Danny Maloony hat mit seinen gerade mal 28 Jahren schon jede Menge Schicksal zu bewältigen. Während mancher seiner Altersgenossen noch in ausgedehnter Jugendphase steckt, ein Gap-Year einlegt, alles mögliche ausprobiert, um sich selbst zu verwirklichen und Träumen nachzujagen, hat der Held von James Gould-Bourns Buch "Pandatage" gar keine Zeit zum Träumen: Der Hilfsarbeiter auf dem Bau ist alleinerziehender Vater seit dem Unfalltod seiner Frau. Will, der zwölfjährige Sohn, der bei dem Unfall schwer verletzt wurde, hat seitdem kein Wort gesprochen.
In dieser Situation wäre Danny auch schon überfordert, wenn er sich nicht mit Mietschulden und einem rabiaten Hausbesitzer herumplagen müsste. Wenn er nicht obendrein seinen Job verloren hätte und seine finanziellen Sorgen dadurch noch weiter anwachsen. Denn ungelernte Arbeiter wie Danny sind auf dem Arbeitsmarkt nicht wirklich gefragt, wie er bei seiner verzweifelten Suche feststellen muss.
Eher zufällig und ohne einen wirklichen Plan startet Danny in eine neue Laufbahn als Straßenkünstler im Pandakostüm - es war, abgesehen von einer Nazi-Uniform und einem Boris Johnson-Outfit das billigste, was der Kostümladen zu bieten hatte. Der Anfang ist schwer: Danny wird von anderen Straßrnkünstlern bestohlen, von Kindern gedemütigt und verdient nicht einmal genug für den Bus nach Hause.
Doch während die Existenznöte andauern, erweist sich das Pandakostüm als Segen, als Danny eines Tages Zeuge wird, wie zwei ältere Jungen seinen Sohn misshandeln. Der "Panda" verjagt sie - und Will, der sich bei dem Straßenkünstler bedankt, spricht sein erstes Wort seit mehr als einem Jahr. Danny hofft, dass dies ein Durchbruch sein könnte. Doch Will schweigt zu Hause genauso wie in der Schule. Doch die Sprachlosigkeit ist nicht nur Ausdruck von Trauer und Trauma - Danny weiß im Grunde kaum etwas über seinen Sohn. Der vertraut sich nur dem stummen Panda an, der seine Antworten auf einen Notizblock schreibt. Können Vater und Sohn doch noch zueinander finden ?
Auf der Suche nach einem Ausweg aus seinem finanziellen Dilemma sind Dannys einzige Verbündete sein ukrainischer Kumpel Ivan und die Stangentänzerin Krystal, die Danny zwar seit der ersten Begegnung verhöhnt, sich dann aber trotzdem breit schlagen lässt, ihm das Tanzen beizubringen.
"Pandatage" ist eine tragikomische Geschichte, die sich in einem Rutsch lesen lässt und trotz ernster Themen nicht allzu viel Tiefgang hat. Die Charaktere sind eher einfach gestrickt nach einem schwarz-weiß-Schema, der Ausgang irgendwie unausweichlich. Anrührender Schmökerstoff für Tage, an denen keine allzu schwere Lesekost gefragt ist und dessen Fernsehverfilmung vermutlich nur eine Frage der Zeit ist.
James Gould-Bourn, Pandatage
Kiepenheuer & Witsch, 2020
384 Seiten, 20 Euro
978-3-462-05364-7
Sunday, April 19, 2020
Sunday, April 12, 2020
Wer nicht hören will..... "Whisper Network"
Genderdebatten lassen sich auch spannend-unterhaltsam führen. Mit "Whisper-Network" jedenfalls hat die amerikanische Autorin Chandler Baker einen Roman geschrieben, mit dem sich auch jene Frauen auf die Diskussion über übergriffige Männer und Abwehrstrategien von Frauen einlassen, die im Perlenketten-und-Kostüm-Look vehement erklären, mit "Emanzen" nichts am Hut zu haben. Und auch die Autorin wirkt, so zeigt eine kurze Internetrecherche, zu ihrem Foto, wie eine dieser WASP-Frauen (white Anglo-Saxon Protestant), die traditionell eher nicht zu den am meisten diskriminierten Gruppen gehören.
Aber nicht erst seit der #MeToo-Debatte ist ja klar: Nur wenige Frauen sind so privilegiert, so einflussreich, so unantastbar, als dass es nicht doch mal einen Mann gegeben hat, der grabscht, eine sexistische Bemerkung fallen lässt, sich übergriffig verhält - einfach, weil er es kann. The "Whisper-Network" führt die Leserinnen - in meinem Fall die Hörerinnen, da ich das von Anna Carlsson gelesene Hörbuch hörte - in die Welt der Juristinnen Sloane, Ardie und Grace, die in der Rechtsabteilung eines texanischen Sportartikelunternehmens arbeiten.
Alle drei sind beruflich erfolgreich - Sloane ist sogar die stellvertretende Leiterin der Rechtsabteilung. Finanzielle Probleme kennen sie nicht, auch wenn privat nicht alles perfekt ist: Sloane macht sich Sorgen um ihre zehnjährige Tochter, die in der Schule gemobbt wird, Grace leidet an einer postnatalen Depression und Ardie muss nach ihrer Scheidung in den Alltag als Alleinerziehende hereinfinden.
Und dann ist da noch Ames, der Vorgesetzte der drei Frauen, mit dem Sloane einst eine kurze Affäre hatte. Ames ist ein Mann, über dessen Verhalten Frauen schon immer gemunkelt wurde - nun sucht er auffällig die Nähe zu einer neuen, jungen Kollegin. Gewünschte oder ungewünschte Aufmerksamkeit? Wo fängt Verhalten an, übergriffig zu werden? Und wie sollen sich die Frauen verhalten, da Ames nunmehr als heißer Kandidat für das Amt des Geschäftführers gilt und dann noch unangreifbarer wäre? Die drei diskutieren noch über das weitere Vorgehen, als Sloanes frühere Mentorin sie auf eine unter den Business-Frauen der Stadt kursierende Excel-Liste hinweist, zu der jede beitragen kann. Über dieses anonyme Netzwerk warnen Frauen ihre Geschlechtsgenossinen vor Kollegen und Chefs, vor denen man sich in Acht nehmen muss.
Und dann ist Ames plötzlich tot. War es Mord? War es Selbstmord? Plötzlich finden sich die drei Frauen, die juristisch gegen ihren Arbeitgeber vorgehen wollten, selbst einer Gegenklage gegenüber, die sie finanziell und beruflich ruinieren könnte.
Vom Aufbau erinnert Whisper-Network ein bißchen an "Little Big Lies", denn die Geschichte wird von hinten aufgerollt, mit einer polizeilichen Untersuchung, mit Aussagen und Zeitsprüngen zu den Erlebnissen der drei Frauen sowie zu der Putzfrau Rosalita, die zunächst so gar nichts mit den anderen zu verbinden scheint und der eine ganz entscheidende Rolle zukommen soll.
Das Whisper-Network lebt vom Ungesagten, von Andeutungen, von Rätselraten - war da was? Wurde etwas überinterpretiert? Welche persönlichen Motive spielen rein? Wer hat welche Interessen? Wer kann wem vertrauen? Dabei sorgt Baker für manche Überraschung und verzichtet auf Schwarz-Weiß-Malerei nach dem Motto: Lauter böse Männer, laute gute Frauen. Im richtigen Leben ist es schließlich auch nicht so einfach.
Anna Carlsson schafft es dabei als Sprecherin, jeder der Protagonistinnen eine eigene unverwechselbare Stimme zu geben. Ihre angenehme Erzählstimme macht das Buch zu einem echten Hörvergnügen.
Chandler Baker, Whisper Network
gelesen von Anna Carlsson
Random House Audio, 2020
ca. 9 Stunden 40 Minuten
ISBN 978-3-8371-5015-5
Aber nicht erst seit der #MeToo-Debatte ist ja klar: Nur wenige Frauen sind so privilegiert, so einflussreich, so unantastbar, als dass es nicht doch mal einen Mann gegeben hat, der grabscht, eine sexistische Bemerkung fallen lässt, sich übergriffig verhält - einfach, weil er es kann. The "Whisper-Network" führt die Leserinnen - in meinem Fall die Hörerinnen, da ich das von Anna Carlsson gelesene Hörbuch hörte - in die Welt der Juristinnen Sloane, Ardie und Grace, die in der Rechtsabteilung eines texanischen Sportartikelunternehmens arbeiten.
Alle drei sind beruflich erfolgreich - Sloane ist sogar die stellvertretende Leiterin der Rechtsabteilung. Finanzielle Probleme kennen sie nicht, auch wenn privat nicht alles perfekt ist: Sloane macht sich Sorgen um ihre zehnjährige Tochter, die in der Schule gemobbt wird, Grace leidet an einer postnatalen Depression und Ardie muss nach ihrer Scheidung in den Alltag als Alleinerziehende hereinfinden.
Und dann ist da noch Ames, der Vorgesetzte der drei Frauen, mit dem Sloane einst eine kurze Affäre hatte. Ames ist ein Mann, über dessen Verhalten Frauen schon immer gemunkelt wurde - nun sucht er auffällig die Nähe zu einer neuen, jungen Kollegin. Gewünschte oder ungewünschte Aufmerksamkeit? Wo fängt Verhalten an, übergriffig zu werden? Und wie sollen sich die Frauen verhalten, da Ames nunmehr als heißer Kandidat für das Amt des Geschäftführers gilt und dann noch unangreifbarer wäre? Die drei diskutieren noch über das weitere Vorgehen, als Sloanes frühere Mentorin sie auf eine unter den Business-Frauen der Stadt kursierende Excel-Liste hinweist, zu der jede beitragen kann. Über dieses anonyme Netzwerk warnen Frauen ihre Geschlechtsgenossinen vor Kollegen und Chefs, vor denen man sich in Acht nehmen muss.
Und dann ist Ames plötzlich tot. War es Mord? War es Selbstmord? Plötzlich finden sich die drei Frauen, die juristisch gegen ihren Arbeitgeber vorgehen wollten, selbst einer Gegenklage gegenüber, die sie finanziell und beruflich ruinieren könnte.
Vom Aufbau erinnert Whisper-Network ein bißchen an "Little Big Lies", denn die Geschichte wird von hinten aufgerollt, mit einer polizeilichen Untersuchung, mit Aussagen und Zeitsprüngen zu den Erlebnissen der drei Frauen sowie zu der Putzfrau Rosalita, die zunächst so gar nichts mit den anderen zu verbinden scheint und der eine ganz entscheidende Rolle zukommen soll.
Das Whisper-Network lebt vom Ungesagten, von Andeutungen, von Rätselraten - war da was? Wurde etwas überinterpretiert? Welche persönlichen Motive spielen rein? Wer hat welche Interessen? Wer kann wem vertrauen? Dabei sorgt Baker für manche Überraschung und verzichtet auf Schwarz-Weiß-Malerei nach dem Motto: Lauter böse Männer, laute gute Frauen. Im richtigen Leben ist es schließlich auch nicht so einfach.
Anna Carlsson schafft es dabei als Sprecherin, jeder der Protagonistinnen eine eigene unverwechselbare Stimme zu geben. Ihre angenehme Erzählstimme macht das Buch zu einem echten Hörvergnügen.
Chandler Baker, Whisper Network
gelesen von Anna Carlsson
Random House Audio, 2020
ca. 9 Stunden 40 Minuten
ISBN 978-3-8371-5015-5
Trotz allem ein Wohlfühlroman
Die Anwaltskarriere der Pariser Juristin Soléne erfährt einen dramatischen Stopp, als sich einer ihrer Mandanten vor ihren Augen nach seiner Verurteilung in den Tod stürzt. Die Juristin aus großbürgerlicher Familie erleidet einen Zusammenbruch. Das traumatische Erlebnis hat einen Burn-Out ausgelöst, aus dem sich die Hauptfigur in Laetitia Colombanis Roman „Das Haus der Frauen“ erst wieder ins Leben zurücktasten muss. Ihr Psychiater empfiehlt ehrenamtliches Engagement, um überhaupt wieder unter Menschen zu kommen.
Als Soléne die Ausschreibung für eine „öffentliche Schreiberin“ sieht, glaubt sie zunächst, hier gehe es um Schriftsätze für Behörden. Statt dessen findet sie sich im einst von der Heilsarmee eingerichteten „Palast der Frauen“ wieder. Es ist ihre erste Begegnung mit dem Präkariat, mit Frauen, die mit psychischen Problemen zu kämpfen haben, die drogensüchtig sind, jahrelang auf der Straße gelebt haben oder als Flüchtlinge aus Afrika die gefährliche Reise über das Meer auf sich genommen haben. Sie fühlt sich zunächst überfordert von diesen Frauen, die zunächst nicht so recht wissen, was sie von ihr halten sollen. Erst nach und nach öffnen sie sich und erzählen ihre Geschichten.
Es sind vor allem die Geschichten dieser Einzelschicksale, die sich episodenartig durch Laetitia Colombanis Roman „Das Haus der Frauen“ ziehen. Solénes Weg aus ihrer Lebenskrise und ihr Kampf mit den eigenen Dämonen verbindet diese Geschichten wie eine Klammer. Hinzu kommt auf einer weiteren Erzählebene der Rückblick auf die Vergangenheit des „Palast der Frauen“ und seine Gründerin, die Heilsarmee-Offfizierin Blanche Peyron, die gegen alle Widerstände einen Zufluchtsort für Frauen in Not durchsetzte.
Diese Not ist nicht auf das 19. Jahrhundert beschränkt, wie Soléne erfährt. Da ist die Frau aus Guinea, die aus ihrer Heimat geflohen ist, um die kleine Tochter vor Genitalverstümmelung zu retten, aber ihren Sohn zurücklassen musste und darüber zu zerbrechen droht. Eine andere Frau schafft es nach dem jahrelangen Leben auf der Straße immer noch nicht, ihr Zimmer als ein dauerhaftes Zuhause zu sehen, sondern schläft inmitten ihrer Taschen, wo immer sie die Müdigkeit übermannt.
Soléne beginnt, auch jenseits des „Palast der Frauen“ die Armut im Alltag zu registrieren, findet neue Energie im Gefühl, für „ihre“ Frauen etwas ausrichten zu können.
Der Versuch, möglichst viele Schicksale in gut 250 Buchseiten zu packen, ist allerdings auch eine Schwäche des Romans von Laetitia Colombani. Denn den Figuren fehlt durchgehend die Tiefe für eine echte Sozialstudie, die Erfahrungen mit Drogen und Obdachlosigkeit, Flucht und psychischen Problemen bleiben schablonenhaft und auch die Figur der Soléne und ihrer Veränderung durch soziales Engagement ist irgendwie vorhersehbar. Herausgekommen ist ein eingängig geschriebener Wohlfühlroman über eine Frau, die in einer Sinnkrise ihr wahres Ich entdeckt. Dass Laetitia Colombani ursprünglich aus der Filmbranche kommt, ist dem Buch anzumerken. Allzu schwere Kost soll die Unterhaltung nicht belasten.
S. Fischer Verlage, 2020
Ca 255 Seiten,
978-3-10-390003-3
Saturday, July 6, 2019
Woodstock, Baukredit und Familienzoff - von wegen Dolce Vita!
Das Berlusconni seine Ferien auf Sardinien zu genießen weiß, ist durch die Klatschpresse ja zur Genüge überliefert. Dass es auch noch das Sardinien der Aussteiger gibt, zeigt "Von wegen Dolce Vita" von Tessa Hennig, ein Urlaubsroman zum Schmunzeln von der sonnigen Leichtigkeit und Harmlosigkeit einer sanften Brise am Meer. Angie jedenfalls, mit über 70 zwar schon im Rentenalter, aber immer noch als freiberufliche Journalistin tätig, kann sich jedenfalls noch gut an die Zeit der Blumenkinder erinnern. Oh süße Jugendzeit! Make love not war, der Soundtrack von Woodstock, Sonnenuntergänge am Strand und ein bißchen Dope durfte natürlich auch nicht fehlen.
Mittlerweile sind zwar Hüftgold, Falten und graue Haare dazugekommen, aber Angie hat sich ihr inneres Blumenkind bewahrt. Als eine alte Freundin aus Sardinien die alte Clique zum 50 Jahre Woodstock-Wiedersehenstreffen zusammentrommeln will, zögert Angie nicht lange - auf geht´s in den Süden!
Unversehens bekommt sie allerdings Reisegesellschaft von der 16-Jährigen Leonie, die von zu Hause ausgerissen ist. Auf Wohnmobilurlaub mit ihrer Mutter und deren neuen Freund in Schweden hat sie null Bock. Voll spießig, hat die junge Frau im Goth-Look entschieden. Die Bekanntschaft mit Angie ist äußerst flüchtig - die hat sie erst kurz zuvor bei einer Kontrolle gegen Schwarzfahrer "gerettet". Was Leonie nicht ahnt: Das Treffen im Bus war kein Zufall. Seit Angie erfahren hat, dass ihre Tochter Janis aus Stuttgart zurück nach Berlin gezogen ist, hat sie sich auf ihre Spuren geheftet. Denn sie leidet darunter, dass sie ihre Enkelin Leonie nicht sehen durfte, seit es vor rund 15 Jahren zum Bruch zwichen Mutter und Tochter kam.
Janis, eine toughe Bankerin, deren Lebensinhalt finanzielle Sicherheit und ein schmuckes Eigenheim sind, ist höchst beunruhigt, als ihr klar wird, dass ihre Tochter von der Oma "entführt" wurde - typisch für ihre leichtsinnige und verantwortungslose Mutter, wie sie meint. Also macht sie sich im Camper auf den Weg nach Sardinien, bereit zum Mutter-Tochter-Showdown.
Natürlich wäre dies kein Sommerroman, wenn am Ende nicht doch alles ganz anders kommen würde und statt des großen Showdowns jede Menge neue Einsichten, (Selbst-)Erkenntnisse stehen würden. Liebe, Lust und Leichtigkeit inbegriffen. Nicht alles ist Dolce Vita, aber ein happy end darf natürlich nicht fehlen und aus dem Familienzoff erwächst nach einigen Komplikationen und Wirrungen sogar eine ganz neue Familienrunde. Insgesamt kurzweilig, nett geschrieben, wenn auch nicht ganz ohne Klischees, egal ob es um die späten Hippies oder die Bauspar-Spießerfraktion geht.
Allzu überraschend ist das alles nicht, schließlich sind die Kombinationsmöglichkeiten des Genres nicht unmöglich. Als leichte Sommerlektüre zwischen Strand und Pool aber jederzeit geeignet.
Tessa Hennig, Von wegen Dolce Vita
Ullstein, 2019
384 Seiten, 9,99 Euro
ISBN: 9783548291819
Mittlerweile sind zwar Hüftgold, Falten und graue Haare dazugekommen, aber Angie hat sich ihr inneres Blumenkind bewahrt. Als eine alte Freundin aus Sardinien die alte Clique zum 50 Jahre Woodstock-Wiedersehenstreffen zusammentrommeln will, zögert Angie nicht lange - auf geht´s in den Süden!
Unversehens bekommt sie allerdings Reisegesellschaft von der 16-Jährigen Leonie, die von zu Hause ausgerissen ist. Auf Wohnmobilurlaub mit ihrer Mutter und deren neuen Freund in Schweden hat sie null Bock. Voll spießig, hat die junge Frau im Goth-Look entschieden. Die Bekanntschaft mit Angie ist äußerst flüchtig - die hat sie erst kurz zuvor bei einer Kontrolle gegen Schwarzfahrer "gerettet". Was Leonie nicht ahnt: Das Treffen im Bus war kein Zufall. Seit Angie erfahren hat, dass ihre Tochter Janis aus Stuttgart zurück nach Berlin gezogen ist, hat sie sich auf ihre Spuren geheftet. Denn sie leidet darunter, dass sie ihre Enkelin Leonie nicht sehen durfte, seit es vor rund 15 Jahren zum Bruch zwichen Mutter und Tochter kam.
Janis, eine toughe Bankerin, deren Lebensinhalt finanzielle Sicherheit und ein schmuckes Eigenheim sind, ist höchst beunruhigt, als ihr klar wird, dass ihre Tochter von der Oma "entführt" wurde - typisch für ihre leichtsinnige und verantwortungslose Mutter, wie sie meint. Also macht sie sich im Camper auf den Weg nach Sardinien, bereit zum Mutter-Tochter-Showdown.
Natürlich wäre dies kein Sommerroman, wenn am Ende nicht doch alles ganz anders kommen würde und statt des großen Showdowns jede Menge neue Einsichten, (Selbst-)Erkenntnisse stehen würden. Liebe, Lust und Leichtigkeit inbegriffen. Nicht alles ist Dolce Vita, aber ein happy end darf natürlich nicht fehlen und aus dem Familienzoff erwächst nach einigen Komplikationen und Wirrungen sogar eine ganz neue Familienrunde. Insgesamt kurzweilig, nett geschrieben, wenn auch nicht ganz ohne Klischees, egal ob es um die späten Hippies oder die Bauspar-Spießerfraktion geht.
Allzu überraschend ist das alles nicht, schließlich sind die Kombinationsmöglichkeiten des Genres nicht unmöglich. Als leichte Sommerlektüre zwischen Strand und Pool aber jederzeit geeignet.
Tessa Hennig, Von wegen Dolce Vita
Ullstein, 2019
384 Seiten, 9,99 Euro
ISBN: 9783548291819
Friday, June 28, 2019
Mütterkrisen in der Vorstadt-Idylle
Wer Bridget Jones mochte, wird Gill Simms Heldin Ellen als deren Wesensverwandte ins Herz
schließen. Im Gegensatz zu Bridget Jones hat sie ihren Traummann gefunden und geheiratet.
Die Tatsache, dass sie nun mit ihm, den beiden Kindern und Hund in der angeblichen
Vorstadtidylle lebt, macht ihr Leben aber nicht weniger chaotisch. Die lieben Kleinen sind nun mal keine Musterkinder, die Konkurrenz der perfekten latte
macchiato-Mütter mit den noch perfekteren Kindern stresst, der Job in einer IT-Firma ist
irgendwie auch nicht die große Erfüllung - kein Wunder also, wenn Ellen reichlich Wein und
Cocktails zur Bewältigung ihres Alltags braucht.
Dabei ist ein Kater das letzte, was sie braucht, wenn sie den Kindern vor Schulbeginn das
Frühstück zubereiten muss. "Mami braucht nen Drink" ist aber nicht nur das Motto von Ellens Alltagsgestaltung, sondern
auch der Name einer App. mit der sie auf Extra-Einkünfte für den überschuldeten
Familienhaushalt hofft. Schließlich gibt es sooo viele unpraktische Schuhe, die gekauft
werden wollen! Das Tagebuch einer verzweifelnden Vorstadtmutti macht Leserinnen den eigenen Familienalltag
gleich viel erträglicher. Wetten, dass die meisten nicht so anstrengende Verwandte wie Ellen
haben und auch die anderen Schulmütter ein bißchen erträglicher sind?
Die Erlebnisse der Vorstadttmami werden locker-flockig geschildert, mit mancher
Überzeichnung, aber sehr unterhaltsam. Das Familienleben der anderen lässt das eigene
schließlich gleich deutlich entspannender wirken. Ideal auch als Geschenk zum Muttertag
für gestresste Mütter - am besten mit einer Flasche Wein.
Gill Sims, Mami braucht nen Drink
Harper Collins 2018
ca 352 Seiten, 15 Euro
ISBN 978-3-96161-008-2
Ab zur Brennpunktschule
Annika wäre so gerne Pianistin geworden. Statt dessen unterrichtet
sie Musik und Geografie an einer der besseren Schulen Hamburgs. Bis zur
Versetzung an eine Problemschule im Brennpunktviertel. Annika will nur
noch weg aus dem "Geddo" und von ihren neuen Schützlingen. Aber dann
kommt natürlich alles ganz anders.
Motivierte und brave Schüler, ein nicht sonderlich anstrengender Beruf und nette Kollegen - Musiklehrerin Annika hat es sich gut eingerichtet an ihrer Traumschule in einem Hamburger Elbvorort. Ausgerechnet am Tag vor den Sommerferien erfährt sie, dass sie vom neuen Schuljahr an einer anderen Schule unterrichten wird. Ausgerechnet im Problembezirk.
Annikas schlimmste Erwartungen werden bestätigt - ihre neuen Schüler sind unmotiviert, stehen mit den einfachsten Regeln deutscher Grammatik auf Kriegsfuß und haben null Interesse an Unterricht und Hausaufgaben. Das bringe ja eh nichts, weil die kids vom Problemkiez nach der Schule eh auf der Straße landen, bekommt sie immer wieder zu hören. Für Annika steht fest: hier bleibt sie nicht, Eine Musical-AG, mit der sie einen Schulpreis zu gewinnen hofft, soll zur Rückfahrkarte an die alte Schule werden. Aber davon haben ihre Kollegen und Schüler selbstverständlich keine Ahnung.
Petra Hülsmanns Buch "Wenn´s einfach wär, würd´s jeder machen" ist nicht etwa geballte Sozialkritik, sondern vor allem ein leichter Unterhaltungsroman über die Liebes- und Lebenswirrungen ihrer 27-Jährigen Hauptfigur, die in Krisenzeiten gerne bäckt und auf ihre beste Freundin und Mitbewohnerin Nele sowie die Nachbarn Sebastian und Kai setzen kann.
Schnell merkt sie, dass ihr ihre ach so unmöglichen Schüler eigentlich doch eine Menge bedeuten - der großspurige Möchtergern Gangsta Rapper Mesut, die schnoddrig-verletzliche Heaven-Tabitha, die von einer Gesangskarriere träumt, die schüchterne Maryam mit der großartigen Stimme und Meikel, der verschlossene Außenseiter.
Annika muss ihren Schülern Selbstvertrauen vermitteln und gerät auf eine emotionale Achterbahn - nicht nur als Lehrerin, sondern auch privat. Und auch den Dämonen ihrer eigenen Vergangenheit muss sich die einst als Nerd gemobbte junge Frau stellen. Wie es sich für das Genre gehört, klappt es am Ende nicht nur mit den Schülern, sondern auch in Herzensangelegenheiten - und nicht die Schüler haben schließlich eine Menge gelernt.
Leicht geschrieben, unterhaltsam und eine nette Ferien- und Urlaubslektüre. Die Charaktere bleiben ein bißchen oberflächlich, aber lesbar ist der Roman trotz aller Vorhersehbarkeiten allemal.
Petra Hülsmann, Wenn´s einfach wäre, würd´s jeder machen
Bastei Lübbe, Köln 2018
ca 570 Seiten, 11 Euro
ISBN 978-3-40417690-8
Motivierte und brave Schüler, ein nicht sonderlich anstrengender Beruf und nette Kollegen - Musiklehrerin Annika hat es sich gut eingerichtet an ihrer Traumschule in einem Hamburger Elbvorort. Ausgerechnet am Tag vor den Sommerferien erfährt sie, dass sie vom neuen Schuljahr an einer anderen Schule unterrichten wird. Ausgerechnet im Problembezirk.
Annikas schlimmste Erwartungen werden bestätigt - ihre neuen Schüler sind unmotiviert, stehen mit den einfachsten Regeln deutscher Grammatik auf Kriegsfuß und haben null Interesse an Unterricht und Hausaufgaben. Das bringe ja eh nichts, weil die kids vom Problemkiez nach der Schule eh auf der Straße landen, bekommt sie immer wieder zu hören. Für Annika steht fest: hier bleibt sie nicht, Eine Musical-AG, mit der sie einen Schulpreis zu gewinnen hofft, soll zur Rückfahrkarte an die alte Schule werden. Aber davon haben ihre Kollegen und Schüler selbstverständlich keine Ahnung.
Petra Hülsmanns Buch "Wenn´s einfach wär, würd´s jeder machen" ist nicht etwa geballte Sozialkritik, sondern vor allem ein leichter Unterhaltungsroman über die Liebes- und Lebenswirrungen ihrer 27-Jährigen Hauptfigur, die in Krisenzeiten gerne bäckt und auf ihre beste Freundin und Mitbewohnerin Nele sowie die Nachbarn Sebastian und Kai setzen kann.
Schnell merkt sie, dass ihr ihre ach so unmöglichen Schüler eigentlich doch eine Menge bedeuten - der großspurige Möchtergern Gangsta Rapper Mesut, die schnoddrig-verletzliche Heaven-Tabitha, die von einer Gesangskarriere träumt, die schüchterne Maryam mit der großartigen Stimme und Meikel, der verschlossene Außenseiter.
Annika muss ihren Schülern Selbstvertrauen vermitteln und gerät auf eine emotionale Achterbahn - nicht nur als Lehrerin, sondern auch privat. Und auch den Dämonen ihrer eigenen Vergangenheit muss sich die einst als Nerd gemobbte junge Frau stellen. Wie es sich für das Genre gehört, klappt es am Ende nicht nur mit den Schülern, sondern auch in Herzensangelegenheiten - und nicht die Schüler haben schließlich eine Menge gelernt.
Leicht geschrieben, unterhaltsam und eine nette Ferien- und Urlaubslektüre. Die Charaktere bleiben ein bißchen oberflächlich, aber lesbar ist der Roman trotz aller Vorhersehbarkeiten allemal.
Petra Hülsmann, Wenn´s einfach wäre, würd´s jeder machen
Bastei Lübbe, Köln 2018
ca 570 Seiten, 11 Euro
ISBN 978-3-40417690-8
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