Friday, September 22, 2023

Das Fräulein ermittelt wieder

 Die Vereinbarkeit von Beruf und Familie - das ist für viele Frauen auch heute noch ein Spagat. Vor hundert Jahren war es noch eine Ecke schwieriger, weiß Alma Täuber, die Protagonistin der historischen Krimireihe von Charlotte Blum um das "Fräulein vom Amt" im Baden-Baden der 1920-er Jahre. Denn die jungen Frauen mussten unverheiratet sein, wenn sie berufstätig bleiben wollten - Fräulein eben. Alma befindet sich in einem Dauerkonflikt: Der fesche Kriminalkommissar Ludwig Schiller würde ihr nur zu gerne einen Verlobungsring an den Finger stecken. Alma liebt den Polizisten - aber ihren Beruf und damit ihre auch finanzielle Unabhängigkeit will sie nicht aufgeben.

In "Spiel auf Leben und Tod", dem dritten Band der Autorinnen Regine Bott und Dorothea Böhme, die gemeinsam als "Charlotte Blum" schreiben, haben Alma und Ludwig allerdings ein Arrangement gefunden: Da Alma mit ihrer lebenslustigen Freundin Emmi eine kleine Mansardenwohnung bewohnt, hat das Paar immerhin Gelegenheit für ungestörtes Beisammensein.

Hatte Alma sich in den Vorgängerbänden eher zufällig als Hobbydetektivin betätigt, bekommt sie diesmal einen Auftrag: Denn eine ihrer Kolleginnen weigert sich zu glauben, dass ihre tot in einer Wäscherei gefundene Cousine Selbstmord begangen haben soll oder Opfer eines Arbeitsunfalls wurde. Alma soll das Geheimnis lüften - schließlich hat sie ja bereits Erfahrung im Ermitteln gesammelt.

Tatsächlich glaubt auch Alma schon bald, dass der Tod der jungen Frau kein Unfall gewesen sein kann. Ist das Rilke-Gedicht eines gewissen Paul, das in der Handtasche der Toten gefunden wurde, ein Hinweis? Und was trieb die junge Frau in eine auch bei Kommunisten beliebten Kneipe? Erst nach und nach begreift Alma, dass manche der scheinbar eindeutigen Hinweise anders gedeutet werden könnten.

Ermitteln muss auch Ludwig, allerdings in einer Diebstahlserie in Hotels in Baden-Baden. Ein hochkarätiges Schachturnier scheint auch Langfinger anzulocken, die gebannte Zuschauer um Schmuck, Uhren und Geld erleichtern. 

Der Kriminalfall ist das eine Leitmotiv dieses historischen Romans, ein anderes ist Frauen-Power und Selbstermächtigung. Denn seit Freundin und Mitbewohnerin Emmi neuerdings Filialleiterin eines Blumengeschäfts ist, wagt auch Alma höhere Träume: Könnte eine Selbständigkeit als Detektivin ihr privates und berufliches Dilemma lösen? Tough ud selbstbewusst ist auch die "Queen", Anführerin einer kriminellen Frauen-Gang, die Alma erst bedroht und dann eine Art Allianz schmiedet.  Ja selbst Almas Großmaman, die der Zeit des Kaiserreichs noch immer nachtrauert, entwickelt ein paar unerwartet moderne Ein- und Ansichten.

Insofern ist das Buch um die Abenteuer des Fräulein vom Amt nicht nur ein Kriminal- und Liebesroman, sondern auf unterhaltsame Weise auch ein Plädoyer für Frauenemanzipation. 


Charlotte Blum,  Fräulein vim Amt. Spiel auf Liebe und Tod

Fischer 2023

352 Seiten, 17 Euro

978-3-651-02507-3

Wednesday, September 20, 2023

Manganknollen und eine tote Whistleblowerin

  Cozy, divers und obendrein mit einem nachhaltigen Umweltthema - die Amsterdamer Hausboot-Detektive von Amy Achterop bieten in ihrem zweiten Fall "Tödlicher Grund" wieder die Kombination von Wohlfühlatmosphäre und Spannung. Wobei das mit dem Wohlfühlen für die Detektive so eine Sache ist, denn der Herbst naht, es zieht mächtig durch die Luken und Planken des alten Hausbootes und das Geld für Heizöl ist knapp - leider hat der erfolgreiche erste Fall in der Gourmet-Szene nicht so wirklich zu einem festen Kundestamm geführt.

Ein Routinefall  - die Auftraggeberin ließ ihren Verlobten überprüfen, an dessen Treue ihr kurz vor der Hochzeit einige Zweifel kamen - scheint erfolgreich abgeschlossen. Doch dann wird die Braut in Spe tot aufgefunden und erweist sich als Whistleblowerin, die sich der Ausbeutung der Tiefsee in den Weg stellen wollte, indem sie ein geplantes Abbauprojekt torpedierte. Wirtschaftsspionage, Geldgier, Eifersucht in Forscherkreisen - den Hausbootdetektiven dämmert, dass Unfall oder Selbstmord als Todesursache ausscheiden dürften. Motive haben gleich mehrere Personen. Und was befand sich auf der gelöschten Festplatte der toten Frau? 

Die Jagd nach einem USB-Stick könnte die Antwort bringen und führt bis nach Südamerika. Da passt es doch gut, dass die ehemalige Hausbootdetektivin Elin in der Region gerade auf Inspiration für ihren neuen Roman hofft und durchaus Zeit für ein bißchen Detektivarbeit hat. 

Achterop sorgt dafür, dass die Leser*innen einen Wissensvorsprung vor den Detektiven haben und sich manche Zusammenhänge schon früher zusamenreien können als diese. Langweilig wird es dabei dennoch nicht, denn auch das Entwirren der Ermittlungsfäden zu beobachten ist nicht ohne Unterhaltungswert. Und dann gibt es da noch die zarten Gefühle hie und da. Wird der smarte Jack in Maddie einen Grund sehen, sein bisheriges Nomadenleben aufzugeben? Und wird Maddies beste Freundin, die sich ihr Studium als Domina finanziert, dem eher romantisch veranlagten Transmann Jan ihre Gunst schenken? Um ganz sicher zu sein, braucht es auf jeden Fall noch einen dritten Band. Gerne auch mehr, denn die unorthodoxen Hausboot-Detektive sind echte Sympathieträger.


Amy Achterop, Tödlicher Grund

Fischer 2023

304 Seiten, 12 Euro

978-3-596-70679-2

Saturday, September 2, 2023

In der Tradition der Märchenerzähler

  Rafik Schami lebt zwar schon sehr viele Jahre in Deutschland, doch seinem Buch "Wenn Du erzählst, erblüht die Wüste" ist die Nähe zur Tradition des Geschichtenerzählens wie einst in Schehezerades Erzählungen aus 1001 Nacht anzumerken. Mehr noch: Auch in dem Roman des syrischen Autors geht es um das Erzählen von Geschichten und die Wirkung, die sie auf ihre Zuhörer haben. Hier allerdings muss nicht eine Prinzessin buchstäblich ihren Kopf retten, indem sie Nacht für Nacht dem launischen König eine neue Geschichte erzählt. Statt dessen soll eine traurige Prinzessin zurück ins Leben geholt werden und eine Liebe doch noch eine Chance erhalten. Doch auch dies ist nur eine Geschichte, ähnlich der russischen Puppe in der Puppe.

 In einer Zeit, in der Syrien und die ganze Region von Spannungen und Gewalt, Flucht und Trauma geprägt ist, führt Schami seine Leser zurück in eine nicht eher eingegrenzte Zeit, womöglich in eine Welt der Sagen und Märchen, in der Erzählkunst zelebriert wird und Geschichten-hören  wie ein Kreislauf des Teilens von Sagen, Märchen und möglicherweise doch wahren Ereignissen ist, wo eine gebannte Öffentlichkeit lauscht, kommentiert, debattiert, Bettler und Wesire, Betrüger und Prinzessinnen, Beduinen und Kaufleute - es klingt nach einer Welt, wie wir sie aus den Erzählungen über Harun al-Raschid oder Sindbad den Seefahrer kennen. 

Der Titel passt, denn eine gute Geschichte mag vielleicht nicht die Wüste zum Blühen bringen, wohl aber die Phantasie. Das liegt nicht nur an den Motiven der Erzählungen und dem für deutsche Leser exotischen Setting, sondern auch an der Erzählweise, den märchenartigen Stoffen, der bildhaften Ausgestaltung. Wolfgang Berger als Sprecher findet sich gut ein als Geschichtenerzähler, er vermittelt den Eindruck von der lebhaften Menge, die den Geschichten lauscht und dabei auch noch das eine oder andere Wörtchen mitzureden hat. Mal heiter, mal melancholisch, mal dramatisch ist ein happy end wie in jedem Märchen fast immer garantiert und doch bleibt bis zum Schluss die Frage, ob die traurige Prinzessin am Ende wieder lächeln kann.

Angesichts der zahlreichen Einzelgeschichten kann dieses Hörbuch auch gut in kleinen Abschnitten in einen hektischen Alltag eingebunden werden. Noch besser aber ist es, bei Minztee oder Kardamonkaffee einfach die Augen zu schließen und das Kopfkino einzuschalten. Für dieses Buch hatte Schami offensichtlich Lust am Fabulieren, und ich bin gerne auf die Erzählreise in die Welt orientalischer Sagen mitgekommen.


Rafik Schami, Wenn du erzählst, erblüht die Wüste

Gesprochen von Wolfgang Berger

Saga Egmont 2023

16 Stunden 58 Minuten

9788727039190

Thursday, June 22, 2023

Ein Cozy, der enttäuschte

 Zugegeben, bei dem Cozy-Krimi "Vier Schafe und ein Todesfall" von Thomas Chatwin triggerte mich zunächst einmal der Titel, der an einen Mix der romantischen Komödie "Vier Hochzeiten und und ein Todesfall" und den Schaf-Krimi "Glennkill" erinnerte. Fand ich seinerzeit beides ausgesprochen nett. Hinzu kam die Buchbeschreibung für "Leser:innen von Richard Osman". Dessen Hobby-Ermittler aus einer britischen Seniorenkonferenz sind mir mit ihren unorthodoxen Methoden und trockenem Humor ziemlich ans Lese-Herz gewachsen.

Doch ach, im Vergleich blieb ein blökendes "bah" zurück. Denn zwar wimmelt es auch hier von kauzigen Charakteren vor allem in den Nebenfiguren, aber insgesamt fehlt es mir in diesem in Cornwall angesiedelten Cozy Krimi um die Doyle-Sippe auf der Suche nach dem Beweis der Unschuld einer unter Mordverdacht geratenen Cousine einfach von vorne bis hinten an Glaubwürdigkeit. Wenn es sich nur um augenzwinkernde Übertreibung handeln würde - geschenkt! Aber so wie die Figuren handeln und sprechen, sehe ich nichts, was aus einer rosagezeichneten Welt a la Pilcher-Cornwall herausspringen würde. Vielleicht ist es ja auch kein Wunder, wird der Autor doch als langjähriger Freund von Rosamunde Pilcher vorgestellt.

Doch worum geht´s? Kate Doyle, die einen True Crime Podcast produziert, ist der Liebe wegen ins heimische Cornwall zurückgekehrt. Ihr Liebster ist ein ehemaliger Forensiker, der seinem Beruf nichts mehr abgewinnen konnte und die Schaffarm seines Bruders übernommen hat. Auf dem 80. Geburtstag  von Kates Großmutter Emily erreicht sie der Anruf,  dass vier Schafe ausgerissen seien und überall Blut sei. Ein Wolfsriss? Kate eilt zur Rettung der Schafe und findet sie in den Blumenbeeten einer nahen Strandvilla, zusammen mit der Leiche des Eigentümers. 

Kates Vater Gilbert, Kunsthistoriker mit MI5-Vergangenheit, sichtet später bei der Polizei Bilder einer Überwachungskamera - er hat bei der Restaurierung der Villa geholfen - und erkennt Cousine Chloe, die die Familie vor Jahren verlassen hat.  Für die Polizei eine klare Tatverdächtige. Die Doyles dagegen sind sicher: Ihre Verwandte ist unschuldig und in Gefahr. Die Familie muss ihre Unschuld beweisen und macht sich in gemeinsamen Videokonferenzen ans Ermitteln.

Das könnte nett und unterhaltsam sein, wenn wenigstens ein kleiner Anstrich möglicher Realität gewahrt bliebe. Doch dem ist nicht der Fall. Kate ist gekränkt, dass die ermittelnde Detektivin ihr keinen Einblick in ihre Informationen gewähren will - schließlich produziert sie einen true crime podcast! Auch David, der doch eigentlich nichts mehr von der Forensik wissen will, trägt ungefragt seine Expertise bei, als gäbe es keine polizeiliche KTU für die Spurensicherung. Noch arger ist es mit Gilbert, der an Details zu den Ermittlungen rankommt und diese ausführlich im Familienrat teilt, was Kate wiederum Stoff für eine neue Podcast-Folge liefert. Mit Täterwissen, das die Polizei bei laufenden Ermittlungen stets sorgfältig unter dem Deckel hält (mal abgesehen davon, dass zu diesem Zeitpunkt Informationen über Ermittlungen von der Staatsanwaltschaft als Herrin der Verfahrens kommen).  

Und auch die kitschig-rosagetünchte Liebesbeziehung zwischen Kate und ihrem Forensiker wirkt ebenso lebensfern mit den ewigen Liebesschwüren nach jahrelanger Beziehung wie der landwirtschaftliche Betrieb, der angeblich von 52 Schafen leben kann, von denen nie eines geschlachtet wird und die mehr als Hätscheltiere mit individuellen Charakter regelrecht vermenschlicht werden. Hat der Autor denn noch nicht mal bei der vorbereitenden Recherche bemerkt, dass Schafhalter schon seit langem darüber klagen, dass Schafswolle mehr Kosten als Einnahmen verursacht?

Das Buch hat mich enttäuscht zurückgelassen. Nette Idee, schöne Landschaft, aber die Umsetzung konnte mich leider nicht begeistern. Ich hatte mir sehr viel mehr versprochen und mich über dieses Buch mehr geärgert als amüsiert.

Thomas Chatwin, Vier Schafe und ein Todesfall 

Rowohlt Polaris 2023

320 Seiten, 17 Euro

9783499010507

  

Wednesday, June 21, 2023

Ernst im Kampf gegen Romance Scam - Rentner ermittelt auf Sylt

 Fast eine Romanze, verspricht der Verlag zu Dora Heldts launigem Sommer-Sylt-Nordsee-Roman "Liebe oder Eierlikör".  Mehr noch handelt es sich allerdings um einen völlig unblutigen, dafür aber humorvollen und augenzwinkernden Cozy-Krimi. Wer die Autorin kennt, weiß schon: Hier geht es mit leichter Hand daher, vielleicht ein bißchen vorhersehbar, aber stets unterhaltsam. Genau das richtige für Strandkorb oder Gartenliege, ob nun auf Sylt oder sonstwo. Die Protagonisten sind ebenfalls nicht ganz unbekannt - die muntere Rentnergang stand schon im Mittelpunkt eines Cozy-Weihnachtskrimis.

Auch diesmal ist es wieder der rüstige Rentner Ernst Mansen im bewährten Duo mit der Ex-Schauspielerin Hella, der an vorderster Ermittlungsfront steht. Denn die Gemeindeangestellte Hilke kleidet sich plötzlich bunt statt beige, trägt einen Lippenstift und lächelt sogar! Da kann etwas nicht mit rechten Dingen zugehen, beschließt Mansen. Wenn Hilke sich im reifen Alter von Ende 40 womöglich verliebt hat, kann doch nur ein Heiratsschwindler dahinter stecken! 

Vollends beunruhigt reagiert er, als überall auf der Insel von einer neuen, regionalen App die Rede ist. Verabredungen für angejahrte Einsame, unter dem Motto "Liebe oder Eierlikör". Ernst recherchiert und ist alarmiert: Romance Scam scheint eine neue kriminelle Nische zu sein und die arme Hilke scheint ein nur zu passendes Opfer. Umso mehr, als die gänzlich humorlose, diskrete und emotionalen Aufregungen gänzlich abgeneigte Bankangestellte Martina andeutet, dass auf den Konten so mancher einsamen Sylter Frau eine plötzliche Ebbe herrscht....

Da gibt es nur eins: Ernst muss undercover ermitteln, um die Sylter Damenwelt zu warnen. Mit Hilfe seines Enkels hat auch er plötzlich ein Datingprofil und eine zusätzliche Sorge: Ehefrau Gudrun darf keinesfalls erfahren, dass er scheinbar auf Freiersfüßen wandelt!

Komplikationen sind also quasi vorprogrammiert, doch vieles kommt ganz anders, als Ernst gedacht hätte. In der Hörbuchversion kommt mit der wunderbaren Erzählerin Katja Danowski noch ein weiterer Pluspunkt dazu. Denn sie interpretiert die Personen des Romans mit einem feinen Hauch von Ironie und vermutlich großem Vergnügen. Gerade als Martina mit flacher, stets unaufgeregter Stimme ist das ein komödiantischer Auftritt, der Kopfkino zaubert.

Sieben Stunden Unterhaltung bietet dieses Hörbuch, das sich schmunzelnd genießen lässt. Hat Spaß gemacht!


Dora Heldt, Liebe oder Eierlikör

Gesprochen von Katja Danowski

Goya 2023

Sieben Stunden,  18 Euro

9783833745645

Sunday, June 11, 2023

Mörderische Romanze

 Sie sind ein durchaus unorthodoxes Paar: Der Serienmörder mit dem moralischen Kompass, der sich als Leiter einer diskreten Klinik in Ostfriesland zur Ruhe gesetzt hat, und die ehemalige "Miet-Ehefrau", die Luxus-Callgirl und Leibwächterin in Personalunion war. Zusammen haben Doktor Sommerfeldt und seine Frauke, die Protagonisten von Klaus-Peter Wolfs "Ein mörderisches Paar", ein paar Leichen in der Vergangenheit. Aber jetzt soll Hochzeit geplant werden, mit großer Torte, romantischem Schauplatz und weißem Kleid, das ist Frauke wichtig.

Doch ach, es kann der Beste nicht in Ruhe heiraten, wenn es gilt, auch Sommerfelds ganz eigene Weise Unrecht wieder zurecht zu rücken. Was in diesem Fall heißt, einen vor Gericht freigsprochenen Dealer mit professionellem Herzstich ins Jenseits zu befördern,  Der Mann hat es verdient, meint Sommerfeldt, hat er doch einen 13-jährigen Schüler auf dem Gewissen, der an einer Überdosis starb. Wo er schon mal dabei ist, will Sommerfeldt auch mit den Hintermännern und Fianziers aufräumen. Seine Frauke ist nicht begeistert, drohen doch die Hochzeitsplanungen in Verzug zu geraten. Mal ganz abgesehen von der falschen Art von Publicity. Droht dem beschaulichen Leben des Paares in Ostfriesland das Aus?

Ein Copycat-Killer, rachedurstige Bekannte aus der Vergangenheit, Medienspekulationen und das aus anderen Vorgängerromanen hinlänglich bekannte Personal rund um Kriminalkommissarin Ann Kathrin Klaasen ergänzen diesen Spin-Off aus der Ostfriesland-Reihe Wolfs, der seinem treuen Fanstamm damit eine weitere Freude gemacht haben dürfte. Immerhin: Diesmal schafft es der Autor, sich weitgehend auf seine neuen Protagonisten zu konzentrieren und die allfälligen Loblieder auf Ann Kathrin Klaasen auf ein erträgliches Minimum zu begrenzen.

Wer die vorangegangenen Bücher nicht kennt, dürfte mit den Anspielungen und Namen allerdings überfordert werden. Ziemlich offensichtlich ist dies ein Buch für Fans. "Ein mörderisches Paar" hat durchaus seine Momenete, driftet für mich allerdings ein bißchen ins Klamaukige ab. Glaubwürdig ist die Idee eines von Serienmördern nur so wimmelnden Ostfriesland ja schon länger nicht. 


Klaus Peter Wolf, Ein mörderisches Paar. Das Versprechen.

Fischer, 2023

464 Seiten, 13 Euro

978-3-596-70755-3

Saturday, June 3, 2023

Höhere Töchter und eine unmögliche Liebe

 Ich kannte Anne Stern bereits als Autorin der historischen Romane (mit ein bißchen Krimi) um die Berliner Hebamme Hulda Gold im Berlin der 1920-er Jahre - eine toughe, selbstbewusste Frau, die sich nicht mit herkömmlichen Rollenklischees abfinden will. Also war ich sofort interessiert, als ich sah, dass Stern ein Buch mit einem anderen historischen Kontext, nämlich dem Dresden des 19. Jahrhunderts, noch vor der Revolution von 1848 geschrieben hat. Der Titel "Dunkel der Himmel, goldhell die Melodie" klang für meinen ein ja bißchen sehr melodramatisch. Würde sie auch hier eine starke Frauenfigur finden, um die sich die Handlung entwickelt?

Nach der Lektüre würde ich sagen, jein. Denn einerseits träumt die behütete Bürgerstochter Elise Spielmann durchaus davon, ihr musikalisches Talent als Violinistin auszuleben, ist beeindruckt von der Geschichte Clara Schuhmanns. Doch andererseits ist sie in Konventionen gefangen, weiß das Leben einer höheren Tochter und Verlobten eines durchaus einflussreichen Mannes zu schätzen, auch wenn sie den Altersgenossen ihres Vaters nicht liebt. Wenn, dann ist es ihre 15-jährige Schwester, die aufbegehrt und von einem anderen Leben für Frauen ihrer Gesellschaftsschicht träumt.

Eine toughe Frau ist auch die Requisitenbeschafferin des Kurfürstlichen Theaters, die früh verwaist ihren kleinen Bruder auf der Straße durchgebracht hat und vermutlich das eine oder andere Geheimnis hat, dem die Leser (in diesem Buch jedenfalls) nicht auf die Spur kommen. Auch ihr Bruder Christian arbeitet am Theater als Malergehilfe. Zufällig trifft er während einer Aufführung auf Elise - und die beiden sind sofort voneinander fasziniert, sehen sich als verwandte Seelen. 

Doch hat die sich entwickelnde Liebe angesichts von Konventionen und sozialen Unterschieden eine Chance? Wie sehr das Leben einer Frau von ihrem Ruf und ihrer intakten "Ehre" bestimmt wird, macht das tragische Schicksal einer jungen Ballerina klar, die von einem verheirateten Mann schwanger wird. Und auch eine Kindheitsfreundin Elise ist tief gefallen, nachdem eine Affäre der verheirateten jungen Frau ans Licht gekommen ist. Schnell ist klar: Den Preis für eine unvorsichtige und aus Sicht der Gesellschaft unmögliche Liebe zahlen stets die Frauen. 

Wie auch in ihren anderen Romanen hat Stern akribisch recherchiert, setzt ihre Geschichte in den Kontext der damaligen Gesellschaft und zeichnet ein atmosphärisch dichtes Bild des Dresdens vor fast 200 Jahren. Eine Zeit, in der das Leben einer Frau kein Vergnügen gewesen sein kann, ob nun im "goldenen Käfig" wie Elise, oder in der Unterschicht, wo Frauen gleich doppelt benachteiligt waren.

Wie sich Elise in ihrer Liebesgeschichte entscheidet, soll hier nicht verraten werden. Besonders gut gefallen hat mir in diesem Buch die Schilderung des Mikrokosmos Theater. Mit Blick auf das Jahr 1848, dessen Vorboten sich in so mancher Keipendiskussion ankündigen, gehe ich eigentlich fest von einer Fortsetzung aus, in der vielleicht die jüngere Spielmann-Tochter stärker in den Mittelpunkt gerät. Hier ging es mir mitunter ein wenig zu viel um Liebeslied und -frust. Und über manche Figur hätte ich gerne mehr erfahren. Aber vielleicht liegt ja genau dies in den Plänen der Autorin für eine Fortsetzung?


Anne Stern, Dunkel der Himmel, goldhell die Melodie

Rowohlt 2023

380 Seiten, 17 Euro

978-3-499-01088-0