Thursday, December 31, 2020

Tod zur Weihnachtszeit - Isola Mortale

  Tödliche, aber nicht zu brutale Weihnachten: Giulia Contis Kriminalroman "Isola Mortale"  ist eher der Cozy-Fraktion zuzurechnen Der Spannungsbogen des soliden Krimis ist jedenfalls nicht allzu nervenzerfetzend. Simon Strasser, einst Polizei- und Gerichtsreporter in Frankfurt, hat sich an  einem norditalienischen See in den Halbruhestand versetzt, hilft aber gerne der attraktiven Polizistin Carla bei ihren Fällen - sei es mit deutschen Übersetzungen, sei´s mit eigenen Ermittlungen. Auch Reporter haben schließlich einen Schnüffler-Instinkt!

Da der gute Mann schon ein paar Jährchen am See im idyllischen Haus am Seeufer mit eigenem Boot lebt, habe ich da ein kleines Glaubwürdigkeitsproblem. Welcher Zeitungsredakteur kann heute schon mit 50 la dolce vita suchen? Und das aus Frankfurt, mit seinen horrenden Mieten? Da die Autorin laut Klappentext selbst Journalistin ist,  solllte sie es eigentlich besser wissen. Und nein, auch Polizeireporter werden nicht dauernd mit dem Anblick von Leichem konfrontiert. Die Polizei ist nämlich ziemlich zugeknöpft, wenn es um Medienvertreter am noch nicht aufgeräumten und gesicherten Tatort geht, wie ich aus eigener Erfahrung sagen kann.

Aber sei´s drum, bei einem Cozy ist ja nicht unbedingt Realitätstreue gefragt, sondern es soll unterhaltsam sein, und das ist durchaus der Fall, nachdem eine junge Nonne wenige Tage vor Weihnachten aus dem See gezogen wurde - offensichtlich mit einem stumpfen Gegenstand erschlagen. Polizistin Carla schießt sich vorzeitig auf einen deutschen Geschäftsmann als Hauptverdächtigen ein, vor allem, da ihr sein allzu großes Selbstbewusstsein auf die Nerven geht. Immerhin: er war, neben einem alten Pfarrer, wohl der letzte, der die junge Frau vor ihrem Tod gesehen hat. Da die Äbtissin des Klosters sich eher zurückhaltend mit Auskünften zeigt, ermittelt Simons Freundin Luisa gewissermaßen undercover, indem sie ein paar Tage Klosterurlaub macht.

Die junge Nonne, so viel ist der Äbtissin immerhin zu entlocken. was auf der Suche nach ihrer vor acht Jahren spurlos verschwundenen Mutter. Eine Karte, die in ihrer Zelle gefunden wurde, weist den Weg zu einer Stelle im See, aus der Taucher ein Auto mit zwei Leichen bergen.... Die Lösung des Falls schließt ganz offensichtlich die Rätsel der Vergangenheit ein.

Die Ermittlungen von Profis und Amateuren erlauben der Autorin immer wieder Landschaft- und Restaurantschilderungen, da zahlt sich die Tätigkeit als Verfasserin von Reisebüchern aus. Die Figuren des Romans geraten allerdings ein wenig plakativ und lassen eine gewisse Tiefe vermissen.  Manche Nebenhandlung hätte auch ein bißchen kürzer ausfallen können. Dennoch: solide Unterhaltung.


Giulia Conti, Isola Mortale

Hoffmann und Campe, 2020

320 Seiten, 16,90 Eure

978-3-455-00935-4

Saturday, December 26, 2020

Ein ungleiches Duo auf der Suche nach dem goldenen Käfer

  Manchmal kann eine Krise einen Befreiungsschlag auslösen. So jedenfalls in Rachel Joyce´s Frauenroma "Miss Bensons Reise". Denn Margery Benson, die Protagonistin dieses liebenswerten Romans über die Freundschaft zweier sehr ungleicher Frauen, ist in ihrem Lebenregelrecht eingefroren wie ein Käfer oder Schmetterling hinter Glas: Die Endvierzigerin unterrichtet seit 20 Jahren Hauswirtschaft an einer Mädchenschule. Es ist das Jahr 1950 und eine unverheiratete Frau in diesem Alter wird als "alte Jungfer" eher verspottet oder bedauert - von selbstbewusstem Single-Leben war damals noch nicht die Rede. Als Benson eine wenig schmeichelhafte Karikatur von sich findet, die im Klassenraum herumgereicht wird, ist sie so verstört, dass sie nicht nur aprupt aus der Schule flieht, sondern auch noch das Steifelpaar einer Kollegin mitgehen lässt. Den Job kann sie nun vergessen, nicht, dass er sie jemals ausgefüllt hat.

Ausgerechnet an diesem Tiefpunkt erinnert sich Margery Benson an ihren Lebenstraum - den goldenen Käfer von Neukaledonien zu finden, den ihr Vater ihr in einem Buch gezeigt hat - vor seinem Selbstmord, der das kleine Mädchen und seine Mutter schwer traumatisierte. Margery Benson hatte eine einsame Kindheit, erfuhr weder Freundschaft und Liebe und wuchs in einem Wertesystem der britischen oberen Mittelklasse auf, in dem Emotion mit Schwäche gleichgesetzt wurden. 

Doch zu dem Zeitpunkt, als sie nichts mehr zu verlieren hat, erinnert sich Margery an den goldenen Käfer, an viele Jahre, die sie im Britischen Museum in der Abteilung für Entomologie verbracht hatte. Nun will sie sich endlich aufmachen ans andere Ende der Welt - weder tropenerfahren noch outdoortauglich, eine übergewichtige Frau mittleren Alters, die bislang nicht einmal von ihren Schülerinnen ernst genommen worden war. Da es auf einer Forschungsexpedition einiges zu schleppen gibt, will sie einen Assistenten oder eine Assistentin anheuern, doch als die auserwählte Kandidatin abspringt, muss sie kurzerhand eine bereits aussortierte Bewerberin anheuern, die es wegen ihrer abenteuerlichen Rechtschreibung nicht einmal zum Bewerbungsgespräch geschafft hat - tatsächlich findet die erste Begegnung der beiden Frauen unmittelbar vor der Abreise auf dem Bahnsteig statt.

Sie könnten nicht unterschiedlicher sein: Die hausbackene, wenig lebenserfahrene Margery Benson und die kleine, aber um so auffälligere Enid Pretty, ein Marilyn Monroe-Verschnitt, die sich zwar als Männermagnet in unaufhörlicher Plapperlaune entpuppt, von Käfern und Forschungsexpeditionen aber keinerlei Ahnung hat. Doch auch sie hat, wie der Leser früher als Margery erfahren soll, gute Gründe, alle Brücken hinter sich abzubrechen.

Es dauert, bis die beiden Frauen miteinander warm werden, doch nach Seekrankheit und Visaproblemen, buchstäblich am Ende der Welt im Dschungel, wächst zwischen den beiden Frauen eine Freundschaft. So sehr die jeweils andere nerven kann  - sie brauchen einander, geben sich gegenseitig Stärke und Mut, überwinden gemeinsam Widerstände und Gefahren. Gerade die Szenen der Reise im Dschungel, immer auf der Suche nach dem goldenen Käfer und einmal buchstäblich im Auge des Zyklons, sind voller Naturschilderungen, die Farben, Gerüche und Geräusche des Dschungels vor dem inneren Auge entstehen lassen. 

Mitunter erinnert Miss Bensons Reise an Wohlfühl-Lebenshilfe-Romane, in denen es darum geht, dass jeder sich neu erfinden kann und schon alles gut wird, über den Wert von Freundschaft dass man niemanden nach dem Äußeren oder ersten Eindruck beurteilen sollte. Zugleich ist Miss Bensons Reise ein Abenteuerroman mit mitunter fantastisch anmutenden Elementen - dass jemand ohne Pass und Visum eine transatlantische Reise antreten und erst in Australien, dann in einer französischen Kolonie einreisen kann, entspricht jedenfalls eher Wunschdenken als Wirklichkeit. Und auch dramatische Wendungen sind inbegriffen. Das Ende dieser Reise ist unerwartet und macht nicht wirklich froh. Dennoch kommt auf den fast 500 Seiten keine Langeweile auf - Käferkunde inbegriffen.


Rachel Joyce, Miss Bensons Reise

Fischer Krüger, 2020

479 Seiten, 20 Euro

978-3-8105-2233-7


Sunday, November 15, 2020

Fräulein Gold ermittelt im Scheunenviertel

 ulda Gold, die Hebamme mit dem detektivischen Spürsinn, lernt in Anne Sterns historischem Kriminalroman "Scheunenkinder" das Berlin der 1920-er Jahre abseits der "goldenen Zeiten" kennen.  Die selbstbewusste junge Frau kommt dank ihres Berufs in ganz unterschiedliche Milieus der Stadt - doch das Scheunenviertel in Berlin Mitte war für sie bisher ein unbekanntes Pflaster. Über die Vermittlung ihres Vaters soll sie in dem Stadtteil, der wegen seiner vielen ostjüdischen Einwohner wie ein galizische Stetl mitten in Berlin ist, der hochschwangeren Tamar durch die Geburt helfen. Die fromme orthodoxe Familie legt Wert auf eine jüdische Hebamme - auch wenn Hulda, deren Mutter Christin war, im Sinne des jüdischen Religionsgesetzes gar nicht als Jüdin anerkannt ist und auch ihr Vater als Vertreter des liberalen Reformjudentums wenig mit der Glaubenswelt der frommen und bitterarmen Ostjuden gemeinsam hat.

Bei aller Faszination für die fremde Welt des Scheunenviertels merkt Hulda schnell, dass Tamar bei aller Vorfreude auf ihr Kind in der Familie isoliert ist. Zwar liebt sie ihren Ehemann Zvi, wird von der Schwiegermutter aber vehement abgelehnt, da sie keine Jüdin, sondern Armenierin ist. Als Hulda nach der weitgehend unkomplizierten Geburt wenige Tage später nach Tamar schaut, ist die junge Mutter apathisch und depressiv - und von dem Kind ist keine Spur zu finden. Huldas Fragen laufen ins Leere,  vergeblich versucht sie, ihren Freund, den Kriminalkommissar Karl, für den Fall zu interessieren. Doch der steckt bis über beide Ohren in Arbeit nach dem Fund mehrerer toter Kinder, die wohl als Arbeitssklaven verkauft worden sollten. Gibt es womöglich Bezüge zu dem verschwundenen Baby? Hulda jedenfalls lässt sich nicht abwimmeln, weder von Tamars Schwiegermutter noch von Karl. Und auch der junge Rabbiner der Familie, über den sich Hulda nicht ganz klar ist, muss sich allerlei Fragen gefallen lassen...

Mit Hulda Gold hat Anne Stern eine sympatische Hauptfigur geschaffen, die aufgeschlossen und neugierig durch die Stadt geht und mit viel Mitgefühl "ihren" werdenden Müttern begegnet. Weltwirtschaftskrise und Inflation, Armut und Arbeitslosigkeit, wachsender Nationalismus und Antisemitismus prägen auch den Berliner Alltag. Und auch wenn Hulda selbst ihre jüdische Herkunft nicht zum Thema machen will, erkennt sie zunehmend, dass ihr Name und ihr Aussehen bei manchen Menschen bereits auslösen, Hass auszulösen. Wie nahe Gewalt und antisemitischer Hass auch im Jahr 1923 schon sind, muss Hulda eines Tages im Scheunenviertel erleben - und auch, wie gleichgültig viele Polizisten auf das Pogrom reagieren. 

Auch die Beschränkungen, mit denen Frauen in dieser Zeit immer noch konfrontiert sind, macht die Autorin deutlich. Auch wenn Hulda in ihrem Beruf aufgeht - als Ärztin wäre sie sicherlich ebenso erfolgreich. Doch Frauen an den Universitäten - das ist noch immer mit zahlreichen Problemen und Hindernissen verbunden. 

"Scheunenkinder" ist weniger ein Whodunit als ein historischer Roman mit "Kriminal-Elementen". Dabei überzeugt die Figur der Hulda als patente und aufgeschlossene  junge Frau, die sich nicht mit den Umständen abfinden will, bei ihrem Privatleben allerdings manchmal den Durchblick zu verlieren droht.


Anne Stern, Fräulein Gold. Scheunenkinder

Rowohlt Polaris, 2020

448, 16 Euro

978-3-499-00429-2

Saturday, October 3, 2020

Starke Männer auf Romantik-Kurs - Secret Book Club

 Beruflich könnte es für Baseball-Profi Gavin  Scott gar nicht besser laufen - seit seinem entscheidenden Home Run der Saison wird er von Kollegen und Fans gefeiert. Von Hochgefühlen kann dennoch keine Rede sein, denn seine Ehe steckt in einer tiefen Krise: Ausgerechnet beim Feier-Sex nach eben jenem Homerun musste er nämlich feststellen, dass Ehefrau Thea ihm seit nun mehr drei Jahren Orgasmen vorgetäuscht hatte. Da hilft auch der perfekt durchdefinierte Körper nicht - wenn es darum ging, die eigene Frau zu befriedigen, hat Gavin offensichtlich nicht nur kläglich versagt, sondern das noch nicht einmal mitgekriegt. Zutiefst verunsichert verzieht er sich zunächst ins Gästezimmer und wird von Thea, die seine Reaktion nicht nachvóllziehen kann, rausgeschmissen. Die Scheidung scheint nur noch eine Frage der Zeit.

Wie gut, dass Gavin in seinen Mannschaftskollegen gute Freunde hat. Einige von ihnen hatten in der Vergangenheit ebenfalls schon Ehekrisen - und ein ungewöhnliches Mittel zur Aufarbeitung von Kommunikationsproblemen gefunden: Die Lektüre historischer Liebesromane half ihnen zu verstehen, wie Frauen ticken - und wie die schwülstigen tall dark and handsome Helden ein romantisches Happy End bewerkstelligen.

Männer und Liebesschnulzen - ein Coming Out in der Profi-Liga könnte nicht weniger Schockwellen bereiten.  Kein Wunder, dass der Lesezirkel geradezu konspirativ auftritt - Secret Book club eben, so der Titel des Auftakts der bromance-Reihe von Lyssa Kay Adams. Und kein Wunder, dass die erste Regle der Eingeweihten lautet: Kein Wort nach außen. Es wäre schließlich nicht dem Image knallharter Hockeyprofis, Baseballstars und Alpha-Männer aus Politik und Wirtschaft förderlich, wenn herauskommt, dass sie ausgerechnet in der Schnulzenecke die Lösung für ihre privaten Probleme suchen müssen. Auch wenn sie, da erinnern sie schon wieder an das Auftreten in einer College-Verbindung, die Sex-Szenen für so anregend halten, dass sie ein eigenes Punktesystem für die LL (Lese-Latte) erstellt haben.

Sven Macht als Sprecher der Hörbuchversion dieses Liebesroman zwischen Persiflage und Schnulze kann alle Register ziehen, wenn er mal die Sicht des nun nicht nur wegen seines Stotterns verunsicherten Gavin, mal die von Thea zeigt. Da wird geraunt, geschnurrt, markige Männlichkeit und aufbegehrender Trotz intoniert. 

Denn auch Thea schleppt ihre eigenen inneren Dämonen mit sich herum - als Kind litt sie unter der gescheiterten Ehe der eigenen Eltern, der notorisch untreue Vater heiratet gerade zum vierten Mal, und die einst rebellische Künstlerin, die wegen der Schwangerschaft mit Zwillingen und anschließenden Heirat ihr Studium unterbracht, hasst das Dasein als WAG. Wenn sie sieht, dass sie im Laufe ihres Daseins als Spielerfrau zur in Pastelltöne gekleideten Southern Belle mutiert ist,  erkennt sie sich selbst kaum wieder. Sie will ihr altes, besseres Leben zurück. Doch mit oder ohne Gavin? Denn der lässt sich von Romanfigur Benedict, einem englischen Earl, beim Kampf um Theas Liebe inspierieren.

Inhaltlich ist natürlich vieles voraussehbar - welche Liebesschnulze darf schon ohne Happy end und viele Komplikationen und Missverständnisse zwischendurch enden? Dass die Figuren nicht durch sonderliche Tiefe überzeugen werden, ist auch von vornherein klar. Unterhaltsam ist das Konzept des "secret book club" allemal und beschert so manchen heiteren Hörmoment. Auch starke Männer dürfen bei Romanzen schwach werden.


Lyssa Kay Adams

Secret Book Club. Ein fast perfekter Liebesroman

Argon 2020, 539 Minuten

Sprecher: Sven Macht

9783732453764


Wednesday, September 9, 2020

Bildgewaltiges Familienporträt - Die Infantin trägt den Scheitel links

Fulminant, ausdrucksstark, bildgewaltig - Helena Adler hat mit "Die Infantin trägt den Scheitel links" ein krachendes Familienporträt einer österreichischen Bauernfamilie geschrieben. Es ist ein Buch wie ein Gemälde, mit nicht immer schmeichelhaften Beschreibungen der Familie aus der Sicht der jüngsten Tochter der Familie, die sich einerseits am Ende der familiären Hackordnung fühlt, andererseits mit ihrer scharfen und bissigen Beobachtungsgabe das Leben auf dem Hof kommentiert.

Die Wortwucht schlägt schon gleich auf den ersten Seiten durch, wenn die vierjährige Erzählerin eine gemeinsame Mahlzeit der Großfamilie beschreibt.  Mehrere Generationen leben unter dem Dach, und vor allem die Urgroßeltern werden eindrücklich porträtiert: "Die langen Finger der Urgroßmutter stehen ab wie spitze Holzschiefer vom Tisch ab, um den wir alle sitzen. Die Arbeiterhände des Urgroßvaters sind übersät von Altersflecken und hervortretenden Adern. Sie ragen aus den Ärmeln seiner braunen Wollweste heraus wie die Köpfe von Schildkröten aus ihrem Panzer. Nackt und zerfurcht. Die Hände der beiden berühren einander nicht. Sie greifen nicht nach oben, denn es sind Hände aus dem Bauernstand, Sie Magd, er Knecht, die Genetik einer Gesindeschicht,"

Das ist großes Kopfkino von Anfang an, und die Brüche innerhalb der Familie sorgen  für die kleinen Dramen im Alltag - ganz zu schweigen von dem großen, als die Erzählerin den Bauernhof im zarten Alter von vier Jahren abfackelt. Kann ja mal passieren. Es war auch eine Art Racheaktion, wurden doch die Welpen der Wolfshunde getötet, wie es eben mit unerwünschten Tiernachwuchs auf dem Hof häufig geschah. Überhaupt fühlt sich das Mädchen ihren "Wölfen" häufig näher als den eigenen Angehörigen: Die Mutter steigert sich in ihre Religiosität hinein, der Vater trinkt, die älteren Zwillingsschwestern mögen als Eisläuferinnen beeindrucken, nicht aber durch schwesterliche Fürsorge: Sie drohen der Kleinen, sie einzuschläfern. Wer solche Schwestern hat, braucht keine Feinde. Mit ihren Gewaltphantasien ist aber auch die Erzählerin ganz sicher kein armes Hascherl, sondern in der Familie als "kleine Satansbrut" bekannt.

Die "Infantin" erlebt eine Kindheit, die unendlich weit entfernt ist von Helikopter-Eltern, Mama-Taxi und dem gefüllten Terminkalender voll mit künstlerischer Frühförderung, Ballettraining und Musikunterricht wohlsituierter Stadtsprösslinge. Zwar kann das begabte Mädchen das Gymnasium besuchen  und damit Aufstiegsträume der Familie umsetzen, doch dort spürt sie den Unterschied ihres Lebens und dem der Stadtkinder nur noch stärker. Die Bauernkinder erziehen sich im wesentlich selbst, durchaus ruppig mit Rudelbildung, in dem die gemeinsame Verwahrlosung voranschreitet und gleichzeitig Freiheit zelebriert wird.

Auch die Autorin wuchs auf dem Land auf, da fragt man sich natürlich, wie weit das Buch ein  (Zerr-)Spiegel der eigenen Familie ist. Aus den Schilderungen des Familienlebens sprechen Liebe und Hass zugleich. Helena Adler lässt den Leser die Infantin durch die Pubertät und ins Erwachsenenalter begleiten, zu dem Punkt, wo sie eine grundlegende Entscheidung über ihre Zukunft treffen muss. Manches in dieser Dorfkindheit wirkt grotesk überzeichnet, manches liebevoll verspottet. Langweilig ist dieses Buch ganz sicher nicht.

Helene Adler, Die Infantin trägt den Scheitel links
Jung & Jung, 2020
182 Seiten,  20 Euro
978-3-99027-242-8

Tuesday, September 8, 2020

Der Riss durch die Familie

Die Olanders dachten, nichts kann ihren familiären Mikrokosmos auseinanderbringen. Sie sind bei allen Kabbeleien eine verschworene Einheit: Vater Keith, ein Börsenmakler, Mutter  Jaya, die als Tochter einer indischen Diplomatenfamilie als echte Kosmopolitin aufwuchs und für eine Nichtregierungsorganisation arbeitet, die aufgeweckte Tochter Karina und Nesthäkchen Prem, der für Karina mal der nervende kleiner Bruder ist, aber vor allem derjenige, mit dem sie die binationale Herkunft aus zwei Kulturen teilt.

Doch alles ändert sich, als Prem im Alter von acht Jahren im heimischen Swimming Pool ertrinkt. Karima, die zum Zeitpunkt des Unfalls mit Prem alleine zu Hause war, macht sich Vorwürfe, dass sie lieber mit einer Freundin telefonierte als den jüngeren Bruder zu Beaufsichtigten. Keith flüchtet sich in immer mehr Arbeit, Jaya entdeckt ihre Religion wieder und wendet sich einem Guru zu. Die Ehe der Eltern scheitert und Karima ist nur zu froh. als sie das Elternhaus verlassen kann, um an der Universität von Santa Barbara zu studieren.

Doch auch an der Universität fühlt sich Karima allein - ihre beste Freundin studiert an der Ostküste, mit ihrer Zimmergenossin versteht sie sich zwar gut, sieht sie aber kaum, weil diese neben ihrem Studium noch zwei Jobs hat. Unter den weißen Studenten fühlt sie sich zu anders, unter den indischen nicht indisch genug.  Ihre erste Liebe scheint ihrem Leben endlich wieder positiven Schwung zu geben, doch dann ertappt sie ihren Freund in flagranti mit einer Yogalehrerin. Und auch die Landkommune, in der sie nach dem heimlichen Abbruch ihres Studiums eine Ersatzfamilie zu finden hofft, entpuppt sich als eine Welt, in der sich Karima zu verlieren droht.

Shilpi Somaya Gowda zeigt in ihrem Roman "Was uns  verbindet", wie das Leben jedes Familienmitglieds nach der Tragödie weitergeht, konzentriert sich aber stark auf Karima, die ihren Platz im Leben noch finden muss und emotional besonders aus dem Gleichgewicht geraten ist. Prem verfolgt und kommentiert das Auseinanderdriften seiner Familie und erkennt: er war der Kitt, der sie alle zusammenhielt.

"Was uns verbindet", ist eingängig zu lesen, folgt aber einem eher vorhersehbaren Erzählmuster: Krise, Drama, Läuterung und neue Chancen. Das Verbindende bei den Olanders überwiegt, auch ohne Prem. Ein Wohlfühl-Schicksalroman, bei dem mir ein wenig die Tiefe fehlte .

Shilpi Somaya Gowda, Was uns verbindet
Kiepenheuer & Witsch, 2020
432 Seiten, 12 Euro
978-3-462-05433-0

Saturday, August 29, 2020

Mehr Bridget Jones als #BLM - Queenie

Kann man komisch über Rassismus schreiben? Im Fall von Candice Carty-Williams Debütroman "Queenie" mitunter schon. Queenie, das ist eine 25-jährige Londonerin, deren Großeltern aus Jamaica eingewandert waren. Seit ihr - weißer - Freund eine Auszeit vorgeschlagen hat, ist ihr Leben aus der Kurve geraten. Eigentlich will Queenie nur ihren Tom zurück, doch in der Zwischenzeit hat sie viel zu viele Dates mit Männern, die ihre "schokoladigen" Kurven rühmen, auf one night stands aus sind beziehungsweise auf rein sexuelle Beziehungen aus sind, in denen Queenie mehr Objekt als Partnerin ist. Kein Wunder also, dass es ihr nicht gut geht.

Die Ich-Erzählerin mit Hang zu Selbstgeißelung, die sich bei ihren besten Freundinnen mal über die Sehnsucht nach Tom, mal über die Mistkerle ausweint, an die sie immer wieder gerät, der hohe Alkoholkonsum, die eher nachlässig verfolgte Karriere bei einer Zeitung - das alles erinnert an die Lebens- und Liebeskrisen von Bridget Jones. Allerdings mit deutlich dunkleren Untertönen, denn spätestens als Queenie klar wird, dass Tom schon längst ein Leben ohne sie führt, kommt es zum Zusammenbruch und der quälenden Suche nach verdrängten Krisen der Vergangenheit, die Queenie auch in der Gegenwart herunterdrücken. Zum Entsetzen ihrer Großeltern, bei denen sie vorübergehend unterkommt, macht sie sogar eine Psychotherapie. Dabei ist Queenie mit ihren Ängsten, ihren Brüchen und Zweifeln  glaubwürdig und sympathisch.

Hinzu kommt die Erfahrung, eine Schwarze Frau zu sein, Alltagsrassismus zu erleben, sich über strukturellen Rassismus klar zu werden und vergeblich Themen wie Black Lives Matter für die Berichterstattung der Zeitung vorzuschlagen. Hier liegt allerdings auch eine Schwäche des Buchs, denn irgendwie kann sich die Autorin nicht entscheiden, ob sie Frauen-Freundschaft-Beziehungs-Belletristik oder scharfe Gesellschaftskritik schreiben will, und dabei kommen die schärferen Töne eindeutig zu kurz.

Ganz nebenher bekommen die Leserinnen noch einiges über Schwarze Identität und ihre Facetten mit - etwa die karibischen Traditionen von Queenies Familie und die afrikanischen ihrer Freundin, deren Familie aus Uganda stammt, über die Arbeit, die Frau mit ihren Weaves hat (ganz zu schweigen von dem Aufwand, sie wieder zu lösen) über die Veränderungen in einem traditionell westindisch geprägten Stadtteil wie Brixton durch Gentrifizierung und weiße Hipster, die das Viertel als "ihres" vereinnahmen. Es gibt da eine bitterböse Szene im Schwimmbad - da wünschte ich mir, die Autorin hätte diesen Stil das ganze Buch hindurch durchgehalten.

Manches wirkt, jedenfalls im London des 21. Jahrhunderts, eher unglaubwürdig, wenn Queenie ihre Schwarze Identität etwa im Kontext ihrer Arbeit als so singulär erlebt. Sie lebt schließlich nicht irgendwo in Sachsen, sondern in einer multiethnischen Metropole mit einer großen Schwarzen Diaspora, wo sie weder an der Uni noch im Arbeitsleben das einzige dunkle Gesicht im Raum sein dürfte.

Mein Fazit: Unterhaltsam und warmherzig, mit einem kritischen Touch, der ruhig stärker hätte ausfallen können.

Candice Carty-Williams, Queenie
Aufbau Verlag, 2020
544 Seiten, 22 Euro
978-3-351-05086-3