moni und ihrer mütterlich-zupackenden Art, er stellt auch fest, dass sie bei allen Unterschieden aus gleichem Holz geschnitzt sind, geeint durch die Liebe zur Mathematik. Die Schönheit mathematischer Formeln bringt Oskar zum Träumen, überhaupt lebt er in einer Traumwelt, die vermutlich nur Mathe-Genies zugänglich ist. Gleichzeitig versucht er, Monis Geheimnissen auf die Spur zu kommen - warum verschweigt sie ihrer Familie, dass sie die Uni besucht? Woher kennt sie den Star-Professor, bei dem er unbedingt seine Abschlussarbeit schreiben will?

Bronsky schildert ähnlich wie in ihren vorangegangenen Büchern Charaktere mit Herz und Chuzpe, die Widrigkeiten trotzen und an ihren Träumen festhalten. Ein bißchen ist dieser Roman ein mathematisches Märchen, liebenswert und mit Humor, ohne seine Protagonisten blosszustellen.  Als Nicht-Mathematikerin sind die Besonderheiten algebraischer Gleichungen für mich zwar Perlen vor die Säue, aber diese leicht erzählte Geschichte mit ernsten Untertönen, zugleich ein Appell für Toleranz für Menschen, die ganz anders sind, hat mich in ihren Bann gezogen.

Alina Brosky, Pi mal Daumen

Kiepenheuer & Witsch 2024

288 Seiten, 24 Euro

 9783462004250

Saturday, September 14, 2024

Von Drachenflüsterern und entschlossenen Prinzessinnen

 Es ist schon eine seltsame, nicht unliebenswerte Welt, in die Peter S. Beagle mit seinem Roman "Ich fürchte, Ihr habt Drachen" lockt. Denn im Königreich Bellemontagne gelten Drachen als Ungeziefer wie anderswo Ratten oder Kakerlaken. Statt eines Kammerjägers rückt dann der Drachenfänger an, in diesem Fall der junge Robert, der den in der feudalen Gesellschaft nicht sonderlich angesehenen Beruf von seinem Vater geerbt hat und viel lieber Leibdiener eines Aristokraten, am liebsten gar am königlichen Hof wäre. Mal abgesehen davon, dass Robert Drachen mag und es furchtbar findet, sie zu töten. Ein paar Drachlinge - Babydrachen - tummeln sich wie Haustiere im Haus seiner Mutter, vor allem von den jüngeren Schwestern heiß geliebt.

Doch im königlichen Schloss von König Antoine und Königin Helene muss Robert zum Groß-Drachenputz anrücken. Der Schloss muss gefälligst repräsentativ wirken, denn Prinzessin Cerise, bisher schwer angenervt von den Prinzen, die ihr ihre Aufwartung machten, hat sich tatsächlich in einen Prinzen verguckt. Reginald, Erbe eines großen Königreiches, ist ihr zufällig begegnet, als Cerise sich heimlich fortgeschlichen hat, um sich mühselig Lesen und Schreiben beizubringen. In Beagles Fantasywelt sind die Adeligen nämlich Analphabeten, Bildung ist etwas fürs gemeine Volk, wobei die Jungen schon früh die Schule verlassen müssen, um zu arbeiten - Robert beneidet seine Schwestern, die lernen dürfen.

Reginald ist aber auch mit den allgemeinen Bildungslücken seiner Klasse noch einmal besonders tumb geraten. Die aufgeweckte Cerise übersieht das allerdings, denn Reginald sieht aus wie der Inbegriff eines Helden - der soll es sein und kein anderer! Dass Reginald eigentlich ein ruhiges Leben ganz ohne Abenteuer ersehnt und verzweifelt versucht, sich seinem eher hartherzigen Vater zu beweisen,  ist der entschlossenen Prinzessin nicht klar. Die Spaziergänge mit Reginald sind so nett und keimfrei, dass mir beim Lesen der Verdacht aufkam, dass der schöne Reginald vielleicht grundsätzlich nichts mit Prinzessinnen oder auch Frauen aus dem Volk anfangen kann.

Sei´s drum - Reginald muss ein Held sein, einen Drachen bezwingen , auch wenn es so ziemlich das Letzte ist, worauf er Wert legt. Auf dem Zug ins Abenteuer soll ihn Drachenexperte Robert begleiten - und auch Cerise lässt es sich nicht nehmen, ihren schönen Prinzen in Aktion zu sehen. Wie diese Quest dann noch ein bißchen mehr ist, als die drei samt ihres Trosses erwartet haben, das erzählt Beagle humorvoll, märchenhaft, mit sowohl düsteren als auch romantischen Szenen. Die bildhafte Sprache, die Protagonisten und nicht zuletzt die Drachenwelt machen diesen gelungenen Fantasyroman zu einem Lesevergnügen.

Peter S. Beagle, Ich fürchte, ihr habt Drachen

Klett-Cotta 2024

304 Seiten, 24 Euro

 9783608988284