Wednesday, August 14, 2024

Ariane muss dicke Bretter im Harz bohren

  Hamburgerin Ariane bricht zu neuen beruflichen Feldern auf, nach ihrem Volontariat die erste Festanstellung für die Mittvierzigerin. Dafür kehrt sie Ehefrau Katja, Hund Woodie und der Großstadt den Rücken, um im Harz bei der örtlichen Tourismusorganisation als Sensitivity-Managerin zu arbeiten. Allerdings in der Außenstelle in Düsterode, wo sie schnell merkt, dass sie dicke Bretter bohren muss - ihre neuen Kollegen verfrachten sie am ersten Arbeitstag als Hexe vom Dienst in eine fensterlose Kammer. Sieht also nicht so aus, als ob ihr Bemühen um mehr Diversity und politische Korrektheit auf fruchtbaren Boden fällt.

Doch Ariane, die mit ihren Sneakern auf die Berge des Harz ähnlich gut vorbereitet ist wie ihre neuen KollegInnen auf das angestrebte Sensitivity-Programm, gibt nicht auf in "Harz aber herzlich" von Peter Godazgar und Alexandra Kui, Unverdrossen, Fußblasen und wundgescheuerten Fersen trotzend, erklimmt sie ihren ersten Harz-Gipfel um ein sexistisch umgestaltetes Wanderschild ausfindig zu machen. Immerhin ist es gemeldet worden, so viel Sensitivity ist also immerhin vorhanden in Düsterode.

Ariane findet nicht nur das Schild, sondern auch eine Leiche. So hat sie sich den Jobeinstieg wirklich nicht vorgestellt. Leicht hysterisch und mit blutigen Füßen ruft sie bei der Polizei an - und landet bei Andreas Anton, dem einzigen Polizist des Ortes, Typ gemütliches Schwergewicht mit Harmoniebedürfnis. Ariane findet: Er nimmt sie irgendwie nicht ernst genug. Immerhin hat der Provinzbulle eine sympathische Hündin, Frau Krause. Und obwohl Berg- oder Waldluft doch so gesund sind, bleibt es nicht bei einer Leiche. Trotz aller Gegensätzlichkeiten und beiderseitigen Misstrauens: Da müssen Ariane und Andreas ran. Irgendwie gemeinsam. Auch wenn die Gegensätze unüberwindbar zu sein scheinen.

"Harz aber herzlich" ist ein augenzwinkernder Cozy-Krimi mit satirischen Untertönen. Im Jahr 2024 wirkt die Ossi-Wessi-Schiene, die immer wieder bemüht wird, zwar etwas aus der Zeit gefallen, aber abgesehen davon war das Autorenteam offensichtlich mit viel Lust und Spaß bei der Sache. Schräge Harzbewohner, ein cholerischer Vorgesetzter namens "Super Mario", amouröse Verstrickungen und eine zarte Hundeliebe - man sollte diesen Cozy nicht zu ernst nehmen und sich einfach daran freuen. Hat Spaß gemacht.

Peter Godazgar, Alexandra Kui, Harz aber herzlich

Rororo 2024

400 Seiten, 14 Euro

978349901290

Monday, August 5, 2024

Hinter den Kulissen der Traumfabrik

 Das besondere Biotop von Menschen im Hotel hat Amor Towles bereits in seinem Roman "Ein Gentleman in Moskau" beschrieben. Mit seinem neuen Roman "Eve" ist diesmal ein Hotel in Beverley Hills in den goldenen Jahren Hollywoods einer der Schauplätze. Hierhin verschlägt es auch die geheimnisvolle Eve, die sich auf einer Zugfahrt von New York nach Chicago spontan entschließt, nach Los Angeles weiter zu fahren. Los Angeles, vor allem aber Hollywood ist die Stadt der Träume für viele, die hier auf eine Rolle im Film treffen. Blond und schön, wäre auch Eve durchaus eine Kandidatin - wenn da nicht eine Narbe wäre, die ihr Gesicht verunstaltet und über die uns der Autor bis zum Schluss grübeln lässt.

Doch während Hollywood all die Möchtegern-Starlets anlockt wie das Licht einen Mottenschwarm, ist Eve irgendwie selber eine Lichtquelle, die andere in ihren Bann zieht, dabei aber im Gegensatz zu den Sternchen niemals Objekt ist, sondern Herrin ihres Handelns. Wer und was sie ist, weiß sie geschickt zu verbergen und regt daher um so mehr die Phantasie der Menschen an, denen sie begegnet und deren Handeln sie prägt.

Das fängt schon auf der Zugfahrt an - Der einsame, frisch verwitwete Ex-Polizist Charlie fasst angesichts Eves spontaner Reiseänderung den Entschluss: Er wird nicht sein Haus in Kalifornien verkaufen, um an die Ostküste zu Sohn und Schwiegertochter zu ziehen, wo er mehr geduldet als erwünscht sein wird. Prentice, ein alternder und nicht mehr angesagter, da verfetteter Schauspieler, der sein Hotel in Beverley Hills seit Jahren nicht verlassen hat, fasst durch die Begegnung mit Eve den Entschluss, sich nicht länger der Passivität hinzugeben. Und Hollywood Darling Olivia de Havilland, bisher nur das brave Mädchen, lernt von ihrer Freundin Eve Spontaneität und für sich selbstz einzustehen.

Umtriebe und Intrigen Hollywoods, das Machtgefälle und die Allmacht der Studios über Schauspieler, ganz besonders aber über Schauspielerinnen, bekommen hier locker ihr Fett weg. Towles wirft einen ironischen Blick auf die Welt hinter dem Glamour, in der nicht immer sauber gespielt wird. Als deHavilland erpresst wird, ist es Eve, die einen kühlen Kopf bewahrt und mit Hilfe ihrer neuen Freunde einen Plan erstellt, der die Karriere ihrer Freundin, ihren guten Ruf und ihre Rolle in "Vom Winde verweht" retten soll.

Nicht nur das Setting, auch die Dialoge erinnern an die große Filmära der 30-er und 40-er Jahre mit ihren Screwball Comedies mit Witz und Intelligenz, daneben gibt es Bezüge auf Hollywood Noir. Nicht nur für Kino-Fans  ist diese Gesellschaftssatire mit Flair und elegantem Witz, die geradezu nach Verfilmung schreit, empfehlenswert.


Amor Towles, Eve

Hanser 2024

224 Seiten,  24 Euro

9783446281257


Wednesday, July 24, 2024

Eskapaden eines Partygirls

  Von Ursula Parrott, der Autorin von "Ex-Wife" und ihrem fast 100 Jahre altem Roman hatte ich noch nie gehört. Die Wiederauflage ist insofern eine Entdeckung und ein gut beobachtendes, ironisch kommentierendes Porträt einer jungen Frau im New York der 20-er Jahre zwischen Prohibition, Jazz und Lebenslust.

Die Ich-Erzählerin Patricia ist jung, hübsch, intelligent und privilegiert, hat sich mit 20 in eine ziemlich überstürzte Ehe gestürzt und findet sich mit gerade mal 24 in der Position der Ex-Frau - auch wenn sie lange versucht, die Scheidung zu verhindern.

Um über den Trennungsschmerz hinwegzukommen, stürzt sich Patricia, die als Werbetexterin arbeitet und somit zu den "modernen Frauen" gehört, in das Nachtleben und in die Arme ziemlich vieler Männer. Dabei bleiben diese One Night Stands unverbindlich und irgendwie distanziert - die Männer, die von ihrem Äußeren, ihrem Charme und ihren gewitzt-intelligenten Kommentaren fasziniert sind, nennen sie kalt und unnahbar. Dabei sucht Patricia gewissermaßen nur die Leere in sich zu überbrücken. Mit der Freiheit, die sie sowohl als nicht mehr verheiratete wie auch als berufstätige Frau hat, hadert sie immer wieder.

Bei der Erstveröffentlichung wurde das Buch anonym herausgegeben, der "unanständigen" Geschichte wegen. Hundert Jahre später ist der Skandal von damals schwer zu verstehen.

Die Autorin hat eine scharfe Beobachtungsgabe und einen lässig-ironischen Schreibstil. Trotzdem blieb mir Patricia recht fremd, da sie auch jenseits ihrer Affären oberflächlich und weitgehend an Äußerlichkeiten interessiert bleibt. Sie hat offensichtlich eine gute Bildung genossen, von zu Hause aus Geld, ist auch beruflich erfolgreich, wenn auch nicht sonderlich ehrgeizig. 

Dass die Zeit für viele Menschen und vor allem für Frauen alles andere als golden war, bleibt unerwähnt, die Handlung spielt zwischen Fifth Avenue und Park Avenue, Upper West Side  natürlich. Nur zum Tanzen geht es nach Harlem. Das Leben ist leicht schwerelos und im Dauerrausch zu genießen, wenn es keine Härten hat. Der Roman lässt sich ausgesprochen gut lesen,  allerdings bieten mir Patricia und ihre Welt keinerlei Identifikationsfläche. Als Porträt einer Ära dagegen wirklich überzeugend.

Ursula Parrott, Ex-Wife

S. Fischer 2024

320 Seiten, 24 Euro

9783949465284

Tuesday, July 23, 2024

Die Comedyautorin und der Popstar

 Comedyautorin Sally hat ihren Traumjob bei einer populären Late Night Show in New York, Für die Frau aus dem Mittelwesten, die immer von Comedy geträumt hat, insgeheim allerdings auch von einer Zukunft als Drehbuchautorin für femnistische Romantic Comedy träumt, besteht das Leben denn auch vor allem aus Arbeit, ihr Freundeskreis setzt sich aus Kolleg*innen zusammen. Da passt es doch, dass der Titel des Romans von Curtis Sittenfeld "Romantic Comedy" lautet.

Ein Phänomen, das Sally nicht nur am Sender auffällt, nervt sie allerdings gewaltig: Eher durchschnittliche Männer, die mit großartig aussehenden (und meist erheblich jüngeren) Frauen zusammen sind. Wieso passiert das eigentlich nie andersrum, fragt sich Sally, die sich selbst auch unter eher durchschnittlich verorten würde. Als auch ein Autorenkollege mit einer Model-schöne Schauspielerin zusammenkommt, schreibt sie einen Sketch darüber. 

Der soll ausgerechnet in der Woche produziert werden, als Popstar Noah als Gastmoderator/musikalischer Gast in die Sendung kommt. Noah mit seinem Surfercharme ist in Sallys Augen zunächst der typische weichgespülte Schönling, doch als die beiden gemeinsam an einem Sketch arbeiten, stößt sie das in eine Achterbahn der Gefühle. Interessiert er sich etwa für sie, die Durchschnittsfrau? Oder projiziert sie nur geheime Wünsche auf ihn? Awkward moments und Schmetterlinge im Bauch prägen die Zusammenarbeit, doch bei der Afterparty herrscht dann plötzlich abgekühlte Stimmung.

Zwei Jahre später, es ist Corona-Lockdown, erhält Sally eine Email von Noah. Beginn einer wunderbaren Brieffreundschaft? Oder besteht die Chance auf mehr?

"Romantic Comedy" ist in der Tat eine romantische Komödie und der ganze Teil von "er liebt mich, er liebt mich nicht" samt dazugehöriger Komplikationen ist ziemlich vorhersehbar. Am besten gefiel mir das Buch dort, wo es um die Produktion der Late Night Show geht, um Machtgefälle im Fernsehen, die unterschiedlichen Sichtweisen auf Männer und Frauen, wo Sally witzig, sarkastisch und intelligent sein konnte und mit ihren bissigen Bemerkungen das Geschehen kommentierte. Davon hätte ich, auch in der absehbaren Romanze, gern mehr gesehen. Insgesamt leicht und humorvoll geschrieben und eine nette Sommerlektüre.

Curtis Sittenfeld, Romantic Comedy

Dumont 2024

384  Seiten, 23 Euro

9783832168452

Sunday, July 14, 2024

Auf der entlegensten Insel der Welt

 Charlotte Walker, introvertierte upper class-Veterinärin aus London, versteht viel von Schildkröten, aber der Umgang mit anderen Menschen war für die zurückhaltende Frau, die auch als Studentin und Nachwuchswissenschaftlerin nicht das Haus ihrer Mutter verlassen hat, schon immer eine Herausforderung. Und trotzdem bricht sie gewissermaßen aus ihrem Schneckenhaus aus, trotzt Seekrankheit und Schüchternheit, um für ein Jahr nach Tuga zu reisen, die entlegenste Insel der Welt. Ein Jahr lang will sie eine seltene Schildkrötenart und ihre Bedeutung für das Ökosystem erforschen.

Doch Charlotte hat noch einen zweiten Punkt auf ihrer Agenda. Sie ist ziemlich fest davon überzeugt, dass ihr Vater, den sie nie kennengelernt hat, von Tuga stammen könnte, diesem britischen Überseegebiet, das zwar mittlerweile unabhängig ist, in vielem aber an das Großbritannien der 1950-er Jahre erinnert. 

"Willkommen auf Tuga" von Francesca Segal beschreibt Charlottes Inseljahr, die Faszination der farbenfrohen tropischen Pracht, die ganz eigene Inselgesellschaft, in der man nie so wirklich allein sein kann, Freundschaften und Konflikte. Mit ihrer Faszination für Schildkröten ist Charlotte so ziemlich alleine, dagegen sind viele Insulaner an Charlottes Fähigkeiten als ausgebildete Tierärztin interessiert. Also Kaiserschnitt beim Mutterschaf statt Forschungsexkursion, Behandlung von Euterentzündungen statt Brüten über Daten und Statistiken.

Auch Charlottes Gefühlsleben wird auf Tuga ziemlich aufgewühlt. Denn schon auf der Überfahrt fühlte sie sich von dem neuen Inselarzt Dan Zerki durchaus angezogen. Bei der Landung auf Tuga stellt sich dann heraus, dass er ihr seine Verlobte verschwiegen hat, die in einem halben Jahr mit dem nächsten Schiff nach Tuga kommen will. Ziemlich irritierend ist auch ihr Vermieter, der gutaussehende Levi mit seinen Macho-Sprüchen.

Kurz, Charlottes Zeit auf der Insel verläuft ein bißchen anders, als sie sich das vorgestellt hat, während die Suche nach ihrem Erzeuger zu Hinweisen führt, die Charlotte zutiefst erschüttern werden.

"Willkommen auf Tuga" ist mit leichter Hand geschrieben und entführt die Leser*innen in ein tropisches Inselparadies mit so manchen exzentrischen Bewohnern, einem liebenswerten Charme und einem ganz eigenen Lebenstempo. Ein humorvoller, warmherziger Wohlfühlroman, der Fernweh weckt und auch nachdenkliche Momente hat.

Francesca Segal, Willkommen auf Tuga

Kein & Aber 2024

514 Seiten, 25 Euro

9783036950440

Monday, July 8, 2024

Die "Stranger Times" und die Zombie-Armee

 Wenn C. K. McDonnell die Redaktion der "Stranger Times" in Manchester auf einen neuen Fall loslässt, steht eines von vornherein fest: Die bunte und trotz aller Gegensätze aufeinander eingespielte Gruppe hat es mit übernatürlichen Gegnern zu tun. Nach Vampiren müssen sie sich in "Relight my Fire" einer Armee von Zombies stellen, nachdem eine durchgeknallte Wissenschaftlerin das Geheimnis der Unsterblichkeit lüften will. Und es ist einmal mehr eine echte Herausforderung für das Redaktionsteams, ihr jüngstes Mitglied (wobei das niemand so recht weiß) Stella vor der Neugier der auf jeden Fall unsterblichen Begründer und anderer finsterer Gestalten zu schützen. Zumal Stella als Studentin den sicheren Zufluchtsort der Redaktion verlässt - das Küken wird flügge.

Clubbing, studentische Trinkrituale und wokes Bewusstsein sind für Stella, die an das schräge Team der Redaktionskolleg*innen gewohnt ist, noch einmal eine ganz neue Herausforderung. Immerhin - während sich im Nachtleben von Manchester übernatürliche Phänomene häufen, ist sie vielleicht nicht mehr ganz so außergewöhnlich?

Doch die Stranger Times Crew treibt sich diesmal weniger in Nachtklubs als auf Friedhöfen um, während der gewohnt cholerische Chefredakteur Vince Banecraft alles tun will, um nicht binnen weniger Tage in einer ziemlich unangenehmen Hölle zu landen. Seine Stellvertreterin Hannah wiederum trifft auf einen Schwarm ihrer Jugend und gerät dabei vorübergehend aus dem Gleichgewicht. Krisenmanagement schafft sie natürlich trotzdem.

McDonnell präsentiert einmal mehr ein Sammelsurium exzentrischer und schräger Gestalten, von denen nur ein Teil übernatürlich ist. Turbulent, gewalttätig, und gewohnt unberechenbar geht es auch in diesem Band um die Abenteuer der Stranger Times Crew zu, sehr britisch und überdreht-witzig.


C.K. McDonnell, Relight my Fire

Eichborn 2024

560 Seiten, 22 Euro

9783847901761

Junggesellinnenabschied mit viel Drama

 Schon das Cover von Lucy Clarke´s "One of the girls" macht neugierig: Eine von uns lügt. Eine von uns betrügt. Doch würde eine von uns töten? Und eine Leiche wird es geben, so viel verrät schon der Klappentext. Da scheint die hen night, der Juniggesellingenaben (oder viel mehr langes Wochenende) von sechs Britinnen auf einer griechischen Insel, gründlich aus dem Gefüge zu geraten....

Die Dynamik innerhalb der kleinen Gruppe ist von Anfang an von Konflikten überschattet. Da ist Bella, Trauzeugin, selbsternannte beste Freundin der Braut Lexi, die ständig die besondere Vertrautheit mit Lexi herausstreicht. Doch gleichzeitig hält sie an der Lexi vor zehn Jahren fest, einer lebenslustigen, wilden Frau, Partynächte auf Iniza, das Leben als Dauerrausch. Es ist die Art Leben, das Bella noch immer pflegt, auch um die Angst vor dem Scheitern der Beziehung zu ihrer Freundin Fen hat, die ein Fitnessstudio leitet und mit der Insel, auf der sie dank Fens Tante eine Villa nutzen können, ein paar schlimme Erinnerungen verbindet.

Doch mittlerweile unterrichtet Lexi Yoga, hat sich verlobt ud ist an einem sehr viel ruhigeren Leben interessiert - auch wenn Bella das nicht dulden kann. Dazu passt, dass sie nun besonders eng mit Ana befreundet ist, einer alleinerziehenden Mutter mit halbwüchsigen Sohn, die sie erst in London i ihrem Yogastudio kennengelernt hat.. Alleinerziehend ist auch Robyn, die zu Schulzeiten ein unzertrennliches Trio mit Lexi und Bella gebildet hat, Doch seitdem hat sich Entfremdung zwischen Robyn und Bella entwickelt.

Als Fremde in der Gruppe fühlt sich auch Elanor, Lexis künftige Schwägerin. Für sie ist das Partywochenende besonders schwierig - nicht nur weil sie niemanden kennt und eher introvertiert ist. Ihr eigener Verlobter ist kurz vor der geplanten Hochzeit gestorben. Unter dem Verlust leidet sie noch immer, Feierstimmung will sich bei ihr nicht breit machen.

Die Autorin legt allerlei Fußangeln, unterbricht immer wieder buchstäblich in cliffhanger-Situationen, um zu einem anderen Erzählstrang, einer anderen Perspektive zu wechseln. Denn die Villa der hen night liegt auf einem Felsen, hinter einem niedrigen Mäuerchen geht es lebensgefährlich tief hinab. Wanderungen auf steilen Klippen machen klar, wie schnell ein falscher Schritt tödlich enden kann. Hinzu kommt, dass jede Frau ein Geheimnis hat.

Die ganz unterschiedlichen Persönlichkeiten der sechs Frauen sorgen für Konflikte, Spannungen und viel zwischenmenschliches Drama. Geheimnisse werden gelüftet, Bündnisse geschlossen und nicht nur die griechische Sommerluft brennt zwischen den Frauen. Beim Lesen bleibt immer wieder die Frage nach der noch ausstehenden Leiche. Wird es ein Unfall sein, ein eskalierender Streit, ein geplanter Mord? Wer ist Täterin, wer Opfer? Manche Situation, die schon direkt zu einer Toten zu führen scheint, endet dann doch ganz anders. Dass es dann noch einmal ganz anders kommt, ist schlüssig und bringt das Beziehungsgefüge in der griechischen Villa noch einmal durcheinander. 

Das Mädelswochenende dürfte allen Beteiligten in Erinnerung bleiben - und auch seine Folgen bleiben nicht unerwähnt. "One of the girls" bietet spannende Unterhaltung, die vor allem psychologischer Art ist. Die Tatsache, dass die Handlung überwiegend in einer isolierten Villa spielt, trägt zudem zu einem "locked room drama" beo. Chick-Lit der dramatischern Art.

Lucy Clarke, One of the girls

dtv 2023

432 Seiten, 9,99

  978-3-423-44223-7